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Fallstudie: Wie finde ich eine Idee?

Auf der Straße? Im Traum? Unter unsäglichen Mühen? Es gibt viele Wege, eine Idee zu finden. Doch im Grunde ist der Prozess immer gleich.




Kreativität ist wie eine Raupe. Raupen sind immer in Bewegung. Sie schlingen alles in sich hinein und sammeln sich zu Haufen, um mehr Licht und Wärme aufnehmen zu können. Wenn sie genug davon haben, lösen sie sich von der Gruppe. Dann werfen sie ihre oberste Hautschicht ab und verpuppen sich. Wenn etwas später die Puppenhülle platzt, haben sie sich in einen Schmetterling verwandelt. Das ist die Idee.

1 Der Auftrag Der Anruf kommt wie immer unpassend. Der Auftraggeber will, was er immer will: Ideen. Und, ebenfalls wie immer: Es ist nicht viel Zeit. Wenn es gut läuft, ist Abgabe in einer Woche. Wenn es schlecht läuft, morgen. Diesmal läuft es halb gut: Der Termin ist übermorgen.

Prof. Bernd Rohrbach: Der erste Schritt zur Ideenfindung ist, sich immer wieder zu sagen, dass die Idee ganz sicher zu finden ist.

2 Die spontanen Bilder Der Auftraggeber redet noch, doch im Hirn fängt es schon an zu arbeiten. Es schießen die Bilder der letzten Tage durch den Kopf: Herzklopfen von zu viel Cola, Zugfahrt, Sonnenbrand, die erste Biene, Geschrei im Treppenhaus, ein Kind im Warum-Alter, Kakao, die beste Freundin weint, in Dänemark gibt es keine finnischen Holzhäuser. "Auf Wiederhören, bis übermorgen." Prof. Bernd Rohrbach: Kreativität ist disziplinierte Naivität. Und funktioniert nach dem Prinzip der verzögerten Kritik: erst den Einfall zulassen, dann darüber nachdenken.

Dieter Braun: Beim Telefonat mit dem Auftraggeber habe ich immer Papier und Stift vor mir liegen, um mir schon mal was aufzuschreiben.

Dietlinde Paetzelt: Die erste Recherche ist immer intuitiv: Ich schreibe mir Suchbegriffe auf, die mir spontan zu dem Begriff einfallen und gebe sie weiter an Freunde, Kollegen, das Internet.

3 Die Suche Alles, was zur Verfügung steht, um Informationen zum Thema zu kriegen, wird abgegrast: lesen, telefonieren, Kollegen treffen.

Dietlinde Paetzelt: Wenn mir ein Thema schon vertraut ist, ziehe ich mich zurück und versuche, meine eigene Frage zu entwickeln: Worum geht es hier wirklich? Wenn das Problem für mich neu ist, spreche ich erst mal mit allen möglichen Leuten - aus verwandten Disziplinen und anderen Ecken, so entwickelt sich langsam ein roter Faden. Ich glaube, dass Ideen immer im Gespräch entstehen. Es ist unvermeidlich, sich zu unterhalten, mit anderen oder mit sich selbst. Ich fange schon während der Denk- und Gesprächsphase an, mir alles aufzuschreiben, weil ich spätestens auf dem Papier sehe, ob etwas funktioniert. Meine Notizen lasse ich von jemandem gegenlesen, damit ich wieder neu ansetzen kann.

Prof. Bernd Rohrbach: Der Prozess der Ideenfindung fängt mit der Wahrnehmung des Problems an, mit Informationen sammeln und Gespräche führen. Wir müssen zuerst imitieren, denn wir können nichts sofort denken, was wir nicht schon mal gesehen oder erlebt haben.

Dieter Braun: Erst mal beklaue ich mich selbst und variiere es. Wenn ich digital arbeite, öffne ich eine Seite vom letzten Job, kopiere mir eine Figur heraus und verändere die, damit nicht zuerst das weiße Blatt oder die leere Datei da ist.

Daniel Oser Ich muss eine intensive Nähe zum Problem erzeugen. Dazu benutze ich meine Vorstellungskraft: Ich versuche, mir ein ganz konkretes Bild von meinem Problem zu machen. Am besten baue ich mir einen ganzen Film zusammen, der dann hundertmal vor meinem inneren Auge abläuft. So lange, bis ich mitspiele, bis ich mich in meinem Problem bewege und aus dem Problem heraus eine Idee suchen kann.

