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Eine Idee: Aufträge statt Geld

Eine Professoren-Runde hatte die Idee, einige Großunternehmen haben mitgemacht. Sie warten nun auf Gründer, an die sie Aufträge vergeben können. Aber die Gründer zögern noch.




Kundschaft! Das hat den Gründern von heute gerade noch gefehlt. Schließlich haben sie schon jetzt alle Hände voll zu tun. Unzählige Ideenwettbewerbe locken mit Bargeld, Gratis-Beratungen wollen überstanden, die nächsten Fördermittel beantragt werden. Und jetzt das. Gestandene Unternehmen wollen sich den Gründern hingeben. Einfach so als Kunden. Damit sich in Zukunft nicht mehr ganz so viele nach ein paar rasanten Jahren in die Pleite verabschieden.

Das ist jedenfalls das hehre Ziel eines Projektes, das vor einiger Zeit in Düsseldorf gestartet wurde: "I2 - Innovation und Implementation". Und hinter dieser sperrigen Quadrat-Formel steckt vor allem eines: Volumen. Zum Beispiel das Einkaufsvolumen von Henkel, der Heimstatt von Pritt und Pattex: pro Jahr etwa 400 Millionen Mark, wie Einkaufsleiter Wilfried Kraft vorrechnet. Immerhin ein Prozent davon soll künftig bei den Jungunternehmern im Lande hängen bleiben. Nicht als Geschenk, sondern für harte Arbeit.

Denn allen Fördertöpfen zum Trotz, die Gründerwelle wird auch künftig nur tröpfchenweise auf den Arbeitsmarkt schwappen, wenn nicht mehr Existenzgründer länger durchhalten. Bisher geht die Gründungsforschung davon aus, dass jeder Dritte nach drei Jahren schlappmacht.

Das beste Gegenmittel müssten echte Aufträge sein, dachten sich die Initiatoren des P-Projektes, eine kleine Gruppe von Professoren an der RWTH Aachen. Vor über vier Jahren fassten die Hochschullehrer um Manfred Weck den Entschluss, ganz handfest etwas für die darbende Volkswirtschaft zu tun. Dabei hatten sie auch das Schicksal eines altehrwürdigen Münchner Kollegen vor Augen, der mit der Tragödie des Faxes in die Technikgeschichte einging. Schon im Jahr 1906 war es Professor Arthur Korn gelungen, via Telegrafenleitung das Konterfei des deutschen Kronprinzen zu verschicken. Der Faksimiletelegraf fand jedoch im Kaiserreich wenig Beachtung. Statt dessen kauften sich Franzosen und Engländer die Rechte, die Pariser Zeitung " L'Illustration" und die Kollegen vom Londoner " Daily Mirror" tauschten fortan Fotos über eine Unterwasserleitung im Kanal aus. Die deutschen Kollegen von der Presse guckten in die Röhre. Und nicht nur das. Als Ende der siebziger Jahre das große Geschäft mit dem Fax ins Rollen kam, war der deutsche Vorsprung längst verspielt.

Die Bilanz des Aachener Kreises: Die schöne Erfindung war am Ende leider nur eine Fußnote wert. Und ohne Markt wird es auch den Erfindern und Gründern von heute kaum besser gehen.

Gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) Düsseldorf und dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI) wurde die Idee über die Jahre weitergesponnen und schließlich auf die Formel "P - Innovation und Implementation" gebracht. Vor rund sechs Monaten war dann auch das Wirtschaftsministerium Nordrhein-Westfalens überzeugt und zur finanziellen Förderung in Höhe von rund 200000 Mark bereit.

Seitdem wird im Raum Düsseldorf ein eigener Marktplatz mit bahnbrechenden Regeln aufgebaut. Alle Teilnehmer auf der Nachfragerseite haben sich im Rahmen des Projektes bereit erklärt, etwa ein Prozent ihres jährlichen Einkaufsvolumens an Jungunternehmer zu vergeben. Darüber hinaus wollen sie freiwillig fünf Prozent ihres jährlichen Investitionsvolumens für innovative Produkte ausgeben. Neben Henkel, dem Flughafen Düsseldorf oder der Daimler-Chrysler-Niederlassung sind inzwischen über 20 renommierte Unternehmen mit dabei. Bei einem gemeinsamen Umsatz von über 14 Milliarden Mark sind so mittlerweile über 80 Millionen Mark Auftragsvolumen zusammengekommen. Tendenz steigend, denn fast wöchentlich stoßen neue Unternehmen dazu. Ein beachtliches Ergebnis, zumal Konzerne in Sachen Einkauf oft ihre eigenen Regeln haben. In manchen Branchen gehört es zum rauen Alltag, dass ein Zulieferer mit weniger als 30 Leuten grundsätzlich außen vor bleibt.

