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Das Indernet

Mehr als eine Viertelmillion Inder leben im Silicon Valley. Ihr Unternehmergeist hat den Boom der Neuen Wirtschaft maßgeblich geprägt. Die Net-Millionäre in Kalifornien raten Deutschland: Legt die Gastarbeiter-Mentalität ab. Sonst holt ihr im Hightech-Wettrennen nie auf!




Vielleicht überkäme Kanzler Schröder und die Unionspolitiker Rüttgers und Stoiber die "Green Card"-Erleuchtung, wenn sie eine Reise nach Livermore in Nordkalifornien unternähmen. Zu Zeiten des Kalten Krieges entwickelten US-Physiker hier einen Superlaser, den sie "Shiva" tauften. Die indische Gottheit hat ein drittes Auge, das einen tödlichen Bannstrahl aussendet. Der Kalte Krieg ist vorbei, aber Shiva ist in Livermore sesshaft geworden. Der Ort in Nordkalifornien ist Beweis für die Rolle, die indischer Erfindergeist, der Immigranten Mut zum Risiko in einer aufgeschlossenen Kultur und gutes Timing in der Neuen Wirtschaft spielen.

Auf den ersten Blick ist Livermore eine normale Schlafzimmer-Gemeinde, in der die Ingenieure und Manager des Silicon Valleys ihre Familien Zwischenspeichern, während sie sich durch die grünen Hügel zur Arbeit und zurück stauen. Der große Unterschied steht an der 1232 Arrowhead Avenue: der größte Hindu-Tempel der Region. Eingerahmt von pastellfarbenen Einfamilienhäusern vom Reißbrett mit Schaukel und Gas-Grill im Garten, flirrt der Shiva-Vishnu-Tempel in der Sonne. Gipsornamente und zwei glasierte Ziegeldome zur Ehre der Hindu-Gottheiten Shiva und Vishnu ragen über die standardisierten Holzgiebel der Mittelschicht-Drohnen auf.

Auf dem Parkplatz vor dem Tempel herrscht während der Woche gähnende Leere, die Gemeinde schuftet in ihren Arbeitswaben an den neuesten eBusiness-Ideen. Am Wochenende jedoch pilgern bis zu 5000 indische Familien von San Francisco bis Santa Cruz nach Livermore, einige wohnen sogar eigens in unmittelbarer Nachbarschaft des Tempels. "Oft werden die USA als Einwanderergesellschaft dargestellt, aber Silicon Valley ist wirklich der einzige Ort, an dem deine ethnische Herkunft völlig irrelevant geworden ist", sagt der Unternehmer K. B. Chandrasekhar. Seit zehn Jahren im Valley, ist er heute als Gründer von Exodus Communications berühmt und eine halbe Milliarde Dollar schwer. Er spendet reichlich, hat aber selten Zeit, zum Heiligtum zu fahren.

Dass über Silicon Valley verstreut vier Hindu-Tempel stehen, ist für Chandra Ausdruck der Geisteshaltung, aus der heraus Hightech-Booms programmiert werden. "Wer in der Neuen Wirtschaft mithalten will, muss Neuankömmlinge mit offenen Armen aufnehmen. Aus dieser Symbiose haben wir Reichtum, Technologie und eine weltweite Führungsposition geschaffen, an der alle teilhaben. Sonst wäre jemand wie ich gar nicht erst hierher gekommen. Solche Leute braucht ihr in Deutschland", redet sich der Unternehmer in Fahrt, der die Einwanderer-Debatte aus der Ferne mitverfolgt. "Wer indische Fachleute wie Rohmaterial importieren will, vermittelt den Eindruck: Ich weiß alles, ich brauche nur Handlanger, die meine Arbeit erledigen. Das ist der falsche Ansatz, um kreative Energien freizusetzen und eine Unternehmenskultur für die Neue Wirtschaft zu schaffen. Silicon Valley heißt jeden willkommen, solange du nur der Beste bist." Das Resultat ist schwer zu übersehen. Auf mehr als eine Viertelmillion ist die indische Gemeinde im Silicon Valley angeschwollen. Zusammengehalten wird sie von einem eng verzahnten und einflussreichen Netzwerk, das sich inzwischen von San Francisco bis zu seinem indischen Pendant Bangalore erstreckt. Im Zentrum des Indernets bewegen sich Hightech-Millionäre und Milliardäre wie Chandra, ohne deren Know-how und Energie Firmen wie Sun Microsystems, Verifone, Cirrus Logic, Neo-Magic, Hotmail, Healtheon oder Glasfaser-Wunder wie Sycamore und Juniper Networks nicht existieren würden.

