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Die Macht und das Netz

Alles hat seine Grenzen – auch die große Freiheit im Internet.




I.

Das Ende der Selbstregulierung Empört, verärgert, gekränkt, aber nicht gebrochen kämpft der alte Mann um sein Recht, Freiheit und Demokratie. Um das Ziel zu erreichen, könne ein "aufgeklärter Diktator" mehr für das System tun als manche eitle Rede, vorschnelle Kritik, selbstverliebtes Resolutions-Gefasel. Das Chaos muss ein Ende haben, sagt der, der es mitverursacht hat: Vint Cerf, Großvater der Netze und Mitentwickler des TCP/IP-Protokolls, das das Internet zur technischen Anarchie machte. Soll niemand sagen, dass Technik kein Eigenleben entwickeln würde.

Und jetzt, rund um die Wahl zum Direktorium der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (Icann), tritt der gute alte Konflikt - wir wollen alle frei sein, aber das darf nichts kosten - heftig zutage.

Der Streitpunkt ist im Grunde lapidar: Soll die von der US-Regierung 1998 ins Leben gerufene Icann mehr sein als bloß eine Vergabestelle für Domain-Namen und Platz im Internet? Ist es nötig, dass eine weltweite Organisation der Bildung von Monopolen, der Begehrlichkeit von Machthabern, den Extremen politischer und sexueller Art, die die Freiheit der anderen einschränken, etwas Machtvolles entgegensetzt? Eine Stimme und Aktion, getragen von der Mehrheit der Bürger des Internets? Braucht die grundrechtsfreie Zone Internet nicht endlich auch eine Verfassung?

Vint Cerf meint: Ja. Es muss Regeln geben, um zu verhindern, dass das Web in einigen Jahren von wenigen großen Konzernen dominiert und von Regierungen missbraucht wird. Mit Selbstregulierung, dem " heiligen Gral des Netzes" ("Telepolis"), findet die Megastruktur mit mehr als 300 Millionen Nutzern kein Auskommen mehr. Neu ist die Haltung nicht, bloß gilt nach wie vor für die Fundamentalisten der Netze das Gesetz: Schon der Versuch, das Internet auch nur ansatzweise zu regulieren, zu kontrollieren, und sei es auch zu seinem Besten, ist strafbar.

Macht und Freiheit, das passe nicht zusammen, so die Gegner der Ausweitung der Icann-Kontrollmacht. Nazis? Kinderpornografen? Großkonzerne, die nach der Macht im Netz greifen? Lasst sie doch. Wir werden damit fertig. Im Oktober dieses Jahres wird das neue Direktorium der Icann gewählt. Die Organisation ist potenziell in der Lage, das Chaos im Netz zu beenden. Ein Chaos, das bis heute nur all jenen genützt hat, die sich einfach am freien Raum bedienten, wie es ihnen passte: politische Extremisten, Pornografen, Regierungen, die seit langem ihre Geheimdienste an Methoden basteln lassen, Bürger übers Netz zu bespitzeln, IT-Konzerne, die über die große Weite so verfügen wie es vor ihnen Generationen von rücksichtslosen Konquistadoren gemacht haben: Was frei ist, hol ich mir.

Keine Macht für niemand? Das ist blanker Unsinn. Es geht um den Streit zweier extremer Positionen. Auf der einen Seite rüsten die Fundis wieder auf, die im frühen Internet die Möglichkeit zur Verwirklichung ihrer im realen Leben gescheiterten politischen Utopien sehen. Die Traumwelt muss erhalten werden auch wenn schon seit 1996 die Anzahl kommerzieller Websites die von Non Profit-Organisationen, die das Internet in seinen ersten öffentlichen Jahren trugen, übertraf. Auf der anderen Seite: Supernetzkonzerne, allen voran AOL/ Time Warner, dem mit Abstand größten Internet-Unternehmen der Welt. Beide Extreme können mit Kontrolle, Regulierung, Grundgesetz und demokratischer Abstimmung wenig anfangen.

Dazwischen: die Masse der Dot.coms, der User, der Netzbenutzer, die mangels Regeln im Netz immer starker unter Druck geraten. Ist das Web ein Abbild dieser Welt, dann herrscht im Internet bald nicht mehr Freiheit, sondern die Diktatur der Minderheit.