Hans-Christian Schmid: Wenn ich die Idee für einen neuen Film suche, lege ich mich tage oder wochenlang zu Hause aufs Sofa, und zwar möglichst früh, spätestens um neun. Um die Zeit habe ich noch nicht telefoniert, kein Radio gehört oder sonst was gemacht, was mich ablenken könnte. Mit mir auf dem Sofa befinden sich zwei Kissen, weißes unliniertes Papier und ein einfacher roter Füller, den ich dauernd verliere und mir dann neu kaufe. Das mag Aberglaube sein, aber ich fühle mich sicherer, wenn diese Dinge um mich sind. Ich versuche mindestens drei Stunden zu denken, also frühestens um zwölf Uhr wieder aufzuhören, gehe nicht ans Telefon oder irgendwohin. Das ist manchmal hart. Ich muss mich disziplinieren, wenn es erst elf ist und die Zeit langsam läuft, weil mir nichts einfällt. Doch kurz vor zwölf kommt vielleicht ein Gedanke, der alles wert war.

Volker Bellersheim: Ich muss die Ideen mit meinem gesunden Menschenverstand finden, muss Informationen über das Unternehmen sammeln, das ich beraten soll, so viel wie möglich in Erfahrung bringen, alles analysieren und dann meist schnell entscheiden. Ideenfindung zur Veränderung von Unternehmensstrukturen gestalte ich fast immer durch Brainstorming mit den Mitarbeitern der jeweiligen Firmen. Das ist allerdings oft schwierig, denn die deutsche Kultur eignet sich nicht zum Brainstorming: Alles wird sofort hinterfragt, durchdacht und kritisiert. Es hilft mir aber trotzdem bei der Ideenfindung, denn im Brainstorming teilen mir die Mitarbeiter mit, was sie über ihr Unternehmen wissen.

Bert & Bert: Wer Ideen haben will, muss sich permanent bewegen, alles in sich reinschlingen, was er an Inspiration kriegen kann. Auch Dinge, die helfen, auf dem Boden zu bleiben: Massenradiosender hören und Boulevardzeitungen lesen lehrt Einfachheit. Wir schämen uns auch nicht, Fußball zu glotzen. Wir sind Dienstleister, keine Künstler. Die meisten Dinge, die wir entwerfen, sind Gebrauchsgegenstände, von denen unser Kunde sagt: "Soll so ähnlich aussehen, wie ...". Das heißt dann für uns: Mode-, Musik- und Designzeitschriften kaufen und alles sammeln, was irgendwie in die Richtung geht, die der Kunde will.

4 Der Stillstand Der Schreibtisch ist voll mit Zetteln, der Kopf ist voll mit Sätzen, Bildern, Zitaten, doch es geht nicht weiter. Schlafen oder Ruhen ist unmöglich, Wegdenken auch.

Prof. Bernd Rohrbach: Das Schlimmste, was wir in der Ideenphase machen können, ist zu denken und gut sein zu wollen. Problemlösungen scheitern oft am Lösungsversuch.

Hans-Christian Schmid: Wenn ich merke, dass es gar nicht läuft, dass mir absolut nichts einfällt, lasse ich mir davon nicht den Tag versauen. Dann breche ich ab und mache was ganz Einfaches: einkaufen, kochen, essen. Oder ich fahre weg.

5 Die Ablenkung Nichts geht mehr, jede Überlegung scheitert. Das Telefon klingelt, wieder ist der Moment unpassend und könnte doch nicht besser sein: "Hallo, lass uns zusammen den Abend verbringen!" Also los, die Gedanken bleiben zurück. Draußen scheint das Thema überall zu sein, es kommt leichtfüßig daher, ungefragt. Ab und zu spricht es in Gestalt von Leuten, die zufällig am Tisch sitzen. Oder als eine Zeile aus dem Lied, das im Hintergrund läuft.

Prof. Bernd Rohrbach: Ideen kommen, wenn wir den Standpunkt unserer Betrachtung verändern. Jedes Ding hat mehrere Seiten.

