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Die Zeitraffer - Zeit und Tempo

Wer in der New Economy heute Erfolg haben will, muss rasen. Wer morgen noch mitspielen will, muss nachdenken. Vor Jahren ersannen Techniker eine Methode, mit der sich die Zuverlässigkeit von Datenverbindungen testen ließ. Zu diesem Zweck schickte ein Computer an einen anderen Rechner einige Bits. Reagierte der prompt, dann wurde der Datentransfer gestartet. Ließ der Empfängerrechner einige Sekunden auf sich warten, dann wurde die Verbindung unterbrochen. ---Timeout.




Vor Jahren ersannen Techniker eine Methode, mit der sich die Zuverlässigkeit von Datenverbindungen testen ließ. Zu diesem Zweck schickte ein Computer an einen anderen Rechner einige Bits. Reagierte der prompt, dann wurde der Datentransfer gestartet. Ließ der Empfängerrechner einige Sekunden auf sich warten, dann wurde die Verbindung unterbrochen.

Timeout.

I.

DIE TEMPOMACHER Mit dieser Methode rationalisierten die Programmierer den Datenverkehr erheblich. Doch die Sache hat einen entscheidenden Haken. Bei dem Spiel verlieren immer die Rechner, die die Daten, die über die Leitung kommen, gründlich prüfen, die also so programmiert wurden, dass nicht jeder Schrott auf das System gelangt. Die eindeutigen Gewinner der Methode sind die oberflächlichen Raser. Sie schlucken alles, was das Netz ausspuckt. Nachdem die Methode zum Standard erklärt wurde, gerieten die "nachdenklicheren" Rechner und Programme ins Hintertreffen. Jeder fiese Computervirus, der sich heute im Netz blitzartig verbreitet, freut sich darüber, dass es so wenige gründliche Rechner gibt. Doch was macht das schon aus. Wie die Maschine, so der Mensch. Wer bremst, verliert.

Da kann Jeff Bezos, Gründer der Web-Buchhandlung Amazon.com und Leitfigur der New Economy, wohl nur zustimmen. In der vom amerikanischen Journalisten Robert Spector verfassten Erfolgsgeschichte der Amazon.com verrät Bezos die Siegerformel der Dot.com-Industrie: "Wachstum um jeden Preis - so viele Marktanteile wie möglich in so kurzer Zeit wie möglich gewinnen, um denen, die später kommen, keine Chance mehr zu geben." Der treffende Titel des Temporausch-Epos: "Get Big Fast." Gegen Neil Weintraut, den Gründer der legendären Silicon-Valley -Venture-Capital-Anstalt 21st, ist Jeff Bezos aber noch ein Waisenknabe. Bei Weintraut springt keiner vom fahrenden Zug ab, so lange er lebt: "Du hast genau vier Monate, um aus einer Idee ein im Internet verkäufliches Produkt zu machen. Wenn du das nicht schaffst, heißt es: "Game Over".

Spezialist für solche Spielchen ist auch Jeff Levy, ein Kollege Weintrauts und Gründer des Web-Inkubators eHatchery.com. Inkubatoren waren bis vor kurzem nur bei Geflügelzüchtern und Neo-Nantologen, Experten für Frühgeburten, ein Begriff. In die umgangssprachlich Brutkästen genannten Inkubatoren steckte man Frühchen aller Art, um sie hochzuziehen. Das geschah früher mit viel Liebe und Geduld. Wer heute zu früh kommt, hat laut Levy genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, aber noch lange nichts zu lachen. Wenn der Inkubatoren-Papst merkt, dass die Frühchen in Form von Internet-Start-ups nicht schuften, bis der Brutkasten wackelt, wird der Stecker herausgezogen: "Du hast ein halbes Jahr, um das Geld für deine Idee zu kriegen. Wenn das nicht klappt, schwimmst du tot im Wasser." Das haben wir doch irgendwann schon mal gehört: Die Schnellen fressen die Langsamen, die Starken die Schwachen - Evolution nach Gutsherrenart. Bloß fressen, seit es Leben gibt, vor allem die Klugen die Dummen. Würde Raserei allein davor bewahren, die Mahlzeit des Nächstcleveren zu werden, dann würden Wüstenspringmäuse den Planeten regieren. Als Erster aus dem Startloch zu sprinten genügt nicht. Man muss auch wissen, wohin man läuft.