Der Zustrom hat selbst die Gründer des Heiligtums in Livermore überrascht. "Am Anfang planten wir eine Begegnungsstätte für 400 Familien", erinnert sich der Unternehmer G. S. Satya. Das war 1981. Gerade einmal 5000 Inder lebten in Silicon Valley, die meisten arbeiteten als Ingenieure für die Urmarken der Chip-Industrie wie Intel und Fairchild. Satya und sechs andere Familien kauften zweieinhalb Hektar Land fernab der schon damals hohen Immobilienpreise im Valley und zahlten deshalb 100000 Dollar statt zwei Millionen. " Rundherum war nichts, nur Felder!", erklärt Satya, während er auf dem Tempeldach steht und mit lässiger Geste über die pink- und beigefarbene Vorstadtsiedlungs-Einöde zeigt.

Vor zwei Jahren kaufte die Gemeinde noch einmal zweieinhalb Hektar dazu - für eine Million. Ein halbes Jahr darauf sicherte sich der Tempel eine weitere Parzelle, um mit dem Wachstum an Gläubigen im Hightech-Zentrum mithalten zu können, und musste bereits 1,8 Millionen hinlegen. "Zumindest haben wir jetzt genug Platz für Anbauten, um auch unseren Kindern und Enkeln ein attraktives Gemeindezentrum bieten zu können", sagt Satya.

Das Valley sucht Menschen und Fachleute, nicht Rohstoffe mit Green Card.

Ohne die steilen Karrieren von Einwanderern aus dem indischen Subkontinent und deren Spenden wäre das Multimillionen-Projekt nicht möglich gewesen, für das insgesamt 21 Architekten und Baumeister aus Indien eingeflogen wurden. Ganesha, jener Hindugott in Elefantengestalt, der Hindernisse aus dem Weg räumt und sich auf einer Ratte bewegt, ist in Livermore ganz auf der Höhe der Zeit. Da sind zunächst einmal die fünf Priester. Sie tragen zwar traditionelle Gewänder, aber darunter verbirgt sich ein Handy, das ständig klingelt. Die heiligen Männer haben eMail-Adressen, um Hausbesuche zu vereinbaren, und mit Internetaktien handeln sie auch, wenn sie gerade keine Gebete für gutes Gelingen und Hochzeitsfeiern sprechen.

Die weltliche Schaltzentrale des Indernets sitzt eine Stunde entfernt in einem unscheinbaren Flachbau in Santa Clara. Neben einer öden Bingohalle für philippinische Einwanderer haben The Ind-US Entrepreneurs (TiE) ihre bescheidene Zentrale. Doch der Schein trügt. Mehrere Herren zwischen 40 und 50 schieben Papierberge auf gebrauchten Schreibtischen hin und her, aktualisieren ihre Website und bereiten emsig ihre jährliche Unternehmerkonferenz vor, zu der sie diesmal Netscape-Legende Jim Clark als Gastredner engagiert haben. Mehr als 1500 Teilnehmer werden sich voraussichtlich drängen, um ein Stückchen vom unternehmerischen Aufbruchsgeist made in Bombay und Mountain View abzubekommen.

Die Indian Connection ist anders:kugelrunde ältere Herren statt Yuppies.

"Wir sind in den letzten Monaten zu überdimensionalen Persönlichkeiten aufgebaut worden", wundert sich TiE-Gründer und Präsident Kanwal Rekhi über die ganze Medienaufregung um die Indian Connection, die Magazine in seiner alten Heimat als "Internet-Mafia" titulieren. "Es ist unglaublich, wie viel Einfluss wir in nur einem Jahr gewonnen haben." Gerade hat er ein Interview mit CNN abgeschlossen, und am Wochenende war das Wirtschaftsmagazin "Fortune" bei ihm zu Hause, um den kugelrunden Unternehmer mit der permanent ungehaltenen Miene in seiner Villa abzulichten.