Bert & Bert: Das Wichtigste ist, rauszugehen und Bier zu trinken, möglichst viele Leute und Läden zu sehen. Wir müssen wissen, was die Leute anziehen und um sich haben wollen. Da sehen wir dann Jungs, die alle Arbeiterhemden tragen, aber du siehst ihnen an, dass die noch nie eine Schippe in der Hand hatten. Wir lernen also: Die Leute wollen, dass sie nach harter Arbeit aussehen. Dann muss Tablewear jetzt eben designt sein wie Konservenbüchsen und Flachmänner.

Daniel Oser: Irgendwann trete ich in den Dialog mit meinen Spezialisten, die alle denselben Film wie ich fahren, aber aus einer anderen Perspektive. So betrachten wir alle das gleiche Problem, nur aus verschiedenen Ecken.

Dietlinde Paetzelt: Frauen und Männer kreieren unterschiedlich: Für Frauen sind der Prozess und die Nebengleise, auf denen sie dabei fahren, oft wichtiger als das Ergebnis. Männer erhalten ein exponiertes Ergebnis und bewegen sich auf einer Bühne, Frauen erhalten ein integriertes Ergebnis und bewegen sich in der Welt. Außerdem denken Männer argumentativ, Frauen dagegen intuitiv. Sie sind auch bereit, ihre Intuition zu zeigen.

6 Der Schlaf Spät nachts, zu Hause, ist Leben im Kopf. Das kommt mit in die Träume. Dort können die Gedanken miteinander spielen und arbeiten.

Prof. Bernd Rohrbach: Ganz wichtig ist die Inkubationsphase: Das Problem tritt ins Unterbewusstsein und arbeitet dort weiter.

Daniel Oser: Den Film entwickle ich weiter, wie ich ein dreidimensionales Bild von einem Gebirge entwickeln würde: Ich nehme alles, was ich über mein Problem weiß, und lege es auf drei Koordinaten. Daraus ergibt sich dann eine Form, die ich mir immer wieder anschaue. Gefällt sie mir? Fehlt noch was? Dieser Vorgang passiert fast immer im Halbschlaf, wenn ich nicht so richtig da bin. Ich schlafe dann unruhig, betrachte stundenlang mein Gebirge, aber irgendwann bin ich hellwach und habe eine Idee.

7 Die Ordnung Am nächsten Tag wird früh aufgestanden und aufgeräumt: die Zettel auf dem Schreibtisch zu Stapeln zusammenlegen, Listen schreiben und an die Wand hängen, Bilder malen und zu den Listen kleben, Übersicht gewinnen.

Dieter Braun: Wenn mir zu viel einfällt, muss ich selektieren. Ich zeichne Skizzen in kleine Kästchen, das muss Ordnung haben. Und ich mache mir eine Liste: Wie soll es nicht aussehen? Da zeichne ich ganz platte Ideen drauf und suche mir Gegenentwürfe. Wenn ich überhaupt keine Vorgaben habe, bei völlig freien Projekten, versuche ich nicht krampfhaft, eine komplette Idee zu finden, sondern fange mit einer Stimmung an. Wozu habe ich Lust? Was würde ich selbst gem haben? Ich fange oft mit Hintergründen, Farben oder Figuren an. Der Inhalt folgt der Form. Ich denke erst an die Bilder, wie die aussehen sollen. Im Moment sind es Flugkörper. Ich versuche zu abstrahieren: Was kann nicht so richtig fliegen? Kleiner Vogel, die Ohren von einem Hund, Papa lässt einen fliegen. Wenn ich die Elemente habe, versuche ich eine Geschichte daraus zu machen. Ich brauche Inspiration, Talismänner, schöne Dinge. Manchmal müssen die aber auch weg. Dann muss ich geistig umziehen, brauche Leere und freue mich über jede leere Schublade, die ich langsam wieder füllen kann.

Dietlinde Paetzelt: Wenn ich im Team Ideen suche, muss ich zuerst eine Atmosphäre schaffen, in der ich arbeiten kann: Persönliche und berufliche Belastungen, dürfen - wenn es irgend geht - keine Rolle spielen. Ich muss mich gut vorbereitet fühlen, auch aus Respekt gegenüber den anderen. Ich mag eine klare Umgebung, eine weiße Wand ist eine gute Projektionsfläche für Gedanken und verbalisierte Bilder. Dann muss man immer wieder und wieder den Standpunkt wechseln, die Perspektive ändern, Pausen machen. Um mich der Bedeutung eines Begriffs zu nähern, mache ich oft Mind Maps, deren Linien nicht gerade sind. Das hilft manchmal, um aus gewohntem Denken auszubrechen. Brainstorming kann und muss man trainieren, dann funktioniert es. Die Teilnehmer müssen in der Lage sein, zuzuhören, das "Aber" wegzulassen und durch ein "Ja" zu ersetzen.

