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Die Pillendreher des 21. Jahrhunderts

Woran genau forscht die Biotech-Szene? Und wie weit ist sie?




Wir leben immer länger und immer besser. Seuchen und Infektionskrankheiten sind praktisch ausgerottet. Nur mehr ein kleiner Schritt, und das Wort Krankheit gehört der Geschichte an. Glauben Sie eigentlich alles, was in der Zeitung steht?

Tun Sie es nicht, denn den Leiden geht es bestens. Eine bessere Vorsorge, Therapie, Hygiene und eine hohe Ärztedichte haben ihnen selbst in den entwickelten Ländern wenig anhaben können. Von 20 000 medizinisch bekannten Erkrankungen ist bislang nur ein Drittel überhaupt zu behandeln. Höhere Lebenserwartungen suggerierten in den letzten Jahren, der Tod ziehe sich zurück. Ein fataler Irrtum. Er tritt nur später auf und spielt ganz neue Lieder. Das Motto heißt: Stirb anders.

Wird die EU-Todes-Statistik heute von Herz-und Kreislauferkrankungen angeführt, waren es früher Infektionskrankheiten, die die meisten Menschenleben kosteten. Auch Krebs war kein Thema: So alt, dass sich ein Karzinom entwickeln konnte, wurde kaum jemand - Lepra, Pest, Cholera, Pocken und Grippe waren schneller. Und Alzheimer und Parkinson, altersbedingte Krankheiten (Demenzleiden), kannte man nicht. Ein Teufelskreis: Die Menschen werden älter und bekommen Krankheiten, die langwierig und pflegeintensiv - sprich teuer - sind. Schon heute leiden in den Pflegeeinrichtungen der Vereinigten Staaten die Hälfte aller Personen an der Alzheimer-Krankheit.

Tödliche Epidemien sind jederzeit möglich. Wir haben noch nicht gesiegt.

Auch die Karzinomhäufigkeit steigt mit dem Alter. Kurzum: Länger leben heißt mehr leiden. Und auch: mehr dafür bezahlen. Schlechte Aussichten für die europäischen Kassen und Kranken. Im Jahr 2025 werden 113 Millionen Europäer Rentner sein, ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Goldene Zeiten für Spitäler und klinische Einrichtungen, vorausgesetzt, dass die vielen Kranken dann noch alles bezahlen können. Vom Neuen Markt ins Altenheim? Ein ganzer Kontinent ist im Aufbruch - in Richtung Intensivbetreuung. In Deutschland gibt es zurzeit 800000 pflegebedürftige Menschen. In wenigen Jahren schon soll deren Zahl laut Experten auf 1,3 Millionen steigen. Gesundheitspolitiker, Pharmaverbände und Krankenversicherungen diskutieren die stetig steigenden Kosten von Krankheiten und ihrer Therapien. Fragen, die auch an die Grenzen unserer Moral gehen: Welche Krankheiten kommen uns alle teuer zu stehen? Welche Leiden sind eher günstig und vom Netz der Solidargemeinschaft der Krankenversicherten leicht zu tragen?

Im Jargon der sanitären Statistiker ist dann von so genannten "Schadenskosten am Humankapital aus Produktion und Konsumtion" die Rede. Denn die Statistik bezieht sich auf die Erwerbstätigen. Wenn es aber davon immer weniger gibt, immer mehr in Frührente gehen, Erwerbslosigkeit oft zum Regelfall wird, stimmt die Rechnung nicht mehr. Sparen hat seinen Preis. Geringere Gesundheitsbudgets geben bereits ausgestorben geglaubten Infektionskrankheiten wieder eine Chance. Wie zum Beispiel der Tuberkulose, die vorerst vor allem in Osteuropa wieder auf dem Vormarsch ist.

Ein Dilemma auch, dass Antibiotika, die Infektionskrankheiten ihren Schrecken nahmen, zu immer stumpferen Waffen werden - eine Folge ihrer weiten Verbreitung und uferlosen Verwendung. Eine Pandemie, eine weltweit wütende Epidemie wie zuletzt die Grippe des Winters 1918/19, der Millionen Menschen zum Opfer fielen, ist jederzeit möglich: dank globaler Mobilität, Jet-Tourismus und offener Grenzen. Die Entwicklung brauchbarer Impfstoffe verkürzt sich zwar zusehends, aber auch die Zeit zwischen den Mutationen der Erreger wird immer knapper. Die einzige Chance: das verfeinerte Methodenarsenal der genbasierten Medizin. Gentechnologen nehmen das Genom des Erregers auf und können diesen als Vorlage für einen maßgeschneiderten, relativ einfach zu variierenden Impfstoff benutzen. Biotechnologie ist Hoffnung. Kein Wunder, wenn angesichts der Problemflut die Gentechnik im Medizinbereich nur wenige Kritiker hat.

