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Tony-Blair-Berater Charles Leadbeater über den Staat als Fortschrittsbremse.




Erfindungen mit wirtschaftlichen Folgen sind Revolutionen. Das Soziale hinkt immer hinterher. Erst wurde das Rad erfunden, dann der Radweg, erst die Glühbirne, dann die Straßenbeleuchtung, der Fabrik folgte die Gewerkschaft.

Wir befinden uns mitten in der digitalen Revolution. Die Neue Wirtschaft stellt uns vor alte Fragen: Was muss weg? Was soll bleiben? Und wie verändern wir unser Leben, damit alle profitieren?

Über solche Fragen denkt Charles Leadbeater nach. Er berät die Europäische Union und den britischen Premierminister Tony Blair, wenn es um die Neue Wirtschaft geht. Sein Buch "Living On Thin Air" liefert Entwürfe, wie sich nicht nur Wirtschaft, sondern auch Politik und Gesellschaft erneuern könnten. Was Tony Blair in England verändert, ist zwar gut, meint Leadbeater, "doch lange nicht genug".

brand eins: Mr. Leadbeater, was ist Neue Wirtschaft?

Charles Leadbeater: In den USA wird die New Economy mit dem Aufstieg von Software-, Computer-, Medien- und Kommunikationsunternehmen verbunden. Wesentlich für die europäische Perspektive ist jedoch, dass Wissen, Innovation und Kreativität zu den stärksten Quellen für die Erschaffung von Reichtum werden. Der Erfolg des Internets ist nur ein Beispiel, wenn auch ein wichtiges.

Wirtschaftliche Werte stammen heute vermehrt aus der Erzeugung, Verbreitung, Anwendung und Ausbeutung von unverwechselbarem Know-how. Dieses Know-how kann aus unterschiedlichen Quellen stammen: der Kreativität eines Designers, den Gedanken eines Wissenschaftlers, dem Verbesserungsvorschlag eines Verkäufers oder der Lektion eines Lehrers.

Wie verändert das die Wirtschaft?

Die wissenbasierten Unternehmen von heute beruhen alle auf sozialen Verträgen zwischen Menschen mit Ideen. Nehmen Sie ein wissenschaftliches Unternehmen. Dessen Kapital besteht aus der Vereinbarung der Wissenschaftler, dass sie zusammenarbeiten wollen, und der Fähigkeit des Unternehmens, ihnen die besten Möglichkeiten dafür zu schaffen. Natürlich gibt es Büroräume, Ausrüstung, Rechner, aber im Kern des Unternehmens steht die Vereinbarung. Und darum geht es bei Unternehmen: die Ehe zwischen Wissen und Geld zu managen.

Wem gehört das Wissen in der Neuen Wirtschaft?

Im Internet beobachten wir noch immer eine Kultur des Teilens, Verfügbarkeit scheint Konsens. Ich glaube, es wird immer Anreize geben, eine breite öffentliche Basis zu pflegen. Finnland ist so weit vom im Bereich eCommerce, weil so viele Menschen online sind. In Großbritannien sind vielleicht 45 Prozent angeschlossen, und 30 Prozent werden es nie sein, weil sie zu arm sind oder die Technik nicht verstehen. Wir brauchen also eine öffentliche Strategie, die sicherstellt, dass alle angeschlossen sind.

Sehen Sie Anzeichen für eine solche Strategie bei den politischen Institutionen, die Sie beraten?

Generell passen sich politische Institutionen viel langsamer den Veränderungen an. Viele Leute sind obendrein durch den Wandel verunsichert. Politiker müssen also nicht nur an die Zukunft denken und den Wandel steuern, sondern gleichzeitig auf die Angst reagieren, die dieser Wandel mit sich bringt. Das ist das eigentliche Problem.

Wie könnte der Staat den Wandel begleiten?

Der Staat hat zunächst einmal ein institutionelles Problem: Er ist durch Informationsverarbeitung und Service gelähmt und sollte eigentlich ein Wissensbetrieb sein. Die Möglichkeiten, öffentliche Dienste, Verwaltungs- und Beschaffungsvorgänge durch Breitband, Internet und eCommerce zu reorganisieren, sind gewaltig. Ebenso die Möglichkeiten, durch Verlagerung öffentlicher Dienstleistungen neue Märkte zu schaffen. Der öffentliche Dienst in England ist ein riesiger Markt. Wenn dieser Markt nicht mit der Revolution der Neuen Wirtschaft mitzieht, hält er alle anderen auf. Nur: Der Staat lernt langsam, es gibt keine Anreize für Leute, Risiken einzugehen, keine Inkubatoren. Der britische Staat gibt jährlich 36 Milliarden Mark aus und besitzt keinen Ort, an dem er neue Ideen ausbrütet. Wie will er mit der Neuen Wutschaft mithalten, wenn er nicht in die Zukunft investiert?