II.

Die Macht des Codes Die Frage, wer im Netz die Macht hat, ist eine, die sich der Icann-Wahlkämpfer und Harvard-Rechtsprofessor Lawrence Lessig schon lange nicht mehr stellt. Natürlich wird das Web reagiert, sagt er. Die Macht im Netz hat der Code. Lessig is einerseits ein Verfechter der freien Marktwirtschaft im Netz, ein Anwalt der New Economy. Andererseits warnt er davor, dass die Dinge nicht so bleiben, wie sie sind, wenn nicht Regeln und Normen in der virtuellen Welt einsetzen. Dann würden nämlich, so Lessig. einige wenige Unternehmen die Macht im Netz übernehmen und ihre Regeln und Standards durchsetzen. Der Cyberspace habe zwar seine eigenen Gesetzmäßigkeiten, doch die kämen aus der realen Welt. Und dort wie da brauche es das richtige Maß an Kontrolle und Freiheit Sein Dogma "Wer den Code regiert, regiert die Welt" brachte Lessig dazu, zum Kronzeugen der Anklage im Verfahren des US-Justizministeriums gegen Microsoft zu werden. Mit Sicherheit war das nicht seine letzte Expertise zum Thema Monopole im Cyberspace. Lessig ist zwischen Wahlkampf und Lehramt schön wieder von offiziellen Stellen angefragt. Diesmal interessiert: die amerikanische Kartellbehörde Federal Trade Commission (FTC).

Vor neun Monaten verkündete das größte Medienunternehmen der Welt, Time Wamer, seine Fusion mit dem größten Internet-Provider der Erde, America Online (AOL). Es war ein perfekter Zeitpunkt. Alle Welt starrte auf den Monopol-Prozess gegen die Microsoft des Bill Gates, dem Synonym der alten Welt der Informatik. Viel mehr, als dass die größte Fusion aller Zeiten - der gemeinsame Aktienwert betrug zu Jahresbeginn 760 Milliarden Mark - bevorstehen würde, war nicht zu hören. Und selbst die offizielle Ankündigung der Fusionäre, mit ihrem Zusammengehen das "weltweit erste voll integrierte Medien- und Kommunikationsunternehmen für das Internet-Jahrhundert" zu gründen, regte kaum jemanden von denen auf die sonst bei vergleichsweise mickrigen Manövern unter Web-Konzernen schlicht und einfach eine Weltverschwörung vermuten. Wozu auch aufregen? Schließlich ist doch das Internet in niemandes Hand nicht wahr? Niemand hat ein Markenrecht auf das System, es gibt keinen Mister Internet, das weltweite Netz hat kein Grundbuch, es gibt nicht mal Bürgerrechte. Das Web ist frei und unkontrollierbar, sagen wir. So haben wir das immer gehört, und so muss es sein.

Doch ist es nicht auch möglich, dass wir falsche Vorstellungen von Begriffen wie Macht, Kontrolle und Besitz haben, wenn es um das Netz geht? Gewiss: Es gibt Millionen Anbieter im Internet. Sind sie alle gleich? Ist ihre Macht gerecht oder wenigstens so gerecht verteilt, dass ein Unternehmen allein nichts gegen den Rest ausrichten kann? Wenn das stimmt, war der Prozess gegen microsoft eine Farce. Wenn das stimmt, dann gibt es keine Web-Monopole. Wenn das stimmt, dann gibt es aber auch keinen Grund zu einer Internet-Weltregierung, die demokratisch gewählt werden muss und den Willen der Mehrheit der User gehorcht. Doch keine Sorge: Es stimmt nicht.

III.

Die neuen Namen der Macht Die Macht, die Lessig und andere beschwören gibt es wirklich, und sie lässt sich messen. Im Internet sind nicht alle gleich.

Der amerikanische Unternehmensberater Valdis Krebs, einer der Autoren des legendären Netz-Kultbuchs "Release 1.0", dem Bestseller-Erfolg der Icann-Chefin Esther Dyson, hat sich die Mühe gemacht, den Cyberspace nach jenen Firmen und Netzwerken zu durchforsten, die die kommerzielle und informelle Macht in den Netzwerken haben. In einer Skala von 0 bis l benotete der Netz-Berater die Machtfülle der großen Web-Konzerne, eCommerce-Unternehmen, Provider, Infrastrukurlieferanten wie Computerhersteller, Kabel- und Telefonanbieter. Je näher der Wert an l heranreicht, desto stärker ist der Zugriff der untersuchten Unternehmen und Organisationen auf das Internet. Und desto mehr Macht haben die Unternehmen, die Krebs ausgemacht hat.

