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Erfindung oder nur eine gute Idee?

Erfinder - sind das nicht diese intelligenten, aber reichlich weltfremden Menschen, die nie etwas auf die Reihe kriegen? Von wegen, meint Armin Witt und beschreibt, mit welchen Schwierigkeiten Erfinder in Deutschland zu kämpfen haben.




brand eins: Herr Witt, Sie haben vor drei Jahren die "Gesellschaft für außergewöhnliche Ideen" gegründet. Braucht Deutschland, einst berühmt für seine Erfindungen, eine Organisation, die sich um neue Ideen kümmert?

Witt: Erfindungen und Innovationen gibt es in diesem Land wirklich genug. Aber viele bleiben im Verborgenen, weil ihre Urheber nicht wissen, wie sie sie an die Öffentlichkeit bringen können. Dabei wollen wir unter anderem helfen: Erfinder und Erfindungen fit zu machen für die Öffentlichkeit und den Markt.

brand eins: Damit sind wir schon beim Grundproblem. Wann ist eine Idee eine Erfindung?

Witt: Ideen haben wir alle. Mit Glück ist manchmal auch eine gute dabei. Aber nur außergewöhnliche Ideen eignen sich für eine Erfindung. Eine Erfindung habe ich, wenn ich für ein genau definiertes Problem eine Lösung finde, die ich systematisieren und dokumentieren kann.

brand eins: Das hört sich einfach genug an.

Witt: Man muss dabei natürlich unterscheiden zwischen einer Verbesserung von etwas schon Vorhandenem und einer grundsätzlich neuen Erfindung. Um auf eine solche Idee zu kommen, muss man die ausgetretenen Denkpfade verlassen und oftmals die allgemein anerkannten Prämissen überwinden.

Nach dem Patentgesetz ist eine Erfindung etwas wesentlich Neues im Sinne der Technik. Damit ist eine Erfindung das, was das Deutsche Patent- und Markenamt dazu erklärt, denn es prüft anhand von Veröffentlichungen und Anmeldungen, ob es die Erfindung vielleicht nicht doch schon gibt.

brand eins: Ohne Patent habe ich keine Erfindung?

Witt: Natürlich haben Sie das. Und es ist längst nicht immer ratsam, eine Erfindung zum Patent anzumelden.

brand eins: Aber nur wenn eine Erfindung patentiert ist, ist sie geschützt.

Witt: Theoretisch ja, praktisch nein. So ein Patent hat seine Tücken. Der Erfinder meldet seine Erfindung an und zahlt jährlich Gebühren für jedes Land, in dem er es angemeldet hat. Das Patent läuft 20 Jahre lang. Wenn es in dieser Zeit nicht gelingt, die Erfindung zu vermarkten, dann hat der Erfinder nach Ablauf keine Handhabe mehr, wenn sie ein anderer nutzen will.

brand eins: 20 Jahre sind eine lange Zeit.

Witt: Könnte man meinen. Aber aus der Praxis kenne ich viele Fälle, wo sie eben nicht reichten oder wo jemand nach 15 Jahren endlich einen Produzenten gefunden hatte, aber sein Patent nur noch fünf Jahre lang exklusiv nutzen konnte. Das kann zu kurz sein, um die Investitionen wieder hereinzubekommen.

brand eins: Und was raten Sie?

Witt: Wir haben hier gerade einen Fall, bei dem wir es anders machen wollen: Es handelt sich dabei um eine Windkraftanlage für Yachten, die sich wesentlich von den Anlagen unterscheidet, die bislang auf dem Markt sind. Im Sommer werden wir in meiner kleinen Werkstatt den Prototypen bauen. Wir wissen dabei jetzt schon, dass sie funktioniert, wer sie produzieren wird und wer die Kunden sind. Zum Patent werden wir die Anlage aber erst im allerletzten Moment anmelden.

brand eins: Klingt ein bisschen umständlich ...

Witt: Aber als Erfinder müssen Sie wirklich mit allem rechnen. Sie müssen sich absichern. Auch gegen die Gesetze. Ein Beispiel: Einer unserer Erfinder hat ein neues Fluggerät und einen neuen Treibstoff für Raketen entwickelt und zum Patent angemeldet. Und dann wäre die Erfindung beinahe als Geheimpatent kassiert worden. Denn Paragraph 50 des deutschen Patentgesetzes sieht vor, dass ein Patent, das der nationalen Sicherheit dient, als so genanntes Geheimpatent nicht veröffentlicht werden darf. Sie als Erfinder bezahlen natürlich die Gebühren dafür, aber nutzen dürfen Sie Ihr Patent nicht.

brand eins: Nun sind die meisten Erfindungen nicht so explosiv.

Witt: Die Sache ist komplexer. Es ist nicht zu beweisen, aber einige Erfinder haben den Eindruck, dass es auf den Ämtern nicht immer ganz koscher zugeht.

brand eins: Wie meinen Sie das?