Der 54-Jährige verkörpert den Aufstieg indischer Einwanderer von Auftragstüftlern zu Wirtschaftskapitänen in nur einer Generation. "Ohne uns wäre das hier nicht die Brutstätte der Neuen Wirtschaft", sagt Rekhi selbstbewusst und schiebt nur halb im Scherz nach: "1C heißt nicht Integrated Circuit, sondern steht in Wirklichkeit für Inder und Chinesen." Ende der sechziger Jahre kam er mit einem Abschluss des Indischen Instituts für Technologie in Bombay in die Vereinigten Staaten. Erste Station war wie für viele seiner Generation eine Universität an der Ostküste, dann ein Ingenieursjob in Kalifornien. Das Unternehmerfieber packte Rekhi schnell, und er gründete sein erstes Start-up namens Excelan mit zwei indischen Arbeitskollegen. Damals waren die Hindernisse für Minderheiten noch größer. Rekhi musste ah die 100 Kapitalgeber abklappern, bevor ihm klar wurde: "Wir hatten keinen Weißen im Management-Team. Inder galten nur als gute Techniker, als Manager wurden wir noch nicht in Betracht gezogen." Excelan wuchs dennoch zu einem führenden Hersteller von Steckkarten zur Vernetzung von Computern heran, für den Novell 1989 die damals üppige Summe von 250 Millionen Dollar zahlte. Ein Landsmann, der Anfang der Achtziger ebenfalls sein Glück machte, war Vinod Khosla, Mitbegründer von Sun. Der erfolgshungrige Einwanderer holte 1982 den Deutschen Andreas von Bechtolsheim und Scott McNealy an Bord und stellte so den Server-Multi auf die Beine. Heute ist Khosla Partner der noblen Venture-Capital-Firma Kleiner Perkins Caufield and Byers und widmet sich wie Rekhi den guten Taten für den Nachwuchs.

"Es ist ein Wissenstransfer", sagt TiE-Mitbegründer Kailash Joshi, "der in der uralten Tradition von Schüler und Lehrer, Chela und Guru, steht. Wir geben etwas von unserem Glück zurück, um es den Jüngeren einfacher zu machen." Rekhi brütet kurz über der hochsinnigen Beschreibung und schiebt dann nach: "Es hilft mir, auf Zack zu bleiben. Wir haben die Beziehungen, das Geld und die Erfahrung. Die Jungen haben den Finger am Puls der Zeit und zeigen uns, wo die Technologie langgeht. Von uns bekommen sie blitzschnell Ratschläge, die sonst Tausende von Dollars kosten würden." Nebenbei sind aus Rekhis Investitionen in Unbekannte satte hunderte von Millionen Dollar geworden.

Entstanden ist die Indian Connection 1992. Durch Zufall. Ein Besuch des damaligen indischen Elektronikministers in San Jose bot dem IBM-Manager Joshi den Anlass. Seine Frau und er organisierten einen Lunch im örtlichen Marriott-Hotel. Als sich der Politiker verspätete, kamen die indischen Ingenieure, Programmierer und Unternehmer ins Gespräch und stellten fest, wie wenig sie voneinander wussten. "Es wurde uns klar, dass wir ein Network aufbauen mussten", erinnert sich Joshi. Acht Jahre später hat TiE in Südkalifornien 140 Mitglieder oder Gurus, die nur auf Einladung beitreten können, sowie rund 800 normale Mitglieder oder Chelas.

Hauptzielgruppe sind Einwanderer aus Indien, Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka, aber die gemeinnützige Organisation steht jedermann offen. Spätestens seit "Forbes" drei Silicon-Valley-Inder in seiner Liste der 400 reichsten Männer der Welt aufführt, wird der Mix der Besucher immer bunter. Zu den monatlichen TiE-Präsentationen neuer Business-Pläne, die immer noch in dem gleichen Marriott-Hotel stattfinden, erscheinen Kapitalgeber aus New York, neugierige MBA-Studenten von Stanford und Manager von Großunternehmen wie Sharp. "Nur Politik und Religion bleiben bei uns vor der Tür", sagt Rekhi.

Chela oder Guru - Schüler oder Lehrer, das Leben im Indernet ist geordnet.

