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Kunstgewerbe

1980 führte Benedikt Taschen einen Laden für Comic-Hefte in Köln. Heute besitzt der 39-Jährige einen der größten Kunstbuchverlage der Welt. Dabei hat ihn Geld nie interessiert. Er macht das alles für die Kunst.




Am folgenden Tag findet in Zürich eine große Vernissage statt: Sieben Galerien stellen in einem umgebauten Industrie-Areal ihre Künstler vor, es gibt spröde monochrome Farbstudien, sperrige Pappobjekte, riesige milchige Fotos. Einige Sachen - eine Fraktalspirale mit dem "Spar"-Logo, das die Idee der Brandscapes ironisiert, ein paar Installationen, die von den Gästen vollkommen zu Recht als Spielplätze für Erwachsene erkannt werden - empfangen die Besucher mit offenen Armen, doch die meisten Arbeiten beharren auch nach längerer Betrachtung auf Unzugänglichkeit und Abstraktion, ohne erhebliche Vorkenntnisse lassen sie niemanden ran. Auf meinen Einwand, dies sei doch recht elitäre Kunst, die die Masse der Menschen schon im Ansatz ausschließt, antwortet eine Einheimische nur halb ironisch: "Das stimmt, aber wir wollen ja überhaupt keine Masse. Weil wir reaktionäre Arschlöcher sind." Eine Wahrheit über das Leben in Fotos von toten Menschen und zerstörten Autos Am Tag zuvor besuche ich Benedikt Taschen, Gründer und Verleger des Taschen Verlages in Köln, der sein Unternehmen seit 1980 zu einem der größten Kunstbuchverlage der Welt aufgebaut hat. Ein furchtbarer Tag, schlecht geschlafen, das Aufnahmegerät defekt, der Zug wird wegen einer Bombendrohung umgeleitet, abends, auf dem Weg nach Zürich, gibt es eine weitere Umleitung wegen eines Personenunfalls, sprich: Jemand hat sich auf die Gleise geworfen. Was ist hier eigentlich los?

Fortan denke ich jedes Mal an diese entgleisten Stunden, wenn ich den Band "Car Crashes & Other Sad Stories" von Mell Kilpatrick durchblättere, denn irgendwo hier, in diesen Schwarzweißfotos aus den fünfziger Jahren von Autounfällen und ähnlich tödlichen Begebenheiten, liegt eine Antwort zu dieser vagen Frage, zwischen den zerstörten Maschinen und den zermalmten Körpern, auf den von Schrecken, Angst, Schock oder schlicht vom Tod gezeichneten Gesichtern lauert eine Wahrheit über das Leben und die Zivilisation. Es ist ein schöner Band, gut gebunden, exzellent gedruckt, hervorragend zusammengestellt. Und er kostet nur läppische 29,90 Mark. Ein Buch von Taschen.

Billig. Das war der Ursprung von Taschens Erfolg. Der 39-jährige Verleger, vor einer Wand mit seinen Produkten, erzählt, während er Bücher aus dem Regal zieht, Kunst des 20. Jahrhunderts, Dali, Picasso, Bände, die sich jeder leisten kann: "Es ist natürlich bei Büchern immer eine Frage, was es ist, aber auch, wie es produziert ist. Wir möchten Bücher machen, die interessant sind und modern, aber wir wollen sie auch technisch so produzieren, dass die Leute das zahlen können, dass sie es kaufen können. Wenn man sich die Mühe macht und keiner kauft es, dann ist das frustrierend." Große Pausen zwischen den Satzteilen, die Worte kommen, als müssten sie sich durch enge, total verstopfte Gassen quetschen. Und diese Formulierungen, manchmal wie aus einem Band über die Riten fremder Völker. "Und wenn es gut ist, dann hat man das abgeschlossen, dann kann man was Neues machen." Drei Teile einer Biografie: der offizielle, der inoffizielle und der gesellschaftliche Benedikt Taschen ist wie seine Heimatstadt Köln: mittelgroß, unauffällig, zurückhaltend. Unkonzentriert, andauernd blättert er in irgendetwas rum. Er versteckt sich, seine Persönlichkeit, bis zur Banalisierung durch Mythologisierung. Den Mythos kann man der Pressemappe entnehmen, sie wurde vom Chef persönlich zusammengestellt und verrät im Inhalt ebenso viel wie in den Auslassungen: Der Arztsohn, der mit 19 Jahren eine Comic-Buchhandlung eröffnet hat, kauft 1983 40 000 Bildbände über den Surrealisten Magritte, für einen Dollar das Stück, und verkauft sie in zwei Monaten für 9,95 Mark das Stück weiter. So wird er Verleger für Kunst- und Bildbände zu Volkspreisen. Für 9,95 Mark gibt es bald eine ganze Reihe über Klassiker der Kunst, es folgen Bände zu Design, Architektur, Erotik, die teureren kosten 49,95 Mark. Gute Qualität, vergleichsweise billig, dank hoher Auflagen und rigidem Auftreten gegenüber dem Buchhandel: Die Produkte werden anfangs nur direkt und palettenweise verkauft, Mindestabnahme 100 Exemplare. So wird aus dem elitären Kunstbuch, das andere Verlage als Insignie bürgerlicher Kultur teuer anbieten, die Stapelware für alle.

