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Kerstin, früher Model

Sie ist eine von den Frauen, die ihr Leben lang aussehen wie frisch geschlüpft. Die Art, wie sie ihr dünnes Haar am Hinterkopf zusammenknotet, wirkt ungeschickt und rührt das Herz. Ihr Mund bewegt sich schnell, wenn sie redet, und sie redet ständig. Spricht jeden Gedanken aus. Das zwingt sie zu absoluter Ehrlichkeit. Und so kommt es, dass sie sich auf die Unterlippe beißt und ihre Seele vor sich her schiebt:




"Das Schlimmste, was mir jemand antun kann, ist, mich wegen der Fotos zu mögen, die von mir gemacht wurden." Warum? "Weil ich mir damit keine Freunde kaufen will. Die Leute sollen mich mögen, obwohl ich gemodelt habe und nicht weil." Sie muss sich deshalb keine Sorgen machen. Man muss sie mögen. Sie sieht aus wie ein Hippie.

"Eigentlich hätte ich das ja lernen müssen, wie ich mich schön anziehe und meine Haare mache." Stimmt. "Ich hätte auch lernen müssen, wie man dichtmacht. Das ist wichtig. Sie gebrauchen deinen Körper, da sollten sie wenigstens zu deiner Seele keinen Zugang haben." Sie zieht ihre Beine an, umschließt sie mit zu langen Armen und macht ein Paket aus sich. So kann keiner ran.

"Die meisten Models können das prima: mit niemandem reden. Ich konnte das nie." 1992 ist Kerstin mit einer Freundin in Südfrankreich. Vier Wochen Sprachkurs. Am Strand spricht sie ein junger Fotograf an. Ob er wohl Bilder von ihr machen dürfe? Er darf, und weil er nett ist, darf er es jeden Tag. Am Strand und im Hotel.

"Das sind die schönsten Bilder, die jemals von mir gemacht wurden." Sie zeigt sie ohne Scham und ohne Spott. Ohne Ach-das-war-nur-so-und-so und ohne Schau-was-die-da-wieder-mit-mir-gemacht-haben. Was eigentlich die Kerstin-übliche Kommentierung von Kerstin-Bildern ist. Sie hält Distanz zur Arroganz.

Ein Jahr später, nach dem Abitur, schicken sie ihre Eltern von Düsseldorf nach Belgien. Die Tochter soll studieren, etwas Ordentliches lernen. Und wieder wird sie angesprochen, im Zug. Diesmal nicht von einem Fotografen, sondern von einer belgischen Bookerin. Eine Woche später sitzt Kerstin im Flieger nach Mailand. Sie ist aufgeregt, weil etwas losgeht. Ehe sie sich versieht, hat sie in Italien eine Agentur. Wie und warum weiß sie nicht, so scheint es wohl zu laufen, plötzlich sind da Leute, die sagen, sie seien jetzt deine Agentur.

Die Agentur bringt sie in einem Hotel unter, schickt sie zu Castings, gibt ihr Kaffee zu trinken und Taschengeld. So verbringen viele junge Frauen ihre Tage in Mailand: zu Castings gehen, in der Agentur sitzen, Kaffee trinken. An einem dieser Tage wird Kerstin überfallen und ausgeraubt. Alles ist weg, und sie beschließt, auch wieder weg zu sein. Fährt nach Hause nach Düsseldorf und lässt sich von ihren Eltern den Kopf waschen. Sie sollte in Belgien studieren und nicht in Mailand herumsitzen. Also tut sie, was von ihr erwartet wird und wovor niemand Angst hat: Sprachen studieren in Düsseldorf.

Doch die Abenteuerlust siegt über die Langeweile. Kerstin geht gegen den Willen ihrer Eltern nach New York, mit ein paar hundert Mark in der Tasche. Wieder wird sie von einer Agentur gefunden und zu Castings geschickt. Sie bekommt eine Menge Optionen, das sind Reservierungen, die den Wert eines Models steigern, aber gebucht wird sie noch nicht.

Dann wird sie dem Booker von Ford und Elite vorgestellt. Der will, dass sie die Agentur wechselt und zu Elite geht, aber Kerstin hat schon einen anderen Vertrag unterschrieben. Einen Vertrag mit ihrer Mutter, in dem steht, dass sie nach vier Wochen zurückkommt. Kerstin findet, dass man Verträge einhalten muss, und so sagt sie Elite, dass sie nicht kann und fliegt wieder nach Düsseldorf.

Sie steht in ihrer Küche, in ihrer Ein-Zimmer-Mädchen-Wohnung in Hamburg und schimpft. "Mann, jetzt ist mir der Kaffee am Filter vorbeigelaufen! So was passiert mir ständig, ich bin irre ungeschickt. Vielleicht, weil alles an mir so lang ist." Sie bewegt sich wie Geena Davis als Thelma, die Frühstück für ihren gewalttätigen Ehemann zubereitet. Entnervt, aber bemüht. Und sie sieht auch ein bisschen aus wie Geena Davis, mit dieser Oberlippe, die so vorsteht.

