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„DIE MACHEN DA KUNST“

Wer mit seiner Kunst leben will, braucht einen guten Galeristen oder einen Sponsor. Oder er hat den Mut, für seine Idee ungewöhnliche Wege zu gehen. Ein Beispiel aus Paris.




Das Haus stand leer. 13 Jahre lang, an der Rue de Rivoli, einer der großen Einkaufsstraßen in Paris. 2000 Quadratmeter ungenutzte Fläche, verteilt auf sechs Stockwerke, zwischen H&M, McDonald's und C&A, zwischen Läden voll Mode, Kosmetik und Elektronikartikeln. Eine Traum-Immobilie. Man muss schon sehr viel Geld haben oder sehr wenig Verstand, um ein derartiges Objekt verrotten zu lassen. Der ehemalige Besitzer, die französische Großbank Credit Lyonnais, hatte beides und musste privatisiert werden. Der neue Besitzer, das staatliche Consortium de Realisation, hatte finanzielle Probleme und nun auch rechtliche; beim Immobilientransfer ist eventuell nicht alles einwandfrei verlaufen – er kann seine Objekte nicht nutzen. Das Haus stand leer. Und das wäre wahrscheinlich noch lange so geblieben.

„In Paris stehen 18 Millionen Quadratmeter Wohn- und Büroflächen leer“, sagt Gaspard Delanoe. Der 33-Jährige ist Künstler, niemand verlangt von ihm Präzision, vielleicht sind es ein paar Millionen weniger. Oder mehr. Den Obdachlosen, die sich abends vor dem Frühlingsregen in die Eingänge der Metro flüchten, dürfte die exakte Zahl egal sein. Und den Künstlern, die sich, wie Gaspard, in der Metropole kein Atelier leisten können, wohl auch. „Paris ist unsere Hauptstadt, sie sollte eine Stadt für alle Menschen sein. Aber die heutigen Mieten können sich nur Leute leisten, die über 8000 Mark netto verdienen.” Die drei Künstler Kalex, Gaspard Delanoe und Bruno Dumont, kurz KGB, besetzten das Haus. Das war für sie nichts Neues, das Trio hatte schon bei einigen „Art Squats” beziehungsweise „Squarts” mitgemacht: Häuser, in denen Kunst her- und ausgestellt wurde, Partys gefeiert, gearbeitet und gelebt. Das vorletzte Squart war direkt gegenüber der Börse gewesen, nach Feierabend kamen die Broker vorbei, „und die haben tatsächlich unsere Sachen gemocht”. Das Besetzen ist Routine: In den ersten 48 Stunden kann die Polizei jeden Besetzer sofort entfernen, danach geht das nicht mehr ohne Gerichtsverhandlung. Also verhält man sich zwei Tage lang still, während man aufräumt und Wasser und Strom anschließt. Danach meldet man sich beim nächsten Polizeirevier und hat dann, dem schwerfälligen juristischen Apparat sei Dank, erst mal einige Zeit Ruhe. Doch diesmal sollte alles anders werden. 

„Wir wollten etwas Langfristiges machen, kein weiteres Zwei-Monats-Projekt. Also haben wir uns Regeln gegeben: keine Partys nach 22 Uhr, keine Graffiti, kein Dreck, keine Drogen, kein Ärger.” Das Konzept gefällt nicht nur der Polizei, sondern auch anderen Künstlern. „Das ist das beste Squart, in dem ich je war”, erzählt der Fotograf Victor Victor. „In anderen Häusern gab es immer Probleme, Sachen wurden geklaut, es wurde gedealt, die Bilder wurden zerstört, alles war runtergekommen, und niemanden interessierte es. Es ging da vor allem um Partys, Kunst war nur ein Vorwand.” Victor arbeitet mit Mikromatics, einer fotografischen Technik aus den zwanziger Jahren. Er hat sein Labor in einem kleinen Raum, den er, wenn er nicht da ist, abschließt: mit einem Stück Schnur, die locker um den Knauf gezogen wird. Nein, es ist bisher nichts weggekommen.

