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Morbus Digitalis: Attacke der Computer-Viren

Computerviren sind überall. Man kann sich gegen sie schützen, aber die Festplatte abzukochen bringt gar nichts.




Liebesbriefe sind Quatsch. Am Donnerstag, dem 4. Mai 2000, dürfte das wohl auch den letzten Romantikern klar geworden sein. Computervirus "I love you" schwor Liebe und übte Gewalt. Was sind das für Dinger, die die Informationsgesellschaft in kürzester Zeit so teuer zu stehen kommen?

Aufbau und Strategie Virus ist Lateinisch und heißt Gift, und das zu Recht. Biochemische Viren pflanzen sich fort, indem sie einzelne Zellen eines Wirts befallen, um den Organismus zu zerstören. Computerviren sind sich selbst reproduzierende Programme. Viren nutzen für die zerstörerische Reise die Blutbahn, Computerviren das Internet, Disketten, CD-ROMS. Computerviren sind so alt wie das Konzept des modernen Rechners, das John von Neumann in den vierziger Jahren entwickelte. Er dachte bereits an sich selbst reproduzierende Programme - allerdings an nützliche. Im Jahr 1984 schrieb der kalifornische Informatiker Fred Cohen eine Dissertation zum Thema und machte sich damit zum Robert Koch des digitalen Zeitalters. Zwecks Anschauung verseuchte er im Rahmen seiner Doktorarbeit den Institutsrechner. Sein Mentor, der Informatik-Guru Len Adleman, verhinderte in letzter Minute, dass Cohen von der Universität flog. Und warnte fortan lautstark vor den Biestern. Das alarmierte, hoppla, sinistre Programmierer, Taugenichtse des Informationszeitalters.

Alarm und Ausreden Programmierer: Ein paar von ihnen schreiben Viren-Programme, um Firmen zu schädigen oder aufsich aufmerksam zu machen. Der große Rest behauptet, jeder Softwarefehler sei auf Computerviren zurückzuführen, um vom Pfusch am Rechner abzulenken. So kommt ein Virus immer auch gelegen: Entwicklerteams, die mit ihrer Arbeit im Rückstand sind, fehlerhafte Programme, rucklige Rechner - all diese Schlampigkeiten des Alltags lassen sich mit einem Virus vertuschen. Deshalb sind die Schadenssummen, die nach jeder Virenattacke genannt werden - im Fall "I love you" bis zu zwölf Milliarden Mark weltweit - mit Vorsicht zu genießen.

Das Virus ist global.

Nicht nur in seinen Auswirkungen. Der erste wirksame PC-Virus kam aus Pakistan ("Brain"). Seine Entwickler waren 1982 so stolz, dass sie Name und Adresse ins Programm schrieben. Statt Lob gab es Knast. Ende der Achtziger tauchten Viren aus China und dem PC-Seuchenparadies Bulgarien ("Dark Avenger") auf. Aus Israel stammte der "PLO"-Virus alias "Freitag der 13.", "Melissa", das Virus des Jahres 1999, ist amerikanische Qualitätsarbeit.

Impfstoffe und bösartige Mutationen In den achtziger Jahren entwickelten Unternehmen wie McAfee, Norton (Symantec) und IBM Anti-Viren-Scanner. Diese Programme erkennen Veränderungen am Computer und reagieren darauf. Waren die ersten PC-Viren nur zu aktivieren, wenn der Benutzer aktiv ihr Programm lud (aus Neugier meist), kamen Mitte der neunziger Jahre auch so genannte Makro-Viren auf, die sich in ganz harmlos aussehenden Textdateien "verstecken". Dazu wurden im Internet "Würmer"-Viren gezüchtet, zu denen auch "I love you" gehört. Sie werden durch Öffnen der Datei aktiviert, kopieren alle eMail-Adressbestände und verschicken sich selbst. Abschließend legen sie den Rechner lahm. Das kann zum totalen Datenverlust führen und kostet in jedem Fall viele Stunden mühsamer Rekonstruktionsarbeit.

Vorbeugen ist besser als heulen.

Einen guten Schutz bieten Viren-Scanner. Die untersuchen alles, was auf CD-ROM, Diskette und via Internet neu daherkommt. Diese Programme aktualisieren sich aus dem Internet selbst. Tauchen neue Viren auf, wird der Impfstoff vom Hersteller frei Haus geliefert. Es gilt dieselbe Faustregel wie bei ansteckenden Krankheiten im wirklichen Leben: Geh nicht zu nah heran.