Partner von
Partner von

Knapp vorbei

Standort-Marketing betreiben Kommunen mit Begeisterung und viel Geld. Neueste Zielgruppe: Start-ups. Doch die Neue Wirtschaft folgt auch bei der Standortwahl anderen Regeln.




Alando, heute eBay Deutschland, sitzt mitten in Kreuzberg, am Südstern, neben einem Teppichgroßhandel. Warum? "Wir wussten, dass eine Menge Arbeit vor uns liegt und niemand mehr Zeit für ein eigenes Leben haben würde, erklärt Jörg Reinboldt, heute Managing Director von eBay Deutschland. "Also wollten wir für alle dieselben Voraussetzungen. Damals entschieden wir, eine Großstadt zu wählen, in der niemand von uns zu Hause ist. Möglich waren Berlin und München." München war zu teuer. Da wurde es Berlin.

Aha. So also fallen Standort-Entscheidungen. Gelegentlich scheint das anders zu laufen. Konzerne wie IBM oder Daimler-Chrysler geben jährlich Unsummen aus, um Experten um die Welt zu schicken, die einen geeigneten Standort suchen sollen. Da werden Gutachten erstellt. Steuergesetze überprüft, die Sozialstruktur einer Region unter die Lupe genommen. Und Politiker tun ihr Möglichstes, um es dem Suchenden in ihrer Region so angenehm wie möglich zu machen.

Um Unternehmen in ihre Region zu lotsen, investieren Stadtverwaltungen viel Geld. Niemand hat einen Überblick, wie viele Millionen es insgesamt sind, doch allein in Berlin gibt es vier privat-wirtschaftlich gerührte Unternehmen, die jährlich mit einem Gesamtetat von 54 Millionen Mark für die Hauptstadt werben.

Standort-Marketing ist die Königsklasse der Verbands- und Politprofis. Da reden sie sich die Münder trocken, es fällt ihnen immer noch ein Grund ein, warum ihre Region die wirklich gute ist, um sich dort niederzulassen. Etliche Standortgutachten untermauern dies natürlich. In jeder einzelnen Kommune. Insbesondere an jungen Start-ups haben die Institutionen ihren Spaß entdeckt, seit in der Multimedia-Branche das Gründerfieber ausgebrochen ist. Man kämpft nicht mehr nur um schwerfällige Großunternehmen, sondern auch um kleine Internet-Buden. Mit deren Wachstumsraten kann man schnell eine Menge Menschen in Lohn und Brot bringen.

Dabei denken die Verantwortlichen jedoch allzu gern in alten Strukturen. Die von politischer Eitelkeit und Lokalpatriotismus bestimmte Standortpolitik der letzten 20 Jahre hat mit der aktuellen Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun. Es geht eben nicht mehr um plantagen-große Grundstücke oder Autobahn-Anbindung. Die Bemühungen, Gründern eine attraktive Infrastruktur zu schaffen, geht so oft am Bedarf vorbei. Dass dabei eine Menge Geld versandet, das an anderen Stellen helfen könnte, zieht sich quer durch die Institutionen. Arbeitsämter etwa bieten dutzendfach Weiterbildungsangebote für die IT-Branche an. Augenscheinlich nützlich, herrscht doch akuter Personalmangel in der Multimedia-Wirtschaft. Doch Rene Meißner, Gründer des Berliner Start-ups Tool42.com, war selbst Dozent und resümiert: "Von diesen Leuten würde ich keinen Einzigen einstellen." Die Ausbildung geht zu sehr am Bedarf vorbei, die meisten Ausbilder seien nicht kompetent genug.

Personal findet man im IT-Bereich lieber in eigenen Netzwerken. "Das Networking ist für diese Leute extrem wichtig", erkannte auch Ulrich Schmid, Bereichsleiter Informationstechnologie und Medienwirtschaft bei der Industrie- und Handelskammer Berlin. Also versucht er, die Gründer monatlich in einem Jour fixe zusammenzubringen. Ansonsten bietet die Kammer die üblichen Beratungsgespräche für Existenzgründer, informiert über die Gesetze, Möglichkeiten und vor allem die Fördersituation. Bei Letzterem gibt es allerdings nicht viel zu sagen: Die Gelder in der Bundeshauptstadt sind rar.

