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Gesellschaft - Neuer Trend: Verbiegen statt Zerbrechen

Dem flexiblen Unternehmen gehört der Markt, dem flexiblen Menschen die Zukunft. Der Körper ist traditionell flexibel, die Welt sollte es bald werden. Auch diesen Text sollten Sie besser flexibel lesen.




Hoffentlich sind Sie flexibel. Denn wie wollen Sie ohne Flexibilität trotz Spezialisierung, flexibler Arbeitszeiten und flexibler Belegschaften den mörderischen Überlebenskampf auf dem Weltmarkt überstehen?

Seit den siebziger Jahren steigt - im Zuge der Pluralisierung der Gesellschaft und der Öffnung des Weltmarktes - die Nachfrage nach einer immer differenzierteren Produktpalette. Der Janis-Joplin-Fan will ein anderes Autopolster als der Unternehmensberater. Deutsche Hausfrauen wollen ihre Waschmaschinen von vorn, französische von oben füllen. Der konsumentengesteuerten Diversifizierung fallen auch die Organisationsstrukturen des Taylorismus zum Opfer. Starre Unternehmenshierarchien werden von losen Netzwerkstrukturen abgelöst, die in kleinen Einheiten ad hoc Konzepte entwickeln und Probleme lösen. Firmen verlagern einen Großteil ihrer Produktion auf Subunternehmer. Volkswagen fertigt gerade mal 30 Prozent seiner Autos in eigenen Werkhallen. MCC, der Hersteller vom Smart, tritt sogar nur noch als Broker auf.

Der neue Arbeitnehmer soll genauso flexibel sein wie sein Betrieb und der Markt, dem beide dienen. Routine und Sicherheit raus, Veränderungswille und Risikolust rein. Im firmengesponserten Trainingskurs balancieren Mitarbeiter in Schwindel erregender Höhe über wackelige Balken und lernen nicht nur, sich mit ihrer Angst zu konfrontieren, sondern auch, dass nur die Biegsamen den gefürchteten "Pampas-Balken" ohne Schaden überqueren.

Flexibel sind aber nicht nur Firmen, sondern auch ihre Produkte. Im Büro erleichert Ihnen das Registersystem Flexfile die Arbeit. Sollten Sie Ärger mit dem Chef kriegen, probieren Sie's bei der Arbeitsvermittlung Flex-Time, oder gehen Sie gleich auf die Skipiste, wo die Tyrolia Free Flex Skibindung für Halt sorgt. Abends empfiehlt sich dann Flexeril zur Entkrampfung der Wadenmuskeln.

Jede Institution, von Universitäten bis hin zum Gesundheitssystem, wird heutzutage auf ihre Flexibilität überprüft. Die Psychologen haben die "soziale Intelligenz" entdeckt, die sich durch psychische Flexibilität auszeichnet. Global Players pflegen die flexible Staatsbürgerschaft und sammeln Pässe wie andere Leute Matchbox-Autos. Die Soziologen erforschen flexible Familienformen und die Patchwork-Biografie. Feministische Theorien sehen das besondere Potenzial von Frauen in ihrer, jawohl, Flexibilität, die es ihnen ermöglicht, vielen verschiedenen Aufgaben auf einmal gerecht zu werden (während wir dies schreiben kocht eine von uns, die andere spitzt die Malstifte der Kinder an). Und während man in den Achtzigern seinen Körper mit Gewichtheben und Aerobics stählte, so dehnt man sich heute im Pilates-Training und findet sein Gleichgewicht durch Tai Chi.

Flexible Körpermechanismen entziehen dem Händewaschen seine Theorie Der Paradigmenwechsel von starren, passiven zu flexiblen, aktiven Organisationsformen spiegelt sich auch in unserem Verständnis von Gesundheit und Krankheit. In den vierziger und fünfziger Jahren wurde der menschliche Körper als eine Maschine angesehen, die durch äußere Krankheitserreger bedroht wird. Die Haut war die Festungsmauer, und wer gesund bleiben wollte, tat alles, um Mikroben und Bakterien den Zutritt zu verwehren. Man wusch sich die Hände, achtete auf saubere Kleidung und erklärte mit zahllosen Desinfektionsmitteln den unsichtbaren häuslichen Feinden den Kampf. Das Körperverständnis war mechanisch. Nicht nur das Auto kam in die jährliche Inspektion, auch der Körper wurde komplett durchgecheckt, gern vom Firmenarzt.

In den sechziger Jahren setzte sich allmählich die Vorstellung durch, dass auch innerhalb des Körpers Schutzmechanismen gegen Krankheitserreger existieren und gebildet werden können. Die Immunologie revolutionierte das Krankheitsverständnis von Wissenschaftlern und Laien gleichermaßen. Heute gilt der Körper als hochkomplexes System, das aktiv auf seine Umwelt reagiert. 98 Prozent des Immunsystems bestehen aus kleinen Lymphozyten, die sich flexibel und spezifisch den jeweiligen Herausforderungen anpassen und auf verschiedenste Signale reagieren. Die alte Grenzziehung zwischen Eigenem (" gut") und Fremdem ("schädlich") musste dabei von der Forschung revidiert werden, denn die Abwehr unterscheidet nur bedingt zwischen beiden. Antikörper werden vom Körper routinemäßig produziert und erst nachträglich selektiert und angepasst. Gerade die Erforschung der Immunkrankheit Aids hat gezeigt, wie komplex ein Virus, aber auch die körperlichen Reaktionen auf ihn sein können.

Flexible Systeme sind besser. Also: Wer nicht flexibel ist, ist nicht gut Das Konzept der Flexibilität entstammt der Systemtheorie. Erstaunlich schnell sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse über komplexe Systeme ins populäre Weltbild eingesickert und haben sich in den verschiedensten Alltagsdomänen verbreitet. Ein gesundes System ist demnach eines, das wie ein Hochseilakrobat nie still steht, sondern sich ständig von einer instabilen Position in die nächste hinüberrettet. Flexible Systeme können Schocks und Niederlagen aushalten und schnell auf Veränderungen reagieren.

Das neue Paradigma hat nicht nur Organisationsformen und Krankheitskonzepte verändert, sondern auch die Maßstäbe, an denen Menschen sich selbst und andere messen. Flexibilität gilt als Wert an sich, in diesem neuen Weltbild sind manche Menschen überlebensfähiger als andere. Pech für die, die aufgrund falscher Gene und schlechter Lebensführung ein schwaches Immunsystem haben und früher ins Gras beißen müssen als ihre spirulina-gestählten Konkurrenten. Verantwortung wird individualisiert. Immer mehr Menschen geben sich selbst die Schuld an der eigenen Krankheit oder dem beruflichen Versagen. Denn nicht mehr institutionelle Strukturen und ungleiche Machtverhältnisse verursachen Arbeitslosigkeit, sondern die Unflexibilität des Einzelnen. Zu wenige Überlebenstrainings gebucht?