Selbst Zeitraffer wie Jeff Bezos müssen mit der Tatsache leben, das gut Ding Weile braucht. Ein halbes Jahrzehnt verbrachte Amazon.com damit, die Standards für das Anbieten, Bestellen und Bezahlen von Büchern und CDs im Netz auszuknobeln. Keineswegs ein Tempo-Weltrekord.

II VON DER UHR DER LANGEN GEGENWART Stewart Brand, der Altvater der Web-Idee, Gründer des Global Business Networks (gnb.org) und schon in den frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts dort, wo manche New-Capitalists nie ankommen werden, hält die Hetze für dumm: "Das Tempo, das die Technologie im Web vorgibt, reicht für drei Revolutionen pro Jahrzehnt. Wenn wir da nicht aufpassen", meint der Alte, der sein Lebtag alles andere als lahm war, "fallen wir auf die Schnauze." Die herbeigeredete Hetze, die kaum Zeit lässt zum Nachdenken, wozu die ganze Plackerei nützlich sein soll, wird von Stewart Brand mit einer " Millenniumsuhr" veräppelt, "The Clock Of the Long Now", die einmal pro Jahr tickt, einmal im Jahrhundert einen tiefen Gong von sich gibt und jedes neue Jahrtausend mit einem Kuckucks-Gekrächze begrüßt.

Das langt doch, findet Brand, und sein Zeitbegriff ist ganz und gar nicht verrückt. Stewart Brand ist einer der Erfinder des so unsäglich missbrauchten Begriffs der "Nachhaltigkeit", die nichts anderes meint als langfristiges Planen auf der Grundlage eines hellen (nicht: hetzenden) Geistes. Verantwortung für menschliches Handeln, schreibt er in "The Long Now", an dem auch GBN-Mitglied und Pop-Artist Brian Eno mitgearbeitet hat, ist im Bewusstsein der meisten auf die Zeitspanne einer Woche beschränkt.

Die Transformation der alten Welt in die Wissensgesellschaft kann nicht, so findet Brand, Leuten überlassen werden, die vor lauter Tempo nicht mehr sehen, wohin sie rasen. "Dann wird das Internet zur Seuche", mahnt er. Auf Brands Thesen berufen sich auch die Autoren des schon legendären Cluetrain-Manifests, wenn sie von einer New Economy reden, die mit dem Rennen um die besten Plätze an der Sonne nichts zu tun haben will.

Brand steht in der Tradition Marshall McLuhans, der vor mehr als 35 Jahren in seinem "Understanding Media" die Auseinandersetzung mit den Folgen der elektronischen Medien forderte: "Im Maschinenzeitalter, das jetzt zur Neige geht, konnte man noch viele Schritte ohne große Besorgnis unternehmen. Das langsame Tempo gewährleistete eine Verzögerung der Reaktionen über beträchtliche Zeiträume hinaus. Heute erfolgen Aktion und Reaktion fast gleichzeitig (...), aber wir denken weiter in den alten Kategorien des vorelektrischen Zeitalters", schrieb McLuhan 1964, und daran hat sich bis heute so gut wie nichts geändert.

III VOM SCHNELLEN, LANGSAMEN UND BESSEREN Speed kills, aber Geschwindigkeit führt auch zu wichtigen Einsichten. Die Sucht nach mehr Tempo, die durch die elektronischen Medien angeheizt wird, kann zu verblüffenden Erkenntnissen rühren, die, im wahrsten Sinn des Wortes, dem Fortschritt dienen.

Die New Economy hat noch vor sich, was für die Wissenschaftler, die in den achtziger Jahren das Internet intensiv nutzten, schon Realität ist: die Vertiefung der Qualität dessen, das sie schaffen. Das Medium Internet wurde damals von den Universitäten vor allem aus einem Grund gern genutzt: wegen des vermeintlichen Zeitgewinns, der sich durch das Zusammenbringen vieler Wissenschaftler bei der Suche nach Lösungen auf offene Forschungsfragen ergeben sollte. Forschungsresultate müssten sich, so das Kalkül der Internet-Avantgarde, viel schneller erarbeiten lassen als durch konventionelle Methoden: der Veröffentlichung in Fachzeitschriften und der Diskussion auf Kongressen und Tagungen, den bis dahin genutzten Foren zum Wissensaustausch unter Forschern.

