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VON DER VERBESSERUNG DES MENSCHEN - die Debatte um das Gentechnologie-Gesetz

"Die lichtscheuen und nur wenige Millimeter großen Springschwänze haben die verblüffende Eigenschaft, ohne selbst Schaden zu nehmen das Insektenvertilgungsmittel DDT in ein weniger giftiges Abbauprodukt überführen zu können. Wenn es gelänge, die Erbanlage des Menschen mit einer ähnlichen Information zu "füttern", dann hätte dieses Pflanzenschutzmittel seine Schrecken für uns in alle Ewigkeit verloren. ...Vielleicht lässt sich der Menschen tatsächlich "verbessern", wenn man ihm durch Übertragung von DNS Eigenschaften verleiht, die andere Spezies schon haben", schrieb Kurt Blüchel in seinem Buch "Projekt Übermensch - Die biologische Revolution beginnt" zu Anfang der siebziger Jahre.




In dieser Zeit beginnt die Technikfolgenabschätzung populär zu werden. Die Soziologie ist en vogue. Viele Akademiker widmen sich den sozialen Folgen der technologischen Neuerungen. Doch niemand wollte ihre Prognosen hören. Verbittert zogen sich die Professoren auf ihre Lehrstühle zurück. Zeigefinger kamen aus der Mode.

Das blieb so, bis die Gentechnologie übers Land kam. Und plötzlich ging es nicht mehr darum, sein soziales Umfeld zu erforschen, sondern seinen ureigenen Bauplan. Was Philosophen, Theologen und Literaten seit jeher bewegte, ist wissenschaftlicher Standard geworden: Der Mensch ist ein Mängelexemplar und nicht mehr Maß aller Dinge. Für viele ein schrecklicher Gedanke. Der Eingriff in die "gottgewollte Schöpfung" erzeugt Unverständnis und Unmut. Erst richtet sich der Protest gegen "genveränderte" Nahrung. Greenpeace setzt mit der "Einkaufsnetz"-Aktion beim Konsumenten den Hebel an. Supermärkte listen angesichts solcher Kampagnen genveränderte Nahrungsmittel aus.

Danach gerät die medizinische Gentechnik in die Kritik, die in der Bevölkerung längst nicht so umstritten ist wie die Gennahrung. In der "FAZ" rauscht es: Genetik braucht Genethik. Die "Taz" nennt den neuen Forschungszweig schlicht "Monethik". In der "Münchener Abendzeitung" taucht gleich ein ganzes Monster auf: Ein Mischlebewesen zwischen Mensch und Schwein sei patentiert worden. Ein Horrorviech, entdeckt von Greenpeace.

Da fällt uns wieder dieses Schaf ein. Es heißt Dolly und ist ein Medienstar, ein Symbol für die Gentechnik und ihre Gefahren. Worum es dabei und bei der Aufregung eigentlich geht, das weiß niemand mehr so genau. Um die Alten vielleicht? In Europa werden im Jahr 2025, so wird geschätzt, ein Drittel der Gesamtbevölkerung Rentner sein. Das sind 113 Millionen Menschen. Diese Menschen wollen Gesundheit und ein noch längeres Leben. Dürfen wir dem trauen?

Skepsis ist berechtigt, denn im Zeitalter der New Economy und ihrer Technologien sind wir schon so manchem Versprechen blindlings gefolgt. Und haben uns gewaltig getäuscht gefühlt. Erst versprach uns die Informationstechnologie mehr Freizeit - das Ergebnis war Globalisierungsdruck, Börsen-Boom und keineswegs mehr Zeit. Nun sagt die Biotechnologie im ähnlich verheißungsvollem Ton: Es geht um Glück und Gesundheit der Menschheit und, wichtig, um mehr Lebenszeit für alle.

Der Mensch in der Plexiglaswanne Das Gute an Prognosen ist, dass man sie so schnell vergisst. Noch nicht lange, etwa fünf Jahre, ist es her, dass die schweizerische Prognos AG errechnete, dass in diesem Land bis zum Jahr 200C an die 100 000 Arbeitsplätze in der Biotechnologie entstehen könnten. Im Jahr 1999 sind daraus bescheidene 8124 Arbeitsplätze in den kommerziellen Biotech-Unternehmen geworden.

Es gibt noch mehr Gründe, an dem Hype zu zweifeln. Das Zusammenspiel der Gene und ihrer Funktion ist noch keineswegs enträtselt. Ein Organismus und biologische Zusammenhänge sind eben um ein Vielfaches komplexer als ein Computer der letzten Generation.

