Partner von
Partner von

Der Frühling. Die Liebe. Die Unsterblichkeit

"Meine ganze Arbeit als Informatiker besteht darin, die Grundlagen, Vergleichsmöglichkeiten und Kriterien rationaler Entscheidung zu vervielfachen. Das hat überhaupt keinen Sinn. Offen gestanden, das ist sogar eher negativ; eine sinnlose Behinderung für die Neuronen. Dieser Welt mangelt es an allem, außer an zusätzlicher Information." (Michel Houellebecq, Ausweitung der Kampfzone)




Michel Houellebecq "Ausweitung der Kampfzone", Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1999, 32 Mark
Young Justice Dino Entertainment AG, monatlich, 5,90 Mark
Rocko Schamoni "Risiko des Ruhms", rororo, Hamburg 2000, 14,90 Mark
Georg Büchner "Leonce und Lena - Ein Lustspiel", Ernst Klett Verlag, Leipzig 1995, 8,50 Mark
John Berger "Einst in Europa", Carl Hanser Verlag, München 2000, 45 Mark
Kay Thompson "Eloise", Berlin Verlag, Berlin 2000, 29,80 Mark

Der ungeduldigste Superheld aller Zeiten ist 14, wuchs in einer virtuellen Welt auf, hat nur drei Jahre echte Lebenserfahrung und heißt Impuls. Sein Name ist Progamm: Impuls tut, was er tut, ohne nachzudenken, folgt er seinen Eingebungen. Sein aktueller Feind nennt sich Ratio, in dem monatlich erscheinenden Comic-Heft "Young Justice" kloppen sich, so könnte man sagen, zwei Prinzipien in Kostümen. Dabei hat Ratio keinen Zweifel an seiner Überlegenheit, er hält Impuls' Schwäche für offensichtlich: "Er denkt nicht im Geringsten über das nach, was er tut! Alles entspringt blanker Neugier, Reflexen, unberechenbarer Energie!! Er ist unkonzentriert und so leicht abzulenken!" (Ratio benutzt viele Ausrufezeichen, denn er ist ein Schurke.) Die Schlussfolgerung "Alles nur Zufall! Glück!" macht den Ausgang des Kampfes absehbar: Ratio kann gegen Impuls nicht gewinnen, weil er weder an Glück noch an Zufall glaubt. Abgesehen davon, ist Impuls per Definition unbesiegbar, denn er ist der Held der Serie Einfach hat es auch der Hamburger Musiker Rocko Schamoni in seinem Debütroman "Risiko des Ruhms", denn das, was er dort als sein Leben ausgibt, hat er sich ausgedacht. Von seinem Heimatort Saleika zieht er über New York, Rotterdam und Paris bis nach Hamburg, erlebt lustige, fantastische, absurde Abenteuer, trifft Popmusiker, Zirkuskünstler, Esoteriker sowie tolle Frauen und ist allgemein total gut dabei, viel besser als etwa in Wirklichkeit. Manchmal kommt es sogar zu Dialogen: " Ich: Und was willst du für die Gerechtigkeit der Welt tun?

Sie: Ich spende viel, im Allgemeinen zwischen fünf und acht Prozent meines Umsatzes, zum Beispiel für Umweltorganisationen oder für Seniorenheime ...

Ich: Das ist ja spitze, dann behältst du also nicht alles für dich, sondern gibst auch wieder etwas zurück.

Sie: Ja, so wie es die Indianer gemacht haben. Und das Tollste ist: Man kann das alles von der Steuer absetzen ...

Ich: Suuuper!" Abgesehen davon, endet das Buch mit einem prima Ratschlag: "Machen Sie nie eine Tür hinter sich zu, lassen Sie immer alles offen stehen, Sie werden sehen; Es bringt was." "Die Rückkehr des Schelmenromans", könnte man sagen.

Mit Kritikern, die so tot sind, wie es manche verstorbene Dichter niemals sein werden, hat das Feuilleton dafür gesorgt, dass jeder, der noch einen Funken Leben in sich spürt, drei Schritte vom Abgrund der klassischen bürgerlichen Kultur zurücktritt. Dabei scheint Sterblichkeit bei einigen Dichtem sogar völlig unmöglich. Georg Büchner beispielsweise, der 1835 aus Hessen (hah!) floh, um nach Zürich (jawoll) zu ziehen, wo er zwei Jahre später mit 24 Jahren ("Live fast, die young") starb, ist eigentlich nur als quietschfideler junger Mann vorstellbar, wenn man das Schlusswort seines Lustspiels "Leonce und Lena" liest: "Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, dass, wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird, dass, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist, dass jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt erklärt wird, und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine kommode Religion!" Das war Valerio, sein Freund Leonce hat zuvor seiner geliebten Lena erklärt: "Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monde nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das ??? mit Brennspiegeln, dass es keinen Winter mehr gibt und ??? bis Ischia und Capri hinaufdestillieren und da ???? zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen ??? stecken." Das Bilderbuch "Eloise" entstand 1955, seine Heldin ist ein sechsjähriges Mädchen, das mit seinem Kindermädchen Nanny in einem riesigen New Yorker Hotel wohnt. Wer jemals Spaß mit Luxus gehabt hat oder vielleicht selbst mal ein sechsjähriges Mädchen gewesen ist, wird sich über die detaillierte Schilderung des total sensationellen Alltags von Eloise rundkugeln: " Fernsehen geguckt wird im Salon. Ich habe immer meinen Sonnenschirm dabei, falls es zu grell wird. Und, o mein Gott, wenn ein Boxkampf kommt, ist Nanny vollkommen außer sich, und wir müssen auf unsere Plätze springen und alles vorbereiten, und Nanny muss ihre ,Players' suchen, und ich muss mein Fernglas holen und den Zimmerservice anrufen und drei Pils für Nanny bestellen und eine Meringue glacee für mich, ELOISE, und das geht bitte alles auf die Rechnung. Vielen Dank." Zimmerservice ist ein wenig wie Unsterblichkeit, oder? Außerdem hat die rege Eloise ein feines Rezept zur Stressvermeidung: "Himmel, ich bin immer sooooo beschäftigt. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles schaffen soll. Dann muss ich erst mal ein bisschen herumhüpfen." Der Schriftsteller, Maler, Fotograf und Essayist John Berger lässt in der Erzählung " Einst in Europa" seine Hauptfigur Odile ihr Leben erzählen, während sie mit ihrem Sohn Christian mit einem Drachenflieger über das Land ihrer Kindheit gleitet. Geografie trifft Geschichte, Liebe spiegelt sich in Landschaft, das Kleinste und das Größte erscheinen untrennbar, und so passt es, dass in der sehr schönen Neuausgabe die Detail- und Luftaufnahmen der britischen Fotografin Patricia Macdonald die winzigen und riesigen Gedanken begleiten: "Ich sprach mit meinem kleinen Finger... Wenn du eine Spinne auf einem Tisch siehst und sie herunterwischst, dann ist immer noch der Tisch da, wenn du den Tisch hinausträgst, sind immer noch die Bodenbretter da, wenn du die Bodenbretter herausreißt, ist immer noch die Erde da, wenn du die Erde wegkarrst, ist immer noch ein Himmel mit Sternen auf der anderen Seite der Welt da, was also war am Anfang? Der Finger gab keine Antwort, und da biss ich ihn." Diese Geschichte lässt keine Frage offen, weil sie keine Antworten gibt. Es wäre schön, wenn diese Kolumne das auch geschafft hätte.