Nur: Der kleinen Revolution fehlen scheinbar die Revoluzzer. "Bislang war die Resonanz der Gründer schwach. Und das ist vorsichtig ausgedrückt", sagt Herbert Albert. Er ist bei Daimler-Chrysler Düsseldorf einer der Ansprechpartner für die jungen Entrepreneure. Über die Ursachen will er nicht spekulieren. Nur eines weiß er: konkrete Abschlüsse - Fehlanzeige.

Edwin Bülles vom Düsseldorfer Flughafen kann sich grade an zwei Telefonate mit Gründern erinneren Weil ihm das zu wenig war, ist Bülles weiter auf der Suche. "Ich schaue häfig auf der Homepage der Initative nach, ob weitere Start-ups dazugekommen sind, um dann auf sie zuzugehen. Bei uns heben sich bisher noch nicht viele gemeldet." Schon seltsam. Ein Auftraggeben der sich auf die Suche nach potenziellen Dienstleistern begiebt.

Doch kritische Stimmen gibt es auch auf der anderen Seite. Jung-Filmproduzent Christoph Schlee aus Düsseldorf hat von sich aus die Liste der I2-Unternehmen abtelefoniert. Passiert sei wenig. "Ich habe ein paar Informationen über unsere Firma verschickt. Zurückgekommen ist aber noch nichts. Viele wollen erst prüfen, ob sie mit uns zusammenarbeiten. Das ist nicht so einfach." Allerdings sieht Schlee durchaus, dass auch er bei einem Wildfremden nicht sofort einen Unternehmensfilm in Auftrag geben würde.

In den Augen von P-Mitinitiator Klaus Zimmermann, bei der Düsseldorfer IHK Geschäftsführer für Industrie und Umweltschutz, hat sich das Projekt trotzdem gut entwickelt. Sein Fazit: "Ich habe viele Rückmeldungen über gute Kontakte zwischen Nachfragern und Anbietern bekommen." Zimmermann räumt allerdings ein, dass es manchmal nicht so einfach für die Gründer ist, neue Ideen für die hoch spezialisierten Produktpaletten der beteiligten Firmen anzubieten. Dennoch bleibt er optimistisch: "Ich denke, dass wir das Innovationsklima insgesamt positiv beeinflusst haben." Fragt sich nur, für wen. Kritiker vermuten hinter dem Projekt vor allem eine gelungene PR-Kampagne von Henkel & Co. In der Öffentlichkeit schmücken sich die Konzerne mit ihrer Innovationsbereitschaft - doch wenn es hart auf hart kommt und sich ein Gründer tatsächlich in ihr Unternehmen verirrt, wird die Latte immer ein Stückchen höher gelegt. Ein Vorwurf, der bei den Initiatoren auf pures Unverständnis stößt. Abwegig sei das, ärgert sich Hans Obrig vom VDI. Bei dem Projekt hätte man erfolgreich an die volkswirtschaftliche Verantwortung der Konzerne appelliert. Alle Teilnehmer dächten allein an die wirkungsvolle Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch die gemeinsam geförderte Gründerwelle.

Tatsächlich gibt es vereinzelte Erfolgsmeldungen. Frank Werner mit seiner Firma Itosys aus Bergisch-Gladbach ist so ein Paradefall. Der 32-jährige Jungunternehmer holt tief Luft und berichtet begeistert von virtuellen Touchscreens, holografischen Projektionssystemen und Flächenlautsprechern. Das ist seine Welt. Aber auch eine einsame Welt. Bis vor kurzem. "Da habe ich einfach den Flughafen angerufen und meine Geräte bei der Gebäudetechnik präsentiert", berichtet Werner. Sein holografisches Projektionssystem -eine Glasscheibe, auf der man mit einem Projektor zum Beispiel Abflugzeiten, Werbefilme oder Ähnliches zeigen kann - könnte vielleicht schon bald die herkömmlichen Anzeigetafeln in den Flughäfen dieser Welt ablösen. Ein erstes Einzelstück hat ihm der Düsseldorfer Flughafen jedenfalls schon abgenommen. Demnächst wird es weitere Gespräche geben, und Frank Werner sieht den Durchbruch jenseits von Träumen nah.

Träume haben auch die Initiatoren wie VDI-Mann Hans W. Obrig noch. Offenbar sei es noch nicht ganz gelungen, Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen. Eine Frage der Zeit. Vor allem unter den Gründern müsste sich noch herumsprechen, dass sie Kunden und entsprechende Referenzen praktisch auf dem Silbertablett serviert bekommen. Und auch, dass natürlich nicht nur Start-ups aus dem Raum Düsseldorf angesprochen sind. Langfristig werde das Pilotprojekt "zum Modell für die ganze Wirtschaft", glaubt er. Dann werden sich die Gründer vor Arbeit nicht mehr retten können.

Den Laden dichtmachen? Vorbei.

Informationen und Kontakte unter: www.iquadrat. de IHK Düsseldorf Klaus Zimmennann Telefon: 0211/3 55 72 65 Fax: 0211/35 5 74 08 eMail: info@iqnadrat.de