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Musik zur Zeit

Sichtweisen der Zeit, rekonstruiert aus Popsongs des letzten Jahrhunderts.




1928: Emmett: Miller - Take your tomorrow Was hat dieser Mann für ein Problem? Der Welt, in der Emmett Miller lebt, geht es nicht schlecht: Die Inflation ist noch nicht absehbar, der Erste Weltkrieg vergessen, die Nation erblüht. Ebenso gut gedeiht der Musiker selbst: Als erfolgreicher Minstrel-Sänger (Weiße, die als Schwarze verkleidet "Negermusik" sangen) und Blackface-Comedian (dito als Komiker) ist der 24-Jährige ein Star umherziehender Vaudeville-Shows, der großes Ansehen und ebensolches Einkommen genießt. Einerseits. Andererseits ist Miller ein komplexer Charakter, eine Figur zwischen den Stilen (Blues, Country, Folk) - und zwischen den Zeiten: eine Figur des Übergangs vom 19. ins 20. Jahrhundert, die die alten Lieder und Ansichten in die neue Zeit transportiert und dabei zum kulturellen Widerstandskämpfer wird. Etwa hier. Während die Kollegen klassische Themen - Liebe, Frauen, Drogen, Heimat, Tradition und Tod - variieren, ohne je große Gedanken zum Konzept der Zeit zu entwickeln, verteidigt Miller die Gegenwart: "Take your tomorrow and give me today." Natürlich lässt sich die Moderne davon nicht aufhalten, sie frisst die Welt wie auch den Musiker. Seine Kunst verliert in den folgenden Jahren rapide an Attraktivität, in immer mieseren Shows zieht er durch immer kleinere Käffer, bis sich Mitte der Vierziger seine Spur verliert. Das langsame Ende einer bedrückenden Personalisierung der vergangenen Zeit.

1946: Peggy Lee - Everything`s movin' too fast Alles wird schneller, insbesondere die Verkehrsmittel. In Hollywood-Komödien ziehen die Figuren jetzt per Zug, Schiff oder Flugzeug über Kontinent und Globus, was nicht nur Anlass für bizarre Situationen ist, sondern an sich komisch - im doppelten Wortsinn. Transport ist auch das zentrale Thema dieses Liedes: "It used to take a farmer a day to go to town, now it takes a minute, till his plane comes down." Im Folgenden geht es um Autos und sogar Raketen, die allgemeine Beschleunigung macht aber auch vor der Musik nicht halt: "My pappa used to get his kicks from music, that was sweet, now he gets his message from a boogie woogie beat." Interessant ist die Schlussfolgerung: "You better save your money, because everything is moving too fast." Peggy Lee weiß das Problem jenseits der Phänomenologie noch nicht zu präzisieren, hat aber eine klare Lösung: " Slow down." 1955: Bill Haley - Rock around the dock "One O'clock, two O'clock, three O'clock rock, four O'clock, five O'clock, six O'clock rock, seven O'clock, eight O'clock, nine O'clock rock, we gonna rock around the clock tonight." Gesetzlosigkeit. Zeit und Raum haben so wenig Bedeutung wie Regeln und Tradition. Alles ist machbar, und alles wird gemacht: Zu schnellen Rhythmen und rauen Klängen wird von heißen Flitzern, Bräuten und Partys fantasiert. Die musikalische Beschleunigung mündet in die Surfmusik, wo Geschwindigkeit nicht mehr Mittel, sondern Ziel ist. Wie die Musik, so die Welt: Jede Woche erbricht die Technik noch mehr Fortschritt, man kann ohne Probleme Kriege gegen Länder führen, die wahnsinnig weit weg sind (und einen eigentlich nichts angehen). Ach, wenn erst mal der Kommunismus stirbt ... Dann wird alles gut, dann fahren wir in schnellen Autos auf breiten Straßen, wohnen in Häusern voller Licht, und zwar immer, immer, immer. Around the clock - rock!