Die größten weltweiten Unternehmen der Web-Industrie untersuchte Krebs nach drei wichtigen Faktoren: Kontrolle, Zugriff und Verfügbarkeit, die heilige Dreifaltigkeit der Macht im World Wide Web.

Kontrolle bedeutet im Netz nichts anderes als die Möglichkeit, möglichst viele Knotenrechner (zurzeit mehr als 90 Millionen zu kontrollieren, also jene Systeme, die den Datenverkehr der weltweit mehr als 300 Millionen Internetnutzer vermitteln und steuern. Je mehr dieser Knotenrechner von ein und demselben Anbieter kontrolliert werden, desto wichtiger ist seine Rolle als Schleusenwärter der Informationen, die er bevorzugt dort unterbringen kann.

Zum geplanten AOL/Time-Warner-Konzern gehören nicht nur Internet- und Print-Nachrichten, Fernsehen und Shopping-Kanäle. Mit der Software "Winamp" verfügt der Konzern über die meistgenutzte MP3-Plattform im World Wide Web. Dazu kommt der AOL/Time-Warner-Plattenkonzern Emi. Wer sich diese Machtkonstellation vorstellen mag, dem kann der Streit um die Internet-Musik-Bude Napster und seine angeblichen Folgen für die Industrie nur mehr als Ablenkungsmanöver erscheinen. Krebs hat errechnet, dass AOL den Wert 0,422 erreicht, weit vor Microsoft (0,3) und AT&T (0,17).

Damit ist zunächst nur gesagt, dass ein Provider möglichst viele Informationen über sein technisches System abwickelt und anbietet. Und natürlich ist der Welt größter Anbieter, AOL, auch Marktführer. Doch Kontrolle allein genügt nicht, um die Macht zu haben. Lassen sich diese Informationen auch verwerten, besteht die Möglichkeit eines Zugriffs auf das Potenzial? Das war die nächste Frage, die Krebs stellte.

Das Machtkriterium Zugriff beschreibt die Fähigkeit eines Netzunternehmens, auf Wissen und Informationen seiner Kunden zuzugreifen. Damit ist nicht gemeint, dass der Provider seinen Geschäftspartnern in die e-Mails guckt. Das wäre weder sinnvoll noch nötig.

Im Wissenszeitalter siegt Qualität endgültig über Masse. Deshalb ist es entscheidend, dass der führende Anbieter Zugriff auf die Elite hat. Möglichst viele hochkarätige Wissensfirmen und Wissensunternehmen müssen sich über ein technisches System bündeln. Das so die logische Schlussfolgerung, zieht immer weiter Wissen an. Aus dem schlichten Provider, der bloß die technische grundlage für den ordnungsmäßigen Mailverkehr und ruckelfreies Surfen garantiert, wird ein Broker, nicht des eigenen, sondern des von ihm technisch beherrschten Wissens.

Im Fall AOL tritt dieser Machtfaktor besonders zutage: Der Konzern ist vor allem auch mächtiger Inhalts-Provider. Wer auf seinen Kanälen im Internet arbeitet und Wissen weiterleitet, der kann der Nachrichtenmaschine, die durch die Fusion zur größten der Welt geworden ist, nicht entgehen. Zwangsläufig wird dabei durch die Nutzung des technischen Systems auch die Weltsicht des Konzerns aufgenommen.

Eine Macht, eine Meinung, ein Monopol. Für sich allein und ohne die Meinungs- und Informationsmaschine von Time Warner erreicht AOL in der Krebs-Studie hier den Traumwert 0,486. Dahinter folgt das Microsoft Network (0,451), das mit gut drei Millionen Benutzer weltweit nur über ein Achtel der Marktkraft von AOL verfügt.

