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Familienbande - Die Global-Chinesen

Früher verließen die Chinesen ihr Land, um zu überleben. Die Exil-Chinesen heute wollen kräftig im globalen Business mitmischen und viel Geld verdienen.




Donald Trump und Rupert Murdoch haben Konkurrenz bekommen: Von Global Players wie der Chinesin Nina Wang aus Hongkong, Robert Kuok aus Malaysia und der indonesischen, aber chinesischstämmigen Liem-Sioe-Liong-Familie. Innerhalb der vergangenen Jahrzehnte sind in den Staaten Südostasiens mächtige chinesische Business-Dynastien entstanden, deren Mitglieder zu den Reichsten der Welt zählen. Seit der Öffnung der Volksrepublik China und nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens lässt sich die neue Generation gut ausgebildeter, kapitalstarker und hochgradig mobiler Chinesen in aller Welt nieder. In den USA leben heute 1,8 Millionen Chinesen, in Moskau schätzungsweise 60 000.

Verluste für Peking - Gewinne für die Familie Die Wohlhabenden unter den Auslandschinesen verteilen ihre Geschäftsaktivitäten, Wohnsitze und Familien auf alle Kontinente. Die Kinder studieren in Oxford oder Yale, Residenzrechte werden in Kanada oder den Philippinen für sechsstellige Dollarsummen erkauft, die Ehefrauen pflegen Vorgärten in australischen Städten. Ihre praktizierte "flexible Staatsangehörigkeit" ist perfekt auf die Erfordernisse des globalen Kapitalismus abgestimmt: optimaler Zugriff auf Arbeitsmärkte, Steuerlücken und politische Sicherheit.

Die neuen Migranten sind nicht, wie die Betreiber des Chinarestaurants nebenan, bäuerlicher Herkunft, sie stammen aus den boomenden Küstenregionen und urbanen Zentren Chinas. Als Ungarn 1988 den Visumzwang für Chinesen zeitweilig aufhob, siedelten sich innerhalb von drei Jahren 40 000 von ihnen dort an. Ganze Verwaltungsbezirke in der Provinz Fujian sind mittlerweise auf die Auswanderung nach Ungarn spezialisiert. Landkarten, Sprachkurse und Reiseservice werden teuer angeboten. In Ungarn verkaufen die Chinesen konkurrenzlos günstige Kleidung, daheim gefertigt. Dabei profitieren sie von guten Beziehungen zu chinesischen Staatsunternehmen, die hoch subventionierte Waren zu Niedrigpreisen exportieren, nach dem Motto: " Verluste werden Peking gemeldet, Gewinne wandern in die eigene Tasche". Als Ungarn die Importzölle erhöhte, wanderte ein Großteil der chinesischen Migranten in benachbarte Staaten aus. Die in Ungarn verbleibenden diversifizierten: Friseursalons, Videoshops, landwirtschaftliche Betriebe.

Weltweit buhlen Staaten um das Kapital der erfolgreichen Auslandschinesen.

Frühere Generationen verließen China, um ihr nacktes Überleben zu sichern. Die neuen Migranten suchen Profit, polirische Stabilität, gute Schulen und persönliche Freiheit. Selbst ein Angestellter der chinesischen Zentralbank, der mit einem Chauffeur und monatlichen Prämien bis zu 5000 US-Dollar zur Elite gehörte, emigrierte nach Ungarn. Da verdient er zwar weniger Geld, aber der Konkurrenzdruck ist schwächer, der Gesichtsverlust beim Scheitern weniger dramatisch.

Staaten weltweit buhlen um das Kapital der erfolgreichen Auslandschinesen. Und die Volksrepublik ersetzt ihre marxistische Rhetorik durch einen ethnischen Nationalismus. Zu Maos Zeiten waren die Exilanten Staatsfeinde, heute betont Peking die Zusammengehörigkeit aller Chinesen. "Lasst Überseechinesen Brücken bauen. Lasst sie Wohlstand schaffen", verkünden Spruchbänder auf Pekings Straßen. Das Netzwerk verdichtet sich. 1998 empfing die Vereinigung der Auslandschinesen in Rom über 270 offizielle Delegationen der Volksrepublik. An einem der traditionellen Nachnamen-Feste, dem 12. Weltkongress der Hakka-Familie, nahmen 1900 Mitglieder aus 30 Ländern teil. Sie verpflichteten sich über 75 Millionen Dollar in China zu investieren. Insgesamt stammen 87 Prozent der Auslandsinvestitionen in der Volksrepublik von Auslandschinesen.

Auch andere Staaten, von Spanien bis Fidschi, versuchen die Musterkapitalisten zu locken. Die USA modifizierten 1990 ihre Immigrationsbestimmungen: Green Cards gibt es für Investitionen ab einer Million Dollar und der Schaffung von zehn Arbeitsplätzen. Allerdings sind die Chinesen selbst weniger beliebt als ihr Kapital. In Kanada und Kalifornien werden sie in regelrechten Hetzkampagnen für steigende Immobilienpreise verantwortlich gemacht. Und ihre Bemühungen um sozialen Respekt zum Beispiel durch Millionenspenden für Elite-Unis und Opernhäuser, werden ebenso belächelt wie Versuche, das kulturelle Kapital ihrer Kinder durch Ballettstunden aufzuwerten.

Auslandschinesen verstehen sich jedoch weniger als nationale Minderheiten, denn als globale Avantgarde. Dieses Selbstbewusstsein spiegelt sich in der Rhetorik südostasiatischer Staaten, die den asiatischen Kapitalismus als vom Westen unabhängiges Entwicklungsmodell propagieren: wirtschaftlich dereguliert und politisch autoritär. Als besondere Merkmale des "kommunitären Kapitalismus" gelten: guanxi, die persönlichen Beziehungen der Chinesen untereinander, in Verbindung mit den konfuzianischen Tugenden Loyalität und Fleiß.

Doch der enorme Wirtschaftsboom in Übersee verdeckt die Wiederauferstehung feudaler Ausbeutungsstrukturen auf dem chinesischen Festland. In den Fabriken der Auslandschinesen leisten junge Chinesinnen für wenig Geld harte Arbeit. Auch die Frauen und Kinder der reichen Auslandschinesen zahlen ihren Preis. Denn der ausgeprägte "Familiensinn", zentrales Element der asiatischen Werte, beschränkt sich oft nur auf im Geschäft mitarbeitende Söhne. Die Frauen der auch " Astronauten" genannten Männer bezeichnen sich in den USA als "Witwen" und ihren Nachwuchs als über Kalifornien abgeworfene "Fallschirmkinder".

China wird auch für Menschen im Westen attraktiv.

Im Westen findet unbemerkt eine alternative Globalisierung statt. Pan-asiatische TV-Programme, Filmstars wie Jackie Chan und Web-Seiten wie sina.com stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl der chinesischen Gemeinschaften weltweit. Doch auch Menschen im Westen passen sich dem chinesischen Kulturkreis an. Tamàs war Fahrer für eine chinesische Firma in Ungarn. Er arbeitete sich hoch, lernte Chinesisch und reist heute geschäftlich in die Volksrepublik. Mit seiner zehn Jahre älteren Chefin, deren Ehemann und Kinder in China leben, pflegt er eine Liebesbeziehung. Statt "Emergency Room" sieht er jetzt die chinesische Soap " Gelbe Sonne über der Donau".

Literatur: Pál Ny1íri: "New Chinese Migrants in Europe". Ashgate Publishing Ltd., Aldershot 1999 Aiwah Ong: "Flexible Citizenship - The Cultural Logics of Transnationality". Duke University Press, Durham 1999