Das ist in Hamburg ganz ähnlich, weshalb beide Handelskammern nun versuchen, ihre Aktivitäten im Medien- und Multimedia-Bereich zu bündeln und besser zu koordinieren. So sollen gemeinsame PR-Aktionen die Geldtöpfe weniger belasten. Dennoch bleibt die Konkurrenzsituation zwischen beiden Standorten bestehen, wie auch Tanja Martens von der Hamburger Handelskammer betont. Ihr Berliner Kollege Ulrich Schmid sieht das zwar etwas moderater, doch wo selbst über die Frage gestritten wird, ob es nun das Medientandem Berlin-Hamburg oder das Medientandem Hamburg-Berlin sein soll, scheint der Erfolg der gemeinsamen Aktion etwas dürr.

Fakt ist: Beide Verwaltungen sind chronisch arm. Beide Städte haben den Ehrgeiz, Deutschlands Multimedia-Hauptstadt zu werden. Und beide trommeln kräftig, um diesen Anspruch zu unterstreichen. In Berlin erfand man den Slogan "Capital of Talents" und wirbt mit der Tatsache, dass 30 einschlägige Studiengängc ein enormes Nachwuchs-Reservoir stellen. In Hamburg begnügt man sich, eigentlich schon immer Medienhauptstadt gewesen zu sein, und schiebt die Verantwortung auf die Initiative Newmedia ab.

An dem Verein mit 120 Mitgliedern aus der Wirtschaft ist indirekt auch die Stadt über die Hamburgische Gesellschaft für Wirtschaftsförderung mbH beteiligt. Deren Geschäftsführer Uwe Jens Neumann ist gleichzeitig Vorsitzender des Förderkreises Multimedia und die treibende Kraft von Newmedia. Die Initiative bietet Existenzgründer-Beratung, Vermittlung von Kapital und Starthilfe sowie Unterstützung beim Knüpfen von Netzwerken. "Das Netzwerk, das sich hier aufgebaut hat", erklärt er, "ist vollkommen offen. Jeder kann sich einbringen. Die Aktivitäten des Förderkreis basieren auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner seiner Mitglieder." Marc Peters, Geschäftsführer der Internet-Lottobude Tipp24.de, nutzt das Angebot ausschließlich zur Kontaktpflege. Zum Beispiel dann, wenn sich auf Betreiben des Förderkreises viermal jährlich mehr als 500 "Online-Kapitäne" in den Gängen des Segelschiffes "Cap San Diego" im Hamburger Hafen drängeln, um zu klönen und Visitenkarten auszutauschen. "In den Institutionen sitzen Leute mit einer falschen Ausbildung und einer falschen Einschätzung der Realität. Die verwalten Fakten und Menschen ohne die Kreativität, die nötig wäre, um effektiv zu helfen." Doch gibt es unter den Start-ups auch begeisterte Mitstreiter bei Newmedia. So Tinka Thurston, Gründerin von Familyharbour.de, einem Dienstleister für Internetzugänge, die jugendgefährdende Inhalte automatisch sperren. Im Netzwerk, sagt sie, sei ein "unproblematischer und direkter Austausch zwischen Gründern" möglich.

Letztlich haben aber nicht die Reklame der Wirtschaftsbehörde oder die Aktivitäten von Newmedia die Standortentscheidung des jungen Unternehmens beeinflusst, sondern persönliche Gründe. Tinka Thurston ist Hamburgerin, "hier kannte ich Leute, das ist wichtig". Zudem saßen auch die Geldgeber für das Projekt an der Elbe.

"Natürlich", so Thurston, "bietet Hamburg alle Ressourcen, die für ein Internet-Unternehmen wichtig sind. Doch die finde ich auch in anderen Großstädten. Wichtig ist die Lebensqualität. Es ist schwer, zurzeit qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Wenn man also Leute ins Unternehmen holen will, muss man mehr bieten als Geld und einen guten Job." Mit dieser Art der Entscheidungsfindung ist die Gründerin bei weitem nicht allein. Über den Standort entscheidet bei den Start-ups meist der Bauch. Zudem beeinflussen zwei Überlegungen die Wahl des Firmensitzes. Da ist zum einen der Wohlfühlfaktor. Unternehmer wünschen sich ein angenehmes Klima, ihren künftigen Arbeitnehmern geht es nicht anders.

