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Alles in Ordnung

"Things are going to slide, slide in all directions won´t be nothing, nothing you can measure anymore." (Leonard Cohen, "The Future", 1992)




Leonard Cohen ........... The Future, Columbia Rec.
Magnolia ..................... Regie: Paul Thomas Anderson; Darsteller: Tom Cruise, William Macy, Julianne Moore
Charles Fort..................... The Complete Books of Charles Fort. Dover, New York 1975
Louis Kaplan ..................... The Damned Universe of Charles Fort. Autonomedia, New York 1993

Man musste Leonard Cohen sehen, wie er im Konzert auf der Bühne stand, ein dürres Ausrufezeichen im schwarzen Anzug, und von der Zukunft sang. Dem Mann war das ernst, er sprach von Orientierung und Ordnung, beziehungsweise von deren Verlust. Und das 1992, als kaum jemand das Ausmaß der Des- (und Um-)Orientierung unserer spätkapitalistischen Informationsgesellschaft erkannte. Da war er ein echter Visionär. Und wie viele Visionäre: besorgt. Zu Recht?

Der Regisseur Paul Thomas Anderson spielt zu Beginn seines Films "Magnolia" mit dem Begriff " Zufall", verwirft ihn aber, nachdem er kurz von drei unwahrscheinlichen, aber wahren Begebenheiten erzählt hat: "Zufall? Ich glaube nicht. Solche Dinge passieren", erklärt er lapidar aus dem Off. In den folgenden drei Stunden entwirft der Amerikaner ein atemberaubendes Panorama, in dem verzweifelte Menschen durch einen komplexen Alltag irren, hin- und hergeschubst von Ereignissen, die außerhalb ihres Einflusses liegen. Im Gegensatz zu Robert Altmans ähnlich strukturiertem Werk "Short Cuts" gönnt der Regisseur seinen Zuschauem und den Protagonisten keine Erholung: In den ineinander verschachtelten Episoden schleppen sich die Figuren zwischen Krankheit, Tod, Drogensucht und Einsamkeit von einem emotionalen Ausnahmezustand zum nächsten - und keine der Figuren lacht, drei Stunden lang! In dieser (auf der diesjährigen Berlinale völlig zu Recht preisgekrönten) Skizze erscheint das Leben hoffnungslos kompliziert, aber letztlich nicht unbedingt sinnlos: Immerhin scheint die Welt für ihre Bewohner zu sorgen. Wenn auf Los Angeles Frösche herabregnen, fette Kröten mit Glubschaugen, die einfach so vom Himmel fallen, ist das nicht nur ein Zitat der biblischen Apokalypse, sondern auch die Steigerung eines Gewitters: ein reinigendes Ereignis, als wären mit den Tieren all die Unerträglichkeiten materialisiert und vom Himmel gewaschen. Nun ist die Luft sauber, lasst uns atmen.

Anderson ist unübersehbar von dem amerikanischen Kosmographen (so der selbst gewählte Titel) Charles Fort (1874-1932) beeinflusst. Der vergessene Kreuz-und-quer-Denker sammelte Daten zu unwahrscheinlichen Ereignissen, wie eben zu Froschregen, die er in Werken wie "Lo!" (Siehe!) ebenso ernsthaft bedachte wie die Relativitätstheorie. Fort schrieb: "Wenn alles zusammenhängt, dann lässt sich bestenfalls fiktiv aus der Verkettung aller Phänomene etwas herausgreifen." Anderson tut genau dies, er nimmt beliebige Menschen, es könnten auch deren Nachbarn sein, und stellt sie in eine unentwirrbare Vernetzung von allem mit allem, die in letzter Konsequenz in genau die Uferlosigkeit führt, die dem Moralisten Leonard Cohen Albträume bereitete.

Doch auch Anderson ist Moralist, und so lässt er seine Zuschauer wie seine Figuren nicht allein: Er macht klar, dass jede Entscheidung, jede Handlung jedes Einzelnen in jeder Sekunde zählt, dass die Welt nicht im Chaos driftet, sondern im Leben seiner Wesen. Und er liefert in der letzten Minute seines Films sogar einen Maßstab fürs Leben: Tu, was du willst, solange es jemanden glücklich, solange es jemanden lächeln macht. Endlich ein Lächeln, nach 180 Minuten. Da glaubt man wieder an eine Ordnung, die der Welt innewohnt. Oder auch nur eine, die der Mensch schaffen muss. Mit jeder Handlung, in jedem Moment.