Partner von
Partner von

PSYCHOTHERAPIE FÜR DIE BÖRSE

Behavioral Finance lehrt Anlegern Selbsterkenntnis und Disziplin.




Joachim Goldberg saugt Wissen ein wie andere Atemluft. Er hat sich durch Kartons mit Unterlagen des amerikanischen Hirnforschers Paul MacLean gearbeitet. Fachbegriffe aus der Psychologie kommen voll Fachkenntnis über seine Lippen. Ungewöhnlich für einen Banker.

Nun plaudert er über seine Erkenntnisse. Darin geht er auf. Goldberg, der Medienmensch. Doch er prahlt nicht mit seinem Wissen. Er ist echt. Echt interessiert daran, wie der Mensch tickt. Das treibt ihn an und um.

Jahrelang hat er für seinen Arbeitgeber, die Deutsche Bank, die Finanzmärkte rauf- und runteranalysiert. Erfolgreich, klar, er gehörte schließlich zu den Ersten, die Technische Analyse (siehe Randspalte) betrieben. Irgendetwas ließ ihn jedoch permanent unbefriedigt. Prognostizieren, wohin sich die Kurse bewegen werden - okay, wenn es gut läuft, werden damit Gewinne gemacht. Doch die Systematik hinter den Marktbewegungen konnte keine noch so smarte Theorie, kein noch so sexy Chart wirklich beantworten.

"Wenn etwas Unerklärbares passierte, hieß es üblicherweise: Na ja, das ist eine Anomalie", erklärt Goldberg. "Die wird vom Markt weggehandelt. Aber solche Anomalien sind viel zu systematisch, um nur Ausnahmen zu sein." Viel häufiger als zugegeben reagieren die Kapitalmärkte unberechenbar, laufen Kurse anders als erwartet. Wider jede Vernunft. Goldberg ahnte: Da steckt mehr dahinter.

Auf einem seiner zahlreichen Vorträge ist es dann passiert: Eine Studentin der Technischen Hochschule Aachen überreichte ihm ihre Diplomarbeit mit den Worten: "Ich glaube, ich kann Ihnen weiterhelfen." Für Goldberg das Sesam-öffne-dich. "Im Zug zurück aus Aachen habe ich diese Arbeit verschlungen." Endlich die Erklärung für alle Fragen: Tief verwurzelte Verhaltensweisen lassen Anleger an der Börse irrational handeln. Das Problem ist die Psyche der Menschen Goldberg war auf eine junge Forschungsrichtung gestoßen, genannt Behavioral Finance. Deren zentrale Erkenntnis ist: Es sind immer die gleichen, sich wiederholenden menschlichen Fehler der Anleger, die letztendlich hinter dem Auf und Ab der Finanzmärkte stecken. Wie fast alles Neue kommt auch diese Theorie aus den USA. Konnten herkömmliche Bewertungsmethoden nur einen kleinen Teil der Marktbewegungen erklären, so scheinen mit ihr weitere Rätsel gelöst zu sein: Verantwortlich für Anomalien ist irrationales Anlegerverhalten. Und das ist viel verbreiteter als jemals angenommen.

Sobald wir Menschen uns für etwas entschieden haben, beginnt ein merkwürdiger Prozess - zum Beispiel nach dem Kauf einer bestimmten Aktie: Steigt deren Kurs, ist alles gut, und wir sind in bester Stimmung. Läuft es aber nicht so toll, sind wir missgelaunt, weil dadurch klar wird, dass wir eine falsche Entscheidung getroffen haben. Trotzdem tun wir alles, um doch noch bestätigt zu bekommen, dass unsere Entscheidung richtig war, komme, was da wolle - ein typischer Fall von Schönfärberei. Das vernebelt die Sinne, es werden Fehler gemacht. Statt die Aktie zu verkaufen, halten wir krampfhaft an ihr fest. Das Gefühl siegt über die Vernunft.

Verluste hinnehmen zu müssen, empfinden wir als besonders traumatisch, denn durch sie materialisieren sich unsere Fehlentscheidungen. Und das rüttelt am Selbstbewusstsein. Deshalb ist unsere Angst vor Verlusten größer als unser Wunsch nach Gewinnen. Nur: Millionär wird man so nicht. Etwas mehr Rationalität täte unserem Portfolio und unserem Geldbeutel gut.