Unterstützt wird dies durch eine verheerende Personalsituation. In der IT-Branche sind derzeit rund 75000 Stellen frei. Gute Programmierer leben in der traumhaften Situation, sich ihren Job aussuchen zu können. Weil zudem fast alle Startups interessante Jobs und hohe Gehälter bieten, spielen diese Parameter eine untergeordnete Rolle. Der Jobsuchende kann also auch entscheiden, ob er die Berliner Party-Szene eher schätzt oder das nordisch-kühle Klima der Hansestadt.

Der zweite große Faktor bei der Standortentscheidung heißt "Netzwerke". Ohne die, so Martina Schlager von Tool42.com, "geht gar nichts". Die 30-Jährige arbeitet seit fast sechs Jahren in ihrem Job und gehört damit zu den Veteranen der Branche. Ihre Wurzeln liegen bei Pixelpark, ein Schicksal, das sie mit mindestens der Hälfte aller Berliner Multimedia-Unternehmer teilt. Pixelpark, 1991 als Internet-Pionier gegründet und heute im Teilbesitz des Berteismann-Konzerns, ist eine der wichtigsten Keimzellen der Multimedia-Branche. Etliche Ausgründungen aus der immer größer werdenden Firma schufen in Berlin ein Netzwerk kleiner Unternehmen. Viele der Ausgründungen sind inzwischen so groß, dass Mitarbeiter gehen und selbst Start-ups gründen.

So wächst die Szene in Berlin seit fast einem Jahrzehnt und schafft ein ebenso riesiges wie wertvolles Netzwerk, das die Gründer an die Stadt bindet. "Wenn ich ein Problem habe, finde ich immer sofort jemanden, der mir helfen kann. Bewirbt sich jemand bei uns, kenne ich mit Sicherheit jemanden, der mit diesem Menschen schon gearbeitet hat. Da entscheidet dann ein Telefonat eher über die Einstellung als die Bewerbungsmappe", erklärt Martina Schlager. "Das persönliche Netzwerk ist extrem ausschlaggebend für eine Standortwahl. Die institutionelle Unterstützung, die man haben könnte, ist zweitrangig." Zumal die angebotenen Beratungsleistungen immer wieder an ihre Grenzen stoßen. Martina Schlager; "Es wird meist sehr schnell sehr konkret. Ein Problem, vor dem wir stehen, ist der Schutz unserer Software. In Deutschland und Europa wird Software durch das Urheberrecht geschützt. Alle Beratungen haben ergeben: Sortware ist nicht explizit schützbar. Schützbar sind technische Patente, und als Technik versteht man hier scheinbar nur, dass jemand einen neuen Schraubenzieher erfindet. Das hat man nach drei Gesprächen raus und wird mit diesem Wissen entlassen. Es gibt also niemanden, der uns hilft. In Amerika kann man Software schützen, also sind wir quasi aufgefordert, dort ein Unternehmen zu gründen, das unsere Rechte schützt. Datenschutz ist ein ähnliches Thema. Ein Zertifikat darüber, dass unsere Software den deutschen Datenschutzbestimmungen entspricht, würde uns extrem helfen. Aber niemand sieht sich in der Lage, einen Sachverständigen zu stellen. Wenn es um wirkliche Probleme geht, sind wir schlicht allein." Da, wo Start-ups konkrete Hilfe brauchen, sind den Institutionen die Hände gebunden, egal in welcher Stadt. An dieser Stelle erscheint dann auch der Ansiedlungswettbewerb zwischen den Kommunen absurd. Denn hier geht es nicht mehr um die Überlegung "Hamburg oder Berlin", sondern um "Deutschland oder USA".

