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Was denkt der bloß? - Wolfgang Reitzle, stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei Ford

Wenn ich heute einen BMW sehe, vor mir auf der Autobahn und ein paar Sekunden später im Rückspiegel, werde ich leicht melancholisch. Immerhin habe ich 23 Jahre meines Lebens bei den Bayerischen Motoren Werken verbracht, weil man mir dort eine Chance gegeben hat. Klar war ich ein guter Fang, mit 22 hatte ich das Ingenieursstudium abgeschlossen, kurz darauf meinen Doktor gemacht. Aber selbst für ein Talent wie mich war es nicht normal, mit 35 Chef der Entwicklungsabteilung zu werden und mit 36 in den Vorstand aufzurücken. Aber der alte Vorstandsvorsitzende, der Eberhard von Kuenheim mochte mich halt - bis zu dieser Sache mit Porsche. Das hat er mir nie verziehen, dass ich mit denen über einen Job verhandelt habe. Zur Strafe hat er 1993 nicht mich, sondern Bernd Pischetsrieder zum BMW-Chef gemacht.




Eine Episode, habe ich damals gedacht. Der Pischetsrieder macht das nicht lange, und dann komme ich. Aber der Aufsichtsrat ernennt im Februar 1999 doch tatsächlich Joachim Milberg zum Nachfolger. Nichts gegen Milberg, was soll man gegen jemanden haben, den man nicht sehen kann, wenn man ihn vor eine weiße Wand stellt? Aber mit der Markentreue war Schluss. Zum Glück. Heute weiß ich, dass das mein Problem war: Ich kannte nur BMW.

Und ich meine auch das Auto. Es heißt ja nicht umsonst: Es ist einfacher, ein Zeichen von Gott zu bekommen als die Vorfahrt von einem BMW-Fahrer. Ich dachte immer, so etwas sagen nur Neider. Heute weiß ich, wo die Neider sitzen: in den BMWs. Die hätten nämlich alle gern die Autos, mit denen ich jetzt für Ford die Welt erobere. Vielleicht nicht gerade einen Volvo, aber einen schönen Jaguar oder, wenn der Preis egal ist, einen echten Aston Martin. Das wird schon mit meiner "Premier Automotive Group", also mit der Topklasse von Ford. Vor allem, wenn ich nun auch noch Land Rover kriege.

Solche Pointen schreibt wirklich nur das Leben. Denn schließlich war ich es damals, als BMW Rover gekauft hat, der die Marken Land Rover und Mini behalten und den Rest verkaufen wollte. Pischi nicht, dessen Idee war echt BMW: Bleifuß und durch. Also hat er Gas gegeben, rund 16 Milliarden Mark sind in sechs Jahren auf der Strecke geblieben. Und wohin hat es geführt? Der neue Besitzer von Rover ist das Phoenix-Konsortium, geleitet vom Ex-Rover-Chef John Towers. Ein Witz! Und ich bekomme die Marke Land Rover mit den besten Off-Road-Cars der Welt. Auch witzig: Der Karren steckt im Dreck, und die verkaufen den einzigen Wagen, der ihn herausziehen könnte.

Was für ein Glück, dass ich nicht schadenfroh bin. Dafür habe ich einfach keine Zeit. Ich muss arbeiten, so wie früher, wo ich den Kram von Pischi teilweise mit erledigt habe. Nur tue ich das heute für mich, trage die Verantwortung, bekomme aber auch den Ruhm. Na gut, es ist anstrengend, zwischen London, München, Göteborg und Detroit hin und her zu jetten. Aber den Fehler, mein Privatleben aufzugeben, mache ich nicht mehr. Ich nehme mir Zeit für meine Gefährtin Nina und auch fürs Golfspielen. Ich bin Mitglied im Augusta National Golfclub in Georgia, der hat 300 Mitglieder - der exklusivste Club der Welt. Ich glaube, mit einem BMW kommt man da nicht mal aufs Gelände.

Na, wenn meine Ex-Firma irgendwann tatsächlich von Volkswagen gekauft wird, ist jedenfalls Schluss mit der Arroganz. Dann ist BMW dort, wo er mit mir nie hingekommen wäre: beim Volk, das zu Geld gekommen ist. Die werden sich krümmen im Aufsichtsrat. Und erst der von Kuenheim, der BMW als Vorstandschef groß und als Aufsichtsratschef wieder klein gemacht hat. Der hätte als der große Mr. BMW in Rente gehen und zusehen können, wie ich sein Lebenswerk noch größer mache. Aber vermutlich hat er genau das nicht gewollt. Ich sag's ja: Emotionen gehören nicht ins Business.