Der Verlag wächst, internationalisiert sich, bald heißt es, alle drei Sekunden wird irgendwo auf der Welt ein Taschen-Buch verkauft, Mitte der Neunziger sind es nur noch zwei Sekunden. Offizielle Umsatzzahlen gibt es allerdings nicht. Gerüchten zufolge läuft unter einer Auflage von 20000 Stück überhaupt nichts, später heißt es 30000, vermutlich ist auch das zu niedrig. Benedikt Taschen gönnt sich immer wieder überraschende Spaße. In frühen Katalogen gibt es neben Verlegerempfehlungen auch Warnungen des Verlegers: Dies ist leider ein schlechtes Buch.

Die Bücher bleiben billig, die Konkurrenz, die den Neuling hasst, ohne ihm mehr vorwerfen zu können, als dass er eben billiger ist, folgt mit Low-Budget-Reihen, Kunst wird Allgemeingut, die Preise für Ausstellungen und Museen steigen, Unternehmen verbessern ihr Image durch Sponsoring von Kunstereignissen, die ungeahnte Publikumsmagnete werden, alle Menschen haben plötzlich Kunstbücher und Lieblingsmaler, jeder macht sich Gedanken um die Gestaltung von Gebäuden, alle gehen zum Potsdamer Platz und denken, es sei eine Ausstellung misslungener Architektur, gesponsert von Sony und Daimler-Chrysler.

Das steht aber nicht in der Pressemappe. Wie so vieles: Taschens erstes Buch erschien 1980, eine Sammlung erotischer Cartoons. 1983 war der Fan des kürzlich verstorbenen Donald-Duck-Zeichners Carl Barks bereits Comic-Verleger, seine hoch ambitionierte Reihe Taschen-Comics scheiterte jedoch mit erstklassigen, in Deutschland allerdings völlig unbekannten, neuen französischen Talenten - heute sind die Alben teure Raritäten. Es gab weitere Misserfolge, auch davon kein Wort, ebenso wenig wie über das Privatleben. Mit einer Ausnahme. Für einen Katalog ließ sich Benedikt Taschen mit der Lektorin, damaligen Lebensgefährtin und heutigen Ehefrau Angelika Muthesius, heute Taschen, fotografieren: er in lässiger Pose, sie daneben. Nackt. Spaß? Provokation? Kunst? Alles und mehr? Es wurde nicht aus der Firmengeschichte getilgt.

Angelika Taschen, Ehefrau & Lektorin, liebt Leni Riefenstahl & Los Angeles Dabei wirkt Angelika Taschen ebenso wenig exzentrisch wie ihr Mann. Sie ist seit den Achtzigern im Verlag, hat Kunstgeschichte studiert, der Job bei Taschen war ein Glücksfall. In früheren Interviews erzählte Benedikt Taschen auch mal, wie er sich von seinen Angestellten in künstlerischen Fragen beraten lasse, denn er selbst habe von Kunst nicht genug Ahnung. Den Eindruck hat man inzwischen nicht mehr, seine Frau durfte dazu ihren Teil beigetragen haben.