Kontrolle und Zugriff kanalisieren die Netzmacht; Erreichbarkeit, der dritte entscheidende Faktor, den Krebs anführt, sorgt für die Verteilung dieser Macht im ganzen Internet. Wie schnell vermag ein Netzkonzern die in seinem Abschnitt befindlichen Daten bereitzustellen? Wie schnell, wie akkurat ist ein solches System? Wie eine stets staufreie Autobahn zieht so ein Netzabschnitt immer weiter User an sich. Direkt oder indirekt (als Vermittler von Diensten) erreicht AOL 54 Prozent aller Web-Nutzer in den USA. In Deutschland gibt es anderthalb Millionen AOL-Kunden. Darüber hinaus verfügt der Time-Warner-Konzern als zweitgrößter Kabelfernsehanbieter der USA über eine Schlüsseltechnologie, erweiterte Dienste schnell und problemlos an den Mann zu bringen.

Kaum jemand hat in den vergangenen Monaten die von AOL-Chef Steve Case und Time-Warner-Präsident Richard Parsons ausgegebene Parole beachtet: Es ginge bei der Fusion "nicht um Technologie", sondern vielmehr um die Schaffung eines Systems " das zum Bestandteil der täglichen Gewohnheiten der Konsumenten wird" . Nach Krebs hat AOL/Time Warner schon ohne Time Warner die Traumerreichbarkeits-Note 0,69.

Rein rechnerisch Fehlt nicht viel bis zur Allmacht. In den drei olympischen Disziplinen der Web-Macht ist AOL/Time Warner also schon Sieger. Wenn Icann konsequent agiert und Lessig seine Politik der Kontrolle und Regulierung fortsetzt, dann muss die erste Parole der Gremiums lauten: Zerschlagt AOL/Time Warner.

Die amerikanische Kartellbehörde FTC scheint dem nach monatelangem Zaudern zu folgen. Anfang September begannen Erhebungen zum Thema AOL, insbesondere mit der Frage, inwieweit andere Anbieter im Netz durch die geplante Fusion, der die Aktionäre der Unternehmen bereits im Juni zustimmten, gefährdet seien.

Schon jetzt macht die FTC aus dem Fall AOL/Time Warner einen zweiten Fall Microsoft: So wie beim umstrittenen Software-Konzern die Forderung nach Zerschlagung und nach Offenlegung des ominösen Quellcodes des Betriebssystems Windows im Mittelpunkt stand, ist es bei AOL die ungeheure Macht der Kanäle, die die FTC aufmerksam werden lässt: die Forderung der Kartellrechtler, Mitbewerber sollen nach der Fusion die Kanäle von AOL/Time Warner benutzen dürfen.

Nach außen hin ist der Konzern kooperationsbereit, doch fest steht, dass er gar nicht anders kann, als auf die Geschlossenheit seines Systems zu setzen. All der schöne Nutzen der Fusion, die geballte Marktkraft und die Möglichkeit, ein Netz im Netz zu etablieren, das über kurz oder lang das eigentliche Internet von innen heraus überwuchert, wäre sinnlos. Denn der User, so das Ziel von Case und Parsons, soll im subtilen Machtnetz des Konzerns bleiben, der ohnedies alles anbietet: Fernsehen, Netz, Unterhaltung und Shopping. "Wir wollen nicht, dass AOL ein Ort ist, zu dem Leute kommen, um von da aus woanders hin zu gelangen, wir möchten den ,integrierten Konsumenten' schaffen", formulierten das Case und Parsons bei der Präsentation ihrer Fusion im Januar 2000.

IV.

Die Lehren der Macht Anders als die Netzträumer von gestern wissen die AOL/Time-Wamer-Gewaltigen sehr gut, dass es kein schöner Zufall ist, wenn die Interessenströme der Netzbewohner wie von Geisterhand die Richtung wechseln. Es ist eine Frage der Masse. Vor fünf Jahren noch mochte es richtig sein, dass sich das Konsumverhalten der Netzbewohner nicht orten ließ. Wie nervöse Kampffische zogen die User durchs Netz, mal hier, mal da, doch nie geordnet. Doch das ist längst nicht mehr der Fall.

Die größten 100 Internetanbieter, allen voran AOL, Microsoft, Yahoo, ballen in sich ungeheure Macht. Mehr als 50 Prozent des gesamten Web-Verkehrs entfallen auf ihre Seiten. Ob sie diese Macht dazu nutzen, bewusst oder unbewusst Widerstände zu brechen, ob sie diese Macht also ausüben wollen, spielt keine Rolle. Der Stamm des deutschen Wortes Macht kommt vom gotischen magan, und das bedeutet: Können.

