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Gleichschaltung - Die lächelnden Logos

Wer ankommen will, muss sich bewegen. Aber warum hat jeder, der Fortschritt verkaufen möchte, ein Häkchen im Logo? Wie viel Schwung verträgt der Kunde?




Fixieren wir zunächst die Fronten: Von einer Bank erwarte ich, dass sie mit meinem waghalsig erspekulierten Geld auf das Sorgsamste umgeht. Ich erwarte konservativste Tugenden und absolute Solidität. Die Vorstellung, dass Buben wie jener, der die Londoner Barings Bank durch seine hasardeurhaften Transaktionen in den Ruin getrieben hat, mein Geld verwalten, macht mir Angst. Nicht umsonst eröffnete ich mein erstes Konto bei einer Bank mit dem ehrwürdigen Namen Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank - in dieser Vollversion stand das damals auf den barock-gelben Fassaden. Die Verkürzung auf Hypobank registrierte ich bereits mit einem Anflug von Widerwillen. Wahrscheinlich stammte die Idee von irgendwelchen pfiffigen Unternehmensberatern oder hippen Werbern, die Schwellenängste oder Derartiges abbauen wollten.

Immerhin, die Wortverstümmelung beunruhigte mich nicht ganz so wie der Schwungstrich unter dem Signet der Bayerischen Vereinsbank. Dies schien mir der zum Logo gewordene Inbegriff jener Luftikusse zu sein, die mein Geld zum Zocken und Pokern auf internationalen Schlachtfeldern verprassen würden. Eventuell gehört es dort auch zum Konzept der Kundenbindung, seinen Bankberater zu duzen - wer weiß. Das könnte derartige Gespräche ergeben: "Du, Horst, ich hab dir doch neulich Kirmes-Aktien empfohlen, das ist mir nun wahnsinnig peinlich. Die AG hat irgendwie pleite gemacht. Das tut mir echt total leid, aber ich wollt's einfach ansprechen, du!" Es ist insofern leicht, sich vorzustellen, welch schwermütiges Gefühl der Ohnmacht mich befiel, als ich das erste Mal auf meinen Kontoauszügen das lockere Logo sah - die Bayerische Vereinsbank und die Hypobank hatten nämlich, dem Zeitgeist gehorchend, fusioniert. Ich entschloss mich zur Wachsamkeit, bisher ohne Grund. So viel zum Frontverlauf.

Es geht also um Logos. Um kurz die historische Dimension anzureißen, gestatten wir uns einen Blick auf die über 20 000 Jahre alten magischen Bilder in der Höhle von Lascaux. Hier formulierten die damaligen Kommunikationsexperten ihre Botschaften mittels gemalter Darstellungen von Ur-Rindern, Hirschen, Wildpferden und Wisents. 13 000 Jahre später haben am Oberlauf des Nils die damals hoch angesehenen ägyptischen Schreiber-Priester Bilder zu Bildzeichen mutieren lassen: Hieroglyphen. Weitere 5 000 Jahre später (113 n. Chr.) meißelten Schriftkünstler das rektifizierte Destillat aus Bildzeichen - nämlich die auf pure Formen reduzierten Buchstaben der römischen Kapitalis - in die Trajansäule aus Marmor.

Eine linear aufsteigende Entwicklungslinie kehrt sich plötzlich um.

Diese Kulturleistung markiert den Höhe- und Endpunkt menschlicher Sprachdarstellung mit typografischen Mitteln. Dass die genialen Formen zwei Jahrtausende überdauerten und obendrein hochmodern geblieben sind, zeigt das Jahrbuch des internationalen Type Directors Club von 1999: Mehrere prämierte Arbeiten sind mit der Schrift " Trajan" gestaltet.

Doch nun kehrt sich die bisher linear aufsteigende Entwicklungslinie um. In Zeiten rasender Globalisierung reicht das internationale Englisch in Gestalt der lateinischen Buchstaben zur Verständigung offenbar nicht mehr aus. Eine Inflation neuer Symbole, Bildzeichen und Logos babylonisiert die Kommunikationswelt.

Stilistisch schließt sich nun der Kreis, an dessen Ausgangspunkt die Höhlenmalerei stand. Mit Zeichen, die den Wisent- und Rinderbildern frappierend ähneln, gestalten heute kalifornische Designer Logos für Internet-Start-ups, Kaffeehäuser und Boutiquen. Und als wäre der Analphabetismus flächendeckend wieder eingeführt, drangsaliert uns die selbst ernannte Kommunikations-Avantgarde, mit einer gestischen Vulgär-Bildsprache, die unsere Aufmerksamkeit auf die Belange der Firmen Telekom und ZDF lenken möchte. Das T-Zeichen wird mit Händen dargestellt; zwei Finger an den Augen prominenter Ansager sollen ausdrücken, was der Slogan nicht schaffte.

Eine Epidemie schwunghafter Ornamentierungswut greift um sich.

Vor diesem Panorama verziert also die Hypo-Vereinsbank ihr Logo mit einem elliptischen Schwung, halb Okay-Häkchen, halb angedeutete Umlaufbahn der globalen Finanzströme. Und hat damit nicht nur besorgte Naturen wie mich irritiert, sondern fast schon einen Trend ausgelöst.

Von Verlagen bis zu Autovermietern, vom Weltwirtschaftsforum bis zu Internetprovidern, alle kopieren diesen Akt schwunghafter Ornamentierung aufs Peinlichste. Besonders Firmen, die sich mit Namen wie VPV, blv oder wvgv zur Null-Aussage entschlossen haben, erhoffen sich durch die Häkchen-Kopie offenbar Emotionalisierung und Aufschwung. Selbst der Autovermieter Sixt, bisher eher durch lustvoll-aggressive Kampagnen bekannt, schiebt sich einen behäbigen Rundbogen aufs Logo-Dach.

Nahezu verständlich dagegen, dass die christlichste aller Volksparteien das siebte Gebot (Du sollst nicht stehlen!) missachtet und sich so dynamischen Schwung verleiht. Der bayerische Ministerpräsident will offensichtlich die Kurve ins Kanzleramt kriegen. Und da ist das symbolhafte Häkchen schon netter, als nachts "Ich will hier rein" grölend am Absperrgitter zu rütteln.