Tatsächlich zeigte sich bald, dass ein gewisser Zeitgewinn durch die gemeinsame Arbeit in den Computernetzwerken durchaus möglich war, wenngleich nicht in dem Maße, wie das Optimisten erhofft hatten, die von einer Vervielfachung des Outputs träumten. Der Grund für den langsameren Verlauf lag schlicht darin, dass im Netz nicht bloß ein kleiner Expertenkreis über ein Problem nachdachte, sondern dass zunehmend interdisziplinäre Diskussionen gerührt wurden. Immer wieder mischten sich Experten anderer Disziplinen in die Fachdebatten ein. Das nervte anfangs erheblich, zeigte aber bald seinen Nutzen. Probleme wurden breiter, tiefer, komplexer angedacht. Faktoren, die in der engen Welt der "Fachidioten" keinen Raum hatten, wurden mit ins Kalkül gezogen. Die Resultate verbesserten sich. So wären beispielsweise die Fortschritte der Gentechnologie ohne vernetzten Wissenstransfer über das Internet nicht vorstellbar - die Netzwerkkultur des Human Genome Projects, in der zügig der menschliche Genkatalog entschlüsselt wird, ist typisch.

Rationalisierung steht in der Industriegesellschaft für Vereinfachung und Vereinheitlichung von Produktionsprozessen mit einem klaren Ziel: in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu produzieren. Bei der Eroberung von Märkten galt bisher, möglichst schnell einen Fuß in die Tür zu bekommen, um andere davon abzuhalten, den Kunden für sich zu gewinnen.

In der Wissensgesellschaft hingegen geht es um Know-how-Transfer und Wissensaustausch mit dem Ziel, bessere Resultate zu erzielen. "Besser" heißt hier, genauer auf die Bedürfnisse der Zielgruppe einzugehen, bis hin zum Anbieten individualisierter Lösungen, die nichts mit der Massenproduktion des Maschinenzeitalters zu tun haben. Nicht der, der als Erster beim Kunden ist, gewinnt das Rennen in der Wissensgesellschaft, sondern der, der das beste Angebot am klarsten darstellen kann. "The one best way", den der amerikanische Rationalisierungs-Ahnherr Frederick Winslow Taylor vor hundert Jahren mit der Stoppuhr in der Hand ausgerufen hatte, gilt nicht mehr. Es gibt nicht einen richtigen Zeitpunkt, es gibt nicht das ideale Tempo, sondern zunehmend mehr Wege, die zum Ziel führen.

Derlei lässt sich nicht auf einfache 08/15-Formeln reduzieren. Alles, worauf wir uns in den letzten zweihundert Jahren verlassen konnten, war, dass sich immer wieder eine Technik finden würde, mit der sich mehr schneller erzeugen lassen konnte. Zeit und Menge lassen sich leicht messen. Doch wer vermag eine Formel aufzustellen, nach der sich Neues denken lässt? Da bleiben die meisten beim Althergebrachten, bei Eiligem. Da weiß man, was man hat, auch wenn es für die Zukunft nicht taugt.

Die meisten Menschen glauben fest daran, dass das, was schneller (oder größer) ist, auch besser ist. Logisch ist das nicht. Benutzbarkeitsforscher haben festgestellt, dass so genannte "Zeitsparmaschinen" im Haushalt - von der Waschmaschine bis zur elektronischen Küchenhilfe - tatsächlich mehr den Spieltrieb der Benutzer befriedigen, als tatsächlich Nutzen zu stiften. Zwar spart jede dieser Maschinen, dieser Roboter, gegenüber der althergebrachten Methode Zeit und Kraft, doch weil die Automaten auf allen Ebenen über uns hereinbrechen, sind wir kaum noch in der Lage, ihre Möglichkeiten so auszunutzen, wie das ihre Konstrukteure im Sinn hatten. Die Zeitersparnis ist also futsch.

IV VON DER SEHNSUCHT NACH ZEITGEWINN Die Gier nach Mehr statt nach Besserem schlägt vor allem dort zu, wo die technischen Möglichkeiten nach oben hin praktisch offen sind: Bei Computern, im Internet. Jede Tempo-Fantasie lässt sich hier ausleben.

