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Der Konsumentenkrieger

Seit 40 Jahren kämpft der US-Jurist Ralph Nader gegen die Übermacht der Konzerne, im November tritt er zum dritten Mal als alternativer Präsidentschaftskandidat an. Er wird nicht Präsident werden.




Er predigt wieder. Ralph Nader, Vater der modernen Verbraucherschutz-Bewegung in der satten Industriegesellschaft, marschiert hinters Podium und beginnt mit ernster Miene und den Worten: "Wir werden uns heute Morgen mit der Frage beschäftigen, warum die Vereinigten Staaten als einzige moderne Nation den landwirtschaftlichen Anbau von Hanf verhindern." Aber die Handvoll abgestumpfter Washington-Korrespondenten wachen erst auf, als sie den Präsidentschaftskandidaten der amerikanischen Grünen zu seinem alten Steckenpferd befragen können: Autoindustrie und Sicherheitsmängel. Schließlich tobt gerade die millionenfache Rückruf-Aktion von Firestone-Reifen in den USA. Der 66-jährige Anwalt richtet seine schlanke Figur im dunkelblauen Anzug auf und attackiert Hersteller ebenso wie Beamte als nachlässige Komplizen in einem Skandal, der bislang mehr als 80 Todesopfer gefordert hat.

Nader ist seit 40 Jahren auf dem Kreuzzug. Ohne ihn gäbe es heute keine Airbags in Autos und keine Entschädigung für Reisende, die eine Airline vom Flug schmeißt; es gäbe kein einklagbares Recht auf Aktenfreigabe (Freedom of Information Act von 1966), und es gäbe keine mächtigen Verbraucherschutzverbände, die sich für Produkthaftung, Umweltschutz und die Offenlegung unappetitlicher Firmengeheimnisse stark machen. " Ralph hat bewiesen, dass jeder Bürger Einfluss haben und Dinge verändern kann. Er hat bei Behörden und Unternehmen mehr bewegt als jeder gewählte Politiker", sagt der Kongressabgeordnete Dennis Kucinich, der Nader seit 25 Jahren kennt.

Dieses Jahr tritt der Aktivist zum dritten Mal in Folge gegen die großen Parteien an. Er kandidiert für das höchste Amt, das Amerika zu vergeben hat: das Präsidentenamt.

Es ist so gut wie sicher, dass der nächste Präsident nicht Ralph Nader heißen wird. Trotzdem geht der Mann in seinem Kampf gegen die Macht von Konzernen und gekaufter Politiker auf, fliegt im wilden Zickzack durch die USA und schlägt mitunter Tausende von Zuhörern in seinen Bahn. Nader ist das schlechte Gewissen der gesegneten Gier, die sich American Way of Life nennt. Der Sohn libanesicher Einwanderer hat früh erkannt, dass Bürger vor allem Macht haben, wenn sie sich als Verbraucher organisieren -in jener Rolle, die ihnen eine Überflussgesellschaft zugedacht hat und in der sie Unternehmen am liebsten sehen.

Ralph Nader im O-Ton Die. Parteien der Demokraten und Republikaner stehen miteinander in Konkurrenz - und zwar darum, wer am Ende das meiste Geld von seinen Herren und Meistern in der Chefetage einsammeln darf. Die etablierten Parteien sind Opfer des Gefängnisses der Industrie, das wir Weißes Haus nennen, und des wilden Gerangels um den Ort der bezahlten Gefälligkeiten, der als Kongress bezeichnet wird.

Es mit den zwei etablierten Parteien aufzunehmen ist wie eine steile Klippe an einem glitschigen Seil hochzuklettern. Unser größtes Problem ist das "The winner takes it all" -System. Die Bevölkerung denkt von vornherein, dass eine neue Partei nicht gewinnen kann, selbst wenn sie mit den alten unzufrieden sind. Das ist eine psychologische Barriere.

Natürlich will ich bei meiner Präsidentschaftskandidatur so viele Stimmen wie möglich sammeln, aber es gibt auch ein Fernziel nach den Wahlen: die Grünen als eine permanente dritte Partei zu etablieren. Wir werden über die Fünf-Prozent-Hürde kommen und fürs nächste Mal Bundesmittel für unseren Wahlkampf bekommen.

Große Firmen und Parteien sind ein unauflösbares Geflecht. Meine Kandidatur sendet ein klares Signal, dass es so nicht weitergehen kann. 10000 Menschen kamen in ein Stadion in Portland, von denen jeder sieben Dollar gezahlt hat, um mich anzuhören. Die Bevölkerung wünscht sich in den Präsidentschaftsdebatten echten Wettbewerb, Tiefgang, Aufregung und Unterhaltung.