Witt: Ein Prüfer am Patentamt hat natürlich oft mit den gleichen Leuten zu tun - den Patentanwälten und den Ingenieuren großer europäischer Unternehmen etwa. Da kann man sich leicht vorstellen, dass die Neuanmeldung schon einmal ausprobiert wird.

brand eins: Halten Sie das nicht für die Phantasien einiger paranoider Erfinder?

Witt: Bei guten Erfindungen geht es immer um sehr viel Geld. Das ist das eine. Vergessen Sie nicht: Jede Erfindung ist auch eine rundamentale Kritik am Bestehenden. Damit können ziemlich viele Menschen in ziemlich vielen Unternehmen nicht besonders gut umgehen. Deshalb arbeiten in vielen Hightech-Labors gut bezahlte Ingenieure daran, zu beweisen, dass Erfindungen nichts taugen. Oder man ignoriert sie, so lange es geht, Man wird versuchen, den Erfinder moralisch zu zermürben und finanziell zu ruinieren. Zumindest Letzteres ist einfach. Die meisten haben sich ja eh schon hoch verschuldet, um ihre Erfindung voranzubringen.

brand eins: Ein Vertragspartner wird trotzdem, schon zum Schutz seiner Investition, ein Patent verlangen.

Witt: Genau da setzt die Gesellschaft für außergewöhnliche Ideen an. Die Zusammenarbeit zwischen einem Erfinder und einem Investor oder Produzenten kann mit oder ohne Patent nur auf einer soliden Vertrauensbasis stattfinden. Die Basis zu schaffen - dabei helfen wir. Wir versuchen, die richtigen Leute miteinander bekannt zu machen, Kontakte zu vermitteln, zu Finanziers, zu Rechtsanwälten. Zudem haben wir auch ein paar Leute aus der Industrie bei uns. Honorige Menschen, denen es Spaß macht, mit Erfindern zu arbeiten, und die ihre Zeit aus Lust an der Sache opfern. Wir haben auch eine kleine Werkstatt, eine Geheimwerkstatt, in der die Erfinder werkeln. Da können sie unbehelligt arbeiten.

brand eins: Wie kommt es, dass so wenige Ideen wirklich erfolgreich am Markt umgesetzt werden?

Witt: Weil freie Erfinder selten auch gute Kaufleute sind. Das ist die Crux. Manchen ist ihre Erfindung genug. Und sie haben auch nicht die Zeit, sich ums Kaufmännische zu kümmern. Viele haben auch schlechte Erfahrungen mit der Industrie gemacht. Hinzu kommt: Oft fehlt den Investoren das technische Know-how. Die wissen gar nicht, was für tolle Sachen sie da auf den Tisch bekommen.

brand eins: Wird sich das ändern?

Witt: Es dauert, aber wir sind dran. Wobei man sagen muss, dass die Internet-Euphorie nicht gerade hilft. Die Investoren wollen ja mittlerweile sehr schnell riesige Profite sehen, da kommen nicht alle Erfinder mit. Manche können auch einfach nicht gut verhandeln und lassen sich über den Tisch ziehen.

brand eins: Erfinder gelten auch als etwas schwierige Persönlichkeiten, die sich im Umgang mit anderen Menschen schwer tun.

Witt: Erfinder sind starke Charaktere. Müssen sie sein, wenn sie sich gegen die Industrie durchsetzen wollen. Viele sind Querulanten, weil man ihnen vorenthält, was sie verdient haben: Anerkennung. Das Bild, das Medien über Erfinder verbreiten, hilft dabei auch nicht gerade: intelligent, aber spinnert.

brand eins: Aber sie überschreiten Grenzen - technisch wie persönlich.

Witt: Ihr Verhalten nützt der Gemeinschaft, auch wenn der Umgang mit ihnen nicht immer leicht ist. Deshalb gehört ein bisschen Zuneigung dazu. Und Verständnis. Das wollen wir mit unserer Gesellschaft erreichen. Denn das ist die eigentliche Leistung eines Erfinders: die Hartnäckigkeit, mit der er über Jahre gegen Widerstände kämpft und am Ende seine Idee durchsetzt. Ohne Erfinder säßen wir alle immer noch auf den Bäumen.

Die "Gesellschaft für außergewöhnliche Ideen" ist Anlaufstelle, Forum und Netzwerk für Erfinder und Erfindungen. Ziel ist es, Kontakte zu potenziellen Investoren aus Industrie und Finanzwelt zu knüpfen.

Auf den monatlichen Zusammenkünften bewerten Erfinder andere Erfinder: Geräuscharme Windflügelmotoren, fadenförmige Solarzellen oder auch neue Varianten des Langlaufski werden von kritischen Kollegen diskutiert.

Kontakt: www.Erfinder-Entdecker.de