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Ferienziel Orbit

Mein Gott, Schwerelosigkeit", seufzte Erin, während das Dessert serviert wurde,"wie ich mich darauf freue." Es gab "Jupiter-Sorbetjuwelen" und "Pluto-Paradiespudding". In der Speisekarte stand das unter der Rubrik "Sanfte Landungen". "Oh", sagte Erin, "es wird einfach wunderbar werden."




Der Boden ein Gitterrost, die Möbel futuristisch aufgepeppt, Säulen wie Felsblöcke, ein riesiges Panoramafenster, dessen Ausblick die Unendlichkeit des Universums suggerierte. Fehlte nur noch, dass Luke Skywalker um die Ecke gekommen wäre. "Apropos Jupiter", hörte sie die groß gewachsene Frau gegenüber sagen, "starkes Magnetfeld, hohe Elektronendichte, Galileische Monde, etwa Jo und Ganymed ... Wohingegen Pluto, der erd- und im Aphel auch sonnenfernste ..." Erin Medlicott interessierte sich schon immer für Weltraum und Sternenmeer. Eine Jugend hinter Fernrohren, das Studium verbracht mit Geografie und Meteorologie und jede Folge von "Star Wars" doppelt und dreifach gesehen. Nun saß sie im Restaurant Mars 2112, Ecke 2nd Street und Broadway, das sie über eine Schleuse erreichte, die aussah wie jene an Bord der U.S.S. Enterprise. Und in der wurde sie unter heftigem Gerumpel und Geratter in die Zukunft gebeamt.

Erin träumte von ihrem Flug ins All. In wenigen Monaten würde es so weit sein, und sie würde ein Foto ihres verstorbenen Vaters, der Pilot war, bei sich haben: " So kann ich die Reise mit ihm gemeinsam machen." Dann stieß sie mit den anderen mit Cocktails an, die Marstinis hießen, auf tollkühne Fahrt und glückliche Wiederkehr. Das war vor über zwei Jahren, aber wie sich Schwerelosigkeit anfühlt, weiß Erin, Marketingkauffrau aus Fort Lee, New Jersey, immer noch nicht.

Raumtouristen sind Optimisten - wenn es heute nicht geht, fliegen wir morgen.

Die Firma, der sie 4000 Dollar Anzahlung überwiesen hatte, Civilian Astronauts Corps in Houston, Texas, hat ihre Geschäfte längst eingestellt. Deren superschnittige Rakete vom Typ Advent, geplant als 21 Meter hohe Titaniumkonstruktion, gab es nur als Modell (als solches sah sie im Übrigen entfernt aus wie ein Gillette-Nassrasierer mit extra dickem Schaft). Kurzum, der Tag des geplanten Starts im Golf von Mexiko verstrich ohne Turbinendonner, ohne Schussfahrt in den Himmel mit doppelter Schallgeschwindigkeit bis auf 112 Kilometer Höhe. Von Oklahoma bis Yucatan hätte Erin sehen können, von Nevada bis Florida. Hätte, wäre, würde. Nun sagt sie: "Schade, ich war fest überzeugt, es klappt. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Tourismus im Weltraum ist schließlich keine Utopie." Touristen: Sie kraxeln im Himalaya, kämpfen sich bis zum Nordpol und tauchen auf dem Meeresboden, besteigen Vulkane, brettern auf Motorrädern durch das australische Outback und angeln Lachse auf Kamtschatka. Beinahe jedes Stück Natur ist erschlossen, fast jedes Abenteuer machbar. "Man war schon überall, nur noch nicht im Himmel", schrieb "USA Today", " deshalb sehnt sich der Mensch nach dem Ticket zur letzten Grenze." Denn in der unendlichen Weite der Galaxien liegen die letzten unerschlossenen Urlaubslandschaften. Wie sagte doch Erin: "Warum ich da hin will? Weil ich da etwas erleben und sehen kann, was nur wenige Menschen vor mir erlebt und gesehen haben." Ein Hotel auf dem Mond, mit Restaurant, Superausblick und Freizeitangeboten.