1964: Bob Dylan - The times they are a-changin Aber nix klappt. Die Kommunisten sind als Erste im All. Die Schwarzen lassen sich nicht mehr ohne Prozess aufknüpfen. Die jungen Leute haben lange Haare wie Mädchen und gehorchen nicht mehr ("What is this generation coming to?" sang Robert Mitchum bereits 1957, die Generation verstand und gönnte dem Wein, Weib und Gesang liebenden Schauspieler seinen ironischen Hit). Die hinterhältigen Schlitzaugen in Asien wehren sich gegen die humanitären Bomben der freien Welt. Alles ist so kompliziert. Man kann doch nicht alle erschießen wie diesen Kommunistenfreund Kennedy! Oder doch? "The times they are changin'." 1966: Simon & Garfunkel - 59th street bridge song "Slow down, you move too fast, you got to make the morning last." Der Widerstand ist grundsätzlich. Die Höchstgeschwindigkeit, gerade noch der beste Freund des Menschen, ist plötzlich der Feind. Die Hippies sind freundlich, aber besonnen. Sie sagen: Lass uns erst mal nachdenken, lass uns reden, nur nichts überstürzen. Ein Wahnsinn! Fließbänder rattern, Autos, Flugzeuge, Schiffe rasen um die Welt. Als Nächstes ist der Mond dran. Das Bruttosozialprodukt explodiert und nichts, aber auch nichts trübt die gute Zeit (na gut, der Krieg, die Vietnamesen sind schlimmer als die Koreaner). Und da wollen die Langhaarigen einfach unproduktiv sein? Doch das ist nicht eine nostalgische Errettung des Jetzt im Sinne Emmett Millers. Denn zwei Dinge, die alles verändern, sind hinzugekommen: Erkenntnis und Drogen.

1967: John Hartford - Daytime of Die Erkenntnis: Das Leben ist überschaubar. Kaum mehr als fünf Minuten braucht der Songwriter John Hartford, um ein Menschenleben in einem Tag zu erzählen: um 0.00 Uhr geboren, um 12.00 Uhr die Welt erobernd, nachmittags kommen Kinder, abends Enkel, um Mitternacht der Tod. Ähnlich, und das gleich zweimal nacheinander, verfährt auch Peggy Lee auf ihrer LP "Is That All There Is": Im Titelstück skizziert sie die wichtigsten Punkte eines Lebens und folgert "If this is all there is, then let's keep dancing". Und in der folgenden "Love Story" reicht eine Liebe vom ersten Frühling bis zum Altersheim gerade mal für drei Minuten. So etwas gab es vorher nicht - jedes Leid war ewig wie der Blues, jede Liebe endlos wie der Weg zu den Sternen. Das Leben tauchte in seiner Gesamtheit nicht auf. Doch jetzt dringt die Grenze der persönlichen Unendlichkeit langsam ins Bewusstsein. Ähnlich wie auch die Unbeherrschbarkeit der Zukunft: Das Folk-duo The Incredible String Band porträtiert sich in "Way back in the 1960's" als Rentner, die nach dem Jahr 2000 junge Leute nicht mehr verstehen, weil die viel zu schnell reden. Und John Sebastian, Sänger der Band Lovin' Spoonful, erklärt in "Younger Generation", wie er als progressiver Vater scheitern wird, weil ihn sein hypothetischer Sohn in der nicht allzu fernen Zukunft mit solchen Monologen überfordert: "Hey Pop, my girlfriend's only three, she's got her own videophone and she's taking LSD, and now that we're best friends, she wants to give a bit to me ..." 1971: Sly And The Family Stone - Time Tja, die Drogen. Mit ihnen kommt die Bewusstseinserweiterung. Zeit gilt als Ansichtssache, weil sie angeblich nur im Kopf stattfindet, und dann ist Musik natürlich auch Zeit. Quasi. Klar! Die Zeitreise findet auf Matratzen im Partykeller statt, man schluckt, raucht und spritzt dort alles, was der "local dealer" hergibt, ohne auch nur eine Sekunde über die Folgen nachzudenken. Ist ja auch wurscht, ist doch eh alles relativ. Dann starrt man auf psychedelische Poster, die im Dunkeln leuchten, und hört etwa Sly Stone, der bei der Produktion seiner LP "There's a riot going on" ebenfalls bis Oberkante Unterlippe unter (nicht nur guten) Drogen stand. In "Time" ist die Zeit eine intime, irgendwie schiefe, vor allem aber sehr einsame Angelegenheit. Wie viele Stücke der Metaphysik ist auch dieser Song vor allem eine Verallgemeinerung persönlicher Umstände: Dem einstigen Funk-Erneuerer geht es nicht gut, das kann man hören, mit Zeit hat das nur indirekt was zu tun. Deutlich besser drauf sind die Deutschen, Zeit ist ein zentrales Thema im Krautrock. Faust, Can, Neu oder auch Kraftwerk mit ihrem endlosen "Fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn" zeigen, wozu der Wohlstand der Bundesrepublik gut sein kann. Man hat mehr Zeit, die Stücke werden länger, der Klang streckt sich wie ein Mensch in der Sonne. Damit aber kommt auch die Langeweile. Ashra-Tempel tun sich mit dem LSD-Propheten Timothy Leary zusammen, um den Protoypen des endlosen Waber-Rock einzuspielen. Und wie heißt das Stück? Richtig: " Time".