V.

Wissen und Macht AOL, Cisco, Sun, Microsoft, AT&T und eine Handvoll mehr an Machthabern im Netz verfügen über eine ungeheure Wissenskonzentration. Natürlich gehört AOL das Netz nicht. Selbstverständlich besitzt Bill Gates nicht alle Personal Computer der Welt und Cisco nicht alle Router. Doch darum geht es auch überhaupt nicht. Die Macht übernimmt der, dem es gelingt, aus der diffusen Masse des Webs, dem politisch korrekten Schönheitsideal der neunziger Jahre, eine überschaubare, homogene, kalkulierbare Veranstaltung zu machen. Anders: Die Macht im Netz hat, wer die Komplexität des Webs am umfassendsten begreift, der, wie Krebs richtig analysiert, in Sachen Kontrolle, Zugriff und Verfügbarkeit die Nase vorn hat und all das unter einem Markendach abbindet.

Dabei ist es unerheblich, ob einer oder beide der aussichtsreichsten Kandidaten für die Netzmacht im neuen Jahrhundert, AOL/Time Warner und ihr schärfster Konkurrent Microsoft, den Sieg davonträgt. Beide Unternehmen kämpfen mit aller Kraft darum, ihre Standards und Normen im Netz durchzusetzen. So etwa hat Microsoft erst kürzlich - und klar als kriegerischen Akt gegen den Netscape-Eigentümer AOL deklariert - einen speziellen Webbrowser entwickelt, der vor allem auf die Seiten des Microsoft Networks (MSN) ausgerichtet ist. Ein neuer Browser-Krieg bahnt sich an, und Netscape-Eigentümer AOL rüstet für die nächste Runde. Die Kontrahenten verstärken dabei die Idee der Geschlossenheit ihrer Codes, was nur dann etwas unzeitgemäß ist, wenn man wirklich glaubt, dass sich freie Software gegen industrielle Standards durchsetzen wird. Schon vor mehr als drei Jahren, als sich Microsoft-Explorer und Netscape-Navigator: auf dem Markt gegenüberstanden, hatte der Netz-Macht-theoretiker Lessig Recht behalten: Der Code ist die Macht, und er wird gleichsam Gegenstand der größten Schlachten in der neuen Welt des Webs. Der Sinn des Codes ist es, dass er möglichst viele in seinen Bann zieht, oder, weniger poetisch formuliert: dass möglichst viele Verbraucher von ihm abhängig werden. Er muss in der Welt 3er Netze zur Norm, zum Standard werden, wenn: er seine Wirkung nicht verfehlen will.

Darum kämpfen die potenziellen Machthaber im Web auch so verbissen um die Durchsetzung ihrer Normen. Und deshalb greifen die Regulatoren, die die Allmacht und Monopolisierung einiger weniger Unternehmen verhindern wollen, auch genau auf dieses Herzstück der Macht in der Wissensgesellschaft zu. Was für Microsoft der umstrittene Windows Quellcode war, ist für AOL die Geschlossenheit seines Systems, des mächtigsten Netzsystems der Welt. Wie eine Auster könnte sich das Fusionsgebilde AOL/Time Warner von innen nach außen über das ganze Web stülpen.

Wem das schadet? Der freien Entwicklung des Netzes, den Unternehmern, die ihre Basis im Web haben, der New Economy, der freien Welt und dem Grundprinzip der Wissensgesellschaft.

Zumindest die amerikanischen Justizbehörden und Kartellrechtler haben das Prinzip durchschaut. Um es von der nationalen Ebene auf die für das Internet normale Größe - das Weltweite - zu holen, muss es das global kontrollierte Kontrollorgan Icann geben. Das weltweite Wahlinteresse zeigt, dass die Netizens erwachsen geworden sind. Keine Macht für niemand, okay, das funktioniert, solange niemand die Macht hat. Wenn erst mal jemand unterwegs ist, um sich die Macht zu holen, gibt es nicht nur das Recht, sondern die Pflicht auf Kontrolle und Regulierung, als Widerstandsrecht im Web.