Bert & Bert: Wenn wir das Gefühl haben, wir haben genug Informationen, versuchen wir mit einer Collage die Stimmung unseres Themas zu finden. Diese Teamarbeit funktioniert in der Strategiephase bestens. Wenn einer anfängt rumzuspinnen, sagt der andere: "Bist du bekloppt? Wir müssen die Miete zahlen!" Aus der Strategie erarbeiten wir ein Konzept.

Hans-Christian Schmid: Wie ich denke, kann ich nicht genau sagen. Ich glaube, ich denke in Assoziationsketten, oft fängt es nur mit Gekrakel auf dem Papier an, endet aber meistens in Notizen, die ich zum Schluss ordentlich abtippe.

8 Der Rückzug Nachmittags mit der Katze spazieren gehen, dann für eine halbe Stunde in die Badewanne.

Dietlinde Paetzelt: Wenn ich überhaupt nicht mehr weiterkomme, versuche ich alles Mögliche: meditieren, Kopfstand machen, organisatorische Dinge erledigen, auf und ab laufen, aus dem Fenster schauen. Körperliche und geistige Aktivität hängen zusammen. Irgendwie klappt es dann. Und wenn ich es auch nur schaffe, meine Haltung zu dem Problem wieder zu finden.

Volker Bellersheim: Diese Tipps, von wegen abschalten, was anderes machen, spazieren gehen, sind in der Praxis nicht immer anwendbar, weil oft viel zu wenig Zeit ist. Es wäre schön, mehr Zeit und Geld für Ideen zu haben und nicht nur für Analyse. Manchmal kommt es vor, dass ich ein Unternehmen tage- oder gar wochenlang nur analysiere und dann schnell entscheiden muss, weil keine Zeit mehr für Ideen ist. Wer kreativ sein will, muss mehr Mut zum Ganzen haben und nicht so sehr aufs Detail achten.

Prof. Bernd Rohrbach: Wem absolut nichts einfällt, obwohl ihm dringend was einfallen muss, kann folgende Strategie probieren: die projektive Ideenfindung. Lexikon oder Roman nehmen, mit geschlossenen Augen aufschlagen, einen Finger irgendwo draufsetzen und 30 Minuten lang aufschreiben, was einem dazu in den Sinn kommt. Diesen Text dann durchgehen und nach Hinweisen auf das zu lösende Problem suchen. Eine halbe Stunde reicht, um sich vom Problem weit genug zu entfernen und einen neuen Blick darauf werfen zu können.

9 Die Idee Auf einmal ist es da, das Herzklopfen, das Wangenglühen: die Idee.

Hans-Christian Schmid: Die Idee für den Film ist plötzlich da, als Gefühl, das ganz deutlich zu spüren ist, das sich festsetzt und nicht mehr weggeht. Um daraus das Drehbuch zu entwickeln, fahre ich mit meinem Co-Autor Michael Gutmann einmal im Jahr einige Wochen nach Elba. Dort finde ich, was ich zum Denken brauche: Schönheit, Einfachheit und keine Ablenkung - der nächste Zeitungskiosk ist weit entfernt.

Dieter Braun: Kreativität ist Zufall und innerer Drang. Die Idee muss halt irgendwann raus.

10 Der Endspurt Noch zehn Stunden bis zur Abgabe. Los, mach schneller. Da kehrt die Angst zurück. Was, wenn es nicht klappt?

Dietlinde Paetzelt: Am Ende heißt es: sich wieder und wieder dransetzen, schwitzen, Haare raufen. Nicht weinen und nicht die Löschtaste drücken.

Prof. Bernd Rohrbach: Zeitdruck erhöht die Kreativität. Die eigene Kritikfähigkeit sinkt, wir geraten in Panik. Und in diesem umnebelten Bewusstseinszustand sprudelt es oft nur so raus.

11 Die Belohnung Am Ende steht die Verwunderung im Raum. Wie jedes Mal, wenn es doch noch geklappt hat.

Dietlinde Paetzelt: Eine gute Idee entlohnt für alles und macht glücklich.