Einer Studie zufolge sind allein 40 Millionen Amerikaner interessiert an einer Reise ins All. Die Frage, ob sie bereit wären, 100000 Dollar dafür lockerzumachen, bejahten immerhin noch drei Millionen. Die Space Transportation Association, die sich mit jeglicher Form von Bewegung im All beschäftigt, hat errechnet, dass in den nächsten Jahrzehnten hinter der Stratosphäre ein Umsatz von jährlich 20 Milliarden Dollar möglich sei. Das ist mehr, als mit konventioneller Raumfahrt und in der Satellitenwirtschaft erzielt wird. Naherholungsgebiet Weltraum? "Absolut", sagt Alan Ladwig, der bei der National Aeronautics and Space Administration (NASA) in Houston längere Zeit über Möglichkeiten für die zivile Raumfahrt nachgedacht hat. "Es ist nicht die Frage ob, es ist nur die Frage wann." Wie wäre es mit 2010? An diesen Termin jedenfalls glaubt Richard Branson. Der Chef von Virgin Atlantic will spätestens dann seine Virgin Galactic Airways in Betrieb nehmen. Vielleicht ist der Flugzeugbauer Lockheed Martin bis dahin auch mit seiner Allfähre X-33 fertig, in deren Entwicklung er bereits 1,3 Milliarden Dollar gesteckt hat. Und schon 2015 will die Hotelkette Budget Suites of America eine Herberge im All mit 100 Zimmern, 50 Angestellten, Luxusbetten, privaten Badezimmern und perfekter Aussicht eröffnen. Zwei Milliarden Dollar wird das kosten. Und ganz so phantastisch muss einem eine Übernachtung mit Vollpension und Blick auf den Mond respektive dessen Mare Tranquillitatis gar nicht erscheinen. Schließlich gibt es seit kurzem auch die Lagungenstadt Venedig in der Wüste von Nevada.

Das Unternehmen, das für die Konzeption des 1,5 Milliarden Dollar teuren Venetian Hotel, Resort & Casino in Las Vegas betraut war, Wimberley, Allison, Tong & Goo, bastelt bereits am Modell eines kosmischen Hotels. Gut, es wird keine Spielautomaten geben wie im Venetian, aber ein Restaurant, Observationsdeck und ein paar Freizeitangebote. Der Sprecher der Agentur, Brian Husting, versteht Ferien im All als Aktiv-Urlaub: " Nichts ist schlimmer als ein langweiliger Urlaub in einer Blechbüchse." Nur der "Philadelphia Inquirer" meinte lapidar: "Alle sagen, Touristen sind schon bald im All. Fehlt nur ein kleines Detail: ein Weg, sie dorthin zu bringen." An dieser Stelle lohnt sich ein kleiner Rückblick auf die Geschichte der bemannten Raumfahrt. Die erste Umrundung der Erde durch den Kosmonauten Juri Gagarin in seiner Raumsonde Vostok 1 liegt über 39 Jahre zurück. Die Mondlandungen der Apollo-Flotte mit Golf spielenden und Mondmobil fahrenden Astronauten wurden in den siebziger Jahren zum vertrauten Unterhaltungsprogramm auf der Mattscheibe. Verliert jemand heutzutage noch ein Wort über den Start eines Space Shuttles der NASA? Und hängt nicht gewissermaßen längst ein Hotel in der Schwerelosigkeit? Seit 14 Jahren kreist die russische Raumstation Mir um unseren Planeten, rostig, aber unverwüstlich. "Also", fragt Edwin " Buzz" Aldrin, nach Neil Armstrong zweiter Mann auf dem Mond, "warum kann noch nicht jeder ins All?" Der Ausflug ins All kostet 20000 Dollar - pro Kilo Lebendgewicht des Touristen.

Gute Frage. Einmal Space Shuttle von Cape Canaveral, Florida, aus und zurück für sechs Passagiere verschlingt ein halbes Jahr Planung und 400 Millionen Dollar, manche sagen auch eine Milliarde; "es kommt nur darauf an, mit wem man spricht" (Ladwig). Jedes Kilogramm, das ins All befördert wird, kostet 8000 Dollar, mit Verpflegung, Klopapier und Rückfahrschein sind es 20 000 Dollar. So gesehen ist es irritierend, dass die Frage, wer eine Million Dollar und mehr für eine Reise ins All zu zahlen bereit wäre, noch in keiner Studie gestellt wurde. "Sie müssen es mindestens so preiswert machen wie eine Besteigung des Mount Everest", sagt John Pike von der Federation of American Scientists, "sonst wird das nichts. Und dass man vernünftige Sicherheitskriterien erfüllen muss, davon wollen wir erst gar nicht sprechen." Eine Tour auf den Mount Everest ist für 70 000 Dollar zu haben, und nicht wenige sind gestorben beim Ansturm auf den Gipfel der Gefühle. Pike: "Werden Touristen auf dem Weg ins All sterben? Ja, ganz sicher." Der erste private Linienflieger ins All erhält zehn Millionen Dollar.