Doch das kann kein Trost sein: Viele Krankheiten liegen in einem Gendefekt begründet. Und etliche mehr - das betrifft besonders die häufiger vorkommenden Volkserkrankungen - weisen nicht etwa bloß eine defekte Genstelle als Ursache auf. Selbst nach dem vorläufigen Abschluss des Human-Genome-Projekts gibt es noch nicht allzu viel Überblick über das Entstehen vieler Krankheiten. Mehr und mehr muss dies auch die Gentherapiebranche einsehen. Die Gentherapie ist nach zwei Todesfällen in Gerede gekommen. Bedrückend, dass in dieser Situation sogar der Keimbahneingriff, also der Eingriff ins Erbgut mit allen damit verbundenen Konsequenzen, manche Wissenschaftler begeistert. Ein gefährliche Situation. Gefährlich auch, weil die echten Möglichkeiten und Chancen der Gentechnik gegenüber einer breite Öffentlichkeit verzerrt und unrichtig dargestellt werden. Allzu vieles ist Zukunftsmusik Produkte, Produkte, Produkte Die Biotechnologie ist seit Ende der neunziger Jahre kommerziell wieder in Hochform. Allein im Jahr 1998 sind 21 Medikamente zugelassen worden, die gentechnischen Ursprungs sind. Die Ökonomie zündet den Nachbrenner der Gentechnik. Der weltweite und über 300 Milliarden Dollar schwere Pharmazeutikmarkt entfaltet eine gewaltige Sogkraft, mit Zuwächsen von zehn bis zwölf Prozent. Darauf baut eine der gewaltigsten Investmentstorys aller Zeiten: Immer stärker wächst der Anteil alter Menschen in der Gesellschaft der Industrieländer, der Hauptverbraucher von Medikamenten. Ein rasanter Wachstumsmarkt ist der Verkauf von biotechnologischen Produkten, die weltweit 40 Milliarden Dollar Umsatz erzielen. Das ist nur der Anfang: Die chemische Medikamentenherstellung ist vielfach ausgereizt. Zudem experimentiert die Gentechnik mit Nutrazeutika, also Nahrungsmitteln mit gesundheitsfördernden Eigenschaften.

In diesem Milliardengeschäft fällt der Politik einmal mehr nur die Sicherstellung der Rahmenbedingungen für Forschung, Entwicklung und Vermarktung zu. In Deutschland ist die Biotechnologie Chefsache, denn im Kanzleramt ist sie ein großes Thema. Der Chefsache wird einiges zugemutet: Im Rahmen des neuen Gentechnikgesetzes müssen Unternehmen zahlreiche sicherheitstechnische Auflagen erfüllen.

Kontrollierte Versuchsanordnungen: Teil 1 Ob in der Biotechnologie gute Rahmenbedingungen herrschen, ist einfach festzustellen. Gut sind Rahmenbedingungen immer dann, wenn die Wissenschaftler nicht zum Flughafen fahren, ein Flugticket kaufen und in den Jet steigen, um nach Kalifornien zu fliegen und dort zu bleiben. " Brain-drain" heißt das, das haben wir so in der Schule gelernt.

Bisher war das ein Problem für Entwicklungsländer, jetzt ist es auch unseres. Denn auch Wissenschaftler wollen geliebt werden. Das Gegenmittel: Damit Wissenschaftler hierzulande wie in den USA zu Unternehmern werden und nicht verschwinden, gibt es Unterstützungszahlungen vom Staat, die etwa in Bayern so hoch ausfallen, dass ein pfiffiger Biologe verrückt sein müsste, wenn er nicht bei der bayerischen Fördergesellschaft Bio-M anklopft, Chef einer Biotechnologiefirma wird und sie möglichst schnell an die Börse bringt.

Neben dem eigenen Wohlstand haben die Befürworter der Gentechnik viele gute, rationale Argumente in der Hand. Dazu zählen die schon teilweise realisierte Verbesserung der medizinischen Möglichkeiten und ein wohl nicht ausbleibender wirtschaftlicher Aufschwung durch die neue Technologie. Auch die zurzeit etwas angeschlagene Infotech-Industrie könnte durch die Bearbeitung, Katalogisierung und Deutung der gewaltigen in den Labors anfallenden Gen-Datenmengen bald wieder auf die Beine kommen. Für die Gegner der Biotechnologie eine schwierige Situation: Sie müssen gegen etwas argumentieren, das wirtschaftlich vernünftig und medizinisch wertvoll ist. Ein deutsches Problem? Tatsächlich ist die Ablehnung des Einsatzes von Gentechnik in der Nahrungsmittelerzeugung in den größeren europäischen Nachbarländern in etwa gleich hoch oder noch ausgeprägter als bei uns.

Fast scheint es, als ob die ganze Debatte einer peinlich genau kontrollierten Versuchsanordnung folgt, wobei sowohl die Gentechniker als auch die Manipulationsstrategen der Politik die Versuchsanordnung bestimmen. Denn die am runden Tisch versammelten Gegner der Gentechnologie tun einem da fast schon leid. Ihnen fehlt einfach der Stil des smarten Erfolgsmodells der Postmoderne, die das flexible Schachern um Kompromisslösungen zum Prinzip und zum Standardverhandlungsmodell für die Cash-In-Absicht erhoben hat. Den Gegnern bleibt oft nur Emotionalisierung - eine bald stumpf werdende Waffe. Und was Medienprofi Gerhard Schröder anbetrifft, scheint klar, dass er diese Debatte irgendwann an sich ziehen und zügig beenden wird. Wegen der Rahmenbedingungen natürlich.

