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Das Ende vom Anfang (Teil 2)

Nicht jeder kann singen, doch der Garten ist voller Vögel, und jeder kann zuhören. (Emily Dickinson) Emily Dickinson: Guten Morgen, Mitternacht ... Diogenes, Zürich 1997, 192 Seiten, 16,90 Mark Sibylle Berg: Gold ... Hoffmann & Campe, Hamburg 2000, 256 Seiten, 24,90 Mark Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte ... Dumont Buchverlag, Köln 2000, 230 Seiten, 39,80 Mark O Brother, Where Art Thou ? ... Regie: Joel Coen, Darsteller: George Clooney,John Turturro, John Goodman, Holly Hunter Stereolab: The First Of The Microbe Hunters ... Duophonic/EFA Brigitte Fontaine: L'Incendie ... Spalax (Import) Dancer in the Dark ... Regie: Lars von Trier, Darsteller: Björk, Catherine Deneuve, David Morse, Peter Stormare Sibylle Bergs neues Buch heißt "Gold" . Es ist ein ziemlich eigensinniges, sehr unterhaltsames Sammelsurium aus kurzen Texten, Ausschnitten aus Kritiken ihrer früheren Bücher und Briefen ihrer Fans. Es hat allerdings nicht die geringste Chance, jemals in der Sendung "Das Literarische Quartett" besprochen zu werden. Und zwar nicht nur, weil sich wohl kaum einer der Kritiker mit dieser abenteuerlichen Sammlung anfreunden wird, sondern auch, weil es ein Softcover ist. Ein größeres Taschenbuch quasi. Und das geht nicht: Literaturkritiker aus deutscher Eiche lesen keine Taschenbücher. Irgendeine Regel muss man ja haben.




Sibylle Berg steht hier nicht nur am Anfang, weil ich mit ihr befreundet bin und deshalb ihr Buch erwähnen will (was übrigens nichts an seiner Qualität ändert, ehrlich!), sondern auch, weil sie kürzlich in der " Zeit" über das Literarische Quartett geschrieben hat. Da bemerkte sie vollkommen zu Recht, dass es kein Zufall sei, dass sich die Mitglieder der "Muppet-Show der Literaturkritik" (Volksmund) ausgerechnet über den Roman "Gefährliche Geliebte" von Haruki Murakami zerstritten haben. Sie dachte an den Stil des Autors - durchsichtige Sätze wie Städte aus Glas, hinter denen die Menschen eigenartig fern und doch klar hervortreten, eine melancholische Bewegungslosigkeit, es regnet in diesem Buch andauernd, immer läuft Jazz, und wenn man es durchgelesen hat, ist man ganz nass und liebt Miles Davis. Eine Modernität, die dem klassischen Feuilleton und seiner Literaturkritik eher fremd sind. Ich glaube aber, hinzu kommt, dass Murakami Japaner ist. Die Stille und die Bewegungslosigkeit, die in seinem Buch einen enormen Platz einnehmen, haben in der japanischen Kultur eine Geschichte und eine Bedeutung, die bestimmte Maßstäbe verlangt. Man kann das Buch sinnlich erleben, doch um es zu beurteilen, sollte man eine mehr als oberflächliche Kenntnis von der Kultur haben, aus der es hervorgegangen ist. Und das traue ich diesen Kritikern nicht zu.

Was kein Vorwurf sein soll. Wie sollte irgendwer mit dieser Büchermasse mithalten können? Junge Autoren und alte, aus der ganzen Welt, aus unzähligen Szenen und Subszenen, der deutsche Debütant neben dem Nobelpreisliteraten neben dem Autor aus Kuba oder Finnland oder Australien, und so weiter, Tag für Tag schüttet es Bücher, niemand kann es bewältigen. Wie auch Platten, Videos, eintausend Theaterprojekte, Kunst bis an den Horizont und dazwischen das, was dazwischen passt, Lyrik, Comics, CD-Roms, Christoph Schlingensief, die Expo. Die Zeit der Kritiker als ordnende Kraft ist vorbei. Die Schaffung eines Mainstreams, Hauptstrangs, Diskurses durch die Sichtung zentraler Werke funktioniert nicht mehr, weil niemand das Zentrum der Masse kennt. Vermutlich gibt es keins mehr.