1980: Girls At Our Best! - Getting nowhere fast Die Rettung des Jetzts als Notwehr gegen die Vergänglichkeit endet in der Esoterik, die Bewusstseinserweiterung im günstigsten Fall in der Religion, gem aber auch im Drogentod. Die Gegenwart kehrt böse zurück, die Punks ahnen das Desaster zuerst. Vielleicht, weil sie als Verelendete der ersten Welt Ende der fetten siebziger Jahre eine Art Avantgarde der Achtziger sind? In den geraspelten Gitarrenriffs spiegelt sich die Beschleunigung, in den Texten die damit einhergehende Ohnmacht als Hass oder Ironie. Die Buzzcocks sangen " I hate fast cars", die Sex Pistols grölten "No future", und Girls At Our Best! sahen in die Zukunft: "My baby's buying me another life, getting nowhere fast." Willkommen in den Achtzigern.

1987: Prince - Sign o` the times Die Gleichzeitigkeit, die Unübersichtlichkeit, die Orientierungslosigkeit. Der Zusammenbruch der Ordnung ist der Zusammenbruch der linearen Zeit. Und umgekehrt. Prince stellt die Ereignisse nebeneinander, es gibt keinen Zusammenhang, keine Lösung, nicht einmal eine Botschaft. Es gibt nur, was es gibt, und, zum Schluss, den Rückzug ins Private: "In France a skinny man died of a big disease with a little name ... at home there are 17 year old boys ... high on crack and totin' a machine gun ... U turn on the telly and every other story is tellin' u somebody died ... Let's fall in love, get married, have a baby." Klar, dass der Beat dieses Hits so zerhackt ist wie die Zeit, die er beschreibt. So visionär ist nur noch das Duo Timbuk 3, das zwei Jahre später in "Standard white Jesus" in acht Zeilen die Welt beschreibt: "How grim our lives would be, if not for children's laughter, like scary old fairy tales, with no happy ever after, talkin' on telephones across time zones, payin' the futility bill, prayin' for rain, punchin' clocks, changin' the world like I change my socks." 1990: Victoria 'Williams - On time "I was on my way to Columbus, I had plenty to do, when I got there, but then there was a big traffic jam, I looked around and said everybody is as late as I am, and then I thought, why not think it again, maybe we're all on time, my Friend." Ist das nur ein folgenloses Zwischenspiel? Oder kommt da auf leisen Sohlen ein Paradigmenwechsel?

1999: Aphex Twin - Windowlicker Die Unübersichtlichkeit und die Orientierungslosigkeit sind Alltag geworden - Stichwort: Internet, Globalisierung, Big Brother. Alles ist möglich, aber irgendwer hat auch immer schon alles erledigt, ganz besonders in der Popmusik, wo alles, alles, alles gleichzeitig passiert. Und dann gibt es noch die elektronische Musik -Techno, House, Goa, Ambient, Drum And Bass etc. - doch wer in diese Welt nicht hineingeboren wurde, kehrt gleich am Eingang wieder um. Obwohl hier die Zukunft entsteht: jede vorstellbare Folge von Beats und Klängen, in jedem Tempo, jeder Bindung von Zeit und Raum. Techno-, Rock-, Popstar (und übrigens auch Börsenspekulant) Moby produziert Mitte der Neunziger "Thousand", das schnellste Stück aller Zeiten, mit dem er im Guiness-Buch der Rekorde landet. Und dem Briten Aphex Twin alias Richard James gelingt es, die Auflösung des Zeitgefüges in einem hochkomplexen Neben- und Übereinander schneller und langsamer Rhythmen als Pophit zu verkaufen: Windowlicker beginnt mit einem vergleichsweise konventionellen Drum-And-Bass-Rhythmusgewitter, sammelt sich dann in einem weichen Soul-Groove, und mündet schließlich in einem Harmonie- und Rhythmus-Gehacke, das umso unbegreiflicher wird, je genauer man zuhört. Ryhthmus/kein Rhythmus? Zeit/keine Zeit? Das Video ist bezeichnend: Es zeigt großbusige Männer. Wo sich die Zeit auflöst, braucht man mit klar getrennten Geschlechtern nicht zu rechnen.