"Ich hab als Kind Kunstturnen gemacht, und da hab ich gelernt, dass du für alles kämpfen musst, dass dir niemand was schenkt." Sie setzt noch mal Kaffee auf.

1995 wird es ernst. Kerstin gewinnt den Elle-Model-Wettbewerb. Unter Tausenden von Mädchen fällt ihr Gesicht auf. MTV macht einen Film über sie. Jean-Paul Gaultier ist entzückt von ihr. Sie darf in Paris auf seiner Schau laufen. Sie entfärben ihre Augenbrauen. Ihre Mutter darf im Publikum sitzen. Hat sich schön gemacht, ihr bestes Kleid angezogen. Und sitzt in Farbe im schwarzen Block der Modewichtigen. Später, im Hotel, verbringen Mutter und Tochter die Nacht damit, verklebte Rastalocken wieder zu blondem Haar zu machen.

Der Kaffee ist durchgelaufen, diesmal hat es funktioniert.

Kerstin trinkt in großen Schlucken, so dass man es im Stockwerk über ihr hören kann. "Auf den Schauen wird wahnsinnig viel geschrien. In der Branche wird überhaupt sehr viel geschrien, weil so wenig gedacht wird." Sie trinkt jetzt langsamer und leiser. " Donatella Versace schreit am meisten." Schon am nächsten Tag ist da wieder eine Agentur, Marilyn, die Firma von Marilyn Gauthier, die sich um alles kümmert: Abends fein essen gehen, hier, das ist übrigens der nette Fotograf, bei dem du heute Nacht schläfst, morgen früh fliegst du nach London, du wirst für ID Model Management arbeiten. ID. London. Schneller. Den netten Fotografen verliert Kerstin im Pariser Nachtleben. Morgens um sechs steht sie mit ihrem Koffer am Flughafen, sie muss ja nach London. In London wartet diesmal eine englische Agentur, Select. Und das erste große Shooting.

"Das war alles ein Riesenabenteuer, ein Wahnsinn auf Zeit, aber das war nicht mein Leben. War ja auch kein Leben." Kerstin spielt mit den Plastikperlen ihrer Halskette. An ihrer Küchentür hängt ein Gedicht von Verlaine. Neben den Verszeilen sind handschriftlich einzelne Worte übersetzt: verser ausschütten, bercer = wiegen, schaukeln, vermeil = hochrot, treve = Waffenruhe, Versöhnung. "Am Anfang hab ich überhaupt nichts kapiert. Das Einzige, was sie mir immer wieder gesagt haben, war, dass ich tun soll, was die Fotografen von mir verlangen." Geld bekommt Kerstin für die ID-Geschichte nicht, das ist so üblich. Ihr nächster Job, für die deutsche "Marie Claire", bringt 300 Francs, 90 Mark, für 18 Stunden Arbeit. So ist der Deal: Das neue Model arbeitet umsonst, langfristig denken, Veröffentlichungen ranschaffen. Die Agentur investiert derweil in ihr neues Produkt und zahlt alles: Flüge, Hotel, Essen, Taschengeld. Und macht so viele Shootings wie möglich. Das Mädchen aufbauen, heißt das. Ein Gesicht bekannt machen. Das Mädchen baut währenddessen Schulden bei der Agentur auf. Mach dir keine Sorgen, bald wirst du so viel verdienen, dass das ganz schnell abbezahlt ist.

Der Preis eines Mädchens wird ganz einfach hoch getrieben: Wenn jemand bei der Agentur anfragt, ob sie für den und den Job dann und dann frei ist, sagt die Agentur grundsätzlich jein. Also, direkt gebucht noch nicht, aber reserviert. Sie können sich hinten anstellen, Platz fünf. Die Kleine ist gefragt. Die Anrufer spielen das Spiel mit. Bieten mehr Geld, geben dem Lügner das Gefühl, dass er die Wahrheit erzählt. Und so kommt man dann ins Geschäft. Wenn das alles nicht funktioniert und ein Mädchen nicht gebucht wird, wird sie von der Agentur weggeschickt. Wieder nach Hause oder einfach woandershin.

1996 ist Kerstin bei den Pret-a-porter-Schauen in Paris, und es läuft nicht gut. Sie wird nur für drei Schauen gebucht. Ihre Agentur schickt sie daraufhin zu den Schauen nach Tokio, zum Üben. Das geht so gut, weil sich die Top-Models in Japan nicht blicken lassen. Japan ist ein dreckiger Markt. Da sind die ganz jungen, die zu viel Drogen nehmen, die alten, die nicht aufhören können, und die zweitklassigen und ordinären.

