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People Are Individuals

Günther Heinrich sah einen Markt. Und niemanden, der ihn besetzte. Also machte er sich selbstständig, entwickelte das Produkt zum Markt. Und fand auch schnell die Geldgeber, die ihm halfen, aus seiner Idee eine Innovation zu machen.




Günther Heinrich war Forschungsleiter in einem Pharma-Konzern - genau genommen Laborleiter für den Aufbau und Gruppenleiter in der Biotechnologie bei Sandoz, einem Unternehmen, das durch den Zusammenschluss mit Ciba Geigy in Novartis aufging. Sein Arbeitsfokus lag auf der Verhinderung von Abstoßungsreaktionen bei Transplantationen.

Menschliche Körper erkennen in transplantierten Körperteilen Fremdkörper, die wieder abgestoßen werden müssen. Das ist für alle Beteiligten ein emotionales und für den Patienten vor allem lebensbedrohliches Drama. Es ist jedoch auch eine betriebswirtschaftliche Katastrophe. Eine teure Operation war umsonst, und ein wichtiges Organ, auf das in der Regel etliche Bedürftige warten, ist verloren.

Heinrich entwickelte also Antikörper, die diese Reaktion besser und nebenwirkungsärmer verhindern sollten als die bereits erhältlichen. Der erste Versuch ging daneben. Das Medikament wirkte zwar, sehr gut sogar. Nur ergab der klinische Test gegenüber den existierenden Medikationen keinen statistischen Vorteil.

Problem: teure Tests ohne Ergebnis Das schmerzt. Ein klinischer Test kostet das Unternehmen runde 250 Millionen Mark. Aber wie sollte man vorhersehen, wie eine Substanz beim Zielpublikum anschlägt? Diese Frage hat Günther Heinrich beschäftigt. Als Firmenvertreter sah er das verpulverte Geld, als Forscher, dass ein möglicher Erfolg durch solch unberechenbare Individualität zum Misserfolg geriet. Und auch wenn ein zweiter Versuch gelang - 1998 wurde das abstoßungsverhindernde und nebenwirkungsfreie Medikament Simulect von Novartis auf den Markt gebracht -, das Thema ließ den Mediziner nicht mehr los. Er sah den Markt und nur wenige, die in ihm aktiv sind.

1993, Heinrich lebte inzwischen in Boston, gründete er mit zwei Mitstreitern die US-Firma Variagenics. Ziel war die Lizensierung eines Gens für die Entwicklung von Diagnostika. Das sind jene Mittel, die helfen sollen, die Wirkung von Medikamenten beim Patienten vorherzusehen. Und deren Grundlage, das war inzwischen klar, sind die Gene des Menschen.

Idee: die Suche nach dem Unterschied Gene gleichen sich zwar im Grundaufbau, weisen jedoch bei jedem Menschen geringfügige Unterschiede in ihrer Struktur auf. Hier fand Günther Heinrich seinen Forschungsansatz und seine Philosophie: "People are individuals" - nur die Medizin war es nicht. Er wollte das ändern, wollte diese Gen-Unterschiede entschlüsseln und daraus Diagnostika entwickeln, die die Wirkung von Medikamenten voraussagen.

Die Kollegen bei Variagenics fanden die Idee nicht überzeugend genug, um sie zu einem Forschungszweig auszubauen. Mit der Absage gab sich Heinrich nicht zufrieden. Er ging.

1998 gründete er Epidauros, eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Bernried am Starnberger See. Das Geld war kein Problem: Rund fünf Millionen Mark für den Start hatte er bei der Venture-Capital-Firma 3i eingesammelt, zehn weitere Millionen kamen in Form von zwei stillen Beteiligungen der öffentlich-rechtlichen Institutionen Bayern Kapital und Deutsche Ausgleichsbank.

Doch es gab andere Hürden. Heinrich, der immerhin in seiner Universitätszeit mit drei Nobelpreisträgern gearbeitet hatte, wollte mit seiner Aktiengesellschaft keinesfalls in den Ruch der Scharlatanerie geraten. Also holte er sich nahezu alle großen Namen der Pharmakogenetik in seinen wissenschaftlichen Beirat.

Parallel zur AG-Gründung lernte er die Tücken der Unternehmerschaft kennen. Statt zu forschen, musste er Behörden abklappern, durchforstete - vergeblich - das Angebot an Fördermitteln. Und verzeichnete dennoch erste Erfolge: Wo immer Heinrich mit seinem Konzept vorsprach, hörte man gespannt zu. Er kam auf den zweiten Platz im Start-up-Wettbewerb von McKinsey, Sparkassen und " Stern". Und gewann Lothar Späth als Berater und Gründungs-Aufsichtsrat.

Inzwischen hat Epidauros einen Kooperationsvertrag mit Paraexel, dem Branchendritten für klinische Studien. Mit inzwischen 44 Mitarbeitern gehört Heinrich zu einem der Hoffnungsträger der noch jungen Fachrichtung Pharmakogenetik, die vor allem einer zentralen Frage folgt: Wie sehen die genetischen Grundlagen für die Wirkung von Medikamenten aus?

Findet er mit Epidauros die Antwort auf diese Frage, öffnet sich ein riesiger Markt, in dem es um Menschenleben und Milliarden geht. Ein Beispiel: Allein in Deutschland leben rund 120000 Menschen, die an Multipler Sklerose leiden, der zweithäufigsten neurologischen Krankheit nach der Epilepsie und der häufigsten entzündlichen Erkrankung des Nervensystems. Es gibt auch schon ein Medikament für die Therapie - Interferon. Doch das wirkt nur bei rund 30 Prozent der Erkrankten, und niemand weiß, warum. Schlimmer noch: Wenn es nicht hilft, verursacht es nicht rückgängig zu machende Schäden des Nervensystems.

