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Das Ende der Ironie

Die besten Moderatoren auf MTV und Viva Zwei sind ungelenk, holprig, eben genau so, wie sie sind. Und deswegen so gut.




Früher, Anfang der Achtziger, dem letzten Jahrzehnt, in dem Jugend noch ordentlich ausgegrenzt wurde, gab es im Dritten eine Sendung, die lief immer dienstags um 21 Uhr und hieß "Formel Eins". Ich weiß das deswegen noch so genau, weil danach, um 21.45 Uhr bei der ARD die Intrigen- und Reiche-Leute-Serie "Dallas" lief. Es sollte wohl darum gehen, dass Geld allein nicht glücklich macht. Pam und Bobby aber sahen so knackig aus, und auch die Bösen waren schön, so dass nach Dallas alle Yuppie sein wollten.

Wir trafen uns immer dienstags bei mir zu Hause, kifften mein Kinderzimmer voll - meine Mutter behauptet bis heute felsenfest, nie etwas gerochen zu haben - und guckten Formel Eins mit dem unbegabtesten Moderator des deutschen Fernsehens: ein ehemaliger Radio-DJ mit Minipli namens Peter Illmann. Der sagte hölzern mit dem ewig gleichen Grinsen auswendig gelernte Texte auf. Illmann war Welten schlechter als Ilja Richter mit seiner Sendung " Disco", denn Richter war echt, Illmann eben nur schlecht. Später übernahm eine junge Frau namens Stefanie Tucking Formel Eins, die war cool, aber nicht sexy, danach ein begabter Jungschauspieler aus Bielefeld namens Ingolf Lück.

Und wir saßen da, stoned bis unter die Schädeldecken, mucksmäuschenstill. Im abgedunkelten Zimmer die Musikvideos von David Bowie, Wham oder Depeche Mode. Ihre Clips wie Versprechen, dass die Welt, von der sie da im Fernsehen singen, wirklich mal existieren würde.

Danach kam Dallas. Die große Entladung. Buhrufe für den schleimigen Cliff Barnes, Applaus bei jedem Satz von Pamela. Wir fanden gut, was eigentlich schlecht war. Das Verlangen nach Spaß siegte über das nach Feinden. Die Geburt des Kults. Aber etwas bejubeln, das man verachtet? Es folgten die zynischen Neunziger. Wenn die Ironie aufhört zu lachen, lästert sie.

Heute haben wir vier Musikkanäle in Deutschland, denen egal sein kann, was auf den anderen Sendern läuft. Jugend ist die wichtigste Zielgruppe, und die Talkshows der Großen laden sich regelmäßig die gepiercten, rothaarigen oder hoch toupierten Jungmoderatoren von Viva und MTV als Vitaminspritze in ihre übersättigten Sitzrunden. Wer heute jung ist, kann in einer coolen Internetfirma anfangen, bei einem der Musiksender oder in irgendeiner Clip-Produktion lernen, wie man in vierminütigen Videoclips Millionen verbrät oder es für 4000 Mark krachen lässt.

Und die Moderatoren? Die sind oft berühmter als die Bands, die sie ankündigen. Die meisten nerven wie eh und je, doch inzwischen gibt es auch andere. Stefan Raab war so einer, als er noch bei Viva war. Oder der geniale Ray Cokes, MTV-Großmeister; charmant, schlau und verschlagen. Christian Ulmen und Charlotte Roche sind die Nachfolger.

Roche hat seit zwei Jahren eine Show bei Viva Zwei, " Fast Forward", bei der sie - natürlich -Clips ansagt, die schlechtesten Plattencover der Popgeschichte kommentiert und sich das Senderlogo vor laufender Kamera auf den Oberarm tätowieren lässt. Und weil sie neulich den Bassisten der Rockband Bloodhound Gang dazu überreden konnte, dasselbe zu tun, muss sie sich jetzt im Gegenzug das Logo der Band stechen lassen.

Wenn Charlotte Roche moderiert, zuckt und hampelt sie dabei wie ein Roboter mit Kurzschluss. Sie redet einfach drauflos, sagt Sätze wie "Guten Tag, liebe Freaks und Freaketten" oder "Willkommen bei my punkt psychedelic Erbseneintopf punkt d e", verdreht die Augen nach rechts oben, als gäbe es da einen Ausgang für ihre Pupillen, zieht die Unterlippe nach links unten, kurz: Charlotte Roche ist eine miese Moderatorin, doch hört man ihr erst mal zu und akzepiert das sonderbare Zeugs, das sie so gestört daherredet, wird sie plötzlich magnetisch.

Der andere, Christian Ulmen, wird gerade auf der Gegenspur, bei MTV, eingesetzt. Er ist mehr die Cocktail- und Werberversion der durchgeknallten Neogrungerin Roche. In seiner neuen Show "MTV unter Ulmen" kombiniert er Promis und unbekannte Gäste, die sich etwas zu sagen haben könnten, weil sie sich im selben Feld bewegen. Es gibt eine Rubrik namens "Nutten in Moonboots", ein Überbleibsel aus der Hamburger Zeit des Moderators, wo die Sendung im Offenen Kanal bereits vor Jahren entstand.

Den schlagfertigen Talker und die hampelnde Kindfrau vereint: Schlechtes bleibt schlecht, Gutes gut, und wenn es auch nur absonderlich ist. Ulmen meinte neulich, es gäbe nichts Neues mehr. Was wir vom Fernsehen kennen, sei alles, was wir kennen können. Was heute unterhält, ist Authentizität. Echtheit. Das Jungfernsehen kommt ohne Feindbilder aus. Die haben wir in den Achtzigern weggelacht. Und auch da waren sie nicht echt, wir brauchten sie nur, um uns abzulenken. Wenn uns die eigenen Träume mal wieder zu sehr erschreckt hatten.