Kerstin wohnt in einem Model-Apartment. Diese Apartments tun so, als wären sie Wohnungen, die die Agenturen für ihre Mädchen während der Schauen mieten. In Wahrheit sind es Irrenhäuser. Kleine, miese Löcher, die jeder, der dort wohnt, gern verkommen lässt, nach ein paar Wochen hauen ja eh alle wieder ab. Nur manche, die bleiben länger. Feiern das aufregende Modelleben, auch wenn sie diesmal nicht gebucht wurden.

"Die anderen polterten immer mitten in der Nacht zugekokst durch die Wohnung. Ich hab abends Whisky getrunken, damit ich einschlafen kann. Vorher hab ich mich aufs Dach gesetzt und gelesen und geschrieben. Um mich irgendwie zusammenzuhalten." In der Ecke ihres Schlafzimmers steht ein Korb, so groß wie zwei Waschmaschinen. Der Korb ist voller Tagebücher.

"Neufassungen der immer gleichen Depression: Ich bin allein, ich will nach Hause, die haben hier alle einen Dachschaden." Sie lacht ein helles Lachen, so als würde sie sich selbst verspotten. "Ich hab entweder Tagebuch geschrieben oder Briefe und Faxe an meine Freunde." Ihre jetzige Agentur in Hamburg hat die Faxe gesammelt. Aktenordnerweise.

In Japan kommt Kerstin glänzend an, hetzt von Schau zu Schau, von Kunde zu Kunde. Akkordmodeln. Am Abflugtag hat sie eine Million Yen, etwa 21000 Mark, im Brustbeutel. Ihr Vater packt das Geld zu Hause in Düsseldorf in den Nachttisch, wartet, bis der Kurs steigt, und tauscht das Geld Stück für Stück um.

Im Frühjahr knallt es dann richtig: Die Produktionen des vergangenen Jahres kommen endlich raus. Kerstin erscheint in allen Magazinen, eine große Strecke in der italienischen "Donna". Es wird ein aufregender Sommer, ein Shooting jagt das nächste. Kerstin ist immer unterwegs, lebt nur aus dem Koffer. Hat in jeder Stadt eine andere Agentur und verliert den Überblick über das Produkt, das ihren Namen trägt. Sie sucht sich eine Mutter-Agentur. Eine, die aufpasst. Ohne die nichts läuft. Kerstin sucht sich Mega in Hamburg aus.

Im Herbst 1996 geht sie nach New York, läuft viele Schauen und verdient richtig Geld. Sie wohnt nicht im Model-Apartment, sondern nimmt sich ein Hotel, später eine Wohnung. In der ist sie im folgenden Jahr zwar kaum, aber sie hat wenigstens manchmal ein bisschen das Gefühl, ein Zuhause zu haben.

Ihre Hamburger Wohnung ist ein kleiner, verwilderter Garten aus Erinnerungen, der langsam von außen zuwuchert. An allen Wänden und Türen hängen Zeitschriftenseiten, Gedichte und Songtexte. Jarvis Cocker hängt neben Paul Verlaine an der Küchentür und beruhigt: It's okay to grow up, just as long as you don't grow old.

"Ich bin so froh, dass ich jetzt hier bin. Ich war im Sommer 1997 für drei Wochen in Hamburg und war so neidisch auf die Leute hier. Mit ihrem Zuhause und ihrer Grillerei an der Alster. Da hab ich beschlossen, dass ich später auch hier wohnen will." Auf den großen Schauen wird geschrien, in den Haute-Cou-ture-Häusern herrscht Stille. Kerstin läuft bei einer Präsentation im Hause Chanel.

Karl Lagerfeld sitzt auf seinem Stuhl und trinkt immerzu Cola.

Er spricht Kerstin an, als sie später vor dem Haus auf der Treppe sitzt. Sagt ihr eine große Zukunft voraus. Sie schreibt es in ihr Tagebuch, hat sich aber eigentlich schon vom Geschäft verabschiedet. Sie mag nicht mehr so richtig. Sitzt im Flieger von Paris nach Mailand und weint, weil niemand mehr weiß, wo sie gerade ist. Weint überhaupt sehr viel. Nachts, wenn sie mit ihrer Mutter telefoniert. Wenn sie an ihre Freunde schreibt. Wenn sie an Menschen mit einem Zuhause denkt. Sie sehnt sich nach Normalität. Ist aber von lauter Verrückten umgeben.

Für eine Modeproduktion muss sie nach Vietnam fliegen. Zu Anfang wundert sie sich noch, warum es Vietnam sein muss, wenn doch alles im Hotel stattfindet. Aber bald versteht sie: Hier sind die Drogen billig. Zweimal am Tag fährt einer mit dem Motorrad weg, irgendwohin, wo es halt gerade etwas zu kaufen gibt. Und abends regt der Fotograf sich auf. Über das langweilige deutsche Mädchen, die einfach nichts nehmen will von dem, was er da zu bieten hat. Die viel lieber eine Flasche Bier möchte als eine Linie Koks.

