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Brand eins antwortet: Martin Altmeyer

Meine Mutter war eine Asoziale. Mein Vater ein Trinker, die Freunde meiner Eltern waren Pack. Wir lebten in einer Neubausiedlung, einem "sozialen Brennpunkt", wie es damals hieß, und dort in einer besonders schlechten Ecke. Die Anwohner nannten sie: die Schweinebucht. Die Häuser rochen nach billigem Essen und zu vielen Kindern, die Menschen waren müde und laut. Zu den Bekannten meiner Mutter gehörten die Toilettenfrau mit dem jüdischen Namen, die Zeitungsfrau, die dank eines Drüsenproblems aussah wie das Urmodell der fetten Plunze und der kriegsversehrte Fahrstuhlführer mit der Lederhand. Friedensversehrte. Randgruppen in Randgebieten. Hätte uns damals irgendjemand etwas von Intimspähre erzählt oder einer anderen Grundeigenschaft des Menschen, hätten wir sie sicher nicht gehabt: wir, die Subhumanen.




Zumindest nach der Auffassung des Psychologen Martin Altmeyer, der (ausgerechnet in der linksliberalen " taz"!) angesichts der TV-Show "Big Brother" Menschen ohne (seine) Kultur, (seine) Bildung und (seine) Zivilisation die Intimsphäre, quasi das Menschliche abspricht. Meinen Eltern, ihren Bekannten, den Nachbarn, dem Viertel, ganzen Bevölkerungsgruppen. Widerwärtig, klar. Aber warum macht er das? Warum ist der Mann so böse? Und warum ist er so dumm?

"Big Brother" war ein Meinungsteiler. Wer die Übertragungen aus dem Wohncontainer nicht gesehen hatte, war dagegen, aus all den Gründen, die man schon lange vorher aus der Presse erlernen konnte. Doch viele, die länger als eine Minute dem Leben dieser ganz normalen Menschen vor den Kameras zugesehen hatten, änderten ihre Ansicht. Dies war nicht der erwartete soziale Gladiatorenkampf, den der Hemmungsloseste, Hinterhältigste, Gemeinste, gewinnen würde. Sondern ein Lehrbuchbeispiel in Sachen Zivilisation: Rundum versorgt und mit fast 24 Stunden täglich zur freien Verfügung, entwickelte sich die bunte Gruppe zu einer zunehmend freundlicheren, bedachteren, sanfteren Gemeinschaft, die sozialen Umgang mustergültig vorlebte. Einer der spektakulären, sicher nicht geplanten Offenbarungen der Show: der Blick auf das Verhalten des Menschen beinahe unter Idealbedingungen, entlastet vom Überlebenskampf. Die Verwirklichung einer Utopie.

Fast ebenso spektakulär war die Rehabilitation der Proleten. Zlatko und Jürgen, die Vorzeigeprolls, waren keine tollwütigen Hunde, die durch die Manege kläfften, sondern ganz normale Menschen. Jürgen, der sich anfangs geweigert hatte, ernsthaft zu diskutieren, wurde mit der Zeit sogar richtig nachdenklich, der gute Onkel. Nur Sabrina, "die Wuchtbrumme", konnte oder wollte sich nicht in die Love-And-Peace-Gruppe integrieren -und flog raus. Denn draußen, vor den Fernsehern, war es wie drinnen: Das angeblich sensationslüsterne Volk verbannte unsympathische Intriganten, während es nette Kerle zu Helden machte. Vor allem den simplen, aber gutherzigen Zlatko. Dazu passt, was ein "Big-Brother" -Produzent erzählte. War die Stimmung im Container gut, stiegen die Einschaltquoten. Hatten sich die Bewohner gestritten, waren die Quoten am nächsten Tag signifikant niedriger.

In diesem Rahmen wundert es nur wenig, dass die täglichen Krawall-Talkshows unter rapidem Zuschauerschwund leiden. Anfangs zumindest noch eine Neuheit, haben sich die Menschen nun daran gewöhnt. Und seit sich herumgesprochen hat, dass die extremen Charaktere in diesen Sendungen auch gern mal von Schauspielern gemimt werden, weil es so viele fiese Untermenschen in der wirklichen Welt gar nicht gibt, ist der Ofen wohl final aus. Ähnlich ist es bei den Zeitschriften. Pöbel- und Titten-Gazetten kämpfen schon lange mit einem zunehmend schwereren Markt. Für das Problem, das inzwischen auch große Publikumszeitschriften haben, gibt es für die Verlagsstrategen seit Jahren nur eine Lösung: simpler werden, massentauglicher. Niemanden ausschließen. Das führt zwangsläufig ins Mittelmaß und damit selbstverständlich zum steigenden Desinteresse mediengewohnter Nutzer. Wer täglich Dutzenden anspruchsvoller Werbespots ausgesetzt ist, begeistert sich nicht für Zeitungen, die inhaltlich und formal auf die Denk- und Sehgewohnheiten von Zehnjährigen zielen. Wobei selbst die heute schon weiter sind.

Die logische Schlussfolgerung wäre, das Niveau anzuheben. Aber davor steht ein altes Vorurteil: Die Masse ist dumm. So wird nicht die Wirklichkeit in den Medien reproduziert, sondern nur deren Bild, verzerrt von dieser Grundidee. Die in Talkshows zur Schau gestellten Proleten sind Teil eines Kulturkampfes, der ein soziales Gefälle bestätigen soll, das, falls es überhaupt je real war, heute nicht mehr gilt. Wahrscheinlich waren die Zuschauer von "Big Brother" begeistert, weil sie plötzlich nicht mehr Abziehbilder ihrer selbst sahen, sondern tatsächlich sich selbst. Leute, die versuchen, nach bestem Wissen und Gewissen zurechtzukommen. Und Zlatko wurde nicht berühmt, weil er Shakespeare nicht kannte, sondern weil ihm das egal war. Nicht die Bildung zählt, sondern der Mensch.

Altmeyers Aufsatz ist der Reflex eines Statusverlierers einer neuen Zeit. Irgendwann im letzten Jahrhundert war der Akademiker, ein promovierter Psychologe, dank seiner Bildung etwas Besonderes. Das ist vorbei. Für Menschlichkeit gibt es keine Promotion. Man kann damit aber immerhin schon mal 250 000 Mark gewinnen. Das ist ein guter Anfang.

Meine Mutter trug die Kleidung anderer Leute auf, weil wir arm waren. Mein Vater trank, weil er keine Arbeit hatte, kein Geld, keine Zukunft. Ein Bekannter meiner Mutter war, wie man damals sagte, ein "Penner". Er erzählte mir von Afrika und weißen Elefanten, später wurde er von seinen Kumpels umgebracht, wegen 50 Mark. Wer die Unterschicht nicht mag, soll die Unterschicht abschaffen. Soll für Zeit und Raum sorgen, dass Menschen menschenwürdig leben können, sich kennen lernen, unterhalten, verstehen. Wer das nicht will, wer die Menschen nicht mag, den müssen wir trotzdem lieb haben. Bis er platzt.