Inzwischen ist Goldberg "Global Head" für Behavioral Finance der Deutschen Bank. Er lernt schnell. Eben erst - gerade mal gute drei Jahre nach dem Ereignis in Aachen - hat er ein Buch zum Thema veröffentlicht. Darin können Börsianer nachlesen, warum ihre Psyche ihnen systematisch die schönste Anlagestrategie vermasselt.

Ein emotionaler Mechanismus ist schuld, dass viele Anleger kleinere Gewinne als möglich und größere Verluste als nötig machen. Sie halten zu lange an Aktien fest, deren Kurs am Sinken ist, weil sie mit dem Verkauf des Papiers sich und -fast noch schlimmer - anderen einen Fehler eingestehen würden. Der Versuch, das positive Selbstbild zu retten, gipfelt im Versuch, den Verlust auszusitzen. Die Hoffnung auf Kursbesserung erfüllt sich jedoch selten. So wird meist zu einem viel zu späten Zeitpunkt und mit großem Verlust die Aktie verkauft. Der Wunsch, das Gesicht zu wahren, besiegt jede Vernunft. Das ist allzu menschlich, allzu irrational - und allzu verbreitet.

Steigen die Aktien, mangelt es dagegen an Geduld. Anstatt Gewinner-Papiere zu halten, werden sie früh verkauft. Getreu dem Motto "Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach", gibt man sich mit einem kleineren Profit zufrieden als möglich gewesen wäre. Die Angst, der hübsche Gewinn könnte wieder zerrinnen, ist zu mächtig. Das ist ebenfalls allzu menschlich, allzu irrational - und ebenfalls allzu verbreitet.

So werden an der Börse Tag für Tag Gewinne versiebt und Verluste angehäuft. Abhilfe kann nur schaffen, wer mit den Verliererpositionen in seinem Portfolio vernünftig umgeht. Besser ein "Ende mit Schrecken" als ein "Schrecken ohne Ende". Am besten schafft man das, wenn man sich klare Limits für Verluste setzt: durch so genannte Verlustbegrenzungsmarken bzw. Stop-Loss-Order. Außerdem rät Goldberg, " möglichst niemandem mitzuteilen", in welche Wertpapiere man anlegt. Der Druck, sich als erfolgreicher Börsenspekulant zu beweisen, wird durch Mitwisser unnötig vergrößert. Mit jedem dreht sich die Spirale weiter: Um vor ihnen einen Gesichtsverlust zu vermeiden, hält man krampfhaft Verlustaktien.

Die Behavioristen haben noch mehr bittere Erkenntnisse in petto. Zum Beispiel wissen sie, dass wir statistische Nullen sind und deshalb immer dieselben Denkfehler machen. So gibt es etwa die weit verbreitete Überzeugung, eine Aktie, deren Kurs in den letzten Monaten gestiegen ist, müsse bald wieder fallen. Folgerichtig wird hastig verkauft. Verantwortlich für dieses Verhalten ist der Irrglaube, der Zufall sorge überall für ausgleichende Gerechtigkeit. Der dringende Rat der Finanzbehavioristen: Lassen Sie sich nicht von anderen beirren. Was steigt, kann auch weiter steigen; was heute günstig ist, kann morgen noch günstiger sein.

"Menschen haben Probleme, mit Korrelationen umzugehen. Das ist in der menschlichen Evolution irgendwie untergegangen", meint Martin Weber, Professor für Bankbetriebslehre und Leiter der Behavioral Finance Group an der Universität Mannheim trocken. Weil uns unsere Gefühle einen Streich spielen und wir mit aller Gewalt die Welt in ein einfaches Schema pressen wollen, sehen wir Zusammenhänge, wo keine sind und ziehen Rückschlüsse, die schlicht Nonsens sind.

Einige ernüchternde Beispiele: - Wenn eine Familie bereits drei Jungen hat, glaubt die Mehrheit der Menschen, das vierte Kind werde eher ein Mädchen als wieder ein Junge. Statistisch gesehen völliger Blödsinn.

- Ist beim Roulette zehnmal hintereinander Rot gekommen, setzen die meisten Spieler auf Schwarz, weil sie meinen, die Wahrscheinlichkeit dafür sei größer. Leider totaler Quatsch.

