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Die Jetzt-sofort-alles-Maschine

"Information ...", seufzte ein Roman-Agent von 1945. "Was stimmt nicht mehr an Drogen und Weibern? Kein Wunder, dass die Welt verrückt spielt, seitdem Information zum einzigen realen Tauschmittel geworden ist." (Friedrich Kittler)




"Information ...", seufzte ein Roman-Agent von 1945. "Was stimmt nicht mehr an Drogen und Weibern? Kein Wunder, dass die Welt verrückt spielt, seitdem Information zum einzigen realen Tauschmittel geworden ist.' Friedrich Kittler Wissen ist Macht - das war einmal. Dies ist die Gegenwart: Geschwindigkeit ist Macht. Und zwar eine so forcierte Geschwindigkeit, dass längst die Zukunft von der Gegenwart eingeholt wird. Um also eine Antwort auf die Frage "Woher kommt Macht, wohin führt sie?" pfeilschnell hervorschießen zu lassen, spanne ich einen großen Bogen.

Macht hat die menschliche Zivilisation erzwungen. Im Lauf der neolithischen Revolution vor etwa 10 000 Jahren begann sich die Lebensweise des Menschen durch Sesshaftigkeit, Ackerbau und die Zähmung von Wildtieren ins Zivile zu verändern. Die verbliebenen nomadischen Jäger hielten die Quintessenz militärischer Macht in der Hand: einen einschüchternden, unbedingten Tötungswillen. In den goldenen Zeptern der Monarchen ist die Keule der uralten Könige als Insignie der Macht bis heute erhalten geblieben. Auch an den Mächtigen der Gegenwart ist der vorzeitliche Tötungswille noch zu spüren. Jemandem zu kündigen heißt oft, eine Existenz zu vernichten. Im Lauf der Jahrtausende aber hat die Macht auch die Fertigkeit ausgebildet, sozial zu erscheinen.

Die Macht in der Wirtschaft ist weit effizienter als in der Politik - Politik will nur ausgleichen Über das zweite Mittel der Macht verfügten Herrscher und Beherrschte: das Feuer. Im Vorland des Kilimandscharos liegt Amboseli, in der Sprache der Massai die "leere Weite". Vor 200 000 Jahren, geschützt durch die Macht des von allen anderen Lebewesen gefürchteten Feuers, konnte der Mensch zum ersten Mal die ununterbrochene kreatürliche Anspannung ablegen, die eine in jeder Sekunde gefährliche Umwelt nötig machte, und einen mythischen Moment erleben - den Frieden, der im Inbild des Paradieses in uns fortlebt.

Hier öffnete sich der helle Raum des Bewusstseins. Und in diesem Traum einer von allem menschbedrohenden bereinigten, machtfreien Welt wurzelt auch der Cyberspace. Feuer und Bildschirmleuchten sind eng verwandt. Mit der Weiterentwicklung der Zivilisation wurde die Feuerstelle umschlossen zu Lampe und Herd. Was ist ein Monitor anderes als die höchstentwickelte Form des Ofenlochs, derzeitiger Gipfelpunkt in der Beherrschung des Feuers? Macht hat in ihrem Innersten zu tun mit der unbeschränkten und sofortigen Erfüllung von Wünschen. Macht macht. Deshalb entfaltet sie ihre Energie wirkungsvoller in der Wirtschaft als in der Politik, denn Politik hat nur mit dem Ausgleich von Interessen zu tun, der vernunftbetonteren, leidenschaftsloseren Version des Wünschens. Aus demselben Grund verwandelt sich das Internet nun in kürzester Zeit aus einer Projektionsfläche für humanistische Kommunikations-Utopien in ein schweigendes planetares Turbo-Warenhaus ohne Ladenschluss. Das Ziel ist klar: Das Internet soll, was Konsumwünsche angeht, zur Jetzt-sofort-alles-Maschine werden, allem Wollen magisch entgegenleuchtend.