Vom Epizentrum Silicon Valley hat sich das Indernet in wenigen Jahren in viele andere Städte ausgedehnt, zuerst in 15 Metropolen in den USA von Seattle bis Boston, dann an fünf Orten in Indien sowie nach Kanada und seit neuestem in London. Ein Dutzend Lehrmeister und eine Handvoll Jünger genügen, um einen Ortsverein zu gründen. "Das ist nicht nur der pure Altruismus, sondern auch knallharte Geldanlage", sagt Yogesh Sharma, Chefredakteur der Branchenzeitschrift " Silicon India", eine halbe Autostunde von Rekhis Büro entfernt. Sein vor drei Jahren gestartetes Magazin hat sich zur jungen und ortsungebundenen Informationsquelle für an Hightech interessierte Inder in aller Welt entwickelt. Die Auflage liegt bei 70000, dazu kommen 500000 Leser online. In diesem Herbst sollen Ausgaben in Indien und England folgen. Sein Durchschnittsleser bringt es immerhin auf 100000 bis 200000 Dollar Jahresemkommen. "Nicht jeder Deal mit einem indischen Start-up kommt wegen TiE zustande", warnt Yogesh vor einer Überbewertung des betuchten TiE-Clubs.

TiE-Präsident Rekhi nutzt indes seinen wachsenden Einfluss als Berater der indischen Regierung, unter anderem, um ein neues Risikokapital-Gesetz zu formulieren. Er hat einen Venture Fond in Indien mit einer Million Dollar angefüttert und will im Laufe der Zeit alle Mitglieder seiner globalen Familie kennen lernen. Er reist drei- bis viermal im Jahr nach Indien, um Reden in ausverkauften Sälen zu halten und das Network auszubauen. Seine alte Universität in Bombay hat er bereits mit einer Millionen-Spende zum Bau einer neuen Wirtschaftsfakultät bedacht. Technische Hochschulen und Unis spucken jährlich rund 120 000 Absolventen aus, 3000 davon gehen von den besten sechs Technologie-Instituten ab. "Der Unternehmergeist ist inzwischen grenzenlos", sagt Kailash Joshi über die Missionarsarbeit. "Unser Vorbild im Silicon Valley hat allen Mut gemacht." Mut der Verzweiflung war es, der K. B. Chandrasekhar 1995 in Rekhis Arme trieb. Der Mittdreißiger war von seiner Idee überzeugt, als digitaler Lagerist Server an Web-Firmen zu vermieten. Es gab erste Kunden, doch das nötige Geld für den Aufbau wollte ihm und seinen beiden indischen Mitbegründern niemand geben. Nach einer Präsentation seiner Neugründung Exodus Communications vor TiE-Mitgliedern in Santa Clara hatte Chandresekhar Schecks für eine Million Dollar in der Tasche. Mit dem guten Namen Rekhis im Rücken waren nun auch VC-Gesellschaften interessiert. Exodus schuf den heute heiß umkämpften Markt für Hosting-Firmen, ging 1998 an die Börse und machte Chandrasekhar um rund 500 Millionen Dollar reicher. Die TiE-Investoren der ersten Stunde sahen ihre Einlage um das Vierhundertfache steigen.

"Hm, bin ich ein Chela oder ein Guru?", grinst der 40-Jährige heute, der eben eine neue Hosting-Firma namens Jamcracker ins Laufen bringt. "Ich bin Teil eines Ökosystems und stolz auf den Erfolg, den ich für mich und andere geschaffen habe." Chandrasekhar hat ausgerechnet, dass er mehr als 1000 Menschen zu Millionären gemacht und 3000 bis 4000 Arbeitsplätze geschaffen hat. Für Jamcracker trieb er die 40 Millionen Dollar Risikokapital in wenigen Wochen auf und konnte sich die Investoren aussuchen. Er stellte sicher, dass sich seine alten Freunde von TiE auch beteiligen konnten. "Mindestens 15 Firmen" hat er in den vergangenen zwei Jahren aus der Taufe gehoben, an rund 20 ist er mit drei amerikanisch-indischen Risikokapitalfonds beteiligt. Der Vorzeige-Gründer hat außerdem ein Forschungszentrum an seiner Alma Mater, die Anna University im südindischen Chennai, finanziert.