Seit Beginn der massenhaften Computerisierung Anfang der achtziger Jahre hat sich die Geschwindigkeit von Rechnern fast vertausendfacht. Moores Gesetz, das vom amerikanischen Ingenieur und Mitbegründer der Intel aufgestellte "Naturgesetz der Halbleiterentwicklung", beweist, dass sich alle anderthalb Jahre die Kapazität und damit das Tempo von Mikroprozessoren verdoppeln lassen. Daraus folgt nun ein enormes, wenngleich landläufiges Missverständnis: Weil die Maschine immer schneller wird, glaubt auch der Benutzer, schneller laufen zu müssen. Statt den Zeitgewinn für die Vertiefung einer Aufgabe, zur intensiveren Problemlösung zu nutzen, wird einfach nur mehr oberflächliche Information produziert, so lange, bis auch das nur mehr unter enormem Druck funktioniert.

So wurde eMail als Zeitspar-Instrument - mit erheblichen Vorteilen gegenüber Fax und Briefpost - entwickelt. Nach wie vor ist das Handling von eMails unkompliziert, doch je schneller die Netze werden, desto dickleibiger werden die elektronischen Poststücke.

Jeder Versuch, die Bandbreite der Internetkanäle zu erhöhen, scheitert am Unverstand der Benutzer, die wahllos Grafiken, Filmchen und endlose Datenhaufen an ihre - meist eilig und hektisch verfassten - Mails anhängen. Statt Zeitgewinn wird Datenstau erzielt. Das ist ganz ähnlich wie in der Automobiltechnik, wo das Drei-Liter-Auto längst Standard sein könnte, wenn nicht für jede Einsparung beim Kraftstoffverbrauch auch gleich die Größe und Ausstattung der Fahrzeuge nach oben gehen würde.

Der Volkswirtschaftler Nicholas Georgescu-Roegen nennt das den "Teufelskreis des Rasierapparates": "Ich rasiere mich schneller, damit ich mehr Zeit habe, eine Maschine zu erfinden, mit der ich mich schneller rasieren kann, damit ich noch mehr Zeit habe ..." Die Folge: "Besser verdienende Dreitagesbärte, postmoderne Blender und coole Abzocker", wie sich Peter Glotz in seinem Buch " Die beschleunigte Gesellschaft" über die "neuen digitalen Kapitalisten" austobt, würden die Debatte um die Zukunft bestimmen.

Seit Anfang der neunziger Jahre haben die Produktzyklen bei Computern bizare rasante Formen angenommen. So etwa wechseln PC-Modelle im Schnitt alle drei Monate, wobei der technologische Fortschritt kaum zum Tragen kommt. Der Aufbau von Personal Computer hat sich seit ihrer Entwicklung vor 20 Jahren kaum verändert. Andererseits sind die Modelle nach zwei Jahren hoffnungslos veraltet, und wer versucht, mit einem Webbrowser zu surfen, der mehr als zwölf Monate auf dem Buckel hat, muss stählerne Nerven haben. Es ist eine Frage der Zeit, wie lange sich die Tempospirale in der IT-Branche noch weiterdrehen kann. Die erste Generation von Computernutzern, die heute Entscheidungen in Unternehmen trifft, war ziemlich bescheiden. Personal Computer wurden gekauft, um an der Informationsgesellschaft teilhaben zu können.

Auch heute noch steht für viele die Frage nach dem Nutzen des Geräts im Hintergrund. Der Rechner muss schnell sein, auch wenn jedes Kind weiß, dass dieses Tempo trügerisch ist, weil in wenigen Monaten überholt. Die nächsten Generationen dürften nicht mehr so bescheiden sein.

Mit dieser Zukunft wird sich auch die heute noch rein geschwindigkeitsfixierte Dot.com-Industrie anfreunden müssen. Der Zeitpunkt ist nah: dann nämlich, wenn die eCommerce-Anbieter nicht mehr vorwiegend unter sich sind. Noch sind die eCommerce-Teilnehmerzahlen zu gering, als dass die Kunden ernsthafte Forderungen an die Qualität der Web-Inhalte stellen. Es genügt, dass die Leitung halbwegs schnell ist und irgendwas passiert. Eine gehörige Portion Spieltrieb ersetzt die Tiefe des Angebots.

V VOM WETTLAUF DER ALLERGLEICHSCHNELLSTEN Doch nach fünf Jahren Web-Fieber ohne Aussicht auf Besserung wird die Masse langsam quengelig. Lippenbekenntnisse ans hohe Tempo genügen nicht mehr. Die Kunden wollen konkreten Nutzen sehen. Sie bekommen vorläufig noch schiere Datenmassen, diese dafür konkurrenzlos schnell.

