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Scharfe Kurven

Holger Würthner sah ein Problem, hatte eine Idee, schaffte es bis zur Serienreife. Und wäre dann mit seiner revolutionären Schlittschuf-Kufe fast pleite gegangen. Ihm fehlte die Verbindung zum Markt.




Im Eis herrscht normalerweise eine Temperatur zwischen null und ein paar Graden minus. Tritt ein Schlittschuhläufer aufs Eis, erzeugt sein Gewicht Reibungswärme, die bei jeder Bewegung ein winziges Stück Eis zum Schmelzen bringt. Auf diesem mikroskopischen Gleitfilm gleiten die Stahlkufen des Läufers. Das ist das Prinzip des Schlittschuhlaufens. Seit über hundert Jahren.

Nach diesem Prinzip glitten auch Maik und Oliver Würthner, Profis beim Schwenninger Eishockeyclub Wild Wings, jahrelang übers Eis. Die beiden Bundesligaspieler aus dem schwäbischen Villingen-Schwenningen kannten aber auch die Macken ihres Schuhwerks: Das Gleiten auf starren Stahlkufen kostet Spieler viel Kraft, es belastet ihre Gelenke und Bänder. Traditionelle Kufen passen sich weder dem Gewicht des Spielers noch den Temperaturen des Eises an. Außerdem müssen sie regelmäßig auf teuren Diamantschleifmaschinen nachgeschliffen werden.

Maik und Olivers Vater, 16 Jahre lang Stadionsprecher bei den Wild Wings und Besitzer einer Lohndreherei, kam darüber ins Grübeln. Und hatte eine Idee. Nebenbei ist Holger Würthner nämlich ein passionierter Erfinder. Wenn es gelänge, die Temperatur zwischen Kufe und Eis und damit die Gleitkraft zu erhöhen, dachte sich Würthner, musste das Schlittschuhlaufen viel leichter gehen. Würthner erkannte: Bei Stahlkufen wird die Reibungswärme in den Schuh abgeleitet und verpufft. Die Kufe hingegen, die Würthner mit einem Kunststoffblocker über der winzigen Stahllauffläche versah und " T-Blade" (für Thermo-Blade) taufte, hielt die Wärme. Messungen ergaben: Die Temperatur einer T-Blade liegt um gut drei Grad Celsius über der von handelsüblichen Stahlkufen. Mehr Wärme, mehr Eisschmelze und damit höhere Geschwindigkeit: Diese Gedankenkette brachte Würthner ins Schwitzen. Das war vor 14 Jahren.

Einfach: von der Idee zum Prototypen Schnell knüpfte der schwäbische Innovator ein klassisches kleinunternehmerisches Netzwerk, das seine Innovation umzusetzen half. Den Kunststoff-Spritzguss übernahm die Firma N. + H. Klafky aus Schwenningen, die für die Metallbänder erforderlichen Bandschweißmaschinen entwickelte Ketterer aus dem nahe gelegenen Bad Dürrheim. Kunststoff und Metallband verschweißte die Haas-Laser GmbH aus dem nur einen Katzensprung von Villingen entfernten Schramberg. Für die Gestaltung wiederum zeichnete Frogdesign aus dem ebenfalls benachbarten Altensteig verantwortlich, das dafür prompt vom Verband amerikanischer Industriedesigner ausgezeichnet wurde. Würthner selbst produzierte unter dem Namen Würthner Sport-Technologie (WST) die hauchdünnen Metallbänder, die zwischen Kunststoff und Eis liegen.

Wie sich bald herausstellte, waren seine Kufen nicht nur schneller, sondern auch gesünder und praktischer. Der Polyamid-Unterbau wirkte wie ein flexibler Puffer und damit gelenkschonend. Weil sich T-Blades beim Kurvenfahren ein wenig verbiegen, ließen sich mit ihnen viel schärfere Kurven ziehen. Das Wichtigste aber: T-Blades kann man auswechseln. "Mit verschiedenen Modellen werden wir sie jedem Spielergewicht und jeder Eisbeschaffenheit anpassen können", erzählte der 56-Jährige stolz. Ist eine Kufe abgefahren, wird man sie nicht mehr schleifen, sondern austauschen wie die Klinge eines Nassrasierers. Kurzum: Alles sprach für T-Blade.

Schwerer: vom Prototypen zum Produkt Was Würthner damals nicht geahnt, vielleicht einfach nur verdrängt hatte: Bis zur Produktreife war es noch ein langer Weg. Sechs Jahre vergingen zwischen Idee und Patentierung, weitere fünf bis zum Anlaufen der Serienfertigung. Und Geld wollte ihm keiner geben. "Weisen Sie erst mal die Funktionalität nach", hörte Würthner, wenn er potenzielle Investoren ansprach. Auch die Weltmarktführer CCM und Bauer (mittlerweile Teil des Nike-Imperiums) ließen ihn abblitzen. "Wir entwickeln mit Ihnen zusammen", hieß es beim ersten, "Der Markt zieht da nicht mit", beim nächsten Mal. Und Würthner musste erkennen: Kein Marktführer hat ein Interesse, Konkurrenten für sein Produkt heranzuziehen. Es sei denn, der Markt zwingt ihn dazu. Doch dazu fehlte dem Erfinder aus dem Schwarzwald die Macht.

