Partner von
Partner von

Jäger des verlorenen Pantoffelkinos

Gerade ist Steven Spielbergs Internetunternehmen Pop.com gescheitert. Film im Netz bleibt noch ein Weilchen gemütlich.




Als Steven Spielberg im Oktober letzten Jahres die Gründung von Pop.com bekannt gab, bekamen manche Platzangst. Verständlich. Der Herr ist Fachmann für Übergrößen: Dinosaurier, die aus den Lautsprechern dröhnen und gebirgsgroße Raumschiffe. Wie soll das alles durch die Leitungen? Das Netz bald verstopft, ein Knäuel aus trägen Boa Constrictors, die Einfamilienhäuser verschluckt haben? Noch mal Glück gehabt, die Sache nahm ein fürs Kino ungewöhnliches, nämlich unerwartetes Ende: Pop.com ist gefloppt, noch vor dem Start.

Pop.com war ein Gemeinschaftprojekt der Filmproduktion Dreamworks, die Steven Spielberg, Jeffrey Katzenberg und David Geffen gehört, auf der einen Seite. Auf der anderen stand Imagine Entertainment, die Film- und TV-Produktionsfirma von Ron Howard ("Apollo 13", "Backdraft", "Cocoon"). Die beiden teilten sich eine Hälfte von Pop.com, die andere ging an die Investmentfirma Vulcan Ventures. Dahinter steht Paul Allen, einer der Gründer von Microsoft.

Als Erstes wurden Verträge mit Steve Martin, Eddie Murphy und anderen Hollywood-Stars gemacht, zwecks Magnetwirkung. Dann wurde das Programm erklärt: Kurzfilme, Videostreams, Life-Events, Spiele, Performances, Serien und nichtlineare interaktive Elemente. Das sollte in 30 Sekunden bis sechs Minuten langen Kurzfilmen verpackt sein, so genannten Pops. Das Hauptgewicht sollte auf Comedy liegen und die Pops " so verführerisch und ultimativ ansteckend sein, dass die Leute nicht nach einem Klick wegklicken", meinte Brian Grazer, einer der Partner von Imagine. Ein Entertainment-Analyst darauf: "Ja und?" Fast ein Jahr lang bestand die Homepage aus dem Logo und einem "Coming soon"-Hinweis. Registrieren konnte man sich auch, bekam jedoch nie eine Nachricht. Im Sommer verhandelte Pop.com mit dem Digitalfilm-Portal Ifilm über eine Beteiligung. Auch Ifilm gehört zu Vulcan Ventures. Der Deal platzte, kurz danach auch Pop.com. Zwischen 150 und 200 Millionen Mark sind schätzungsweise versenkt. Alle 80 Mitarbeiter sind entlassen. Wieso? Es ist ja nicht so, dass dort arme Leute oder Dummköpfe zusammenkamen. "Der Markt hat sich dramatisch verändert", erklärt die Pressesprecherin.

Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Im Netz ist alles beim Alten: Das Einzige, wofür die Leute Geld ausgeben, ist Porno, Software, Bücher und CDs. Aber Miniaturkino, das ansteckend macht? Niemand zahlt für einen Witz, und sei er noch so gut. "Pop.com hatte die besten Kreativen, doch darüber hinaus niemanden, der eine Vision verkaufen konnte", sagt einer der ehemaligen Angestellten. Komisch: Eine Internetunternehmen von Regisseuren, gegründet ohne Regisseur.

Doch selbst wenn es mit den Filmen gestimmt hätte, noch gibt es zu wenig Sitzplätze. Die übersetzen sich im Netz in Bandbreiten, und je größer die sind, desto großartiger kommt der Film. Doch wo man wenig übertragen kann, kann man auch wenig zeigen, und wieso sollte Eddie Murphy auf einem Ladebalken herumreiten? Stars brauchen einen Himmel zum Leuchten, Regisseure eine Leinwand. Das Netz ist für Hollywood zu eng, zu klein. Noch.

Und was braucht das Netz? Leben. Drama, Liebe, Wahnsinn passt auch auf die kleinste Bühne und knallt auch ohne Glamour. Atomfilms zum Beispiel, neben Ifilm eines der erfolgreichsten Publikums-Filmportale, ist voll damit. Dort wird sogar eine Serie produziert, die Bikini Bandits: "Wenn diese Mädels teilen, kriegt jeder was ab." Die Filmchen machen keinen Sinn, haben eine wahnsinnig schlechte Auflösung, ruckeln und werden millionenfach heruntergeladen. Umsätze macht Atomfilms dafür mit Fluggesellschaften und Industrieabnehmer. Die Regisseure der Kurzfilme werden am Umsatz beteiligt, abgerechnet wird pro Klick. Doch selbst Spitzenreiter kommen kaum über die 5000-Dollar-Grenze.

Gerade hat sich in Deutschland Raketik.com gegründet, ein Ableger der Filmproduktion Neue Sentimental. Ihre Filme heißen Fliks und nicht Pops, sind aber dasselbe: kurze, schnelle Filme. Der andere Unterschied, Raketik.com wird kein Portal. Die Digitalkinos sollen andere betreiben und Markenartikler die Kurzfilme direkt bezahlen. Ein Ex-Kreativdirektor von Pop.com arbeitet an seinem ersten Flik.

Bei dem deutschen Portal Bitfilm zeigt man die besten Filme der wichtigsten Digitalfilmfestspiele und Mischungen aus Zeichentrick und Poesie, einfach und schön wie ein tschechischer Kinderfilm. Haupteinnahmequelle hier: die Verwertung von Filmlizenzen.

Und die Filme laufen. Nicht großartig und glamourös, aber es läuft. Wie das Leben, es ruckelt, ist oft ein bisschen unscharf, stürzt zwischendurch mal ab, aber dann überrascht es einen doch, und man startet noch mal neu. Man muss eben erst mal klein anfangen.