Der amerikanische Zukunftsforscher Graham Molitor hat ausgerechnet, dass sich die Anzahl der weltweit verfügbaren Informationen im Abstand von zwei Jahren verdoppelt. Seit 1945, als der erste Elektronenrechner ENIAC eingeschaltet wurde, wurden um rund 100-mal mehr Informationen erzeugt und gespeichert als in der gesamten Kulturgeschichte der Menschheit zuvor.

Das menschliche Gehirn speichert im Laufe eines Lebens annähernd 200 Megabyte an Informationen. Jeder Aldi-PC verfügt über die 50- bis 100-fache Speicherkapazität. So ungefähr ist bereits auch ausgerechnet, wann die Anzahl der Informationsbits im Internet die Speicherkapazität aller menschlichen Gehirne (zurzeit mehr als sechs Milliarden) überschreitet: Im Jahr 2005 ist es so weit. Doch niemand wird, wenn nicht ein Wunder geschieht, mitkriegen, dass das künstliche Gedächtnis das natürliche an Größe und Geschwindigkeit übertrumpft hat.

Alles zusammen, die immer schnelleren Computer, Netze und die immer kürzer werdenden Produktzyklen lösen sich in absehbarer Zeit in Wohlgefallen auf. Solange nämlich das Tempo des Erfolges vom Tempo der Maschinen abhängt, ist Schnelligkeit tatsächlich ein Kriterium für die Vorherrschaft am Markt. Was aber, wenn alle über die schnellste Technologie verfügen? Schon jetzt zeigt sich, dass einst wichtige Zeitvorsprünge vor Konkurrenten wenig wert sind, weil ihre Menge ständig schrumpft. Zunächst genügte, es, einige Wochen vor dem Konkurrenten auf dem Markt zu sein, heute geht es, wenn die Propheten des rasenden Wirtschaftens Recht haben, um Stunden. Irgendwann verliert das Rattenrennen seinen Sinn. Wenn die limitierte biologische Geschwindigkeit des Menschen nicht mehr den allerkleinsten Vorteil zu nutzen imstande ist, sind alle die Schnellsten - oder besser: keiner.

Gewiss ist da noch eine Menge drin. Menschen vermögen akustische Signale, die mit einem Abstand von wenigstens drei Millisekunden (dreitausendstel Sekunden) auf sie einprasseln, voneinander zu unterscheiden. Beim Bildersehen ist die Menge an Daten komplizierter, da sind es bereits 20 bis 30 Millisekunden, die zwei optische Reize voneinander unterscheidbar machen. Dies ist die normale Verarbeitungsgeschwindigkeit, die " Taktfrequenz" des Gehirns, das sich so viel Zeit nimmt, um einen Reiz auch zu verarbeiten. Noch schneller macht keinen Sinn.

VI VOM RICHTIGEN ZEITPUNKT Rasen ist ein moderner Mythos. Es ist allerdings mehr als fraglich, ob es sich wirklich lohnt, als Erster loszurennen. Genügt es, auf den Kunden in voller Fahrt loszurasen, um ihn für sich zu gewinnen? Kaum.

Der Erfolg Henry Fords lag etwa darin, ausreichend viele Erfahrungen (aus zwei Jahrzehnten weltweitem Automobilbau) zu sammeln und sie schließlich in einer neuen Methode, der Fließbandfertigung, aufgehen zu lassen - Marktführerschaft. Michael Dell, Gründer von Dell-Computer, entwickelte seine Versand-Rechner in den neunziger Jahren mit einer verblüffenden Langsamkeit - gemessen an den Sprints der Konkurrenten - um zum Ende des Jahrzehnts eine Spitzenposition einzunehmen. Die verdankt das Unternehmen vor allem auch der Tatsache, dass den Kunden die Möglichkeit offen stand, ihre Computer selbst zusammenzustellen. Wer einen Dell im Internet bestellte, musste sich also vorher den Kopf darüber zerbrechen, was er mit dem PC anstellen wollte.

Während selbst die beste Marktforschung die Akzeptanz eines neuen Produktes beim Publikum immer nur mit einem gehörigen Restrisiko ausloten kann, stimmt der umgekehrte Weg, der Kunde wünscht, der Produzent spielt, immer. Das wird im Web zwangsläufig zu einer Individualisierung der angebotenen Produkte und Dienstleistungen führen, zugleich aber eine Entschleunigung der Produktzyklen mit sich bringen.

