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New Politics? - Die Generation @ und der digitale Marsch auf die Institutionen

Lost Generation? Politik-, parteien-, gar wahlverdrossen sollen die Twentysomethings sein. Die Zahlen mögen den Kritikern Recht geben. Die Wahlbeteiligung der Jungen sinkt stetig.




Generation connected. Wahlen werden immer mehr zu einer Auseinandersetzung zwischen der heute über 60-jährigen Nachkriegsgeneration und den regierenden Baby Boomern. Deren real existierende Besitzstandsthemen (Rente, Steuer, Osterweiterung) stoßen allerdings bei der Generation Net auf geringes Interesse.

Was verbindet die Netzgeneration? Vor allem ein weit verbreitetes Gefühl ökonomischer Unsicherheit und gleichzeitiger Freiheit. Für die allermeisten dieser Generation, deren lebenslanges Einkommen geringer ausfallen wird als das ihrer Eltern, wird es ein Zurück in die alte Arbeitnehmergesellschaft nicht mehr geben. Schnelles Geld und schneller Reichtum sind daher in. Startups, New Economy, Aktienkurse sind ihre neuen Themen.

Für diese Generation ist eines gewiss: Unsicherheit und kreatives Scheitern. Lernen bedeutet für die heute 20- bis 30-Jährigen das Lösen von Aufgaben, oft am Rande der Überforderung und Selbstausbeutung. Schulen, Universitäten und Trainee-Programme lassen sie möglichst schnell hinter sich. Die Bildung der Zukunft findet jenseits der klassischen Anstalten statt.

Mobilität, Flexibilität und Multi-Tasking sind die neuen Kompetenzen. Wissen ist das Kapital der Zukunft (nicht Information!). Arbeit, Freizeit, öffentliches und privates Leben, Engagement und Unterhaltung verschwimmen und gehen ineinander auf.

Commitment auf Widerruf. Eine Generation ohne Agenda und politisches Profil? Durch permanentes Zappen und Surfen verhaltensgestört, sozial impotent? Die jüngste Shell-Studie widerlegt ein gern geglaubtes und verbreitetes Vorurteil. Das Interesse der 16- bis 26-Jährigen an Politik und Gesellschaft nimmt nicht ab, sondern zu. Die Lust am Engagement und sich zu beteiligen steigt, aber nicht innerhalb der konventionellen Parteien und Strukturen. Und: Das Engagement muss sich lohnen.

Die neuen Pragmatiker sind ausgeprägte Individualisten und schätzen Unabhängigkeit über alles. Was sie hierfür brauchen, sind klare Rahmen und innerhalb dieser starke Eigenverantwortung. Als Lebensunternehmer kapitalisieren sie ihre Arbeitskraft und ihr Wissen. Das Vermögen der Zukunft will gewinnbringend angelegt, gepflegt und weiterentwickelt werden. Geld-, Sozial -und Dienstleistungen gibt es nicht mehr getrennt.

Die Währung der Zukunft: Aufmerksamkeit Marke und Produkt eines Netzwerkes stehen für das Portfolio des 21. Jahrhunderts: Können, Werte und Ziele. Der Glaube an sich selbst produziert mehr innere Stärke und Stabilität als jeder Arbeitsplatz. Der Glaube an das eigene Können, die eigenen Werte und Ziele ist die beste Lebensversicherung in der Orientierungslosigkeit. Geld ist wichtig, wichtiger ist das Team. Das knappe Gut der Zukunft ist Aufmerksamkeit. Erfolg entscheidet sich immer mehr über Beachtung und Achtung.

Gefragt sind in Zukunft Netzwerk-Könner, die kompetente und verlässliche Netzwerke aufbauen und on demand Antworten, Lösungen und Leistungen geben können. Virtualität allein wird nicht genügen. Die Basis der neuen Netze: soziales Ansehen, Leidenschaft für die Sache, der Wille zu kooperieren.

Digitale Politik im Zeitalter der Volksparteien. Rhetorisch messen die Parteien Internet und eKommunikation ein großes Gewicht bei. Mit dem professionellen Feedback-Handling sind Abgeordnete und Mitarbeiter jedoch meist überfordert. Für Politiker und Parteien stellt das Internet immer noch eine lediglich ergänzende und die politische Kommunikation beschleunigende Technik dar. Das Medium als Verkündigungsorgan statt Transparenz und Bürgerbeteiligung? Das Netz als Politikersatz?

