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Nummer ziehen und warten

Mal schauen, wie es auf der anderen Seite der Wirtschaft aussieht. Zwei Stunden auf dem Arbeitsamt.




Montag morgen, 9.00 Uhr, Arbeitsamt Altona, Leistungsabteilung III 412, Wartezone 02, Buchstaben DF-HEI. Kurz unter der Decke hängt ein orangefarbener Kasten, auf dem leuchtet eine rote 920. Darunter steht ein Nummernziehgerät wie an der Wursttheke im Supermarkt. An der Wand gegenüber zwölf Schalensitze aus Plastik, auf einem sitzt ein Mann mit dunkler Hautfarbe. Ich murmele "Guten Tag" und setze mich zu ihm. "Nummer ziehen", sagt er freundlich. Ich gucke ihn an. Er zeigt auf den orangefarbenen Kasten. Ich hole mir eine Nummer und bin die 924.

Der Mann steht auf, biegt in den gegenüberliegenden Gang. Rechts neben mir ist der Eingang, durch den ich gekommen bin, daneben ist eine Tür mit einer Milchglasscheibe mit einem Rauchen-Verboten-Symbol darauf, links daneben ein verchromter Aufzug. Jetzt kommt der Mann von eben zurück. Er hält einen Zettel, neben ihm eine Frau, die sagt: "Damit können Sie jetzt zum Sozialamt." Ständig kommen und gehen Leute durch die Tür mit dem Nicht-Rauchen-Symbol.

Ein älterer Mann, so um die 50, kommt herein. Saubere schwarze Hose, grauer frisch gestutzter Backenbart, alte, gepflegte, aber sehr unmodische braune Lederjacke, ein Spielhallen-Charmeur. Er zieht eine Nummer, kennt sich aus. "Das ist ja man was", freut er sich. Welche Nummer ich denn hätte. Ich warte nur, sage ich.

Meine Nummer leuchtet auf. Ich bleibe sitzen. Langsam wird mir warm. Schön hier. Der Typ mit dem Backenbart hat mich sofort geduzt. Wie damals auf der Frühschicht in den Opel-Werken. "Sie" waren nur die da oben, die grauen Kittel, die Anzüge. Ständig vergeigen sie alles mit ihrer Planung, die nie klappt. Ingenieure bei Opel, Architekten auf dem Bau und die Politiker sowieso. Arbeit verbindet. Arbeitslos sein auch. Wer jemals im Bauwagen Wurstbrote ausgepackt und verglichen hat, kennt das. Wer nicht, dem ist das fremd. Der Unterschied? Leute, die im Bauwagen Mittag machen, arbeiten. Leute, die ins Büro gehen, haben eine Karriere. Wenn das wegfällt, sind beide arbeitslos. Die einen brauchen neue Arbeit, die anderen satteln um. Irgendwann geht beides nicht mehr.

Ein junger Mann mit Freundin. Er, Jeansjacke, graublonde kurze Haare, nach oben gebürstet, zieht eine Nummer, beide setzen sich. Sie ist blass, hat blonde fettige Haare, trägt hohe Buffalo-Turnschuhe und erzählt in einem fort von ihrer Cousine. Die hat sich in Harburg eine neue Küche gekauft. Er lehnt sich vor, knetet sein Handy, nickt und liest ein Informationsblatt. Sie fragt, ob er ihr zuhört. Er guckt sie an, lacht und sagt ja. Sie redet weiter, sieben Kinder, Geschirrspülmaschine. Der Herr mit dem Backenbart, mein Duzfreund, geht hinein. Die Freundin empört sich gerade: "Ich schaffe doch nicht für Siemens!" Ihr Freund starrt auf seinen Zettel. Dann ist er dran, steht auf, geht den Gang hinunter.

Der Backenbart kommt heraus, hat offensichtlich gute Laune und geht, ohne sich von mir zu verabschieden. Vor dem Aurzug steht eine junge Frau, sie ist nervös. Sie ordnet ihre Kleidung, ihre Unterlagen. Zieht ein Blatt aus ihrer blauen durchsichtigen Mappe, legt es oben auf und steigt in den Aurzug. Im obersten Stockwerk geht's zur Sache. Da werden Intensivgespräche gerührt, denke ich, auf der Intensivstation für Arbeitslose. Hier unten ist die Ambulanz. An der Wand hängen Plakate, die alle Patienten zur Selbsthilfe aufmuntern sollen, aber mit den Leuten, die hier sitzen, nichts zu tun haben. Auf einem ist ein Astronaut. "Es ist nicht die Frage, was Sie tun, sondern wohin Sie wollen", steht darauf. Im Vorraum stehen natürlich Rechner. Vor denen sitzen Leute, alle ein wenig jünger, und klicken durch Job-Datenbanken. Über ihnen hängen Infoposter für Umschulungen und smarte Förderungen, aber hier, zwischen DF-HEI, zählt die Nummer. Wer eine zieht, hat nur seinen Namen, eine Frage, und weiß nicht genau, wohin mit beiden.