Sein Mitbegründer Prabakar Sundarrajan sitzt noch bei Exodus als Vizepräsident für Technologie. "Dass Inder eine so große Rolle in der Neuen Wirtschart spielen, hat mehrere Gründe", sagt Sundarrajan und blickt auf den Freeway 101, der das Silicon Valley von Nord nach Süd durchschneidet und mit freier Fahrt recht wenig zu tun hat. Seine Finger bearbeiten unaufhörlich einen kleinen Quetschball, der angeblich gut für Krafttraining und Stressmanagement sein soll. "Wir waren schon immer gut im PC-Networking und Software-Bereich, während Hardware mehr die Stärke von Ingenieuren aus China und Taiwan war. Das schaffte die Basis, auf der die Internet-Explosion aufbauen konnte." Das TiE-Network spielte für den 42-Jährigen ebenfalls eine entscheidende Rolle als Einstiegs- und Aufstiegshilfe. "Ich war nicht völlig grün hinter den Ohren, als wir Exodus starteten, aber es war wichtig, nach Studium und Karriere in einer großen Firma wie Intel Landsleute zu treffen, die erfolgreiche Firmen aufgebaut haben." Der Weg dorthin war lang. Kanwar Chadha, Mitbegründer von Surf Technology, einem führenden Hersteller von GPS-Chips für Handys und andere tragbare Geräte, erinnert sich an seine ersten Tage als Intel-Ingenieur und die Zeit danach: "Noch vor vier Jahren steckten viele hochintelligente Inder im Silicon Valley in bestimmten Positionen fest, über die sie nur schwer hinauskamen. Senior-Management- und Marketing-Positionen bekamen sie so gut wie nie. Vorbilder wie die TiE-Gründer öffneten vielen die Augen. Das ist ein ideales Forum für Ingenieure, ihre Ideen zu testen und sich Mut zu holen, ohne gleich auf den gesamten amerikanischen Markt zu treten." Statistiken belegen den enormen Einfluss des Indernets. AnnaLee Saxenian, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Universität Berkeley, errechnete in einer 1999 veröffentlichten Studie, dass zum Zeitpunkt ihrer Erhebung 750 Start-ups oder rund 40 Prozent aller Neugründungen von indischen Unternehmern geführt wurden. Den wirtschaftlichen Effekt bezifferte die Professorin auf 3,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz und mehr als 16 000 Arbeitsplätze. Wer indische Unternehmer nach dem neuesten Stand der Dinge befragt, bekommt weitaus höhere Zahlen serviert. "Ein Drittel bis die Hälfte aller Business-Pläne, die bei Risiko-Kapitalisten eingereicht werden, haben mindestens einen Inder im Management-Team", sagt Exodus-Gründer Sundarrajan.

Die deutsche Green-Card-Debatte löst bei indischen Unternehmern Mitleid aus.

Am Anfang war das Talent im Silicon Valley ein reines Importprodukt, das auf indischer Seite die Gefahr des "Brain Drain" heraufbeschwor. Seit den sechziger Jahren kamen wie Kanwal Rekhi geschätzte 25 000 Absolventen der sechs besten technischen Hochschulen Indiens in die USA. Die meisten von ihnen landeten ein paar Jahre später an der Westküste, "dort, wo Innovationen gesucht und Risiko am höchsten belohnt wurden". Zwischen 1994 und Frühjahr 1999 erteilten die USA Einwanderern aus Indien 124000 Arbeitsvisa, das ist ein Drittel der Jahresquote. Die globale Wirtschaft mit ihren Produktionszeiten rund um die Uhr hat anfängliche Sorgen über eine intellektuell ausblutende Heimat gründlich zerstreut, sagt Rekhi. "Es gibt einen indischen Brain Trust, ein weltweites Netzwerk von Ingenieuren und Unternehmern." Kopfschütteln, Unverständnis und Mitleid löst bei den indischen Unternehmern dagegen die Debatte in Deutschland aus, sich eine Scheibe vom Hightech-Kuchen abzuschneiden, indem man indische Fachkräfte auf Zeit anwirbt. "Da steckt altes Denken dahinter", kritisiert Rekhi und lehnt sich in seinem Bürosessel vor, um bei jedem Wort besser auf die Tischplatte einhämmern zu können. "Amerika sieht Indien als eine sich rasch entwickelnde Wirtschaft und behandelt uns als gleichberechtigt. Das durchschnittliche Image indischer Einwanderer für einen US-Bürger ist der Hausarzt, der Professor an der Uni, ein Analyst an der Wall Street. Das ist Erfahrung aus erster Hand, keine exotische Vorstellung von vor 20 Jahren. Wer sich nur einfache Arbeitskräfte einkaufen will, bekommt genau das: einfache Arbeitskräfte. Aber nicht mehr. Das haben wir nicht mehr nötig." Kinder statt Inder? Veraltetes Denken. Als ob Geografie noch eine Rolle spielt.