Kerstin wandert durch die Modewelt wie Alice im Wunderland. Sie lernt all diese Leute kennen und weiß doch nicht, wer die wirklich sind. Versteht oft deren Leben nicht und die Art, wie sie sich verhalten. Arbeitet ständig in wechselnden Teams, mit Menschen, die ihr tagsüber körperlich sehr nahe sind. Sie wird die ganze Zeit angefasst, geschminkt, angezogen, anders hingestellt, die haben ihre Hände und Augen überall. Die Fremden. Und abends ist sie wieder allein. Niemand da, keine Nähe. Und das Mädchen sitzt dann auf dem Bett und kann sich nicht finden. Wie auch, sie ist ja wegkonsumiert worden.

"Ich wundere mich ja gar nicht, dass die alle Drogen nehmen." Sie zieht an ihrer Marlboro und starrt in den Himmel. Je lauter die Einsamkeit ist, desto schwerer ist sie zu ertragen. "Bei vielen Produktionen hab ich mir im Kopf Gedichte aufgesagt. So war es einfacher. Manchmal hab ich auch mit allen furchtbar viel geredet. Habe ihnen all meine Geschichten erzählt. Ob die das gut fanden, weiß ich nicht." Manchmal vergass sie, dass sie nur ein Produkt war, und das ist gut so.

Im Winter 1997 spürt sie das ganz starke Bedürfnis, mal für ein paar Wochen an einem Ort zu sein. Sie bewirbt sich für ein Praktikum in einer Moderedaktion und denkt daran, bald aufzuhören. Die Redaktion braucht eine Praktikantin fürs folgende Frühjahr. Mit dieser Aussicht reist Kerstin noch ein bisschen durch die Welt und kommt dann endlich an. Sechs Wochen in einer Stadt, sechs Wochen in Hamburg.

Danach hat sie keine Lust mehr auf die Welt. Sie fährt noch mal hierhin und dorthin und kommt doch wieder nach Hamburg zurück. Sucht sich eine Wohnung, schreibt sich an der Uni ein und trifft sich mit anderen Hamburgern an der Alster zum Grillen. Wie sie es sich gewünscht hat.

Und jetzt? Sie lehnt sich zurück, und ein Hauch von Glück umgibt das dünne Mädchen. "Gut bezahlte Geldjobs in Deutschland, die nicht wehtun. Wenn ich Lust und Zeit habe." Wie lange noch? "Nicht mehr lange. Ich will meinem Verfallsdatum zuvorkommen. Bei den Schauen wollen die sowieso immer nur die allerneuesten Gesichter. Ich find das immer so bitter, wenn ich von Mädchen höre, die mit mir angefangen haben und immer noch um jeden Preis Schauen laufen wollen. Die rennen dann entweder in Paris zu jedem Casting und werden nicht gebucht, oder sie gehen nach Japan und sind dort unglücklich." Weil sie geliebt werden wollen. "Den Fehler darfst du nicht machen. Du wirst doch eh nur vertickt, die ganze Zeit, und auch wenn du Luxus bist, bist du doch nur ein Produkt.

Wer in der Modebranche seinen Stolz verliert, verliert auch sofort seine Würde.

Schon bald werde ich meine Agentur zum Essen einladen, werde mich lieb bedanken und mich verabschieden." In ihrer Stimme ist kein bisschen Wehmut. "Vielleicht nehme ich sogar eigenhändig meine Bücher aus dem Regal." Kerstin strahlt eine seltsame, naive Weisheit aus. Wie eine kleines Tier, das aus dem Nest gefallen ist, sich unsicher durch die Welt tastet und doch auf seinem Weg schon eine Menge gesehen hat. Dem große Tiere immer wieder beibringen wollen, wie man eine ordentliche Beute reißt. Dann lächelt das kleine Tier und sagt: "Nein, ich fress doch keine anderen Tiere." Das in einer brutalen und überdrehten Welt unschuldig geblieben ist.

Kerstin erweckt den Eindruck, dass sie beschützt werden muss, aber das ist falsch. Sie kann sehr gut auf sich aufpassen. Über ihrem Schreibtisch hängt ein Bild von ihr, da steht sie unter einer Brücke. Sieht sehr jung aus und schaut mutig drein. Mit dickem Filzstift hat sie ein Gedicht von Brecht darauf geschrieben: Der, den ich liebe Hat mir gesagt Dass er mich braucht.

Darum Gebe ich auf mich acht Sehe auf meinen Weg und Fürchte von jedem Regentropfen Dass er mich erschlagen könnte.