Der Typ in der Jeansjacke kommt raus. Er hält einen Zettel in der Hand, bleibt stehen und atmet tief durch. Seine Freundin steht auf, beim Rausgehen sagt sie: " Und?" Eine Frau in einer Motorradjacke kommt durch die Tür und setzt sich. "In was für einem Staat leben wir hier eigentlich?", sagt sie. "Hier hast du nur Ärger." Sie sucht jemanden zum Dampf ablassen. Ich frage sie, was denn los sei. "Dafür zahlst du Steuern, weißt du?" Auf dem Sozialamt haben sie gesagt, sie könne doch ihr Motorrad verkaufen. Sie hat ihr Bankkonto geändert, das Arbeitsamt hat das Geld aber auf das alte Konto überwiesen. Die bei der Bank sagen, sie können nichts machen, solange das Geld noch nicht da ist. Jetzt sollen die mal vom Arbeitsamt gucken. Schließlich hat sie alles richtig ausgefüllt. Aber die gucken ja nie richtig hin.

Eine Sachbearbeiterin schaut um die Ecke und bittet die Motorradjacke herein. Sie kommt nach drei Minuten zurück, schadenfroh. "Na, dann telefonier' man schön", sagt sie und, "das kommt davon, wenn man nicht hinguckt." Ein Spruch nach dem anderen. "Wer die Scheiße baut, oder wie war das?" Sie hat Oberwasser. "Unsereins kriegt die Schuld, oder wie war das?" "Ich geh' eine rauchen", sagt sie, zwinkert mir zu und geht durch die Tür mit dem Nicht-Rauchen-Zeichen. Als sie zurückkommt, scheint sie ihre Euphorie weggeraucht zu haben. Sie setzt sich, knibbelt an ihren Fingern herum, quetscht die Schwielen in ihren schmalen Händen. Sie hat fusselige, lockig gebürstete Haare, ihre Haut ist blass, dünn. Die Sachbearbeiterin hat nun wohl jemanden erreicht, winkt die Motorradjacke wieder hinein.

Die Sachbearbeiter sehen alle gleich aus. Birkenstock-Schuhe, schlabbrige Pullis bis über die Hintern, Baumwollhosen. Alle nett, etwas dick, SPD-Mitglieder. Sie wirken lässiger als die Besucher, die gestriegelt und frisch geduscht ankommen, aber alle haben diesen geschäftigen Blick. Man ist ja nicht zum Vergnügen hier. Die einzigen, die etwas dumm aus der Wäsche gucken, sind die Ausländer. Das Bündnis für Arbeit - so muss es sich anfühlen, tief im Innersten. Die einen verwalten, die anderen haben sie, die Arbeitslosigkeit. Alle ziehen an einem Strang: Arbeit? Die Idee, dass man sich kümmert? Die Sachbearbeiter um die Besucher? Die Besucher um sich selbst?

Ein Inder kommt, klein, weiße Winterjacke, wache Augen, geht zum Nummernspender. Zieht aber keine Nummer, sondern starrt nur auf das Gerät, geht zur Tür, dann zur Raummitte, bleibt kurz stehen, dann geht er hinaus. Kommt wieder herein. Stellt sich vor den Aufzug. Nimmt dann aber die Tür rechts daneben, die mit dem Nicht-Rauchen-Zeichen. Ein junges Mädchen ganz in Schwarz, schwarz getönte Haare, kommt herein, zieht eine Nummer, setzt sich und kaut Kaugummi. Der Inder kommt aus der Tür. Holt einmal tief Luft, geht wieder hinaus. Zwei Minuten später kommt er zurück, der Inder. Er zieht die Nase hoch und verschwindet durch die Tür. Das schwarzhaarige Mädchen bewegt sich nicht, kaut nicht mehr. Sie starrt auf ein Plakat, das einen Meter vor ihr auf der Computerbox klebt. "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein". Der Inder, gerade erst zur Tür hinaus, kommt wieder herein, ist beschwingt, hat einen Stapel Papiere unter dem Arm, geht wieder durch die Tür.