Hochgeschwindigkeit ist keine Erfolgsgarantie. Ende der fünfziger Jahre scheiterte die Ford Motor Company mit ihrem Modell "Edsel", einem durch und durch zukunftsweisenden Automobil-Konzept, das freilich die Käufer in jeder Hinsicht überforderte. Etwas mehr als ein Jahrzehnt später, die Edsels waren längst wieder Weißblechdosen, setzte sich das revolutionäre Limousinenkonzept durch und wurde zur Vorlage der Autos der frühen siebziger Jahre.

Der Apple Newton, der Anfang der neunziger Jahre das später so erfolgreiche Konzept des Personal Digital Assistants (PDA) in die Welt brachte, war zu früh am Markt. Obwohl Apple in ungeheurem Tempo und mit hohen Mitteln die Entwicklung des Newton vorangetrieben hatte, wollten das Ding nur wenige kaufen. Ein halbes Jahrzehnt später, als sich die Menschen langsam schon an Mobiltelefone und Internet gewöhnt hatten, machten Systeme wie der Palm Pilot das Rennen.

Das hohe Tempo in der IT-Industrie macht die Kunden bereits skeptisch, und die ersten Unternehmen setzen auf Entschleunigung in der rasenden Branche. Eine Reduzierung der Geschwindigkeit in der Technologie bedeutet aber nicht, dass der Fortschritt langsamer läuft - im Gegenteil: Wo vernetzte Systeme, Wissensmanagement und der intensive interdisziplinäre Austausch von Erfahrung greifen, werden Produkte und Dienstleistungen hochwertiger. Statt vier neuer Computermodelle im Jahr würde es eben dann eines geben, das aber tatsächlich einen Fortschritt bedeutet. Computerhersteller wie Apple kommen mit den längeren Produktzyklen schon heute ausgezeichnet zurande.

VII DIE RICHTIGE GESCHWINDIGKEIT Bei all den Irrungen und Verwirrungen, die die Höchstgeschwindigkeits-Gesellschaft mit sich bringt, ist freilich auch die Sehnsucht nach grober Vereinfachung, Ent-Komplizierung und Entschleunigung fatal. Kritiker der abrupten Abbremsung der eiligen Gesellschaft wie Peter Glotz, einst SPD-Bundesgeschäftsführer, seit langem Vordenker der Sozialdemokraten und nun Lehrer und Forscher an der Universität St. Gallen, wenden ein, dass sich ohnedies nur eine schmale Elite der Entschleunigung widmen kann.

Es sind die üblichen Verdächtigen, die gegen jede Form von Geschwindigkeit wettern: Intellektuelle, gut gebildete, wohlhabende Mittelstandsangehörige, meist im öffentlichen Dienst geparkt, eine privilegierte Schicht von Modernisierungsverlierern. "Ein neuer Kulturkampf" zeichne sich durch diese Gruppe ab, meint Glotz: Gegen New Economy und Beschleunigungs-Befürworter formiert sich eine Ideologie, die sich antirationalistisch nährt und jede Menge Esoterik, die ständige Begleiterin nicht bewältigter Denkprozesse, mit sich zieht.

"Down-Shifter" nennt sie der Trendforscher Matthias Horx, die Aussteigergeneration der beschleunigten Informationsgesellschaft, gleichsam die Erben der grünen Technologieverweigerer der siebziger und achtziger Jahre. Zwischen 10 und 15 Prozent der Gesamtbevölkerung in den USA sind bereits solche Down Shifters. Nimmt man die wachsende Kritik an den schnellen Zeiten auch hierzulande für ein ideologisches Bekenntnis nach Entschleunigung, dürfte ihre Zahl in Deutschland nicht geringer sein.

Sie denken in der Kategorie des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, der schon den Grassroot-Bewegten der Siebziger die Denkvorlagen lieferte: "Die Macht der modernen Technik verändert die Lebensformen der gesamten Menschheit in globalem kausalem Zusammenhang, bereichernd für viele, verarmend für viele, lebensgefährlich für alle", ist in seinem Buch "Zeit und Wissen" zu lesen. Was gemeint ist: Die Technik ist dein Feind - das Tempo ist dein Gegner. Das ist nicht klug, das ist bloß oberlehrerhaft. Ein Vorbild für die neuen Zeiten muss mehr bieten als solch weinerlichen Sermon. Down Shifters glauben so etwas aber gem.