Das Lindern der Leiden ist gut, die zu erwartenden Gewinne nicht schlecht.

Wer schon kein Herz für Kranke hat, wird sich wenigstens den wirtschaftlichen Argumenten für die Gentechnik nicht verschließen können. Präventive Impfstoffverabreichung ist ein effizienter Weg, den teuren Leiden Paroli zu bieten. Der Weltimpfstoffmarkt legt deshalb ein rasantes Wachstum an den Tag - nach vier Milliarden Dollar Volumen im Jahr 1997 werden 2001 sieben Milliarden Dollar erwartet.

Biotechnologen forschen zudem an so genannten therapeutischen Impfstoffen etwa gegen Krebs. Selbst gegen die Aids-Erkrankung werden therapeutische Biotech-Impfstoffe als aussichtsreich eingestuft.

Die genetische Kartierung von Bakterien und Viren ist die Grundlage zur Impfstoffentwicklung. Das Institute for Genomic Research (TIGR) hat beispielsweise 1995 die gesamte Genkarte des Influenza-Erregers Haemophilus influenzae vorlegen können.

Und die Forscher von Chiron, Biotech-Marktführer auf dem Impfstoffsektor, sind bei der Entschlüsselung des genetischen Codes des Meningitis-Bakteriums auf die Spur der Schlüsselproteine des Auslösers einer häufig tödlich verlaufenden Form der Gehirnhautentzündung gestoßen. Dieser Code wurde zur Basis der Entwicklung eines effektiven Impfstoffes. Auch gegen den Malaria-Erreger, dessen Genomplan Schritt für Schritt bekannt wird, bahnt sich langsam ein Gegenmittel an.

Die Verbreitung der Hepatitis B ist vor allen Dingen in den Dritte-Welt-Ländern ein Problem. Es gibt Epidemien, oft verläuft die Erkrankung tödlich. Ihr Erscheinen ist zudem häufig mit Leberkrebs gekoppelt. Weltweit gehen ungefähr eine Million Todesfälle auf die Folgeerkrankung zurück. Das amerikanische Unternehmen SciCIone Pharmaceuticals verfügt mit Zadaxin bereits heute über ein wirksames Medikament gegen diese Krebsform.

Die Biotech-Unternehmen verfolgen innovative Lösungen für die drängenden Gesundheitsprobleme der Menschheit, bei denen die konventionelle chemische Pharmazeutik an ihre Grenzen gestoßen ist. Die vor dem Abschluss stehende Erforschung unseres kompletten Erbgutes durch die Genomik gibt Schubhilfe. Liegt also das Glück allein in den Genen? Zumindest William Haseltine, Chef des Unternehmens Human Genome Sciences (HGS), betrachtet die Leistungsschau der Genom-Entschlüsselung eher nüchtern.

"In der Protein-Erforschung", sagt Haseltine, "liegt die wirkliche Herausforderung für uns." Wer das Geheimnis des komplizierten Wechselspiels sich immer wandelnder, aufs Neue erschaffender Eiweißstoffe durchschaut, hat den Schlüssel für hochwertige Medikamente in der Hand. Der Mensch hat im Ozean der Proteomik erst ein paar Wassertropfen an Wissen geschöpft.

Proteomik - das ist die Zukunft, die ab dem Jahr 2010 faszinierende Erkenntnisse über den Körper und entsprechend wirksame Medikamente gegen seine Fehlfunktionen verspricht. Unternehmen wie das HGS sind in diesem mühsamen Geschäft der Proteomiks schon gestartet. Neben zahlreichen Genen hat HGS so bereits 12 000 Proteine "inventarisiert".

Unterdessen steckt die Gentechnik in der medizinischen Forschung auch Rückschläge ein. Beispiel: Gentherapie. Bisher sind die Versuche, anstelle von kranken Genen gesunde, funktionierende Gene in den Körper der Patienten einzubringen, gescheitert. Nach Fehlschlägen - in den USA starben jüngst zwei Gentherapie-Patienten - müssen sich die Protagonisten der Gentherapie den Vorwurf gefallen lassen, rücksichtslose Wissenschart zu betreiben. Doch der Imageschaden scheint auf die Gentherapie selbst beschrankt zu sein. Dafür, das dies so bleibt, sorgt die Politik nach Kräften: Der Monat Januar 2000 wurde von US-Präsident Bill Clinton zum nationalen Biotechnologie-Monat erklärt.