VI.

Macht was draus Die Frage ist, ob Icann, eine mit Regierungsmitteln installierte Kleinbehörde, der Aufgabe allein gewachsen sein kann. Ob es überhaupt möglich ist, dass eine globale Behörde, in dem die Bürger des Webs per Mausklick abstimmen können, genug Widerstandskraft hat, um den Begehrlichkeiten aller Lager entgegentreten zu können.

Steffen Wenzel, Geschäftsführer von Politik-Digital (www.politik-digital.de) glaubt daran. Voraussetzung ist, dass, "die nationalen Regierungen das auch unterstützen". Es wäre sinnvoll, die kann als eine Art Mischung von WTO und Uno einzurichten. Nur eben, dass das auf die Bedürfnisse des Digitalen ausgelegt sein muss und die Fehler, die supranationale Organisationen in der Vergangenheit gemacht haben, hier nicht wiederholt werden".

Einer der wichtigsten Schritte auf diesem Weg, so der Netz-Politik-Experte Wenzel, ist "die Integration von Vertretern der Wirtschaft in Icann". Das wollen die Web-Fundis gar nicht. Doch Wenzel weiß: "Ließe man sie draußen, hätte man überhaupt keine Möglichkeit mehr,, auf die Machtakkumulation im Web Einfluss zu nehmen oder sie zu verhindern. Es wird in Zukunft schwer genug sein, neben den kommerziellen netzen auch noch Kommunikationswege für gesellschaftliche belange offen zu halten.

Kurzum: Icann kann zwar Konflikte erkennen und vielleicht auch mit Hilfe nationaler Regierungen verhindern. Icann vermag auch grundregeln aufzustellen, die das Netz davor bewahren, allmählich in die Hände einiger weniger Interessensgruppen zu geraten. Doch am Ende entscheidet über den Erfolg von Icann vor allem eins: das Engagement jener, die im Netz arbeiten und mit ihm leben. Nur: Ist das nicht eine ganz und gar unkritische Masse geworden? Sind die Dot.coms politisch zurechnungsfähig? Haben New Economistas ein politisches Gewissen? Natürlich - es ist nur nicht kompatibel mit der alten ideologischen Welt. Deshalb stempelt man die Web-Generation zur bewusstlosen Masse ab. Kann es nicht sein, dass die alten Ideologen die Realpolitik des Neuen gar nicht mehr erkennen?

Andreas Schlittenhardt ist New-Economy-Unternehmer. Als Gründer und Manager der Online-Partnerbörse Knowone.de entspricht er den alten, landläufigen Vorurteilen des jungen, ökonomisch dynamischen und politisch scheintoten Websters. An einem Sonntag im August gründet Schlittenhardt angesichts der andauernden Provokationen des NPD-Gesockses die Netzinitiative 3N.

"An einem Montag haben wir darüber in der Firma beraten, und am Mittwoch um neun Uhr morgens stand die Seite bereits im Netz. Da hätte man bei einer Regierungsbehörde gerade mal angefangen, die Bleistifte zu spitzen", erzählt Schlittenhardt. 3N steht für "Nein gegen Nazis im Netz", eine klare Linie gegen Rechtsradikale. Mehr als 120 Unternehmen der New Economy :ragen das Banner mittlerweile auf ihren Seiten. Alle haben sich verpflichtet, gegen die braune Flut m Netz zu arbeiten.

Natürlich misstraut Schlittenhardt Gremien und Regierungen, "zensierende und überwachende Instanzen haben immer etwas Archaisches, das der Kraft des Web entgegenwirkt", sagt er. Wie sollte auch jemand aus einer Generation, die das Scheitern der Institutionen so dramatisch erleben musste, an deren Macht glauben? Aber ein freiwilliges Netzwerk der Solidarität, das sei doch eine klare Sache, meint er und mit ihm seine angeblich unpolitischen und deshalb auch vermeintlich machtlosen Partner im 3N-Netz, die den Web-Nazis eine Menge Arger einhandeln. "Wenn Menschenrechte verletzt werden, muss man drastisch einsteigen", sagt Schlittenhardt. Und er fügt hinzu: "Egal, ob das im Web passiert oder in der Fußgängerzone." Genau das ist es: Zivilcourage für eine Welt