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brand eins antwortet: Michael Wilhelm Schmid

Die Liste der Leute, die ich nach der Revolution abschaffen werde, wird immer kürzer. Das hat verschiedene Gründe. Vergesslichkeit etwa. Zum Teil liegt es auch am Tempo, mit dem heute alles vonstatten geht, bei diesen Halbprominenten im Fernsehen etwa, die schon wieder weg sind, wenn man gerade gelernt hat, ihre starkfröhlichen Gesichter von den spaßverzerrten Mienen ihrer Opfer zu unterscheiden. Wenn man sich doch mal jemanden merkt, wie etwa Sophie Rosentreter, ist sie gleich darauf im "Playboy", und sie dann noch abschaffen wäre irgendwie wie Nachtreten. Anderes gab es schon immer und machte den Anschein, als würde es immer bleiben, aber verschwand schließlich doch. Länder zum Beispiel, meine Ex-Top-Drei der Unrechtsstaaten (Südafrika, Israel, Rumänien) ist heute fast unbrauchbar, zumal die Palästinenser-Frage möglicherweise auch noch gelöst wird. So bleiben nur diese menschenverachtenden, unfassbar brutalen Langzeitdiktaturen in Asien, über die hier nie irgendwer berichtet, so dass ich nicht mal mehr weiß, wie sie heißen. Birma?, oder Burma?, oder tatsächlich Myanmar, was ja eher nach einem Musical mit fliegenden Autos klingt. Und natürlich Slobodan Milosevic, der aber sowieso enden wird wie Ceaucescu, und das, wie man im Fußball sagt, vollkommen verdient.




Weil mir also, wie das in diskursfreudigen Kreisen heißt, das Feindbild abhanden gekommen ist, habe ich mehr Zeit, mich mit schöneren Dingen zu beschäftigen. Ich esse leckere Sachen, während ich mir überlege, dass ich mal abnehmen müsste, habe mir eine Lampe gekauft, die Sterne an die Zimmerdecke malt, höre häufig Nick Drake, aber nicht nur, weil man den nicht einfach VW überlassen kann, und rede mit Kindern oder wildfremden Leuten, die behaupten, wir hätten uns bereits mehrfach getroffen. Manchmal würde ich gern kleinen Tieren über die Straße helfen oder Gott spielen, neue Welten erfinden mit Musik am Himmel statt Wolken, aber das geht nicht, und so arbeite ich für Geld, versuche nett zu sein zu Leuten, die doof sind, weil sie es nicht besser wissen, und winke schönen Mädchen zu, die zurückwinken, aber nicht mehr. Schade.

Zwischendurch lese ich Zeitung. Bei den Betrachtungen des Herrn Schmid fühlte ich mich wohl, schon weil der Mann Philosoph ist. Vor ein paar Jahren gab es auf dem Jahrmarkt jemanden, der machte Scherenschnitte, das fand ich auch rührend. Außerdem ist das, was er schreibt, na ja, eben schön. Und richtig. Nur teilweise ein bisschen dünn, Schmids Idee hat leider eine Schwachstelle: " Für die zu erneuernde Lebenskunst lässt sich eine Definition vorschlagen, die sowohl ethischen als auch ästhetischen Bedürfnissen Rechnung zu tragen vermag, in Kraft zu setzen nur durch einen Wahlakt des jeweiligen Individuums: Schön ist das, was als bejahenswert erscheint." Gut ist, was gefällt? Schweigen in der Oben-ohne-Bar, unentschlossene Tiere kauern in staubigen Freigehegen, über dem Feld dräut unheilvoll eine grüne Wolke. Stille. Dann Aufruhr. Die Menge vor dem Büro des Sheriffs verlangt fackelschwenkend ein Opfer: An diesem Strang knüpfen wir ihn auf. Der Sheriff schwitzt.

In Fällen der Ratlosigkeit braucht es Freunde, also fragte ich einen guten Kumpel: mein Hirn. Mein Hirn ist ein Bär von nicht geringem Verstand, freundlich und mitteilsam, und so sagte es: "Glaubst du wirklich, mein lieber User, dass diese Billiarden von Verknüpfungen in meiner Struktur nur dazu dienen, deinen Gedankenfluss zu steuern, deine Erinnerungen einigermaßen sortiert aufzubewahren und dafür zu sorgen, dass du beim Gehen nicht umkippst? Ach was! Tag für Tag sammle ich mehr Daten, als du jemals bewusst verarbeiten kannst, archiviere, sortiere, vernetze und gebe dir, wenn es gerade passt, das, was man ,so ein Gefühl' nennt. Ein gutes Gefühl, wenn das, was du erlebst, glaubst oder planst mit meinem Netzwerk aus Wissen und Erkenntnis zusammenpasst, ein schlechtes, wenn nicht. Harmonie und Dissonanz. Schönheit und Hässlichkeit." Mein Hirn kratzte sich mit einer Pfote hinter dem Ohr. "Die Intuition ist schön, aber klein und leise, und so wird sie selten geehrt. Das ist tragisch. So wie übrigens auch der kleine Appetit, der gerade in mir aufkommt. Vielleicht wäre es an der Zeit für einen Happen zwischendurch, für ein kleines bisschen Input." Mein Hirn ist inputvernascht.

Während mein Hirn also anfing, in meinen CDs zu wühlen und schließlich, wie sollte es anders sein, bei Nick Drake hängen blieb, guckte ich aus dem Fenster. Am Himmel war zu lesen: Schönheit ist ein Ausdruck von Harmonie, und Harmonie ist ein Ausdruck nichtlinearer Erkenntnis. Öh, tja. Und in China essen sie Hunde. Aber klar, Nazis sind hässlich und diese gehetzten Manager mit dem Killerblick und der zerfressenen Haut von dreimal täglich rasieren sowieso. Kinder dagegen sind schön, genauso, wenn der Zug mal pünktlich ist und nicht so voll. Oder Fraktale. Jeder Mensch freut sich über etwas anderes, Mathematiker über die Schönheit einer Gleichung, Programmierer über die eines Codes, Engel finden eigentlich alle gut und die Kunst auch, sie ist unsere neue Religion, die Sinn, Gemeinschaft und, jawoll, Schönheit schafft. In diskursfreudigen Kreisen schüttelten sich die Köpfe, es murmelte Regression. Der Bär und ich sind dann einkaufen gegangen.

Ein paar Tage später sah ich auf einem Kongress Derrick de Kerkhove, den Chef des Marshall-McLuhan-Instituts in Toronto, der lachend erklärte, offensichtlich würde alles immer besser werden, die ganze Welt. Eine Begründung für diese Behauptung lieferte er nicht, er hatte wohl nur so ein Gefühl. Ich verstand das, denn mir ging es ähnlich.