Ein älterer Mann erscheint, Typ ausgemusterter Kirmesbremser in Sonntagskleidung. Ein Gesicht wie ein alter Lederball, platt geklopfte Nase, frisch gewaschene sauber nach hinten gekämmte graue Haare. Schiebt das Becken weiter vor als seine schmalen Schultern, geht schlaksig auf den Nummernkasten zu, zieht eine Nummer, setzt sich nicht, wartet, hat Zeit, schreitet durch den Raum. Ein kleiner russischer Junge, vier Jahre alt, steht vor seiner Mutter, die flüstert ihm zu, er hält ihre Nummer zwischen seinen Mini-Fingern hoch, wie eine Eintrittskarte, passt auf, das sie nicht kaputtgeht.

Passanten, Profis, Gäste und Schmarotzer. Jeder hat eine Geschichte, ein bisschen wie im Kino hier. Das passiert immer, wenn man Leute in eine genau umrissene Situation steckt. Wohlgemerkt, das ist nicht der "Big Brother"-Effekt, denn da haben sie keine Struktur, keine Nummern, und gammeln nur herum, diese Versuchsmenschen. Hier aber, im Herzen der Solidarität, gibt es für alle einen Eingang, drei Ausgänge und eine große Uhr. Die tickt und führt sie einer anderen Wirklichkeit zu. In ein Zimmer. Da ist man dran. Dort geht es für einen kurzen Moment nur um einen selbst.

Wenn sie hier wieder vorbeikommen, sitzen hier längst andere, die Verbindung ist abgetrennt. Alle sagen " Guten Tag", kaum einer verabschiedet sich. Mit der Angst beginnt die Solidarität. Sind die Fragen beantwortet, endet sie wieder. Auch das scheint eine innere Wahrheit des Bündnisses für Arbeit zu sein.

Ein großer, sehr dicker Mann watschelt schwer atmend herein. 1,85 Meter groß, er muss mindestens 200 Kilo wiegen. Speckiger Pulli, Jeanshose, fettige Haare. Hinter ihm eine ältere Frau mit Krücken, kann schlecht laufen, auch dick, aber nicht so sehr. Er zieht eine Nummer, ist noch jung, Ende 20. Sie setzen sich. Sie auf einen, er auf zwei Stühle. Die beiden reden leise, Mutter und Sohn. Sie hat Stoppeln am Kinn, er eine Stimme wie ein gealterter Donald Duck. Schweigt sie, guckt er seine Mutter immer wieder an, seine Augen verfolgen jede Bewegung, wie ein Welpe.

Der Kirmesbremser geht zum Aufzug und wartet. Der öffnet sich und heraus tritt der Inder. Er hat einen Zettel in der Hand, schüttelt den Kopf, sagt "Scheiße!" und verschwindet. Die russische Mutter ist dran. Der Inder kommt, geht zum Stehpult und füllt dort einen Zettel aus. Der dicke Mann und seine Mutter stehen auf und beeilen sich den Gang hinunter. Vor dem Aufzug steht ein Mann, er ganz in Eckkneipen-Schwarz, mit seiner Tochter und klopft Sprüche. "Wehe, wenn die mir Arbeit besorgen - wir sind wegen dir hier", und haut seiner Tochter mit der "Bild"-Zeitung auf den Kopf. Sie steigen in den Aufzug, die Tochter kichert. Der Inder guckt hilflos auf seinen Zettel, und kommt zu mir herüber.

Seit drei Jahren ist er in Deutschland. Die arabischen Buchstaben kann er nicht so, die Felder auf dem Zettel sind voller Kringel. Wir fangen noch mal von vorn an. Gelernt hat er nichts, aber ging zehn Jahre zur Schule in Indien. Die letzten zwei Jahre war er Grillchef im Block House. Was er denn gerne arbeiten möchte, frage ich. "Koch", sagt er, hebt die Brust und guckt mich an. Als wir fertig sind, geht er sofort um die Ecke den Gang herunter. Der Dicke und seine Mutter kommen heraus. Sie stehen am Aufzug und warten. Der junge Mann guckt wieder seine Mutter an, legt seinen Arm um sie, drückt sie fest und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. Der Aufzug öffnet sich und die beiden Riesenmenschen watscheln hinein. Der Inder kommt zurück. "Alles klar", sagt er und strahlt über beide Ohren. Es hat geklappt. Er hat seinen Anmeldebogen abgegeben. Ich gehe. Muss jetzt auch mal zur Arbeit.