"Alle Pläne des Königs müssen zu seinen Lebzeiten ausgeführt werden", beschreibt der Zivilisationskritiker Lewis Mumford die große Absicht der Mächtigen. "Geschwindigkeit an sich ist bei jedem Unternehmen ein Ausdruck von Macht und wird ihrerseits zu einem Mittel der Machtentfaltung. Dieses Element ... ist so tief in die Grundvoraussetzungen unserer eigenen Technologie eingedrungen, dass die meisten von uns seinen Ursprung aus dem Auge verloren haben." Die BBC zeigte die Queen, wie sie mit ihrem Pferd spricht. Das war das Ende der Macht der Monarchie Es gehört zu den erfolgreichsten Strategien der Macht, dass sie gelernt hat, zu diffundieren. Sich zu verteilen. Demokratisch zu werden. Nie zuvor und nie wieder in der Geschichte hat es eine so absolute Konzentration von Macht auf eine Person gegeben wie zur Zeit der altägyptischen Gottkönige. Einzig der Pharao besaß das Privileg, nach seinem Tod in einer Pyramide die Reise in die Unendlichkeit anzutreten (der Ursprung der Raumfahrt). Das ließen die Leute sich nur ein paar Generationen lang gefallen. Nach einer rebellischen Übergangszeit war das Recht, unsterblich zu sein, plötzlich demokratisiert. Dies ist der Weg der Macht durch die Geschichte: Sie versucht sich ungreifbar zu machen. Der tiefe Wille der Macht ist es, unkontrolliert im Geheimen zu kumulieren.

Eine wesentliche Funktion von Macht ist das Geheimnis - der Todfeind von Information. Das Innerste des Geheimnisses, das Mysterium tremendum, ist stets leer oder banal. Zugleich ist das von den Mächtigen behauptete Geheimnis ein wesentlicher Teil dessen, was die Gemeinschaft zusammenhält. So ist es noch heute: Ist das Staatsgeheimnis oder das Konzerngeheimnis verletzt, droht das Ende der Macht - der Staatsmacht oder der Marktmacht. Dass sich durch Illusionen machtvolle Wirkungen erzielen lassen, ist nichts Neues. Im Inneren altägyptischer Tempel waren an einigen Säulen Juwelen angebracht, die zu bestimmten Zeiten von den durch die Säulenhallen fokussierten Strahlen heller Sterne aufleuchteten. Da nur die astronomisch versierten Priester von den Kulminationspunkten der Sterne wussten, war es ihnen durch Voraussagen möglich, das Volk und bisweilen sogar den Pharao in dem Glauben zu halten, bei den Lichtspielen handle es sich um Nachrichten höherer Mächte.

In der Nacht vor der Investitur von Prinz Charles zum Prince of Wales im Jahr 1969 strahlte die BBC die Dokumentation "Royal Family" aus, 27 Millionen Engländer sahen zu. Gezeigt wurde eine Version der Windsors als normale Mittelklassefamilie, die sich bloß darin von anderen unterscheidet, dass sie in einem Palast wohnt. Die Queen fütterte ein Pferd mit einer Karotte, und ihre Untertanen hörten sie das erste Mal nichtformell sprechen. "Sie wissen, dass sie die Monarchie killen mit dem Film", ahnte der Anthropologe Sir David Attenborough. "Die ganze Institution beruht auf Mystizismus und dem Stammeshäuptling in seiner Hütte. Wenn irgendein Mitglied des Stammes jemals das Innere der Hütte sieht, kann es sein ... dass der Stamm fällt." Der Rest ist Geschichte.

Wir denken in den Kategorien des vorelektrischen Zeitalters, sagt McLuhan Den grundlegenden Übergang vom Politiker zum Illusionisten hatte bereits der russische Fürst Grigori Potemkin mit den nach ihm benannten Dörfern geschafft. Noch massivere Materiebewegungen vollzog der britische Kartograph James Rennell. Um die Autorität seiner Theorie über den Lauf des Niger zu stützen, verzeichnete er 1798 ein nicht existentes Bergmassiv in Westafrika ("Kong-Berge"). Bald zeigten alle Afrika-Karten diese Berge. Die Legende von den Kong-Bergen hielt sich bis ins späte 19. Jahrhundert. "Lügen sind die Waffen der Macht", sagt ein afrikanisches Sprichwort. Heute hielte sich so etwas keinen Nachmittag lang.