"Alles Quatsch", sagt ein missgelaunter Mann in Arlington, Virginia, "es gibt keine Beschränkungen für das, was wir tun, wir müssen es nur tun." Auf dem Tisch ein Brocken von einem Meteoriten unter einer Glaskuppel, an der Wand hinter ihm eine Tafel, auf der mit Filzstift Formeln und Flugkurven in Form von Parabeln aufgemalt sind. Der Mann heißt Eric Anderson. Und dass er mit Raumfahrt zu tun hat, sieht man den ihn umgebenden Büroräumen an. Plakate mit futuristisch anmutenden Flugobjekten. Überall Modelle von Space Shuttles. Ein riesiges Schwarzweißfoto eines Astronauten. Ein Apple-Poster:"Think different". Das kann man wohl sagen. Anderson war Ingenieur bei der NASA, gründete später eine Firma, die Software für 3-D-Simulationen herstellte, und ist nun General Manager von Space Adventures. "Aber eigentlich wollte ich immer Astronaut zu werden." Hinter seinem Schreibtisch hängt ein gerahmtes Bild von Buzz Aldrin mit der Widmung: "Danke für die harte Arbeit. Sie rühren die nächste Generation von Weltraumforschern an." Space Adventures ist der derzeit einzige Reiseveranstalter, der Reservierungen für All-Flüge annimmt. Die Trips werden 30 bis 90 Minuten dauern - garantierte Flughöhe 100 Kilometer. Im Preis enthalten ist ein sechstägiger Vorbereitungslehrgang mitsamt Unterwassertraining und Einweisung in die Geheimnisse unseres Sonnensystems. Der Fixpreis: 98 000 Dollar und 6000 davon, bitte schön, gleich als Anzahlung. Space Adventures wartet nun nur noch darauf, dass einer seiner sechs Vertragspartner ein brauchbares Raumschiff fertigstellt. In zwei, drei Jahren sei es so weit, meint Anderson, der dann natürlich mitfliegen wird. "Wir haben bereits über 100 Buchungen", sagt er. " Wenn wir erstmals abheben, können Sie diese Ziffer mit dem Faktor 100 multiplizieren, wenn der erste Flug zurückkommt, mit 1000. Und ärgern werden sich dann alle, die auf der Liste nicht ganz weit oben stehen." Wenn es so kommen sollte, dann vielleicht mit einem schnittigen Jet mit Raketentriebwerken unterhalb des Leitwerks, genannt "Eclipse Astroliner". Mike Kelly, Boss von Kelly Space & Technology in Südkalifornien, hat das Flugzeug erdacht, das von einer Boeing 747 auf etwa 7000 Meter Höhe geschleppt wird und sich von dort mit Mach 8, achtfacher Schallgeschwindigkeit, bis auf 180 Kilometer von der Erdoberfläche entfernen soll. Kelly, der als Ingenieur an der Produktion von militärischen Marschflugkörpern mitwirkte, meint: "Der Astroliner wäre sofort: einsetzbar." Oder aber Anderson und seine Klientel reisen im galaktischen Personentransporter " Hyper-Soar". Das Gerät soll aussehen wie ein riesiges Surfboard. Wenn es starten würde, gäbe es einen Höllenlärm, die Folge der Explosion einer Mixtur von angesaugter Luft und Treibstoff. Preston Carter, der die Pläne dafür erstellt hat, sagt: "Die Technik für das All haben wir seit 30 Jahren." Der Weltraum ist das Gewerbegebiet des 21. Jahrhunderts.

Ein Dutzend Firmen basteln derzeit an entsprechenden Flugobjekten, geflogen wird aber bis heute nur am Computer. Die Entwicklung von Astroliner oder Hyper-Soar würde schätzungsweise zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Dollar kosten. Zu viel für Leute wie Kelly und Carter, die wie die meisten passionierten Tüftler chronisch knapp bei Kasse sind. Da hilft es wenig, dass eine Stiftung in St. Louis schon 1996 den X Prize in Höhe von zehn Millionen Dollar für jenes Privatunternehmen ausgeschrieben hat, das als erstes mit mindestens drei Personen mindestens 62 Meilen hoch fliegt und den Trip mit derselben Raumfähre innerhalb von 14 Tagen wiederholt.