Die Kunsthistorikerin plaudert fröhlich vor sich hin, man könnte sagen, so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Wie sie Los Angeles liebt, dass es an der Zeit war, Leni Riefenstahl als Künstlerin zu würdigen, weshalb es der Verlag jetzt mit einem Buch tut, wie sie Köln mag, dazwischen ein Kölner Spruch: Jeder Jeck ist anders.

Der Unterschied zwischen Erotik und Pornographie: Erotik kann Spaß machen Toleranz als Tradition. Das könnte ein Verlagsmotto sein, denn neben feiner Kunst produziert Taschen auch weniger stubenreine Erotik. Keine verschämten Kunstbildchen, sondern Full Frontal Nudity, von der akzeptierten Hochkultur Helmut Newtons und Nobuyoshi Arakis bis zu potenziellen Schmuddelsex-Produkten von SM-Zeichner Eric Stanton oder Fußfetischist Elmar Batters. Es heißt, dass Taschen 80 Prozent des Umsatzes mit Erotik macht. Laut Verlag sind es nur 16 Prozent, aber selbst wenn es anders wäre, bliebe noch die kleine Frage: na und?

Denn das ist neben der Popularisierung der Kunst ein weiterer Erfolg des Verlegers: Er hat die Erotik aus dem letztlich lustfeindlichen Pornographie-Ghetto in den Alltag geholt. Heute gibt es in jeder Buchhandlung Sex zum Angucken, eingehüllt nur in eine dünne Decke der Kunst, zum Schutz gegen den kalten Wind reaktionärer Gesetze und Moralvorstellungen.

"Das macht ja auch Spaß", meint Angelika Taschen zum Erotikprogramm. "Außerdem kann man damit anderen Menschen zeigen, dass sie nicht allein sind. Dass das, was sie interessiert, andere auch interessiert." Ich denke an "Digital Diaries" von Natacha Merritt, die ihre sinnlichen, sehr modernen Fotos voller schwer atmender Frauen und sehr nackter Geschlechtsorgane erst im Internet publiziert hat, weibliche Erotik fürs neue Jahrtausend. Klar interessiert das viele, aber Benedikt Taschen ist ganz woanders: "Mir ging das früher auch so, als ich noch Comics gesammelt habe. Ich dachte immer, ich sei der Einzige, aber dann habe ich Hefte gefunden, in denen ich über andere Sammler las, und plötzlich war ich nicht mehr allein." Comics, Kunst, Sex. Drei schöne Kinder, die lange im Ghetto der Unkultur leben mussten.

Die einfachste Erklärung für den Erfolg des Taschen Verlags wäre diese unglaubliche Normalität. Benedikt Taschen war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, seinen Spaß an Kunst, Architektur oder auch Erotik teilte er mit vielen, als intuitiver Lotse auf dem Strom der Zeit realisierte er die Trends einer zunehmend besser informierten und vielfältiger interessierten Masse, weil er ein Teil von ihr war und ist. Dafür spricht, dass das Programm vom Ehepaar Taschen persönlich zusammengestellt wird, und zwar auch nach persönlichen Vorlieben, was zur Folge hat, dass das Verlagsprogramm heute wesentlich origineller und einfallsreicher ist als vor zehn Jahren. "Wir haben uns ja auch weiterentwickelt. Wir wissen mehr, lernen neue Sachen kennen, sind von anderen Dingen begeistert und wollen das eben teilen. Das war früher auch schon so, aber damals waren wir jünger, deswegen war das Programm anders. Und unser Publikum wächst mit uns." Mit dem Lotsen den Strom hinauf.

Die andere Erklärung ist komplizierter. Ich las den Namen Benedikt Taschen zum ersten Mal Ende der Siebziger in Comic-Sammler-Magazinen. Da bot er in ganzseitigen Anzeigen für besonders seltene Hefte 1000 Mark das Stück, ein Preis, der heute normal ist, damals allerdings in der völlig unkommerziellen Szene den Hass schürte: Taschen verdirbt die Preise. Den Vorwurf wiederholten zehn Jahre später Kunstbuchverlage, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. In den Siebzigern trieb Taschen die Preise angeblich in die Höhe, in den Achtzigern in den Keller. Die Frage liegt nahe: Was bedeutet dem Mann Geld?