Jahrelange Erfahrung mit der deutschen Industrie hat einer der TiE-Gründer, Hatim Tyabji, 55. Er war fast zehn Jahre lang CEO von Verifone, dem Marktführer für elektronische Zahlungssysteme, bis Hewlett-Packard den Konzern für 1,3 Milliarden Dollar kaufte. Dann gründete er Saraide, ein Unternehmen, das tragbare Geräte ans Internet anschließt und an dem auch die Deutsche Telekom beteiligt ist. Vergangenen Dezember kaufte Börsenstar Infospace - auch eine indische Gründung - die Firma. Dieser Tage arbeitet Tyabji von seiner Villa in den Los Altos Hills hoch über dem Silicon Valley und denkt über die Bedeutung seiner Generation für die Entstehung des Hightech-Wunders nach.

"Ein Network von Landsleuten zu haben ist nicht lebensnotwendig, wir hatten das am Anfang auch nicht" , sagt der Unternehmer, der bei Verifone für seine eigenwillige, knallharte Management-Philosophie berühmt war. "Aber es ist gut, sich dankbar zu zeigen für das Glück, das wir hier hatten." Wer wie deutsche Politiker und Gewerkschaften nur in technischen Dimensionen denkt, sagt Hatim Tyabji, begeht einen fundamentalen Fehler. "Das ist Vogel-Strauß-Politik. Wir sind nicht hier, um Jobs zu finden, sondern um neue Industrien zu schaffen. Wer eine billige und schnelle Antwort auf eine IT-Lücke sucht, wird nie den Erfolg des Silicon Valleys nachahmen können." Tyabji zog mit 22 Jahren von Bombay nach New York, studierte Management und Ingenieurwissenschaften und ist heute einer der 50 reichsten Inder im Valley. Als Verifone-Chef besuchte er regelmäßig die Außenstellen in Bad Homburg und Wiesbaden. Umso größer ist seine Bestürzung über dümmliche Slogans wie "Kinder statt Inder": "Das ist entsetzlich veraltetes Denken. Als ob Geografie noch eine Rolle spielt und man sich nur Leute für die Drecksarbeit einkaufen kann." Ein Land, das einen innovativen Rückstand aufholen will, muss sich öffnen, so Tyabji. Deutschlands Ziel sollte es sein, die eigene Unternehmerkultur mit neuen Elementen und Ideen von außen zu befruchten: "In den USA haben indische Unternehmer hunderttausende von Jobs geschaffen, strategisch gedacht und mit gutem Beispiel geführt. Inzwischen wirkt sich das auch auf die Universitäten aus. Davon profitiert die ganze Gesellschaft." Tyabji allein finanziert fünf Lehrstühle in Indien und den USA.

Sirf-Gründer Chadha, der regelmäßig nach Europa reist, sieht die Sache noch kritischer. "Wenn ein Land sich weigert, seine Kultur für Neuankömmlinge zu öffnen, ist selbst eine vorübergehende Green Card eine schlechtere Lösung, als die Aufgaben ins Ausland zu vergeben, um verlorene Zeit aufzuholen." Doch die klügsten Köpfe, glaubt Chadha, werden weiterhin dorthin ziehen, wo sie die besten Chancen auf Erfolg haben: ins Silicon Valley. Für Deutschland bleibt nur die zweite Wahl übrig.

Management-Purist Hatim Tyabji (er schaffte bei Verifone die Sekretärinnen ab) hofft, dass die Kritik in der Bundesrepublik eine Debatte um notwendige Reformen provoziert: "Deutsche Politiker sollen ruhig hierher kommen. Ich führe sie gern herum und zeige ihnen unseren nachhaltigen Erfolg und Einfluss, Firma für Firma, Unternehmer für Unternehmer. Uns tun die Deutschen mit einer Green Card keinen Gefallen. Im Gegenteil: Wir können euch helfen, eure Wirtschaft und Universitäten zu modernisieren." Kontakt: TiE Silicon Valley 3065 Democracy Way Santa Clara, CA 95054Telefon: 001/408/567/0700 Fax: 001/408/567/0777 eMail: tieadmin@tie.org www.tie.org