- Ebenso verhält es sich mit Börsenwahrheiten wie dem Mythos vom Oktober-Crash: Obwohl rein statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit, dass in diesem Monat die Börse kracht, nur bei zwölf Prozent liegt, glauben selbst Aktienhändler an ein hohes Crash-Risiko im Oktober.

Mögen sich eingefleischte Statistiker noch so amüsieren angesichts solcher Einfältigkeit: Fakt ist, dass sich die meisten Menschen damit vertun. "Ein fundamentales Problem. Mit Korrelationen kann man nicht intuitiv umgehen", weiß der Wissenschaftler Weber. "Man muss sie lernen." Es gibt also wenigstens Hoffnung.

Weber beschäftigt sich schon lange mit Behavioral Finance. Er forscht hierzu nicht nur als einer der ganz wenigen in Deutschland, sondern ist auch der erste deutsche Professor dieser Fachrichtung. Die Ausbildung dafür bekam er vom "Urvater" Amos Tversky persönlich, bei dem er 1992 ein Forschungssemester verbrachte.

Weber sei "die Kapazität" auf dem Gebiet in Deutschland, schwärmt Goldberg. Man kennt sich in der deutschen Behavioral-Finance-Szene. Der noch kleine exklusive Kreis besteht im Kern aus drei Leuten: Neben Goldberg und Weber gehört noch Rüdiger von Nitzsch dazu. Er ist BWL-Professor an der Hochschule Aachen und schrieb zusammen mit Goldberg das Buch "Behavioral Finance". Von Nitzsch vergab die Diplomarbeit, mit der für Goldberg alles begann. So schließt sich der Kreis, das Triumvirat ist perfekt.

Das Trio hält Seminare und Vorträge, hin und wieder auch zusammen. "Die Nachfrage ist riesig", sagt Goldberg. "Die Leute wollen unsere Erkenntnisse immer und immer wieder hören. Weil sie sich darin wiederfinden." So kennt fast jeder Anleger das Bedürfnis nach Kontrolle. Keiner will sich der Willkür und Unberechenbarkeit der Finanzmärkte ausgeliefert fühlen. Zur beliebten Strategie der Börsianer gehört deshalb ein bisschen Selbstbetrug. Man bildet sich ein, die Wertpapierkurse prognostizieren zu können, eine gefährliche Illusion von Kontrolle mit verheerenden Folgen: Weil das Selbstvertrauen größer ist als der Wissensstand, werden Kursrisiken unterschätzt und zu große Engagements eingegangen.

Selbstüberschätzung ist an der Börse weit verbreitet. Auch Profis wie Analysten, Wertpapierhändler und Großinvestoren unterliegen der Gefahr. Und das sogar mehr als Kleinanleger. "Das übersteigerte Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, der Glaube an die eigene Unfehlbarkeit verhindert manchmal, dass der Profi besser abschneidet als der Laie, der die Sache ohne irgendwelche Vorkenntnisse angeht", beschreibt Goldberg das, was so harmlos "Overconfidence Bias" genannt wird.

Goldberg spricht aus selbst ge- und erlebter Erfahrung: Er ist nicht nur Analyst, sondern auch Devisenhändler. Wer eine Erfolgsserie mit einigen Treffern hintereinander landen konnte, so weiß er, "fühlt sich wie der liebe Gott". Bedrohliche Marktveränderungen erreichen kaum noch das Bewusstsein eines solchen Händlers. Die Gier nach mehr Gewinn und damit mehr Anerkennung erstickt alle Zweifel. Teure Fehlentscheidungen sind quasi vorprogrammiert.

Zudem sind auf dem Börsenparkett Wechselbäder der Gefühle innerhalb weniger Stunden durchaus üblich. Durch Gewinn- und Verlustzyklen entstehen emotionale Extremzustände, aber zwischen Euphorie und Verzweiflung ist nicht viel Platz für eine objektive Einschätzung des Marktes.

