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DIE ERSTE BILANZ

Sie sind fit in Bilanzrechnung? Dann blättern Sie weiter. Wenn es Ihnen geht wie unserem jungen Account-Manager - alles mal gehört, aber vergessen, wie´s geht - lesen Sie weiter.




Der Auftrag ist unangenehm klar: In drei Tagen soll der neue Assistent dem Chief Manager über die Finanzlage des Unternehmens berichten. Jetzt nur nicht den Kopf verlieren...

Zuerst mal ein Mineralwasser (wegen der Spurenelemente), das macht den Kopf frei. Holen Sie einmal tief Luft, legen Sie angenehme Musik auf, und gehen Sie nach dem folgenden Alarmplan vor: Noch einmal kurz zur Erinnerung -Bilanzanalyse ist die übliche und verkürzte Bezeichnung für die Analyse des Jahres oder Monatsabschlusses, der gemäß Paragraph 242 Abs. 3 HGB neben der Bilanz auch die Gewinn- und Verlustrechnung des Unternehmens umfasst. Nach Paragraph 264 Abs. 1 in Verbindung mit Paragraph 289 HGB ist der Jahresabschluss für Kapitalgesellschaften um Anhang und Lagebericht zu erweitern. Bilanzen richtig zu lesen heißt, ihre Aussagen zutreffend zu interpretieren.

Sie sind nur ein Mensch, das wird Ihnen im Zweifelsfall niemand verübeln. Begeben Sie sich auf eine metakommunikative Ebene, aber vergessen Sie weit reichende theoretische Grundzüge zur Bilanzanalyse. Das erledigt jedes Computerprogramm (SAP, DATEV, Lexware etc.) automatisch auf Knopfdruck. Versuchen Sie nicht, komplizierte Kennziffern oder Auswertungen auf eigene Faust zu erstellen. In der Theorie funktioniert das immer, deshalb nennt man das auch "Bilanztheorie". Der jahrelang in der Praxis tätige Bilanzfetischist hat da keine Probleme, der erstellt seine Konzernbilanz zwischen Frühstück und Morgendusche. In der Praxis tun sich hingegen Probleme auf, von denen Sie in Ihren kühnsten Nächten noch nicht einmal zu träumen wagen.Gehört Ihr Unternehmen zu einem Konzern, so wird es mit der Rechtslegung nach IAS(International Accounting Standards) bzw. US-GAAP (Generally Accepted Accounting Principles) erst richtig spaßig. In Wirklichkeit jedoch gestaltet sich das Bilanzieren unkompliziert - wenn man es mal ganz simpel betrachtet.

Grundlage einer Bilanzanalyse ist der Konzernabschluss. Denken Sie aber nicht in der Größenordnung eines Konzerns, sondern stellen Sie sich den Einzelabschluss einer Frittenbude vor, das macht die Sache leichter. Intelligenz ist die Fähigkeit, aus Erfahrung Nutzen zu ziehen und das Gegebene in Richtung auf das Mögliche zu überschreiten. Also: locker bleiben. Was ist denn nun eine Bilanz? Der Name wird vielfach auf den Mönch Luca Pacioli (anno 1494) zurückgeführt. "Bilancia" heißt "zweischalige Waage" und bedeutet ein Gleichgewicht zwischen Vermögen und Schulden, Kapitalformen und -quellen. Bilanzanalytiker des 20. Jahrhunderts haben dynamische (Eugen Schmalenbach), statische (Herman Veit Simon) und organische Fritz Schmidt) Bilanztheorien geprägt. Prina, aber das hilft uns nicht weiter.

Also, erstellen wir mal schnell eine Bilanz. Es kommt hier mehr auf eine Trendbeschreibung an als auf Zahlen, die hundertprozentig stimmen. Nach Aussagen namhafter Uni-Professoren sind Rundungsdifferenzen bis eine Million Euro im grünen Bereich. Es gilt das Prinzip " wysiwyg" - what you see is what you get - mit wenigen Analysepositionen. Stellen Sie sich die Bilanz Ihres Unternehmens angereichert mit fiktiven oder reellen Zahlen vor. Alle langlebigen Wirtschaftsgüter, wie das Betriebsgebäude (38 000 Euro), Produktionsmaschinen (20000 Euro), Betriebs und Geschäftsausstattung (BGA - zum Beispiel Personalcomputer, Schreibtisch, total 2000 Euro), sind mit einem Wert zu bemessen. Sie bilden das Anlagevermögen. Idealerweise (aber eher unwahrscheinlich) klebt an allen Anlagegegenständen noch das Preisschild aus dem Supermarkt, dies sind die " historischen Anschaffungskosten". Lassen sich Letztere nicht feststellen, so ist der allgemeine " Verkehrs- oder Teilwert" anzusetzen, der etwa den Wiederbeschaffungskosten entspricht. Ihr netter Kollege ist im Übrigen als Humankapital nicht bilanzierungsfähig; die teure Uhr am Handgelenk des Chefs gehört zur Kategorie "Privatvermögen" (im Gegensatz zum "Betriebsvermögen") und hat in der Bilanz ebenfalls nichts zu suchen.

