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Die Hypermoderne

Das digitale Medium wird zum Medium schlechthin. Trotzdem wird nicht alles eins. Peter Glaser über Verschmelzungen, Überschreitungen und eine neue Zeit.




Jason McCabe Calacanis ist einer dieser scharfsichtigen Profis, die sich in der "Convergence" -Mailinglist (www.siliconvalleyreporter.com/convergence/) an der Diskussion darüber beteiligen, wann die Medien verschmelzen. ,Ist euch schon einmal aufgefallen, dass auf jeder Konvergenz-Veranstaltung immer irgendjemand aus der alten Hollywood-Garde sagt: "Wissen Sie, das Web ist ein Medium, bei dem man sich vorbeugt. Nach vom lehnt. In Richtung Computer auf dem Schreibtisch. Beim Fernsehen sitzt man in seinem Wohnzimmer und lehnt sich zurück. Und bei diesem Unterschied wird es auch bleiben'." Die Leute, die das sagen, sind üblicherweise 50 Jahre alt oder älter, Geschäftsleute und noch nicht lange online (wenn überhaupt). Sie haben keinen Personal Digital Assistant, hatten früher keine Tamagotchi und ganz früher keinen Atari. Interaktivität bedeutet für sie, dass die Leute nicht mehr nur glotzen, sondern dank Hightech einen weiteren Knopf bekommen, auf den sie drücken, wenn sie etwas kaufen wollen.

Inzwischen ist aber eine ganze Generation von jugendlichen Maus-Potatoes herangewachsen, für die sich alles völlig selbstverständlich um Interaktivität dreht. Diese Kids gucken weniger fern, spielen dafür lieber Computerspiele, daddeln mit ihren Handys und Videokameras herum oder mailen und chatten und verschicken SMS-Mitteilungen, dass es nur so rauscht.

Nun ist es für die Medienindustrie schwieriger, Geld aus Millionen Menschen herauszuholen, die alle woanders hinklicken, als aus Fernsehzuschauern, die alle dasselbe Ding sehen. Das Dilemma: 'wenn man selbst kein: Multitasking betreibt, ist es ziemlich schwierig, Marketing für Konsumenten zu machen, die längst Multitasker sind.

Die große Konvergenz ist eine Lieblingsidee von Leuten, die Angst haben, die Übersicht zu verlieren.

Die alten Vorstellungen von Konvergenz liefen auf eine Verschmelzung von Telefon, Computer und Fernsehen hinaus. Dabei sollte selbstverständlich das Fernsehen Leitmedium bleiben und die neuen Medien in sich aufnehmen.. Aber die Entwicklung verlief anders. Ersteinmal kam ein mächtiger weiterer Player (sic!) auf das Feld, die Videospiel-Industrie. Bereits Anfang 1992 übertraf allein Nintendo die Gewinne der drei größten US-Fernsehgesellschaften zusammen. Ein Jahr später tauchte der nächste Widersacher der Konvergenz-Anhänger erstmals im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit auf: das Internet vulgo World Wide Web.

Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg: In den achtziger Jahren musste das Internet erst einmal zu sich selbst konvergieren. Seine ersten Anhänger waren vor allem Universitäten und Forschungseinrichtungen, die sich das dem Internet zugrunde liegende kostenlose und frei verfügbare TCP/IP-Protokoll zunutze machten.

Von dort ausgehend, bildeten sich nach und nach tausende verschiedener Netze, ob das High Energy Physics Network (HEPnet) der transnationalen Gemeinde der Elementarteilchenphysiker oder das Space Area Network (SPAN) der Nasa.

Netzwerktechniker entwickelten Verbindungsmöglichkeiten zwischen den einzelnen Netzen. Zuerst Gateways - Brücken zwischen einem Netz und einem anderen. Dann noch Internets. Ein Internet, auf Netzgrafiken stets als Wölkchen dargestellt, war eine Struktur, die in der Lage war, mehrere verschiedene Netze in sich aufzunehmen. Wie kleine Fettaugen auf einer Suppe, die sich zu immer größeren Fettaugen zusammenschließen, verbanden sich die Netze zu Internets und die Internets zu einem durchgängigen, weltweiten Internet. Dem Internet.

Anfang der neunziger Jahre entwickelte Timothy Bemers-Lee am CERN in Genf einen Internet-Dienst namens World Wide Web. Wenig später programmierte ein kleines Team an der University of Illinois, darin maßgeblich ein gewisser Marc Andreessen, eine per Mausklick auch für Laien einfach zu bedienende grafische Oberfläche namens ." Mosaic" für den neuen Dienst, die später, 1994, in "Netscape" umgetauft wurde.

1995 kam Bill Gates mit seiner Vision über die digitale Zukunft. Das Buch hieß "Der Weg nach vorn" und hätte den Microsoft-Prinzipien entsprechend wohl besser "Weg da vorn" geheißen. In der ersten Auflage kam der Begriff Internet praktisch nicht vor. Währenddessen zündete Netscape den Urknall, aus dem der massentaugliche Cyberspace hervorging.

Bill Gates eröffnete einen Blick auf ein so genanntes 500-Kanal-Universum -digitale Fernsehkanäle ohne Zahl. Teleshopping, Video on Demand, bla, bla, bla. Die gängige Vorstellung von Konvergenz war Microsoft-kompatibel: Ich bin die Macht und nehme alles in mich auf.

Wo alles auf einen Punkt zuläuft, droht Totalitarismus. Das ist das Gefährliche an der Konvergenz-Idee. Schon dem Medienphilosophen Wem Flusser sind die Gemeinsamkeiten zwischen Kabelsträngen und den altrömischen Rutenbündeln - den Fasces - aufgefallen, von denen die Faschisten ihren Namen herleiten.

Der mächtigste aller technologischen Antriebe ist die Bequemlichkeit. Faulheit siegt.

Eines der wesentlichen Entwicklungsprinzipien der menschlichen Kultur ist die Zunahme an Unterschieden. Fernsehen, Telefon und Internet haben sich nicht deshalb ausdifferenziert, um nun in eine Blechbox, ein heimisches Kommunikationskraftwerk, zurückzukonvergieren. Viele Menschen leben auf, wenn sie online-sind, als wäre der Ort ihrer Sehnsucht gefunden.

Den technischen Frontverlauf der tatsächlichen Konvergenz-Entwicklung zeigen elegante Mischformen an - die neuen Hybriden. Ein Telefon mit Display, um eMails zu lesen. Eine Armbanduhr mit GPS-Empfänger und Pager. Home Networking und Social Networking heißen die aktuellen Auflösungserscheinungen der großen Konvergenz. Die verschiedenen Geräte dürfen nun bleiben, wo sie sind, aber sie sollen sich massiv vernetzen lassen. Wenn Eisschrank, Herd und 'Türklinken bald ebenfalls computerisiert sein werden, wird der mächtigste aller technologischen Antriebe wieder in seine Rechte treten: die Bequemlichkeit. Faulheit siegt.

Nielsen Media Research hat letztes Jahr ermittelt, dass in Haushalten mit einem Internetzugang der TV-Konsum im Schnitt um 15 Prozent abnimmt. Und wenn die Web-Angebote weiter so rasant zunehmen, die Preise für Hardware und Breitbandzugänge weiter so rasant fallen, werden die Leute noch um einiges weniger fernsehen.

Die große Frage ist, um wie viel weniger. Sicher ist jedenfalls, dass auch der Computer nicht zum Alleinherrscher über die Freizeit wird: Nach wie vor wird es Zeiten geben, in denen auch die neugierigsten Surfer des Klickens müde sind. Und fernsehen.