Benedikt Taschen zwischen Bildern von Jeff Koons und Martin Kippenberger "Geld? Na ja, es ist gut, was zu haben. Aber so einfach auf der Bank interessiert es mich eigentlich nicht. Man muss was damit machen, sonst ist es nichts. Das Einzige, was mich wirklich interessiert, ist Kunst." Das kann man sehen. Das Verlagshaus, ein schönes Gründerzeit-Gebäude, ist mit moderner Kunst ansehnlich gefüllt, es gibt viel Jeff Koons, im Zimmer des Verlegers hängt der Künstler im Überformat mit seiner Ex-Frau Cicciolina, nackt, Geschlechtsverkehr simulierend, auf der anderen Seite des Raumes ein fast ebenso großer Kippenberger, Jesus am Kreuz. Mein Verdacht, das Bild könnte eventuell lustig gemeint sein, wischt Benedikt Taschen gedankenverloren mit einem irritierten Kopfschütteln weg: "Nein, das glaube ich nicht. Das wäre mir auch zu kompliziert." Kunst eins: Wie man damit leben kann, wenn man viel herumkommt und genug Geld hat Fängt man an, über jemanden nachzudenken, zu schreiben oder gar zu recherchieren, hört man mit einem Mal Unmengen von Klatsch, Sachen, die man nicht wissen will, von veröffentlichen ganz zu schweigen - die Öffentlichkeit muss nicht alles wissen, es gibt schließlich auch eine Privatsphäre. Doch in Berlin erzählt mir ein Maler, den ich in einem Comic-Laden treffe, wie reich Benedikt Taschen sei. Dass er tolle Häuser kaufen würde, in Los Angeles das berühmte Chemosphere-House von John Lautner, ein tausendfach fotografiertes Meisterwerk der Architektur. Dass für die von Angelika Taschen betreute Reihe über schönes Wohndesign gern die Häuser von Freunden fotografiert würden, das sei so ein bisschen Angeben. Aber was soll's, wenn's Spaß macht. Und dass Taschen andauernd Kunst kaufen würde, Kippen-berger und Oehlen hätte er durch seine Käufe einige Zeit quasi finanziert, auch er, der nicht ganz unbekannte Maler hätte schon an den Verleger verkauft. Taschen selbst hatte leise, mit sehr dürren Worten davon erzählt, wie er ab und zu Künstler treffen würde. Die Hälfte des Jahres sei er unterwegs, da gäbe es schon persönlichen Kontakt, manchmal. Ein Tonfall, als würde der Kölner erklären, auf seinem Balkon gäbe es Elfen, aber wirklich nur eine ganz kleine Kolonie.

Kunst zwei: Wie sie den Menschen verwandelt und was er dann noch will - nichts als Kunst Doch das wäre dann die andere Erklärung. Die Kunst. Kunst macht Kunst, so wie Sex Sex macht: Ist man erst mal auf den Geschmack gekommen, will man immer mehr. Doch Benedikt Taschen weiß zu genau, wie gut und schwer Kunst ist. Ja, er fotografiert, aber er kennt die besten Fotografen der Welt, er wird seine Sachen nicht ausstellen. Also macht er, was er kann: Bücher produzieren, jedes ein kleines, bescheidenes Kunstwerk der Vermittlung. Ein Programm zusammenstellen, das Geld macht und schön ist. Und dabei ehrich sein, der Ausdruck wichtiger als die Konvention. Nicht absichtlich, nicht geplant, nein, einfach, weil es richtig ist, normal. So wären die Bücher schon in ihrer Existenz ein Erfolg. Und wie das so ist, Erfolg zieht Erfolg an, der innere den äußeren. Abwegig? Kaum. Die künstlerisch erfolgreichsten Bilder sind auch die teuersten. Das Unternehmen als Kunstwerk. Der Unternehmer als Künstler. Schön, oder?