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Glücklich der Mensch, der sagen kann: "Ich arbeite gern."

De:Bug - eine Zeitung gründen ohne einen Pfennig Geld? Das geht.




Wenn Arbeit und Spaß miteinander verschmelzen, wird das Leben anstrengend, aber besser. Sascha Kösch zum Beispiel sieht aus, als würde er nur wenig mehr als zwei Stunden pro Nacht schlafen. Man könnte sagen, das kommt von seiner beruflichen Doppelbelastung: Einerseits ist er unter dem Namen DJ Bleed ein gefragter Musiklieferant für fette Partys, andererseits arbeitet er als Herausgeber und Geschäftsführer der Zeitschrift " De:Bug" in einem Vollzeitjob. Ein Workaholic? Nicht nur: Viel Energie geht auch in Feiern und Partys. Und wahrscheinlich könnte er nicht einmal sagen, wo das eine aufhört und das andere beginnt.

"De:Bug", ein Magazin über elektronische Musik, Technik, Kultur, Politik und das Internet, oder, wie es im Untertitel heißt, für "Elektronische Lebensaspekte", ist wie Kösch: definitiv intellektuell, aber ebenso definitiv lustvoll. Und dafür wird es von allen, die es kennen, heiß und innig geliebt. Es macht auch eine Menge Arbeit, aber bei Kösch ist es so, dass die Grenzen zwischen Arbeiten und "dem Rest" fließen. Das ist auch schon fast das Geheimnis des Erfolges. "Alle, die für " De:Bug" arbeiten, machen auch noch irgendetwas anderes", sagt Mercedes Bunz, zweite treibende Kraft und wie Kösch eine von neun Herausgebern. Die 28-Jährige ist zwar Chefredakteurin, schreibt aber nebenbei auch noch für andere Zeitschriften, vor allem zum Geldverdienen. Kösch legt Platten auf, in Berlin und weit darüber hinaus, ausschließlich in schwer angesagten Techno- und House-Clubs. "Das ist ebenfalls Arbeit", sagt er. Und auf Nachfrage: " Nur als DJ könnte ich vermutlich mehr Geld verdienen. Aber darauf kommt es doch nicht an. Und nur das eine wäre mir sowieso zu langweilig." So geht es aber nicht nur ihm: Wer "De:Bug" macht, macht in der Regel nicht nur "De:Bug".

Die unwahrscheinliche Geschichte der Monatszeitschrift im Zeitungsformat begann im Sommer 1998. Damals war das Magazin ein gehobenes Fanzine, ein Blatt für Verrückte von noch Verrückteren, hervorgegangen aus der personellen Konkursmasse des 1997 eingestellten Techno-Gründerzeit-Organs "Frontpage". Gleichgesinnte Grafiker, Musiker und Autoren erarbeiteten ein Konzept, in dem es nicht allein um Techno-, House- und artverwandte Musik ging, sondern um einen Weg, die gesamte elektronische Kultur zu erschließen und zu beschreiben. Mit zusammengekratzten Ersparnissen wurde eine Verlags -GmbH gegründet, die Macher ernannten sich zu Herausgebern, und los ging's. "Wir mussten erst mal - ohne große Werbung oder Vertriebsmöglichkeiten - schauen, ob es überhaupt genügend Interesse für das gab, was wir da herausbringen wollten", erzählt Kösch. "Hätte ja auch sein können, dass kein Schwein das lesen will." Zu Beginn traf sich die Redaktion in einem leer stehenden WG-Zimmer, Kösch machte die Buchhaltung ("weil seiner Mutter mal ein Kiosk gehörte und er wusste, wie das geht", so Bunz), die Abos tütete die Redaktion am Wochenende gemeinsam ein.