Wüsste man genau in welcher Dosierung das Medikament bei welchem Patienten wirkt, wären die Negativreaktionen vermeidbar, die Ausgaben für das teure Medikament erreichten ihr Ziel.

Lösung: ein DNS-Chip Dem Wunschtraum, jedem Patienten sein Medikament in der richtigen Dosierung zuordnen zu können, will Epidauros durch die Zusammenarbeit mit der Ebersberger MWG-Biotech AG näher kommen. Gemeinsam wollen sie den weltweit ersten DNS-Chip entwickeln. Mit seiner Hilfe soll ein Gerät binnen Minuten die Genstruktur im Blut eines Patienten entschlüsseln und Schlussfolgerungen auf Wirkung und Nebenwirkung von Medikamenten in jedem Einzelfall zulassen.

Die Grundlage für diese Entwicklung liegt in der Epidauros-Arbeit der zurückliegenden Jahre. Mehr als 50 SNPs haben die Bayern analysiert. Das sind charakteristische Fragmente des Erbgutes, die den erwünschten Rückschluss ermöglichen, was wie wirkt. Ärzte haben dann die Möglichkeit, Heilmittel gezielter zu verabreichen, und verhindern so dramatische Fehldosierungen oder ausbleibende Effekte bei Patienten.

Nebenwirkung: ein riesiger Markt Erst kürzlich wurde ein Fall in München öffentlich, der die Dringlichkeit einer solchen Diagnose-Möglichkeit untermauert. Ein Patient starb im Zuge seiner Therapie an einer Überdosis der verabreichten Medizin. Als der Mann negative Reaktionen auf die Medikation zeigte, setzte man das Mittel ab. Der Zustand des Patienten besserte sich. Eine erneute Einnahme der Arznei bewirkte seinen Tod. Man stellte später fest, dass der Wirkstoff im Körper dieses Mannes kaum abgebaut wurde. Die Konzentration im Blut erreichte in der Folge eine toxische Dosis.

Günther Heinrich kennt das Problem. Die verabreichten Substanzen sind gut fett- und schlecht wasserlöslich. Wasserlöslich aber müssen sie sein, um wieder ausgeschieden werden zu können. Es ist also die Aufgabe von Enzymen, die Wasserlöslichkeit zu erhöhen. Und nach der Wirksamkeit der Enzyme, also je nachdem, wie schnell oder langsam sie arbeiten, richtet sich die Dauer des Zeitraums zwischen Einnahme und Ausscheidung. Auch dieser Vorgang ist genetisch bedingt.

Menschen mit weniger aktiven Enzymen müssen seltener zur Arznei greifen als Menschen mit hoher Ausscheidungsrate. Wird bei beiden gleich dosiert, schlägt das Medikament beim einen kaum an, während die Konzentration des Wirkstoffes im Blut des anderen Patienten bereits lebensbedrohlich ansteigt.

Die "Verdauung" eines Medikamentes führt zum zweiten großen Markt für die Epidauros-Forschung und damit zum zweiten Beispiel: 80 Prozent der entwickelten Medikamente schaffen nie den Weg in die Apotheke. Meist liegt es daran, dass die Substanz nicht genug Patienten hilft. Wirkt es nur bei wenigen, wird die Markteinführung abgelehnt. Die Kosten von 250 Millionen Mark für eine klinische Studie, die ein solches Ergebnis zutage bringt, sind nur ein Teil der Gesamtsumme, die für die Entwicklung aufgebracht werden muss. Die liegt alles zusammengenommen bei einer halben bis einer Milliarde Mark.

Chance: hängt von den Ärzten ab Mit Hilfe der Epidauros-Forschung können diese Tests erheblich effektiver gestaltet werden. Wenn sich bereits voraussagen lässt, wie ein Medikament wirken wird, können die Probanden gezielter ausgewählt werden - und die Pharma-Konzerne sparen Milliarden. Wenn nun noch im Vorfeld bestimmbar ist, wie gut der Stoffwechsel eines Patienten funktioniert, lässt sich auch die zu verabreichende Dosis von vornherein festlegen.

Das führt letztendlich dazu, dass die Anzahl der Testteilnehmer gesenkt werden kann. Etwa tausend sind es derzeit pro Studie. Gleichzeitig erhöht sich die Quote der Positivreaktionen. Zusammen senkt das die Kosten im besten Fall um 25 bis 45 Prozent.

Die Pharma-Konzeme sollten also ein recht potentes Interesse an der Epidauros-Forschung haben. Doch kein Konzern sitzt mit Günther Heinrich im Boot. Überrascht hat ihn das nicht: "Konzerne haben zwei Stärken: die Riesenauswahl chemischer Substanzen für die Forschung und ihre ungeheure Vermarktungsmacht. Entwickelt wird immer in kleinen Unternehmen wie unserem. Dieses Know-how kaufen die Großen dann zu." Größere Probleme sieht Heinrich bei den behandelnden Ärzten. Sie haben für Diagnostika schlicht kein Budget. Will der Mediziner die Epidauros-Diagnostika einsetzen, muss er sie quasi selbst finanzieren. Und das wird das größte Markthemmnis für die Produkte aus der Epidauros-Forschung sein. Doch vermutlich arbeitet die Zeit für Günther Heinrich und sein Team. Irgendwann wird es auch für die Krankenkassen wirtschaftlicher sein, den Medikamenteneinsatz nach dem Bedürfnis der Patienten zu dosieren.

Günther Heinrich zumindest ist sicher: An der Philosophie seiner Firma "People are individuals", kommt auf Dauer keiner vorbei.

Kontakt: Epidauros AG Am Neuland l 82347 Bernried