Einige Zeit half Spezialisierung, aber deren Grenzen merkt man, sobald man sich Hybriden ansieht, zum Beispiel das Film-Musical "O Brother, Where Art Thou?". Das Drehbuch-, Produzenten- und Regie-Team Joel und Ethan Coen, bekannt für gleichzeitig unterhaltsame und anspruchsvolle Stoffe ("Fargo", "Barton Fink", "The Big Lebowski"), segelt mit der Komödie über drei geflüchtete Sträflinge, die in den dreißiger Jahren durch die amerikanischen Südstaaten ziehen, zwischen sehr extremen Orientierungspunkten: Die Geschichte folgt Homers "Odyssee", inklusive Sirenen und Zyklopen, der Titel basiert auf der Komödie "Sullivans Reisen" (1941) von Preston Sturges, die Lieder sind größtenteils Neueinspielungen von Folk-, Country- und Blues-Songs der dreißiger und vierziger Jahre. Das alles muss man nicht wissen, der Film ist wunderbar anzusehen, visuell brillant (es gibt keine Grüntöne!), mit tollen Schauspielern und exzellenten Dialogen, doch um ihn seriös beurteilen zu können, sollte man von all diesen Dingen mehr als nur Ahnung haben - und wer hat das?

Andererseits wird dabei aber auch klar, wer tatsächlich noch Zeit hat, sich um etwas intensiv zu kümmern: die Künstler. Während Journalisten von dem von den Medien selbst erzeugten Aktualitätsdruck zerquetscht werden, beschäftigen sich Künstler ausgiebig mit dem, was sie interessiert. Nach meiner Erfahrung sind ihre Empfehlungen oft gute Tipps. So hörte ich von Laetitia Sadier, Sängerin der strukturalistischen Electropop-Band Stereolab (deren neue CD "The First Of The Microbe Hunters" übrigens ganz prima ist) zum ersten Mal von der französischen Sängerin Brigitte Fontaine, die Ende der Sechziger inmitten des lärmigen Hippie-Rock-Aufbruchs auf LPs wie "L'Incendie" sehr, sehr leise Musik machte. Großartig. Der Chefredakteur der Zeitschrift, für die ich damals das Interview gemacht hatte, strich die Pop-Chanteuse allerdings aus meinem Artikel, weil, wie er erklärte, er sie nicht kenne und sie dann wohl nicht so wichtig sein könne. (Das nur kurz zur Masse der Medien, ein anderes Mal mehr.) Dies alles zur Beantwortung der Frage, die ich unvorsichtigerweise am Ende meiner Kolumne im letzten Monat habe stehen lassen, so dass ich nicht lang und breit die Filmoper "Dancer in the Dark" von Lars von Trier als schönes Beispiel für die Hochkultur des neuen Jahrtausends abfeiern kann, sondern mir darüber Gedanken machen muss: Wie orientiert man sich in der Explosion der heutigen Kultur? Ich persönlich höre angesichts der absurden Unübersichtlichkeit in erster Linie auf meine Freunde oder folge Einflüssen, Anspielungen, Zitaten in geschätzten Werken. Dagegen höre ich nie auf Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen - ich habe zu lange in diesem Sumpf gearbeitet und weiß, wie blöd und korrupt es da zugeht. Außer es sind Autoren, die ich lange kenne und von denen ich annehmen kann, dass sie ehrbar sind und grob meinen Geschmack teilen. Es gibt allerdings auch da eine Ausnahme: Dieser Kolumne würde ich selbstverständlich alles blind glauben.