Learning by doing sozusagen. Gleich zu Anfang gab es zudem noch einen Rechtsstreit. Gegen den ursprünglichen Magazin-Namen "Buzz" klagte eine Agentur mit Urheberrechten. Auch der Nachfolgetitel " Re:Buzz" passte denen nicht. Danach war Eile geboten, weil die dritte Ausgabe auf den Markt musste. Die wurde dann per Brainstorm und Zufallsbeschluss " De:Bug" genannt. Mit dem Heft wurden ausschließlich einschlägige Plattenläden und ähnliche Szene-Treffpunkte beliefert, drei, vier Tage nach der Lieferung war es meistens vergriffen. So gingen schon zu Beginn sehr viele Leser zu einem Abo über - einfach um sich nervige Laufereien quer durch die Stadt zu ersparen. Zu den Interessenten, die schon immer auf ein ernsthaftes Forum für Techno und Technik jenseits der elektronischen Spaßkultur gewartet hatten, kamen bald Leser auf der Suche nach dem großen Ding Identität. Mit " De:Bug" in der Hand konnte man beim Milchkaffee in den hippen Cafes in Berlin-Mitte und anderswo richtig Eindruck machen. Wer "De:Bug" las, gehörte dazu, hatte den Durchblick, wusste, dass Laurent Garnier keine Pflegespülung fürs Haar ist und Kassel eine der angesagtesten Techno-Städte Deutschlands.

Heute werden mehr als 30 000 Leser jeden Monat mit der Zeitschrift beglückt. Und die halten ein einzigartiges Presseorgan, das vollkommen unabhängig von großen Verlagen funktioniert, gern am Leben. "4 Mark Schutzgebühr" stand früher auf dem Titelblatt - womit klar war, dass kein Mensch das freiwillig zahlen würde, aber eben auch, dass das Heft etwas wert sein sollte.

"Denn", so schildert Mercedes Bunz die eigenwillige Taktik der Markteinführung, "wir wollten unsere Leser von Anfang an vorwarnen, dass " De:Bug" irgendwann nicht mehr kostenlos sein würde. "Im März 1999, nach 21 Ausgaben, wurde aus der Schutzgebühr ein Kaufpreis, der sogar 4,80 Mark betrug und den man nicht nur im Plattenladen, sondern fortan auch am gut sortierten Kiosk bezahlen durfte. Doch Kritik blieb aus, der Leserschwund auch, die Auflage ist bis heute in etwa stabil.

Artikel sollen interessant und originell sein - bezahlt werden sie aber nicht.

Die Leserschaft, meint die Chefredakteurin, hat sich allerdings erweitert. Durch eine veränderte inhaltliche Gewichtung - der Musikanteil wurde zart beschnitten, es gibt mehr Geschichten über digitale Aspekte in Kultur, Politik etc. - ist eine zweite Leserschicht hinzugekommen, die sich nicht originär für elektronische Musik interessiert. Statt der 17. Rezension über das neue große Minimal-Techno-Ding aus Detroit landet Kenntnisreiches über den Kopierschutz von DVDs, die Fusion von AOL und Time Warner oder die Internet-Werbestrategie der Kinoindustrie im Heft. Journalismus aus der schönen Welt der Neuen Medien eben, aber mit speziellem Anspruch: "Von "De:Bug" verlangt man Hintergründe," sagt Bunz. Kritische Berichterstattung? Ja, aber. "Am Anfang des Internet-Booms wurde in den Massenmedien das Web oft mit Kinderpornografie und Rechtsradikalismus gleichgesetzt. Wir wollten schon immer gern optimistischer auf die Möglichkeiten der Technik schauen." Optimistisch und tatkräftig. Sascha Köschs Bild von seinem Leser entspricht durchaus dem Klischee des nimmermüden, kreativen Alltagstechnik-Allrounders: "Ich glaube, dass "De:Bug" prinzipiell von Leuten gelesen wird, die selbst was machen, vom Web-Designer bis zur Indie-Band." Die Leserschaft entspräche damit ziemlich genau den Mitarbeitern des Blattes: Musiker, Web-Designer, Künstler. "Leute, die irgendwas am Laufen haben", fasst Sascha Kösch knapp zusammen.