Vermutlich beschäftigt er sich erst einmal mit dem politischen Problem, die Leute bereit zu machen für den Wandel.

Dazu müsste er es schaffen, die Neue Wirtschaft als etwas darzustellen, was reizvoll ist, Sinn macht und zeigt, wie sogar jemand von ihr profitieren kann, der nicht jung, gebildet und flexibel ist. Aber die Frage ist auch: Hat die Neue Wirtschaft wirklich Ihr Leben verändert, wenn Sie 45 Jahre alt sind und in einer Fabrik arbeiten?

Offensichtlich hat die Neue Wirtschaft ein Vertriebsproblem - ihr Wissen gelangt nicht in die breite Öffentlichkeit.

Die Frage ist, wie verbindet man die Innovationskraft aus der Neuen Wirtschaft mit dem Bedürfnis nach institutioneller Innovation, im Erziehungssektor, im Gesundheitssektor, im öffentlichen Dienst? Wie verteilt man soziale Dienste auf neuen Wegen? Wir brauchen auch neue Modelle sozialer Organisation.

Wie verändert man Institutionen: harte Schnitte oder weicher Wandel?

Eine Mischung wäre angebracht. Wir müssen neue Institutionen pflanzen und sie unternehmerisch weiterführen. Bewusst und systematisch neue Dinge erschaffen. Auf der anderen Seite müssen wir radikal die Dinge benennen, die nicht funktionieren, und sie einfach sein lassen. Dazu braucht man politische Führung. In Australien wurde beispielsweise gerade der gesamte Dienstleistungssektor rund um die Arbeitslosigkeit privatisiert. Man sagte sich: Jeder kann Jobsuchdienste anbieten, solange er die Kriterien erfüllt. Bezahlt wird nach den Resultaten. Das funktioniert.

Sehen Sie eine Chance, den Wissensfluss von der Neuen Wirtschaft in die Politik, zu verstärken?

Es wäre schon viel geholfen, wenn beide Seiten einsehen, dass sie im selben Boot sitzen, weil sie denselben Herausforderungen entgegensehen. Politiker sollten sich als Unternehmer begreifen. Nehmen Sie Tony Blair, der die Marke Labour Party übernahm, als sie ziemlich heruntergekommen war. Er hat eine Chance gesehen, hat sie umgedreht und neu positioniert. Unternehmer sind Visionäre und Opportunisten zugleich. Und das braucht man auch in der Politik. Man muss überzeugt sein von seinem Ziel, aber pragmatisch bei der Wahl seiner Taktik. Politik und Wirtschaft haben viel gemein. Das Problem ist, dass die Unternehmer der Neuen Wutschaft völlig losgelöst sind vom traditionellen Unternehmertum und wie es sich repräsentiert. Viele sind gegenüber der Mainstream-Wirtschaft feindlich eingestellt - das motiviert sie ja auch. Also beteiligen sie sich erst gar nicht an politischen Diskussionen, und die Politiker wissen nicht, wie sie sie zu fassen kriegen.

Die Veränderung des Erziehungssystems könnte ein gemeinsamer Anfang sein. Daran haben beide Seiten Interesse. Aber wie könnte, ein effektiver Umbau aussehen?

In der alten Wirtschaft haben wir Menschen ausgebildet, um sie in vordefinierte Jobs einzupassen. Heute brauchen Menschen andere Sets und Einstellungen. Sie müssen mit Instabilität und Wandel leben. Das wird auf die Ausbildung einer inneren Stabilität hinauslaufen. Charakter, Urteilsvermögen, Kreativität, interpersönliche Fähigkeiten werden sehr wichtig. Das Curriculum und die Institutionen, die es vermittteln, müssen komplett erneuert werden.

Haben Sie eine Vorstellung, wann die wichtigsten Welchen für die Zukunft gestellt sind?