"Im Maschinenzeitalter, das nun zur Neige geht, konnte man noch viele Schritte ohne zu große Besorgnis unternehmen", so Marshall McLuhan Anfang der sechziger Jahre. "Das langsame Tempo gewährleistete eine Verzögerung der Reaktionen über beträchtliche Zeiträume hinaus. Heute erfolgen Aktion und Reaktion fast gleichzeitig. Wir leben jetzt gewissermaßen mythisch und ganzheitlich, aber wir denken weiter in den alten Kategorien der Raum- und Zeiteinheiten des vorelektrischen Zeitalters." Die meisten von uns begegnen der Macht nur als Zuschauer. Wie Wind, der danach riecht, dass es irgendwo weit weg geschneit hat, vermitteln uns die Medien Eindrücke von den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Kristallisationspunkten der Macht.

Die Jungs, die in den frühen achtziger Jahren die Computer-Subkultur begründet haben, erlebten eine neuartige Form von Allmachtsgefühl. Durch den Computer verkehrte sich der Fernseher, alias Computerbildschirm, in ein faszinierendes Gegenteil. Fernsehen machte aus Menschen Plankton, Schwebeteilchen im Meer der Bilder. Der Computer brachte die Gewissheit zurück, etwas tun zu können. Die PC-Revolution gab den Menschen einen Eindruck von der Bemächtigung. Ein Gefühl, dass ihnen etwas zurückgegeben würde, das lang verloren war.

Für die Pioniere war es ein grandioses Erlebnis, eine neue Welt, an die sich Phantasie und Kühnheit erst herantasten mussten. "Es hat etwas Berauschendes, dass ein ganzes EDV-System durch einen Befehl, der von mir eingegeben wird, zum Arbeiten gebracht wird. Und schon hat man diese unvorstellbare Kraft, verborgen im Inneren des Computers, aufgestöbert", schrieb einer von ihnen.

Hacker zu sein ist manchmal wie Gott sein. Totale Kontrolle, handlungsfähig. Cyberspace ist eine Fiktion, aber sie prankt in die Realität hinaus, wie ein Panther aus seinem Käfig. Jedem Hacker war damals klar: Da ist die Chance, der erste und der beste zu sein. Auch heute noch gibt es geniale Hacker, einer von ihnen ist bestimmt der beste; der erste wird er nicht mehr sein. Wer kennt den Namen des zweiten Mannes, der den Atlantik überflogen hat? Auch dieser Illusion von Omnipotenz und ihrem langen Schatten hinauf ins Erwachsenenleben zu dienen ist vornehmes Ziel der Wirtschaft.

Es geht nicht mehr um Information, nur noch ihre Verheißung zählt Der digitale Stoff erweckt inzwischen den Eindruck eines göttlichen Fluidums. Zwar ist Information die unbedeutendste Form des Übergangs von der Idee zum Wissen, aber nachdem Sinndesign heute den Strategien der Markenartikelwerbung folgt, geht es nicht mehr um tatsächliche Information, sondern nur noch um eine Verheißung davon. Die allerdings ist mächtig genug, eine planetare wirtschaftliche Dynamik in Gang zu halten.

Das eigentliche Produkt dieser Dynamik besteht darin, die ganze Welt informationskompatibel zu machen. Das Microsoft-Monopol ist nur ein zarter Hauch dessen, was die Macht im Großen vollzieht. Jeder Punkt unseres Bewusstseins muss den Begriff der Information respektive des Digitalen einmal berühren und sich an ihm verwandeln. Jeder Gedanke muss einmal daran vorbeitransportiert worden sein wie an dem Heiligen Stein in Mekka. Erst dann gibt uns die Macht das Gefühl, erlöst zu sein. Oder zumindest bereit zu sein für die neue Zeit.