Zum Umlaufvermögen zählen insbesondere Gegenstände, die sehr schnell zu einem Mittelzufluss (Liquidität) rühren. Ihr Sekretariat schreibt Ausgangsrechnungen, das sind die Kundenforderungen (total 15 000 Euro). Ihr Unternehmen produziert schließlich irgendwelche Dienstleistungen oder Produkte, beispielsweise Gummibärchen. Die Tierchen stellen die Vorräte dar (10000 Euro). Liquide Mittel (15000 Euro), also Bank- und Kassenbestand, lassen sich in Ihrem Unternehmen ebenfalls auftreiben. Anlage- und Umlaufvermögen milden die Aktivseite der Bilanz. Wenden wir uns der Passivseite zu. Wahrscheinlich schulden wir der Bank irgendwie Geld für ein Darlehen (35000 Euro), um unser Vermögen zu finanzieren. Gummibärchen unser fiktives Produkt) bestehen aus einer Rohmasse und die Lieferanten-Rechnungen hierfür (30000 Euro) sind noch nicht bezahlt. Ihr Unternehmen schuldet dem Finanzamt Umsatzsteuer (5000 Euro). Das Eigenkapital ist eine rein rechnerische Größe (Vermögen minus Schulden - Bilanzsumme 100 000 Euro minus Fremdkapital 70000 Euro) und für eine weiter gehende Erstanalyse (relativ) unbedeutend.

Ist also keine Bilanz im Unternehmen auffindbar, so erstellen Sie sich selbst eine. Dies geschieht durch Inventur, also "Messen, Schätzen, Wiegen, Zählen". In unserer Darstellung wird diese Begrifflichkeit hermeneutisch mit "Schätzen" ausgelegt. Notieren Sie alle Vermögens- und Schuldenwerte mit Mengen- und Wertangaben. Die Kurzform des Inventars ist die Bilanz. (Im Paragraph 266 HGB finden sich weitere Bilanzpositionen).

Findet sich doch noch irgendwo in einer Datei auf Ihrem PC oder als Printausgabe mit vielen bunten Bildern eine Bilanz, sind die Summen von Anlagevermögen (AV), Umlaufvermögen (UV), Eigenkapital (EK) und Fremdkapital (FK) direkt ersichtlich. Übertragen Sie die vier Werte (gegebenenfalls mit Vorjahreszahlen) in ein Tabellenkalkulationsprogramm, und stellen Sie die Zahlen als Stabdiagramm grafisch dar. In unserer fiktiven Gummibärchen-Bilanz wurde ein mathematischer Grundwert (Bilanzsumme) von 100000 Euro angenommen, das macht die Sache etwas leichter. Die Berechnung der Kennzahlen erfolgt "vom Hundert". AV und UV bezogen auf die Bilanzsumme zeigen die Anlage- (60 Prozent) bzw. Umlaufvermögensintensität (40 Prozent). Erstere weist auf die Branche des Unternehmens hin. Industrieunternehmen weisen einen höheren Prozentwert aus als reine Dienstleister. Nach dem gleichen Verfahren lassen sich die Eigen- (30 Prozent) bzw. Fremdkapitalquote (70 Prozent) errechnen. Je höher die Eigenkapitalquote, desto finanziell unabhängiger ist das Unternehmen. Die Anteile AV zu UV und EK zu FK sollten Sie ebenfalls grafisch (in einem 100-Prozent-Säulendiagramm) darstellen.

Das war's. Sollten Sie zum Thema Bilanzanalyse " light" noch nicht genug Staub aufgewirbelt haben, so lassen sich weitere Kennzahlen wie Fremdkapitaldeckung, Verschuldungskoeffizient und Anlagendeckung berechnen. Schauen Sie mal in der einschlägigen betriebswirtschaftlichen Literatur nach. So ergibt die Differenz von FK und UV das "working capital", der Quotient UV/FK (40/70, also 57,1 Prozent im Beispiel) entspricht dem "working capital ratio". Der Begriff hon sich gut an und entspricht im Übrigen der Liquidität dritten Grades. Anhand dieser Kennzahl wird die zukünftige Zahlungsfähigkeit des Unternehmens beurteilt. Je höher der Betrag, desto besser wird die Firma eingestuft. "Ratio" bedeutet " vernünftiger Bilanzzusammenhang". In unserem fiktiven Beispiel (das mit den Gummibärchen) stehen einem Fremdkapital FK von 70 000 Euro ein Umlaufvermögen UV von 40000 Euro gegenüber. Treten plötzlich alle Gläubiger an das Unternehmen und fordern (zunächst unabhängig von der Fristigkeit) ihre Schuld ein, so gibt's einen Liquiditätsengpass von minus 30000 Euro. Anlagengegenstände müssen verkauft werden, der Produktionsprozess ist gefährdet.