In der gegenwärtigen Form ist das ein abgekartetes Spiel der beiden großen Parteien, finanziert von Konzernen wie der Brauerei Anheuser Busch. Das ist ein privater Club. Wir wollen Nichtwähler ansprechen. Mehr als 800 Helfer werden auf Erstwähler an Universitäten zugehen, damit sie sich für die Wahlen registrieren fassen. Ich bin mir sicher: Die Grünen werden über die gegenwärtigen Meinungsumfragen und die Wahlen im November hinaus Einfluss gewinnen. Wir werden für mehr Ehrlichkeit unter den Großen sorgen. Selbst wenn sich die Wähler für das aus ihrer Sicht kleinere Übel - zwischen Gore oder Bush - entscheiden, werden wir in Ankunft das schlechte Gewissen und die Aufpasser spielen, an denen man nicht mehr vorbeikommt.

George Bush dürfte nicht kandidieren. Er ist in Wahrheit ein Konzern, der sich hinter der Maske einer Person versteckt. Und Al Gore ist nicht besser als sein Vizekandidat Joseph Lieberman, der seit Jahren auf dem Capitol nichts anderes ist als ein gekaufter Fürsprecher der Interessen großer Firmen.

Dass Europa auf das US-Wachstum schaut, ist ein Sehfehler. Vom Boom profitieren die obersten fünf Prozent. Es geht einem nach wie vor besser, wenn man m Europa arbeitslos ist, als in Amerika für den Mindestlohn zu arbeiten. Das ist kein sozial tragbares Einkommen.

Der Skandal um die fehlerhaften Firestone-Reifen wurde vertuscht. Ford und Firestone wussten seit mindestens zwei Jahren davon. Ebenso wenig hat die zuständige Aufsichtsbehörde in Washington gehandelt. Unsere Sicherheitsvorschriften sind mehr als 30 Jahre alt und. müssen dringendst überholt, werden. Außerdem gehören solche wissentlichen Vergehen strafrechtlich belangt. Der Fall Firestone ist ein klares Beispiel für laxe Kontrollen und laxe Anwendung bestehender Vorschriften, Traurigerweise ist es eine unheimliche Wiederholung einer Rückruf-Aktion, die Firestone 1978 beinahe Kopf und Kragen kostete. A her auch damals haben weder der Kongress noch das Weiße Haus gehandelt.

Die Automobilindustrie steckt nach wie vor Almosen vom Staat ein. Mehr als eine Milliarde Dollar sind bisher an Corporate Welfare in die Entwicklung eines umweltverträglicheren Autos geflossen - herausgekommen ist nichts!

Schon als Student an der Harvard University schrieb Nader 1959 gegen die technischen Mängel des GM Sportwagens Corvair an. Sein erstes Buch "Unsafe at Any Speed" (1965) wurde zum Schlachtruf, der die Auto-Lobby zu Konzessionen zwang und eine neue Aufsichtsbehörde schuf. "Ein großes Problem des modernen Lebens", schrieb Nader damals, "ist die Frage, wie sich wirtschaftliche Interessen kontrollieren lassen, deren Technik und Forschung schädliche Folgen haben." Gewiss gab es Kritiker, die sich mit der Macht und den Machenschaften von Unternehmen auseinander setzten, bevor Nader es tat - etwa die "Muckrakers" wie Upton Sinclair, dessen Roman "Der Dschungel" als bewegende Anklage gegen die Verhältnisse an Chicagos Schlachthöfen um die Jahrhundertwende berühmt wurde. Doch Ralph Nader gelang es, den erwachenden Rebellionsgeist der sechziger Jahre und gutbürgerliche Ängste ums Wohlergehen der eigenen Familie in eine einflussreiche Basis-Lobby zu kanalisieren, die keine Klassenunterschiede mehr kennt.

Nach dem Corvair-Erfolg drängten sich Tausende von Elite-Studenten, um für Naders Forschungsprojekte zu arbeiten. "Nader's Raiders" deckten Skandale von der Lebensmittelaufsicht bis zur Wasserverschmutzung auf. Ihre Reports (bis 1972 erschienen 17 in Buchform) wurden Bestseller. Nach dem Beinahe-GAU im Kraftwerk Three Mile Island in Harrisburg 1979 organisierte Nader einen Anti-Atom-Marsch auf Washington, die Luftreinhaltungsgesetze (Clean Air Act von 1967) und die Verbraucherschutz-Behörde sind ebenso in großen Stücken sein Verdienst.

Bei all den Aktionen und Interessenverbänden, die er mit seinem Engagement und 80 Prozent seines Jahreseinkommens gründen half, geht es Nader um eine "qualitative Reform der Industriellen Revolution". Der arbeitsbesessene Junggeselle reißt 80 Stunden-Wochen herunter, weil "sonst die bürgerliche Gesellschaft einpacken kann. Bald sind die Multis souverän - noch haben wir die Wahl." Als ihn mal eine seiner studentischen Hilfskräfte fragte, was auf seinem Grabstein stehen soll, antwortete Nader: "Er half, die Demokratie zu stärken, nackte Macht zur Rechenschaft zu zielen, Gerechtigkeit und menschlicher Entfaltung einen besseren Stand zu geben." Amerikas Bürgern war Ralph Naders Einsatz bei den Wahlen 1996 gerade mal ein Prozent der Stimmen wert.