Damit nicht genug, plagt die Händler und Analysten ein weiteres Problem: die Vorgesetzten. Manchem Boss fehlt der nötige lange Atem, wie Goldberg weiß. "Sind die Ergebnisse eines Mitarbeiters gut, erhöhen sie seine Volumina, macht er Verluste, kürzen sie sie. Aber dann soll der Angestellte es fertig bringen, mit wesentlich geringeren Mitteln die vorhergehenden Verluste wieder wettzumachen." Kein Wunder, dass Profis noch mehr Angst vor Verlusten haben als Amateur-Broker. Martin Weber spricht deshalb von einer Asymmetrie, die von Finanzorganisationen sogar noch verstärkt wird.

Der erste Weg zur Besserung ist auch hier mal wieder die Selbsterkenntnis. Natürlich sind nicht alle Börsianer gleich, jeder hat seine individuellen Problemzonen. Um diese aufzuspüren, kann man sich nun dem " Psycho-Trainer" im Internet anvertrauen. Entwickelt hat ihn Rüdiger von Nitzsch. Mehr als 100 000 Anleger haben ihm in einem Jahr intime Details über ihren Umgang mit Wertpapieren anvertraut. In der Hoffnung, sie könnten die Ergebnisse aus ihren Tests in bare Münze verwandeln.

Stolz schwingt in von Nitzschs Stimme, als er die Zahl 100 000 nennt. Zu Recht. Das Computerprogramm ist bislang einmalig auf der Welt, auch wenn ein boshafter Kritiker die Testauswertung des Psycho-Trainers als Binsenweisheiten bezeichnet. Inzwischen hat von Nitzsch nachgebessert: Der Psycho-Trainer 2000 soll mehr Tiefe haben.

Eines stimmt allerdings: Die Ratschläge der Behavioral-Finance-Theoretiker klingen zunächst wenig prickelnd. Gebetsmühlenhaft betonen alle drei: " Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen." Das wird schon ewig gepredigt. Also doch nur Binsenweisheiten?

Neu sei diese Regel in der Tat nicht, geben alle drei zu. "Neu ist allerdings, dass wir jetzt auch begründen können, warum sie so wichtig ist", freut sich von Nitzsch. Und Goldberg findet: "Die Tatsache, dass der Rat als Binsenweisheit runtergespielt wird, zeigt doch, dass er die Menschen viel mehr betrifft, als sie gern zugeben." Verdrängung wurde das ein Psychologe nennen. Vielleicht hat er Recht. Weber konnte während seiner Studien haufenweise Fehler von Anlegern nachweisen, die alle die alten Börsenregeln kannten. Irgendwo hapert es aber bei der Umsetzung.

Doch je mehr Einblick die Behavioral-Finance-Theorie in die Abgründe unserer Seele gibt, desto unsicherer wird man selbst: Kann irgendwer jemals in der Lage sein, derartig tief sitzende Verhaltensmuster abzulegen? Ist es nicht vielleicht ähnlich wie bei einer optischen Täuschung? Wir wissen zwar, dass es eine optische Täuschung ist, können uns ihr aber trotzdem nicht entziehen. Weber sieht das pragmatisch: "Bei optischen Täuschungen nehme ich einfach ein Metermaß und messe nach. Ähnlich kann man es auch auf dem Aktienmarkt machen. Wenn ich weiß, dass ich Schwächen habe, nehme ich mir eben einen Anlageberater. Oder ich benutze ein Computerprogramm." Und wenn beides nicht zur Verfügung steht? Können wir über unseren Schatten springen? "Es ist schwer", gibt von Nitzsch zu, "aber es geht." Soll das heißen, er hat von seinem neuen Wissen schon profitieren können? "Es war ja nicht schwer, im letzten Jahr an der Börse gute Ergebnisse zu machen. Ich kann also nicht wirklich sagen, ob es darauf zurückzuführen war." Und Weber, ist er an der Börse reich geworden? Er spekuliere nicht mit Wertpapieren, erklärt der Wissenschaftler nüchtern. Er zahle Schulden ab. Und Kredite vertragen sich nicht mit Anlagerisiken.

Dass Goldberg sich nicht privat in den Devisen engagiert, die er berät, versteht sich von selbst. Persönliche Konsequenzen hat er dennoch gezogen. Er wartet nicht mehr: nicht in Warteschlangen im Supermarkt, nicht in Endlosschleifen am Telefon, nicht auf Menschen, die mehr als zehn Minuten zu spät kommen. Das wäre so verkehrt wie das Festhalten an Verliereraktien, wie die " Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an"-Attitüde: ausharren, nur weil bereits Kosten entstanden sind. Weil man so kurz vor dem Ziel nicht aufgeben will. Auch auf die Gefahr hin, dass alles noch unerträglicher wird. "Sunk-Cost-Effekt" nennen das die Behavioristen. Goldberg hat sich den abgewöhnt.