Das schönste Geschenk im Weihnachtsgeschäft: einen Ort der Ruhe finden Seit November ist das Haus, das jetzt „Chez Robert” heißt, eröffnet. 30 Künstler, je 15 Frauen und Männer aus verschiedenen Ländern, stellen hier nicht nur ihre Werke, sondern auch den Schaffensprozess aus: Die Räume sind zugleich Galerien und Ateliers, die Besucher können die Künstler im Alltag beobachten. Kunst ist Arbeit: Leinwände werden grundiert, Farben gemischt, Fotos arrangiert, es wird gemalt, gebaut, sogar genäht. Die Stimmung ist entspannt, alle reden mit allen, überall läuft Musik, jeder ist freundlich. Ganz besonders gegenüber den Besuchern. Das gehört zum Konzept: Am Eingang steht während der Öffnungszeiten immer jemand, der die Gäste begrüßt oder neugierig starrende Bummler einlädt. „Komm doch ruhig rein, es kostet nichts.” Die Leute kommen gern.

Die Eröffnung des Squarts fiel direkt in die Zeit des Weihnachtskaufrauschs, für den in den vier Wochen vor dem Fest sogar am Sonntag alle Geschäfte geöffnet waren. Der Fußweg vor dem Haus glich einem Topf brodelnder Milch, die Menschen schwappten bis auf die Fahrbahn. Viele kamen aus dem Umland, aus der Provinz, für einen Tag. Das gibt dem Geschenkesuchen den rechten Druck, keine Zeit für Scherze. Und dann mittendrin eine Geisha, die auf dem Gehsteig eine Teezeremonie veranstaltet? Die japanische Fotografin Miki Nitadori, die ihre Arbeiten im obersten Stockwerk des „Chez Robert” ausstellt, inszenierte mit Passanten das klassische Ritual, eine Oase der Ruhe im aufgeregten Lärm. Die kleine Aktion hatte verblüffende Folgen: Hektische Passanten verwandelten sich in leichtherzige Zuschauer oder Mitspieler, das größte Einzelhandelsfest des Jahres verblasste. Und so war es jeden Tag: Das Haus füllte sich mit Konsumenten, die durch sechs Stockwerke einkaufsfreie Zone strolchten. In den Händen schwere Tüten voll eilig erworbener Hoffnung auf zukünftige Freude. Doch ihre Schritte wurden von Stockwerk zu Stockwerk langsamer. Sie lächelten, plauderten untereinander oder mit diesen netten, Häuser besetzenden Kunsthippiepunks, ihre eiligen Gesichtszüge schmolzen dahin. Kunst macht schön. Die Künstler wie die Betrachter. Es war, als hätten alle darauf gewartet: eine Alternative zum Shopping. Uff, danke!

Kunst ist kein Hobby: Ohne regelmäßige Arbeit und Disziplin läuft nichts. 

Leicht ist der Betrieb eines solchen Unternehmens nicht. Kunst braucht Disziplin. Jeder putzt, so sieht das Haus aus wie die Schweiz, flott gefegt bis in die dunklen Ecken. Einmal die Woche macht jeder zwei Stunden Türdienst am Eingang. Der wichtigste Punkt aber: Alle sind verpflichtet, jeden Tag in ihren Räumen zu arbeiten – Hobbykünstler und Teilzeitfreaks sind nicht erwünscht. Das macht das Haus lebendig: „Künstler arbeiten in der Regel allein. Wir wollen gemeinsam eine kreative Energie schaffen, die ein einzelner Künstler nicht haben kann”, erklärt Gaspard. Und Miki ergänzt etwas pragmatischer: „Wir können miteinander kooperieren: Eine Tänzerin, ein Maler, ein Bildhauer und eine Fotografin können zusammen etwas machen, das jedem von ihnen Perspektiven bietet, die sie allein nicht finden.” Ein kleines Paradies also, dessen Ende eigentlich feststand: Anfang Januar fand der Prozess gegen die Besetzer statt – nie hatte eine Verhandlung anders geendet als mit einem Rauswurf. Doch irgendwann ist immer das erste Mal, drei Gründe kamen zusammen: Ein Staatssekretär aus dem Kulturministerium hatte das Squart besucht und den Künstlern eine Lösung ihrer Probleme zugesichert. Der Eigentümer des Hauses konnte keinen Bedarf an dem Objekt nachweisen. Und die Polizei lobte die Besetzer, mit denen sie nie Probleme hatte. So gönnte der Richter dem Kollektiv „Chez Robert” eine Fristverlängerung, vorerst bis Juli. Eine historische Entscheidung.

Nun ist es Frühling: Die Pariser sitzen wieder vor ihren Cafes, die Obdachlosen erfrieren nicht mehr auf der Straße, die Weihnachtsgeschenke aus dem letzten Jahr haben ihren Glanz verloren. Man shoppt durch die Welt der schönen Dinge, am Schaufenster neben dem „Chez Robert” starren die Kids auf die neuen Handys von Nokia. Vor dem Haus steht, wie immer, ein Künstler, lächelnd, „komm doch rein”. Statt der Fußmatte erwartet den Gast eine Senke voll Kleingeld, Passanten überqueren sie ehrfürchtig wie Störche mit großen Schritten, die Künstler stapfen hindurch – es ist doch nur Geld.