Zugangskriterien für Autoren gibt es keine. Nur die Geschichte muss gut sein, aufregend, neu, anders. Und Honorar, das ist vorher klar, gibt es im Normalfall keines. Das gilt für den Neuling genauso wie für Szene-Stars. Dafür ist aber auch für vermeintlich Privates Platz, denn das ist letztlich eben immer auch etwas Gesellschaftspolitisches.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Dass nicht bezahlt wird, hat keine ideologischen Gründe. Chefredakteurin Bunz: "Wir hatten bislang nichts, womit wir hätten zahlen können." Erst seit kurzem hat der Eigenverlag die roten Zahlen verlassen. " Jetzt verdienen Leute auch mal Geld. Aber nicht viel." Gezahlt wird nach zeitlichem Aufwand - und einer sozialen Komponente: "Natürlich bekommen eher diejenigen was, die was brauchen." Zum Beispiel, weil sie keine Zeit haben, einen anderen, gut bezahlten Job nebenbei zu machen. Wie, was und wem gezahlt wird, ist zugleich kein Geheimnis und kein Thema: "Das interessiert eigentlich niemanden." Mit Ausnahme der neun Herausgeber vielleicht, die befragt oder wenigstens informiert werden, wenn größere Summen fließen oder Investitionen gemacht werden. Aber selbst diese Ausgaben halten sich in Grenzen: Es sind vor allem Know-how und Improvisationstalent, die dafür sorgen, dass der Technikpark am Laufen bleibt.

Inzwischen sind die Bilanzen, für die immer noch Kösch zuständig ist, so gut, dass man sich einen Steuerberater und eine Putzfrau leisten kann. Darüber hinaus können vier Redaktionsmitglieder ausschließlich von ihrer Arbeit bei "De:Bug" leben. Dass es finanziell langsam, aber stetig bergauf geht, liegt an den, wie man so sagt, Human Resources, die voll ausgeschöpft werden. Bunz: "Ohne die ehrenamtliche Arbeit der letzten Jahre gäbe es das Heft nicht. Das war im Prinzip unser Kredit." Das Einzige, was das Projekt zurückgeben konnte, waren Naturalien: Platten, CDs, Bücher und Gästelistenplätze für die Berliner Clubs.

Das Leitmotiv ist einfach: "Alle arbeiten hier, weil sie hier arbeiten wollen." Klingt nach glücklicher Familie. "Hm", seufzt Mercedes Bunz, "es ist manchmal schon sehr, sehr viel Arbeit." Klare Aufgabenfelder, hohes Tempo und fleißige Geister erleichtern die Sache ungemein, doch ohne einen besonderen Antrieb leistet niemand die 14- bis 18-Stunden-Schichten in den Tagen vor Heftfertigstellung. Fragen nach dem Leitmotiv quittiert die Chefredakteurin trocken: "Alle arbeiten hier, weil sie hier arbeiten wollen." Sascha Kösch muss erst mal um Worte ringen: "Natürlich geht es zum Beispiel in Sachen Musik darum, eine bestimmte Art von Kultur aufrechtzuerhalten. Oder das Internet nicht nur unter kommerziellen Gesichtspunkten zu sehen, sondern in seiner gesellschaftlichen Relevanz." Und das macht man eben am besten im eigenen Projekt. Eine Abwanderung ins florierende Media-Business ist kein Thema.

Der gleich bleibende Zuspruch hat aber nicht nur mit den ungewöhnlichen Inhalten zu tun, sondern auch mit der konsequent schlichten Optik: lange Textstücke, viel Luft, eine, maximal zwei Geschichten pro Seite, wenig Schnickschnack. "Es hat Vorteile, wenn der Layouter zu den Herausgebern gehört", sagt Kösch und meint Jan Rikus Hillmann, dessen Design Ruhe in die Hektik der Inhalte bringt. Er verlässt sich auf wenige Stilmittel und mutet den Lesern höchstens sanfte Veränderungen zu. Mit den branchenüblichen Überarbeitungen, so genannten Relaunches, will man hier niemanden nerven. Ausgerechnet die innovativste Zeitschrift im Bits-und-Bytes-Bereich gibt sich betont bodenständig und unprätentiös.

Aber auch das spiegelt das Leben der Macher. Sollte etwa Kösch doch mal frei haben, legt er sich gern vor den Fernseher: "Wenn ich nicht arbeiten will, ist das total entspannend. Was da läuft, interessiert mich echt überhaupt nicht. Und denken muss man auch nicht." Kontakt: www.de-bug.de