Die digitale Demokratie widerlegt die These, dass moderne Demokratie nur repräsentative Demokratie sein kann. Das Internet garantiert ein Mehr an Zugang und Öffentlichkeit und erlaubt Abstimmungen und Wahlen auch jenseits von Raum und Zeit. Zwar ist eine völlige Transformation der repräsentativen Demokratie nicht zu erwarten; parlamentarische Demokratie wird jedoch in Zukunft durch die neuen Medien einem stärkeren Rechtfertigungs- und Legitimationszwang ausgesetzt als je zuvor.

Virtuell denken, real handeln. Die beiden größten deutschen Volksparteien unterscheiden sich vor allem bei der Höhe der Besteuerung. Die eigentlichen Fragen, vor der die Netzgeneration steht - Was soll eigentlich besteuert werden? Wer soll Steuern zahlen? In was soll investiert werden? - bleiben unbeantwortet. Das Ende des Wohlfahrstaates und die Reduzierung der Staatsverschuldung im investiven Bereich geht zu Lasten der Jugend. Wichtiger als die Sparquote ist die Investitionsquote einer Volkswirtschaft.

The-Next-Generation-Projekt: digitale Demokratie Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es möglich ist, sich online registrieren zu lassen, um zu wählen und die Leistung der Politiker mittels elektronischer Punktsysteme zu bewerten. Noch werden die politischen Seiten des Netzes durch Informationsangebote, nicht durch Informationsaustausch und -nachfrage bestimmt. Das Internet wird als politische Arena nur so gut und demokratisch sein, wie es die Netizens machen. Und es werden nicht parteipolitisch gebundene Anbieter sein, die neue Wählerbildung und -bindung betreiben. Von der Zuschauer- zur Beteiligungsdemokratie?

Parteien und Politiker haben mit dem Internet, genau wie alte Medien und die alte Wirtschaft, einen neuen Rivalen bekommen. Wer analog und offline das Rennen machen will, muss digital und online herausgefordert werden. Von sich aus werden es die alten Privilegierten nicht tun. Die Synthese der Netzgeneration - fiskalische Vernunft, familienfreundliche Politik, soziale Investitionen Wahlreform, Umweltschutz und eine innovative Technologiepolitik - wird durch die digitale Revolution beschleunigt und zur Agenda der Zukunft gemacht.

New Politics? Demokratie und Marktwirtschaft haben eines gemeinsam: Sie hängen von Bedingungen und Voraussetzungen ab, die sie selbst nicht garantieren können. Um das Versprechen der ökonomischen und technologischen Innovationen des 21. Jahrhunderts einlösen zu können, muss die Netzgeneration die politische Arena betreten und anfangen, sie mit ihren eigenen Mitteln, Internet und Neue Medien, und mit ihren Netzwerken zu beeinflussen. Dazu wird sie die beiden vergangenen Revolutionen - in den Sechzigern: Wertewandel, soziale Emanzipation und in den Neunzigern: Globalisierung und New Economy - auf neue Art verbinden müssen. Gesellschaftlich progressiv, fiskalisch konservativ heißt der neue Mix.

Agenda 21. Die große politische Frage zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist, ob die Webcommunity das Potenzial ihrer Agenda nutzt und aus ihrer gegenwärtigen Abneigung gegenüber Politik herauswächst. Wird sie mit der neuen Technik, mit der sie aufgewachsen ist, kommuniziert und ihr Geld verdient, auch die Gesellschaftspolitik der Zukunft gestalten? Bislang galt das neoliberale Credo, wonach das Internet am besten nach den Gesetzen des Marktes regiert werde. Wie lange noch?

Daniel Dettling hat soeben den ersten Band in der Edition Berliner Republik herausgegeben: Deutschland ruckt -Die junge Republik zwischen Brüssel, Berlin und Budapest. P.O.D. Print, Frankfurt/Main 2000; 210 Seiten; 24,80 Mark