Also setzte er auf eigene Kraft und Kredite. Als ihm die Banken schließlich keinen mehr einräumen wollten, verkaufte er die von den Eltern geerbte Lohndreherei. Im Laufe der Jahre steckte er knapp fünf Millionen Mark in die Kufen. Als die T-Blades 1999 endlich einigermaßen marktreif schienen, als die ersten Profis eine Saison auf ihnen gespielt hatten und die Entwicklungsphase am Ende war, war es Würthner auch. Der Erfinder hatte ein faszinierendes Patent, ein fast durchentwickeltes Produkt inklusive kompletter Fertigungsstraße - aber keinen Markt. Und weder Geld noch Ideen, um einen zu erschließen.

Die kaufmännischen Prozesse seien für ihn schwer zu durchdenken gewesen, sagt Würthner selbst. Vielleicht habe es ihm auch an strategischer Weitsicht gefehlt. "Wenn ich die auch noch hätte, wäre ich ja Supermann." - "Würthner ist der Typ Erfinder, der von der Kufe bis zum Helmvisier Verbesserungsideen hat und am liebsten alles selbst machen will", sagt Mathias Kunz. "Dafür geraten ihm andere Aspekte aus dem Blick" Mathias Kunz, 36, ist promovierter Physiker und Unternehmensberater bei McKinsey & Company. Außerdem ist Kunz - und das ist für diese Geschichte viel wichtiger - der Schwager von Würthners Sohn Maik. Auf diesem Wege erfuhr der Berliner Berater von den Schwierigkeiten, in denen der Schwenninger Erfinder sich befand.

Immer öfter reiste er deshalb im vergangenen Jahr in den Schwarzwald, steckte den Kopf mit Würthner zusammen und lotete die Überlebenschancen für dessen Innovation aus. "Es gab weder eine strategische Positionierung noch einen Marketingansatz oder ein Vertriebskonzept. Andererseits existierte ein durchentwickeltes Produkt, ein eingespieltes Fertigungsnetzwerk. Und das Wichtigste: Es gibt einen Markt." Existentiell: ein Vermittler zum Markt Der Markt jedoch liegt nicht in Villingen-Schwenningen, auch nicht in Deutschland, sondern vor allem jenseits des Atlantiks, in Kanada - dem Mutterland des Eishockeys. Allein in der Region Toronto, erfuhr Kunz, gibt es 800 Eishallen. Und weltweit summiert sich der Schlittschuhmarkt auf sagenhafte 600 Millionen Euro pro Jahr. T-Blade, konstatierte Kunz, hatte eine Chance. Und so stieg der Berater beim Erfinder ein. Zunächst mittels dem McKinsey-typischen " Management-Leave", seit Mai 2000 dann voll und ganz.

Dass sich die ungleichen Partner verstanden, führt Kunz auf die vielen Tage und Nächte zurück, die beide gemeinsam verbrachten. "Eine solche Vertrauensbasis kann man nicht ad hoc und nicht in Anzug und Krawatte aufbauen. Das braucht Zeit." Zusätzlicher Vorteil: Der Physiker Kunz beherrschte die Techniksprache des Erfinders. Und als gebürtiger Tübinger war er selbst "Schwabe genug, um die Eigenheiten eines Schwarzwälder Schwaben verstehen zu können".

Hoffnungsvoll: die Zukunft von T-Blade Zusammen mit zwei befreundeten Volkswirten und einer Marketingfachfrau gründete er die E-Blade Sportgerätevertrieb GmbH mit Sitz in Berlin, die - unbelastet von der Vergangenheit der WST - fürs Erste den Vertrieb ankurbeln sollte. In Zukunft, so Kunzes Vision, könnte sie T-Blade als Internet-Vertriebstochter dienen.

Dann holte er weitere Partner ins Boot. Als Projekt-Aufsichtsrat gewann er Thomas Heilmann von Scholz & Friends Berlin und den einstigen McKinsey-Deutschland-Chef Herbert Henzler, von dem man weiß, dass er ein Faible für mittelständische Erfinder hegt. Alle ein bis zwei Monate diskutieren Macher und Mentoren jetzt die Fortschritte ihres Projekts.

Vor allem aber suchte Kunz Geldgeber. Bislang musste er das Überleben der Idee aus eigener Tasche finanzieren, seine Mitstreiter arbeiten seit Monaten ohne Gehalt. Um T-Blade ins Rollen zu bringen, braucht er jetzt mindestens drei Millionen Euro. Mit Würthner, Kunz und Gründungsmitgliedern als Mehrheitsgesellschaftem soll dann die T-Blade GmbH gegründet werden.

Für die mehren sich mittlerweile die ermutigenden Zeichen. Die ersten 2000 T-Blade-Systeme wurden in der vergangenen Saison weltweit verkauft, besonders junge Spieler verlangen nach den coolen Kufen. Eines Tages, so die Hoffnung, ist die Nachfrage derart stark, dass Nike/Bauer und CCM die Schwarzwälder Erfindung einfach nicht mehr ignorieren können. Derzeit testen einige der Wettbewerber bereits die argwöhnisch beäugte Innovation in ihren Labors.

Holger Würthner ist schon weiter. Mit seiner Technik, erzählt er, ließen sich auch Bobs und Rodelschlitten beschleunigen. Und für Skier habe er noch ein anderes, wirklich revolutionäres Konzept. Man werde noch davon hören.

Kontakt: E-blade Sportgerätevertrieb GmbH Rahnsdorfer Straße 41 12587 Berlin www.t-blade.com