Alles ist noch etwas sauberer als zuvor, aber erstaunlicherweise ist auch die Qualität der ausgestellten Objekte viel höher. Kunst braucht Zukunft. Die Aussicht auf Beständigkeit beflügelt. Im obersten Stockwerk planen drei Tänzerinnen in einem leeren Raum eine Performance, nebenan baut die Argentinierin Yamila Maranon an Objekten aus Wasser, Ton, Knochen, Holz, was auch immer. Verkauft sie die? „Ungern. Ich muss das aber manchmal, weil ich kein Geld habe.” In einem Zimmer zwischen Gemälden zwitschern drei Teenies über die Schule, das Leben und andere Unendlichkeiten, eine halbe Stunde später stehen sie immer noch da. Ein Besucher irrt irritiert durch Gaspards „Museum Igor Balut”, einem Raum mit auf der Straße gefundenen Objekten, dessen Name willkürlich aus dem Budapester Telefonbuch gewählt wurde. Ein Stockwerk höher dreht der Karibe Thierry Hodebar zwischen seinen bunten, teilweise von Bambus gerahmten Gemälden eine Zigarette aus dem Rest eines Flugblatts.

Kunst und Politik: die Zukunft des Hauses und eine schöne Demonstration Nach dem Urteil wurde im ersten Stock eine Galerie für Gastkünstler eingerichtet. Es gab schon 160 Anfragen, bis September ist sie ausgebucht, auch wenn das weit über die erlaubte Nutzung geht. Der Bedarf für „Chez Robert” ist offensichtlich vorhanden. „Wir hoffen, dass wir länger bleiben können”, erklärt Gaspard. „Ein paar Leute wohnen hier. Wenn wir raus müssen, sitzen sie auf der Straße.” Immerhin ist das Haus nicht mehr allein. Besetzte Häuser gibt es zwar einige in der Stadt, in der Regel sind sie jedoch vom alten Typ, irgendwo zwischen dem letzten Schritt vor der absoluten Verelendung und dem ersten Schritt zur absoluten Party-Location. Mittlerweile gibt es Yabon, einen Besetzer, der seine Tätigkeit professionalisiert hat: Er zieht mit einer Gruppe in ein Objekt, feiert dort einige Wochen und lässt Künstler, gegen Gebühr, ihre Werke anbieten. Bis er sich von den Besitzern rauskaufen lässt: Da kann man gut verdienen. Doch es gibt auch ein neues Squart, das dem Beispiel von „Chez Robert” folgt.

Anfang März wurde ein 5000-Quadratmeter-Komplex in der Rue Pierre Charron 62 besetzt, 50 Meter von der Champs-Elysees entfernt, atemberaubende Räume mit Decken bis zum Himmel, riesigen Fenstern und Glasmalereien in dem von einer schweren Holztreppe beherrschten Treppenhaus. Juliette Marechal, die früher im „Chez Robert” ausgestellt hat, hilft beim Aufbau. Die Ateliers werden bereits genutzt, Arbeits- und Raumpläne gibt es ebenso wie Pläne für die Eröffnung. Ende April geht es vor Gericht, wie die Verhandlung enden wird, will niemand vorhersagen. Van Thai Nguyen, ein Vietnamese, der vor kurzem aus Berlin nach Paris gezogen-ist, hat hier vorübergehend eine Bleibe gefunden. „Paris ist so teuer”, sagt er, „ich bin froh, dass ich hier sein kann.” An der Bastille fand am 24. März eine Demonstration statt. Kurz darauf gab Premier Lionel Jospin dem Druck des Volkes nach und entließ einige Minister. Hier, in diesem Moment, an diesem Ort, weiß das noch niemand. Der Platz ist voll: Schüler, junge Leute, gute Bürger, sogar Pensionäre drängeln sich zwischen Spruchbändern und Baiions. Stimmen, Gelächter und Musik erfüllen die Luft, es riecht nach Würstchen, Frühling. Und Hoffnung. Man atmet sie ein, jeder Atemzug füllt die Lungen mit Licht, ohne dass es je enden würde. Es ist wie ein Bad in der Elektrizität der Zukunft. Unglaublich, wie viel Hoffnung auf so einen Platz passt. Es ist fast wie Kunst.