Der Chef von Vela Technology Development in Vienna, Virginia, Pat Kelley, ein enger Partner von Space Adventures, sagt nämlich: "Das ist ein Anreiz, aber keine Hilfe. Jedesmal, wenn ich den Banken unsere Pläne präsentiere, sagt man mir: ,Was für eine nette Idee, aber wir sehen dafür keine Chance'. Selbst Aldrin, der anerkannte Held der bemannten Raumfahrt, kommt mit seiner Firma Share-Space und seinem Flugobjekt Star-Booster nicht vorwärts. Schuld daran, sagt er, ist die NASA: "Die kassieren alle öffentlichen Mittel und sagen uns seit Jahren, dass das Weltall zu teuer ist. Würden wir zusammenarbeiten, würden beide profitieren. Da oben ist der Markt der Zukunft." Der Weltraum als Gewerbegebiet des 21. Jahrhunderts - Aldrin ist fest überzeugt davon. Carter würde in seinem Hyper-Soar nicht nur Touristen befördern, sondern auch Satelliten, Forscher und eilige Post. "Über den Umweg ins All würden wir jeden beliebigen Punkt der Erde in zwei Stunden erreichen." Kelly meint: "Der Weltraum erschlossen für jedermann, Joe Sixpack, Kids in Raumsonden - das bringt mehr Kohle als ein paar Parabolantennen von Motorola." Und wenn etwa Anderson von Bergwerken und Gewächshäusern auf dem Mond spricht, von der Enteisung und Besiedlung des Mars, staunt man nicht schlecht. Auf dem jährlichen Kongress der Mars Society in Boulder, Colorado, wurden unlängst sogar Fragen diskutiert wie die Einflüsse einer Besiedlung des Mars auf das Christentum und die globale Bestattungsindustrie. Und Andersens Traum wäre sein eigenes Hotel auf halber Strecke zum Mond. Täglich könnten voll besetzte Aufzüge an Karbonröhren entlang dorthin gleiten: "Das wäre das Coolste überhaupt." Auf Andersons Visitenkarte steht: " Wo die Realität Ihre Träume übertrifft." Noch bleibt das Geschäft auf der Erde. Federal Express fand Carters Vorschlag für einen Stratosphären Paketdienst unrentabel. Kelly übersieht galant, dass konventionelle Passagierflugzeuge und Militärjets per anno einen Umsatz von 250 Milliarden Dollar erwirtschaften und Konzerne wie Boeing oder Lockheed nur halbherzig nach einem Weg ins All forschen. Über logistische Fragen des All-Tourismus, Personal oder die Wartung ihrer Fluggeräte machen sich die beiden Erfinder besser keine Gedanken. Ihre Kalkulationen sind fragwürdig. Anderson weiß, dass die Kosten für einen Transport ins All auf weniger als 100 Dollar pro Kilogramm fallen müssen, bis die Sache realistisch wird. Wie, weiß er noch nicht. Und wenn man ihm sagt, ein Gramm der Karbonröhre für seinen All-Aufzug koste 1000 Dollar, grummelt er nur: "Sie zweifeln, stimmt's? Sie werden schon noch sehen!" Da fühlt man sich dann wie ein Atheist in Lourdes: gleichermaßen fasziniert und irritiert davon, was Glaube bewirken kann. Doch darf man sich nicht wundem, wenn Erin Medlicott sagt:"Ich habe ein Modell der Rakete des Civilian Astronauts Corps gesehen, und deren Ingenieur war mal bei der NASA, das hat mich überzeugt." Es macht dann auch wenig Sinn, all die unbeantworteten technischen Fragen zu erwähnen. Etwa jene, wie sich achtfache Schallgeschwindigkeit auf die Haftcreme für die dritten Zähne und den Magen von untrainierten Weltraumreisenden auswirken könnte. Carter sagt dennoch: "Niemand kann mich abhalten, in spätestens fünf Jahren zu fliegen." Bis dahin können sich wenigstens die Kunden von Space Adventures die Zeit vertreiben mit Ausflügen zu Raketenstarts in Cape Canaveral (850 Dollar), Parabelflügen in russischen Militärtransportern mit kurzen Momenten von Schwerelosigkeit (5400 Dollar) und Trips zum Rand der Atmosphäre in MiG-25-Düsenjets (12595 Dollar); als dafür passendes Outfit gibt es den schicken Nomax-Raumanzug inklusive.

Und Erin Medlicott? Die hat sich inzwischen der Space Frontier Foundation in Nysack, New York, angeschlossen, mit der zusammen sie nun um die kommerzielle Erschließung des Weltraums kämpft. Sie sagt: "Ich weiß aber, was ich mir damals gekauft habe und worauf ich immer noch hoffe, ist ein Traum."