Angesichts dieser Situation ist es wichtiger, was die Szene selbst organisiert, wie beispielsweise Martina Schlagers Online-Stammtisch. Kontakte zum Establishment knüpft man auf edlen Partys. Danach treffen sich die Gründer in Hinterhof-Kaschemmen, Keller-Bars und kurzfristig zur öffentlichen Kneipe deklarierten Privatwohnungen. Dort entsteht manche Idee, manche Kooperation. Das ist wichtig für junge Unternehmer. Doch diese Situation verkennt man in den Institutionen.

Einer wie Thomas Heilmann ist da näher am Geschehen. Als geschäftsführender Gesellschafter von Scholz & Friends in Berlin, einer der großen deutschen Werbeagenturen, darf man ihn sicher zum Establishment zählen. Dennoch steht Heilmann in ständigem Kontakt mit jungen Start-ups und unterstützt viele in ihren ersten Monaten. Als Vorsitzender des Arbeitskreises Medienwirtschaft in der Berliner IHK versucht er, eine praxisnahe Brücke zu den Gründungsunternehmern zu bauen. Er kennt die Probleme der Szene und packt sie als Vermittler in die Luftblasensprache der Standortpolitiker.

Er sieht viel Handlungsbedarf. "Wir hinken in Berlin hinterher, vor allem gegenüber München. Ich will ein Beispiel nennen: Als in München und Berlin zeitgleich ein Businessplan-Wettbewerb startete, war die bayerische Regierung sofort mit Unterstützung dabei - mit Rat und Tat, persönlichem Engagement des Ministerpräsidenten und s 1 relativ viel Geld. In Berlin hat man gar nichts gemacht, die Sache einfach laufen lassen. Dennoch gab es hier die gleiche Anzahl an Bewerbern. Nur die Quote der dann umgesetzten Ideen aus 13; diesem Wettbewerb steht 1:10 zugunsten Bayerns. Und das liegt daran, dass der Staat dort anschiebend eingreift. Das ist weniger eine Frage von Geld als von Engagement." Einem wie Heilmann ist klar, dass die Entscheidung für einen Standort im Multimedia-Bereich selten kopflastig ist: "Die Anhäufung von emotionalen Entscheidungen für Berlin ist enorm hoch. Paulus Neef, ein Deutsch-Spanier, hat hier studiert, sich wohl gefühlt und 1991 Pixelpark gegründet. Für uns war es auch eine emotionale Entscheidung, dass wir hier sind. Jetzt sind wir mit Abstand die größte Agentur in Berlin." Ähnlich sah es beim Start-up Aperto Multimedia aus. So schiebt eine Entscheidung die andere an. Wenn die Stadt bei diesem Kreislauf mit Intelligenz und Engagement hilft, häufen sich die Zufälle. Und aus den Zufällen werden richtig große Unternehmen. Doch das intelligente Engagement staatlicherseits fehlt auch den Tool42-Gründern. Was da stattfinde, sagt Martina Schlager, sei eher ein "träges Szenario, obwohl die Bemühungen von der Szene wohlwollend zur Kenntnis genommen werden. Es sind Schritte in die richtige Richtung. Nur müssten gravierende se Schritte unternommen werden. Ähnlich der Green-card-Aktion von Schröder. Uns ist das ziemlich egal, weil wir ohnehin bereits im osteuropäischen Ausland Arbeitskräfte akquirieren und jedes absurde Szenario mitspielen würden, wenn es nur wenigstens eins gäbe." Statt lokaler Standortpolitik wünschen sich die Unternehmer eine Verwaltung, die sich grundlegender Probleme annimmt. Sei es in der Steuerpolitik oder der bei Lösung des Arbeitskräfte- Problems. So lange sich institutionelle Angebote auf das Lobbying oder die Meet-and-Greet-Ver-anstaltungen beschränken, macht es keinen großen Unterschied, ob ein Unternehmen nun in Hamburg, München oder Posemuckel sitzt. Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich nur marginal, was zählt, sind Kontakte und Atmosphäre. Solange Verwaltungen mehr mit ihrer Trägheit kämpfen, ist jede Start-up-Ansiedlung eher Glück als das Ergebnis von Bemühungen.

Kontakt: www.hamburg-newmedia.net www.berlin.ihk.de www.hamburger-wirtschaft.de