Biotech-Unternehmen wie Amgen, Chiron und Immunex florieren nicht nur, sondern sind zu gut verdienenden Pharmakonzernen angewachsen. Ungeduldig warten die Unternehmen in der zweiten Reihe darauf, in die Gewinnzone aufrücken zu können. Die Chancen dafür waren noch nie so gut wie heute.

Immer mehr Gentechnik-Präparate kommen auf den Markt.

Immer mehr Unternehmen schaffen es, die rigiden Vorschriften der US-Gesundheitsbehörde Food and Drug Administration (FDA) zu meistern. Allein im Jahr 1998 erteilte die FDA 21 auf bioteehnologischem Weg erzeugten Medikamenten die Zulassung. Ungefähr 100 Mittel biotechnologischer Herkunft sind am Markt, darunter Enbrel, ein Rheumamittel. Ein Prozent der Deutschen leidet unter der schrecklichen Krankheit - ein gewaltiger Ausgabeposten unseres Gesundheitswesens. Trotz hoher Behandlungskosten von jährlich ca. 12 000 Dollar dürfte sich der Einsatz von Mitteln wie Enbrel rechnen.

Das würde auch für Arthrose gelten, jene durch Abnutzung hervorgerufene gelenkdegenerative Erkrankung die weltweit 200 Millionen Menschen leiden lässt. In Martinsried bei München forscht der Börsenkandidat in spe Genome Pharmaceuticals Corporation GPC an den genetischen Ursachen der Arthrose.

Einer der Schwerpunkte der Genforschung aber bleibt die Krebsforschung. Am Markt erhältlich sind beispielsweise Herceptin - ein Mittel gegen Brustkrebs, das von Genentech zur Marktreife entwickelt wurde, sowie das gegen Lymphdrüsenkrebs vorgehende Rituxan. Ihm verdankt der Krebsspezialist Idee Pharmaceuticals bereits jetzt einen großen Markterfolg. Doch auch das ist erst ein Anfang. Im Bereich der Anti-Krebsmedikamente ist in den kommenden Jahren, neben zahlreichen therapeutischen Impfstoffen eine wahre Flut von Zulassungen neuer Therapeutika zu erwarten. Mehr als 300 Labor- und Forschungsstätten sind weltweit in der Krebsforschung tätig. Viele entwickelte Wirkstoffe befinden sich in den fortgeschrittenen Testphasen II und III.

Andere wiederum stecken in den Frühstadien der Entwicklung, berechtigen aber zu großen Hoffnungen. Beispiel Anti-Angiogenese: Dabei werden die Versorgungsleitungen, die von Tumoren aus dem umliegenden Gewebe angezapft werden, gestört. Gelingt es, das Andocken der Adern an die Geschwulst medikamentös zu unterbinden, stirbt die Geschwulst ab, oder ihr Wachstum kommt zumindest ins Stocken. Wer von jenen, die es betrifft, wird darauf verzichten wollen? Schon heute retten gerinnungsfördernde Mittel - wie von Genentech - Infarktpatienten und herzkranken Menschen das Leben.

Zahlreiche neu entwickelte Produkte zielen auf die Therapie von Herz- und Gefäßleiden, die Haupttodesursache in allen Ländern der Welt. Das Unternehmen Centocor, Teil von Johnson & Johnson, brachte mit ReoPro einen gentechnisch erzeugten Antikörper auf den Markt, der die Bildung von Blutgerinnseln hemmt. Im ersten Halbjahr 1999 wurde damit ein Umsatz von 215 Millionen Dollar erzielt. Ein anderer Biotech-Spezialist, Cor Therapeutics, arbeitet an Präparaten, die Thrombosen im Herz auflösen und den Herztod verhindern sollen.

Die Fondsgesellschaft Invesco nimmt an, dass im Jahr 2001 die Hälfte aller neu zugelassenen Medikamente aus Biotech-Entwicklungen stammt. Laut Prognose werden sie auch gegen Alltagswehwehchen, als Grippemittel oder als Hustenspray, Furore machen.

Das Anti-Grippemittel Relenza der Glaxo-Wellcome oder das Medikament Tamiflu von Gilead Sciences etwa sind schon jetzt nicht nur in den USA bestens bekannt. Tamiflu greift bereits in der Frühphase einer sich entwickelnden Erkältung die sich sprunghaft vermehrenden Viren an und blockiert die zu ihrer Vermehrung nötigen Enzyme. Eine Folge: weniger Krankentage, geringere volkswirtschaftliche Kosten.