Die Welt lässt sich nicht mehr so quadratisch, praktisch, gut begreifen, wie die Entschleuniger es gern hätten. Wer zu schnell fährt, fliegt irgendwann aus der Kurve. Wer abrupt bremst, auch. Wer zu langsam dahinschleicht, wird Opfer eines Auffahrunfalls. Es geht ums richtige Tempo, nicht um die Abschaffung jeder Dynamik. Dass dabei mit landläufigen Vorurteilen nichts anzufangen ist, lässt sich immerhin schon beweisen. Der amerikanische Psychologe und Zeitforscher Robert Levine ging in einer Studie vor zwei Jahren der Frage nach, welche Nation nun die schnellste sei. Das überraschende Resultat: Ausgerechnet die Schweizer, in Europa für viele der Inbegriff gemütlicher Lebensalt, erwiesen sich als das flotteste Völkchen der Welt.

Getestet hat Levine das Tempo von Fußgängern, die Arbeitsgeschwindigkeit von Postbeamten und - wichtig - die Ganggenauigkeit von Uhren. Sind die öffentlichen Uhren nämlich möglichst genau, verpufft auch weniger Fehlzeit. Und Deutschland? Nur auf Platz drei, nach Irland und knapp vor Italien. Und Amerika, die Heimat der Eiligen? Im hinteren Mittelfeld. Klischees.

Zwar stimme es, so fand Levine heraus, dass in hektischen Ländern auch mehr Herzkrankheiten auftreten würden, dafür sei aber auch die Lebensqualität - und damit auch die medizinische Versorgung - deutlich höher als in ruhigeren Nationen.

Unterm Strich, so die für unter Zeitnot Leidende wohl wenig populäre Schlussfolgerung des Tempoforschers, sei das Vorurteil ,Je mehr wirtschaftlicher Erfolg, desto geringere Lebensqualität" nichts weiter als ein "hirnloses Klischee".

Weder Beschleunigung noch Verlangsamung, findet Levine, sei die Lösung, sondern "ein Gleichgewicht zwischen Produktivität und Muße, um die Früchte der Arbeit zu genießen". Das wissen auch die High-Speed-Propheten der Dot.com-Industrie, so wie beispielsweise Mike Dickerson vom Inkubator eHatchery: "Um die Welt nachhaltig zu verändern", sagt er, "musst du erst mal lange genug leben." Zeitsplitter: Was ist eine Sekunde?

Ein Jahr hat 365,5 Tage mit 24 Stunden, von denen jede 60 Minuten aufnimmt, die sich in 60 Sekunden unterteilen. Das genügt für den Alltag, doch nicht für die Technologie. Die exakte Sekunde wird hier mit den Strahlungsschwingungen des Caesiumatoms 133 gemessen. Eine Sekunde besteht aus 9192 631770 Schwingungen.

Gegenwart Eine der kniffligsten Fragen von Philosophen und Zeitforschern ist: Was ist die Gegenwart? Wissenschaftler haben sich darauf geeinigt, dass die Schnittstelle zwischen Vergangenem und Künftigem, das Jetzt, eine Zeitspanne von drei Sekunden umfasst. So lange dauert der Integrationsprozess, die Spanne, die zwischen der sinnlichen Wahrnehmung und der " Einbettung" ins Gehirn liegt. Man könnte auch sagen: Ein Gedanke ist bis zu drei Sekunden lang. Interessant ist, dass Untersuchungen von Gedichten verschiedener Kulturen und Zeiten die Länge einer gesprochenen Gedichtzeile ebenfalls mit maximal drei Sekunden ausgemacht haben. Ahnliche Ergebnisse ergeben auch Analysen musikalischer Motive.

Websites: 21 st Century Internet Venture Partners: www.21vc.com eHatchery: www.ehatchery.com The Global Business Network: www.gbn.org Lesetipps: Kurt Weis: Was ist Zeit? - Zeit und Verantwortung in Wissenschaft, Technik und Religion -DTV; München 1996; 288 Seiten, 19,90 Mark.

Marshall Herbert McLuhan: Die magischen Kanäle - Understanding Media - Econ Taschenbuch Verlag; München 2000; 408 Seiten; 16,90 Mark.

Peter Glotz: Die beschleunigte Gesellschaft - Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus- Kindler; München 1999; 288 Seiten; 44,90 Mark.

Robert Levine: Eine Landkarte der Zeit - Wie Kulturen mit Zeit umgehen - Piper; München, 1999; 319 Seiten; 17,90 Mark.