Zur Berechnung des einfachen Cash-Flow addieren Sie zum Jahresüberschuss die Abschreibungen. Der Cash-Flow zeigt die Finanzierungsverhältnisse im Unternehmen. Ihre Firma weist im laufenden Geschäftsjahr einen Gewinn von - sagen wir mal - 20 000 Euro auf. Sie überleben die nächtliche Bilanzierungspraxis nur deshalb, weil Sie sich wie in Ihrer Studentenzeit nachts mit isotonischem Gummibärchensaft auf Trab halten. Eine Privatentnahme der Gummibärchen im Wert von etwa 5000 Euro wäre gewinnneutral, schmälert aber die Investitions-, Vermögens- und Finanzkraft des Unternehmens. Zur weiteren Begriffsbestimmung sei auf das Dokument HFA 01/1995 zur Kapitalflussrechnung des IDW (Hauptfachausschuss des Instituts der Wirtschaftsprüfer) verwiesen.

Langfristiges Vermögen AV sollte mit langfristigem Eigenkapital EK gedeckt sein. Im Beispiel ergibt die Division EK/AV genau 50 Prozent (30/60). Es handelt sich bei allen Kennzahlen um betriebswirtschaftliche Schätzwerte. Genauer wird die Analyse, wenn Sie dem (langfristigen) Eigenkapital die langfristigen Schulden (wie etwa langfristige Darlehen, Hypotheken) direkt zuordnen. Aber wir überlassen endlose und nutzlose Statistiken den Buchhaltern. "Pi mal Daumen" ist manchmal genauer als ein unübersehbarer Zahlenfriedhof. Lassen Sie die Finger von extravaganten Berechnungen wie etwa dem Leverage-Effekt oder der multivariaten Diskriminanzanalyse (MDA), der Anfänger verrennt sich hier nur.

Die Ergebnisse Ihrer Analyse können Sie den Durchschnittswerten der Branche gegenüberstellen. Entsprechende Zahlen halten Industrie- und Handelskammern oder das Statistische Bundesamt bereit. So bekommen Sie einen Eindruck über die Marktstellung Ihrer Company. Halten Sie außerdem beharrlich Kontakt zu den Wirtschaftsprüfern Ihres Unternehmens. Und das ist auch schon das Stichwort: Ihr Unternehmen! Jedes Unternehmen ist in seiner Historie und Unternehmenskultur gewachsen. Versuchen Sie diese so schnell wie möglich zu verstehen.

Stellen Sie einen informellen Kontakt zu anderen Abteilungen her. Tragen Sie einen netten, lockeren Anzug, und gehen Sie mit der Abteilungsleiterin einen Kaffee trinken. Werden Sie nicht zu persönlich, wenngleich die Frau weiß Gott wie toll aussieht.

Stellen Sie formell Kontakt zu anderen Abteilungen her. Die Aussage im Monatsabschluss: "Im letzten Monat wurden 22386,58 Euro für Marketingaktivitäten ausgegeben" gibt nicht besonders viel her. Schauen Sie hinter die Kulissen. Aber beschränken Sie sich auf einige ausgewählte Analysepositionen. Der Tag ist lang, und in der Public Relation Division sitzt auch noch eine gut aussehende Dame, die Kaffee trinkt. Als junger Student war das anders, Sie liefen den Mädels nach, weil Sie sie einfach mochten. Ur-Instinkte sind in der betrieblichen Praxis des Homo oeconomicus fehl am Platz. Mann sollte das nicht vergessen.

Der große Tag naht. Denken Sie über einen effektiven Medieneinsatz nach (Flip-chart, mehrfarbige Stifte, einen funktionierenden Overheadprojektor, gegebenenfalls Kopien), und vergewissern Sie sich einfacher methodischer Moderationstechniken. Ein kleiner Streifzug durch die Verhaltensforschung lohnt sich: Sobald Sie die Vorstandsetage betreten, befinden Sie sich unter Wölfen. Sie sind weder paarungswillig, noch lebensmüde - also wahren Sie eine Distanz von drei bis vier Metern zu ihrem Auditorium. Diskutieren Sie keine Bilanzierungswahlrechte, denn die sind meist sehr tiefgründig in der Entstehungsgeschichte des Unternehmens verwurzelt. Und: Seien Sie demokratisch in Ihren Ansichten. Jeder am Tisch hat seine eigene Meinung zur Bilanz. Und jeder hat gute Argumente