Unsere Wirtschaft ist mehr und mehr global verwoben. Das wird eine der wichtigsten Veränderungen sein. Das Level, das wir gerade erreicht haben, ist primitiv im Vergleich zu dem in 50 Jahren. Die öffentlichen Institutionen etwa, die Gesundheit, Erziehung und soziale Dienste anbieten, werden in den nächsten zehn Jahren radikale Veränderungen erfahren, diese Dienste werden ganz anders erbracht und bezahlt werden.

Sie beschreiben Tony Blair als einen Typus Politiker, der optimal geeignet ist, mit dem Wandel und den Herausforderungen der Neuen Wirtschaft umzugehen. Würden Sie Gerhard Schröder genauso bezeichnen?

Ich weiß nicht so viel über Gerhard Schröder oder die deutschen Institutionen, die sich ja doch von den britischen unterscheiden. Blairs und Schröders Situation, Geschichte und Hintergründe sind zwar unterschiedlich, doch sie teilen eine Menge gemeinsamer Herausforderungen: Reform alter Institutionen, ältere Menschen vom Sinn des Wandels zu überzeugen, statt sich ihm zu widersetzen, eine Koalition zu erzeugen, die den Wandel unterstützt. Und wie man Leute davon abhält, sich von einer Opposition auf der Rechten anziehen zu lassen, die zunehmend fremdenfeindlich und nationaler wird. Zum Beispiel ist Schröder wie Blair das Bild der Familie sehr wichtig und wie sie sich in der Neuen Wirtschaft entwickelt, denn Familie ist ein traditionelles Thema der Rechten.

Die Gesellschaft ist träge, ähnlich wie das politische System. Was wird sich schneller wandeln, die Gesellschaft oder die Politik?

Die Prozesse sind natürlich miteinander verbunden. in mancher Hinsicht ist die Bevölkerung dem Staat weit voraus - etwa wenn es um eMail, Konsum, Adaptionsfähgkeit geht. Wir sind als Konsumenten sehr offen für Wandel, wir akzeptieren Wandel am Arbeitsplatz, selbst wenn wir ihn nicht mögen. Aber wenn wir Institutionen verändern, die wichtig sind für unsere Kinder, unsere Großmutter oder unsere Rente, dann werden wir natürlich sehr vorsichtig. Um das zu schaffen, brauchen wir alle nur verfügbare Fantasie und Gestaltungskraft.

Wäre die Stärkung lokaler Strukturen - politisch wie Institutionen - ein Weg?

Kann sein, aber die Beobachtung von Gesellschaften, die das gemacht haben, zeigt, dass sie dann gleichzeitig sehr starke zentrale Strukturen brauchen. Prinzipiell aber sollte die Macht näher zu den Menschen. In zehn Jahren werden Städte sicherlich ihre eigenen Steuern erheben wollen, um sie für Transport, Gesundheit und Erziehung auszugeben.

Wir versteigern in Europa den Zugang zu Breitbandverbindungen und sinnieren über immaterielle Werte wie Wissen und Kreativität. In Afrika haben die Menschen noch nicht einmal genug zu essen. Was läuft da falsch?

Die Menschen in Afrika müssen sich natürlich nicht um das Internet scheren, obwohl das Internet auch in Afrika Menschen helfen kann, miteinander zu kommunizieren und Handel zu treiben. Die Probleme der Entwicklungsländer entstehen aus dem Fehlen von Wissen an den entscheidenden Stellen oder dem Verlust von Wissen durch Flucht. Nehmen Sie Gesundheit: Wenn Sie Müttern eine Erziehung auf weiterführenden Schulen anbieten, ist es wahrscheinlicher, dass Ihre Kinder ein gesundes Leben führen werden. Erziehung ist eine fundamentale Grundlage für die Überlebenschancen von Kindern. Das ist die Wissensgesellschaft: Wissen in die Hände von Menschen zu geben, damit sie ihr Leben glücklicher und intelligenter rühren können. Das ist zwar nicht die Neue Wirtschaft, aber es geht auch hier darum, die richtigen Menschen mit dem richtigen Wissen auszustatten.

Buch: Charles Leadbeater: "Living On Thin Air -The New Economy. With a new Blueprint for the 21st Century -". Penguin Books; London 2000; 264 Seiten. Das Buch erscheint im Winter 2000 in Deutschland.

Kontakt: charlte@malvernrd. demon.co.uk