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"Der Staat darf sich nicht einmischen."

Rüdiger von Rosen über die Qualifikation von Analysten und die Chancen, sie zu verbessern.




Unternehmen klagen über mangelnde Aufmerksamkeit, Anleger misstrauen den Urteilen der Analysten. Brauchen wir ein staatliches Aktienamt, das eine unabhängige Bewertung aller börsennotierten Titel sicherstellt?

Da bin ich strikt dagegen. Es ist zwar richtig, dass die Analysten im Augenblick einer Vielzahl an Neuemissionen gegenüberstehen, aber der Staat darf sich nicht ins Marktgeschehen einmischen. Wenn sich herausstellt, dass hier längerfristig ein Problem besteht, wäre es Aufgabe der Wirtschaft, es zu lösen.

Indem die Finanzwelt eine gemeinsame Rating-Agentur gründet?

Die Gründung einer Rating-Agentur allein ist kein Hilfsmittel, könnte aber eine Brücke sein, bis die erhebliche Knappheit an Analysten nachgelassen hat. Wo Nachfrage nach Bewerbern besteht, dauert es erfahrungsgemäß nicht allzu lange, bis sich ein Angebot herausbildet. Finanzanalyst ist ja ein interessanter Job.

Bis es so weit ist, werden die Klagen der Neue-Markt-Unternehmen, die sich unzureichend berücksichtigt fühlen, nicht abreißen.

Eines muss ich wohl klarstellen: Die Unternehmen haben keinen Anspruch auf Analyse und Bewertung. An der Börse findet ein Beurteilungsprozess statt wie an jedem anderen Markt auch. Die Unternehmer müssen ihre Aktie als Marke erkennen und bereit sein, in sie zu investieren wie in Mitarbeiter und Maschinen: indem sie gute Berater einkaufen und Zeit für Investor Relations reservieren. Wenn das unterbleibt, ist es kaum verwunderlich, wenn sich die Analysten nicht für das Unternehmen interessieren.

Bleibt das qualitative Problem: Reicht das Know-how der Analysten aus?

Auch ich habe Zweifel, ob Ausbildung und Erfahrung immer ausreichend sind, um die hohen Ansprüche an eine umfassende Bewertung der Unternehmen zu erfüllen. Der Analyst trägt ja eine ungeheure Verantwortung. Ob er den Daumen hebt oder senkt, kann über das Schicksal von Hunderten von Familien entscheiden. Deshalb wäre es in der Tat sinnvoll. Ausbildungsgänge zu entwickeln, in der die jungen Leute ein vertieftes Verständnis vom Markt erwerben. Der Aktienakzeptanz in Deutschland würde das nur nützen.

Was sollten Inhalte dieser Ausbildung sein?

Die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) bietet seit Jahren einen Lehrgang zum Investmentanalysten an, der sich am Markt auch durchgesetzt hat. Die Inhalte reichen von der Kapitalmarkttheorie über das Steuer-und Gesellschaftsrecht bis hin zur Rechnungslegung nach HGB, IAS und US-GAAP. Dieser Kanon ist sehr umfassend. Allerdings brauchen wir in Deutschland deutlich mehr Analysten mit diesem Ausbildungsstand.

Zurzeit reichen die Lebenslaufe von Analysten ja vom Bankkaufmann über den Naturwissenschaftler bis zum Journalisten. Soll Schluss sein mit dieser bunten Mischung?

Das hielte ich für falsch. Ein Doktor der Biologie beispielsweise, der betriebswirtschaftliche Zusatzkenntnisse erworben hat, kann ein Unternehmen sicher sehr qualifiziert bewerten. Ähnliches gilt auch für Journalisten mit guten Branchenkenntnissen. Im Vordergrund stehen also nicht so sehr formale Anforderungen an Ausbildung und Studium, sondern es kommt mehr auf die analytische Fähigkeit zur Beurteilung des Unternehmens und der Branche an. Und ebenso gilt: Der jeweilige Arbeitgeber trägt die Verantwortung dafür, dass nur qualifizierte Analysten tätig werden.

Kontakt: dai@dai.de