Partner von
Partner von

Die Träume der anderen: Das perfekte Instrument

1906: Thaddeus Cahill baut das Telharmonium und verschickt Musik über das Telefon.




Die Häuser wuchsen in den Himmel, neue Verkehrsmittel rasten immer schneller um den Planeten, elektrisches Licht machte die Nacht zum Tag - nur in der Kunst gab es Ende des 19. Jahrhunderts keinen Fortschritt. Besonders schlimm war die Situation in der Musik. Nicht nur waren die meisten Musiker, die auf der Straße, in Kneipen, Varietes oder Theatern spielten, bestenfalls mittelmäßig. Auch ihre Instrumente waren weitaus weniger exquisit, als es der neuen Zeit angemessen war. Aber das sollte sich ändern. Thaddeus Cahill plante das perfekte Instrument. Es sollte - natürlich - elektrisch sein, leicht zu bedienen und für alle erschwinglich. Ein jeder Hausmusikabend würde zu einem nie gekannten Kunstgenuss werden, denn bald gäbe es: das Telharmonium!

1901 stellte Cahill ein erstes Modell fertig, das seine Träume vom reinen Klang bestätigte, nicht aber den der Massenproduktion. Mit sieben Tonnen Gewicht war schon der Prototyp wohnzimmeruntauglich. Doch der 1867 in Iowa geborene Arztsohn ließ sich nicht beirren. Er arbeitete brav weiter, und sechs Jahre später war es geschafft: Das Telharmonium reproduzierte jeden Klang fehlerfrei. Nur wog es leider über 200 Tonnen und füllte den Keller eines ganzen Wohnblocks. Das minderte, bei aller Perfektion, ein wenig die Verkaufsmöglichkeiten.

Aber wer wird sich von solchen Kleinigkeiten abschrecken lassen? Wenn das Instrument nicht zu den Menschen kommen konnte, so wenigstens sein Klang - als Rent Music. Cahills Idee war verblüffend einfach: Er schickte den Telharmonium-Kunden Musik über Telefonleitungen, direkt ins Haus, auf vier Kanälen -Tanzmusik, Ragtime, Klassik, geistliche Musik. Verstärker oder Lautsprecher waren noch nicht erfunden, aber auch dieses Problem wurde gelöst. Der Sound wurde um ein paar tausend Volt verstärkt durchs Kabel geschickt und war so noch etliche Kilometer entfernt gut zu hören. Die Abonnenten öffneten einfach ihre Leitungen, und aus denen floss, wie aus einem Wasserhahn, Musik. Das Volk nannte das Tap-Music.

Anfang 1906 eröffnete in Manhattan die Telharmonic Hall. Dort fanden öffentliche Konzerte statt, aber auch die Musik für die Hauslieferungen wurde hier eingespielt. Das Publikum war begeistert, der Klang war in der Tat perfekt und das Instrument selbst eine Sehenswürdigkeit: Mit 672 Tasten, 336 Schiebern, 200 Schaltern und 67 Knöpfen allein für die Lautstärkeregelung musste es von mindestens zwei Personen bedient werden. Wo alles so prächtig lief, ließen auch die Investoren nicht lange auf sich warten, und so war Cahill bald seinem großen Traum nahe. Eine Kette von Telharmonium-Hallen über den ganzen Kontinent sollte die perfekte Musik für ein perfektes Amerika produzieren! Was könnte eine solche Vision stoppen?

Als Erstes machten andere Telefonkunden Probleme. Die verstärkten Klänge sprangen auf benachbarte Leitungen über, Menschen hörten Beethoven, während sie sich unterhalten wollten. Die Telefongesellschaft reagiert prompt, schmiss Cahill vom Kabel und kappte so einen Großteil seiner Einnahmen. Gleichzeitig zogen angesichts einer überraschenden Depression die Investoren ihre Angebote zurück. Und dann verloren auch noch die Konzerte in der großen Halle den Reiz des Spektakulären. Einige Zeit ließ sich das Desaster noch aufhalten. In den Aufführungen wurden neue Attraktionen präsentiert, verkabelte Lampen, Pflanzen und sogar Zuschauer wurden zu Tonträgern. Doch auch das brachte nur eine kurze Atempause: Im Februar 1908 wurde die Telharmonic Hall geschlossen.

Thaddeus Cahill gab seinen Traum nicht auf. Er baute ein neues Telharmonium, investierte die für damalige Verhältnisse gigantische Summe von 300 000 Dollar - alles, was er besaß -und präsentierte sich 1914 der Welt erneut. Doch die Welt ignorierte ihn. Sie hörte bereits Radio. Die großen Telharmoniums landeten auf dem Schrott, Thaddeus Cahill starb 67-jährig im Jahre 1934. Nur der Protoyp überlebte, Cahills Bruder Arthur lagerte ihn in seiner Garage. Bis 1958 versuchte er erfolglos, das Modell einem Museum zu übergeben. Mit 87 Jahren zog er in ein Altersheim, das perfekte Instrument ließ er zurück. Danach verschwand es im Müll, zusammen mit einer Kiste, in der sich die Asche von Thaddeus Cahill befand.