Doch die Biotechnik will weit höher hinaus. In ihrer Funktion beeinträchtigte oder überhaupt nicht mehr arbeitende Organe, fehlende Knochen und sogar ganze Gliedmaßen sollen eines Tages im Labor erzeugt werden können. Dazu ist es nötig. Blutbahnen, Venen und Arterien zu modellieren - Tissue Sciences heißt das Feld. Der Tissue-Science-Doyen Joseph P. Vacanti präsentierte dazu im April eine Studie, die die Möglichkeit der Blutversorgung in den gentechnisch gezüchteten Ersatzteilen beweist.

Impfstoffe gegen Krebs - auch das vermögen Gentechnik-Firmen zu leisten.

Unternehmen wie Organogenesis, die über das erste von der FDA genehmigte Hautersatzprodukt verfügen, und die diversifiziert forschende Advanced Tissue Sciences ragen in diesem Entwicklungszweig heraus. Tissue Sciences-Unternehmen forschen auch an Produkten, die gefährliche Herz-und Kreislaufdefekte beseitigen könnten und letzte Hoffnung für Infarktpatienten sind. Advanced Tissue Sciences verfügt in seinem Wirkstoffarsenal über Mittel, das abgestorbenes Infarktgewebe in Tierversuchen zur Heranbildung neuer Adern angeregt hat. Die Heilung gebrochener Herzen betreibt auch das texanische Unternehmen Life Cell, in dessen Laborräumen komplette Ersatzadern heranreifen.

Umstritten ist nach wie vor der Bereich der embryonalen Stammzellen. Sie sind gewissermaßen programmierbar und können sich je nach Gewebeumgebung zu Gehirnzellen, Leberzellen oder Nervenzellen entwickeln. Die aus Embryonen oder künstlichen, eigens zu diesem Zweck geklonten Zellhaufen gewonnenen Stammzellen könnten sich als Jungbrunnen einer alternden Gesellschaft erweisen. Eventuell wäre es sogar möglich, von der Alzheimer-Krankheit ins Gehirn geschlagene Zell-Lücken wieder aufzufüllen.

Manchen Experten gilt dieses universelle Material des Lebens als kostbarster Rohstoff des kommenden Jahrhunderts. Es gibt Hinweise darauf, dass ES-Zellen auch in der Krebstherapie Einsatz finden, ja sogar als Genvektoren Reparaturgene in den kranken Organismus einschleusen können. Bisher wurde Unternehmen aus diesem Bereich in den USA staatliche Unterstützung aus ethischen Bedenken verweigert, doch diese Ablehnung wird diskutiert. Wenn sich die Stimmung ändert, werden die Geschäfte der Stammzellen-Forscher von Geron, Cyto Therapeutics, denen erstmals die Isolierung von Gehirnstammzellen gelang, und auch Nexell Therapeutics einen gewaltigen Aufschwung nehmen.

Fest steht, dass der Durchmarsch der Gentechnik in der Medizin zu beträchtlichen Veränderungen rühren wird. Das betrifft indessen nicht nur die großen Krankheiten und ihre beklagenswerten Patienten, auch die wirtschaftlichen Folgen im Gesundheitsmarkt können immens sein. Scheinbar unbedeutende Unternehmen wären vielleicht in der Lage, sich durch die neue Technologie in ungeahnte Höhen aufzuschwingen.

Das zeigt sich schon heute am Fall des winzigen amerikanischen Biotech-Unternehmens Biocontrol Technology. Es widmet sich unter anderem der Entwicklung einer Transplantatlösung für Insulinzellen. Angepeilt ist die einfache Verpflanzung von Insulinzellen, ohne dass diese künstlich von Membranen vor der körpereigenen Immunabwehr abgeschirmt werden müssen.

Gelingt dem kleinen, noch unbekannten Unternehmen der große Sprung und erweist sich das Produkt als alltagstauglich, hätte Biocontrol Technology den Anfang vom Ende des Milliardenmarktes für Humaninsulin eingeleitet. Die heute noch kleine Biocontrol wäre dann schlagartig die Bayer des 21. Jahrhunderts.

Bruno Wagner: "Die Biotech-Aktie - Investieren in die Zukunft". Ueberreuter Verlag, Wien/Frankfurt 2000; 300 Seiten; 68 Mark.