Und im Berufsleben? Seine Analysen korrigiert der Banker inzwischen immer etwas nach unten. "Alles, was zu stark ist, nehme ich ein Stückchen zurück." Weil er weiß, dass er ein übersteigertes Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten hat: Over-confidence, wie der Experte sagt.

Die Verhaltensmuster, die uns emotional und dadurch unvernünftig handeln lassen, sitzen tief. Trotzdem gibt es Methoden, sie auszutricksen: Goldberg empfiehlt ein Logbuch und viel Disziplin. Das Logbuch - so eine Art Börsentagebuch - entlarvt eigene Fehler und hilft, sich selbst zu disziplinieren. Das ist ohnehin das magische Wort: Disziplin.

Goldbergs Disziplinierungsmaßnahme ist sein Computer. Er hat ihn nach den Regeln der Behavioral Finance gefüttert, und überlässt nun der Maschine komplett den Handel. Es sei psychologisch hart, welche Empfehlungen dabei herauskommen, erzählt er. Weil die Trefferquote nur bei 40 Prozent liegt. Soll heißen: 60 Prozent sind Verluste. Der Erfolg gibt dem Computer trotzdem Recht. So verdient Goldberg für die Deutsche Bank mehr Geld als manch anderer mit einer Trefferquote von 80 Prozent. "Weil wir dadurch viele, aber kleine Verluste und wenige, dafür aber große Gewinne erzielen", erklärt Goldberg. Ganz im Sinne seiner neuen Philosophie " Verluste rasch realisieren".

Disziplin ist also der Schlüssel zum Erfolg an der Börse. Doch Goldberg bezweifelt, dass sie glücklich macht. Deshalb überlässt er die Disziplin der Maschine und bleibt lieber ein Mensch mit Herz und Fehlern. Kalte Rationalität ist ihm nicht geheuer. Früher war er ein Kopfmensch, erklärt der Banker. Seit er sich mit Behavioral Finance beschäftigt, ist er zum Herzmenschen geworden. "Ich habe gemerkt, dass einiges schief geht, wenn man alles rational machen will. Denn die Umwelt ist nicht rational. Sie besteht aus anderen, ebenso unlogischen Menschen." Wohlbefinden ist ihm heute wichtiger als materieller Gewinn. "Vielleicht denken wir in der heutigen Zeit zu viel an Profit", meint Goldberg nachdenklich.

Viel wird sich ändern in der Finanzwelt, wenn dort die Behavioral Finance ankommt. Goldberg sieht bereits die Grundfesten der modernen Kapitalmarkttheorien erschüttert: "Viele Vertreter der bisherigen Theorien halten daran fest, dass die Märkte effizient sind und die Menschen rational. Das ist wie damals, als die Kirche behauptet hat, die Erde sei eine Scheibe." Zweifel, dass sich Behavioral Finance als neue Wissenschaft durchsetzt, hat er dennoch nicht. Goldberg hat gesehen, wie offen die junge Generation gegenüber Neuem ist, wie flexibel. Und bereit, das an den Universitäten Gelernte zu verwerfen, wenn sich zeigt, dass es falsch ist.

Am Status quo festzuhalten war für Goldberg selbst noch nie eine Option. Obwohl es auch für ihn zunächst eine bittere Lektion zu lernen gab: 80 Prozent seiner bisher von ihm betriebenen Technischen Analysen waren falsch. Weh getan habe es ihm anfangs schon, gibt er zu. " Aber die Freiheit, die man durch das Neue bekommt, ist es wert." Literatur: Joachim Goldberg/Rüdiger von Nitzsch: "Behavioral Finance - Gewinnen mit Kompetenz. Überlegenes Wissen für Ihre Anlageentscheidung". Finanzbuch Verlag München 1999; 280 S.; 89 Mark Kontakte: Psycho-Trainer: www.boerse-online.de/psychotrainer Behavioral Finance Group: www.behavioral-finance.de