Schon als die hessische Landesregierung am 11. November 1997 - anderswo in Deutschland der Tag des Karnevalsbeginns -den "Dialog zwischen Befürwortern und Gegnern" eröffnete, hatten die Umweltverbände erwogen, die ihnen zugedachte "Gegner-Rolle" nicht zu erfüllen. Mit der interessanten Begründung, dass das Ergebnis doch schon feststehe: Es sind alle vom Nutzen der Gentechnik sowohl in der Medizin als auch in der Landwirtschaft zu überzeugen.

Um die Debatte ist es nicht schade. Echtes ethisches Engagement wird durch künstlich produzierte Emotionen ersetzt. Fakten werden ignoriert und unterschlagen. Gefahren werden aufgebauscht. Fehlinformationen dominieren allerorten. Da schwebt das Wort Klonen furchterregend über der Debatte und wird von der Mär vom abgehängten Deutschland beiseite gefegt. Das ist eine Obsession in einem Land, das im Außenhandel einen Rekord nach dem nächsten einfährt und in diesem Jahr einen Ausfuhrwert von einer Billion Mark ansteuert.

Das Gerede über ein abgehängtes Deutschland gehört inzwischen auf der einen Seite ebenso dazu wie das Dauermeckern auf der anderen Seite über die Industrie und die Wirtschaft, von der alle gern profitieren. Klar, beim Thema Gentechnik mögen sich alle mitfürchten. Obwohl 44 Prozent der Befragten in einer Umfrage glaubten, dass eine nicht genveränderte Tomate überhaupt keine Gene hat.

Der Witz: Nirgendwo auf der Welt ist die Zahl der Gründungen von neuen Biotechnologiefirmen höher als in Deutschland. Und nirgendwo sind die Ängste größer. Auch die Profiteure und Befürworter der Gentechnik leben in permanenter Angst. Dieses Thema hat etwa die PR-Agentur Kohtes Klewes zu ihrer Sache gemacht. Der Chef der Agentur, Gregor Schönborn, konstatiert: " Diffuse Ängste auf Seiten der Bevölkerungsmehrheit und Enthusiasmus auf Seiten der Wissenschaft passen nicht zusammen." Die Gengegner haben im Gegenzug die Medien als Verbündeten. Ein beliebtes Medienrezept, um die Debatte zu erhitzen und auf eine unsachliche Ebene abzusenken: Man benutze möglichst häufig das Wort Klonen als Diskussions-Fetisch. Die Provokation durch Fehlinformation funktioniert relativ sicher, da dieses Wort negativ besetzt ist, ebenso wie das kurze Präfix "Gen", in "Gen-Essen", " Gen-Mais" etc., das zuverlässig bei der schlecht informierten Bevölkerung Ängste abruft.

Es bleibt festzustellen: Viele der Medienmacher sind kaum als faire Moderatoren einer öffentlichen Debatte geeignet.

Vom Klonen und anderen Provokationen Das zeigt sich bei der Debatte um die embryonalen Stammzellen besonders deutlich. Bei dieser Debatte um den therapeutischen Einsatz der embryonalen Stammzellen geht es um alles andere a um die Schaffung ganzer Lebewesen aus Menschenhand, die in der Tat eine Gefahr der neuen Technologie ist, aber längst der Ächtung der Menschheit unterliegt. Tatsächlich geht es bei dem in die Diskussion geratenen therapeutischen Klonen um Zellhaufen, die kein Lebewesen darstellen und sich wie im Falle etwa von Leberstammzellen vielleicht zu einer Leber, keinesfalls aber zu einem kompletten Lebewesen auswachsen können.

Keine Rede ist auch davon, dass diese Stammzellen einfach aus dem Nabelschnurblut gewonnen werden können. Das Wo Klonen genügt, um die Debatte aufzuheizen. Es scheint, als ob es gleich ums ethisch Ganze geht - dabei geht es nicht einmal um die Hälfte davon. Eine differenzierte Betrachtung findet nicht statt Und auch kaum einer Erwähnung für wert befunden wird, da Klonen eine in der Natur weithin verbreitete Fortpflanzungsmethode ist: Im Süden der USA etwa leben ganze Gruppen von Eidechsen, die sich allein durch Klonung, ganz natürlich, fort pflanzen. Nur bei Säugetieren ist Klonen in der Natur keine natürlich vorkommende Fortpflanzungsmethode.

Und die Ereignisse um die Firma Clonaid, die aus Zellen eines verstorbenen Kindes einen Klon erzeugen will? Das soll kein Gegenstand der Diskussion sein, sondern eher Zeitpunkt zum Handeln für die zuständige Staatsanwaltschaft. Und sollte die nicht auftreten, hat die obskure Unternehmung sicher reichlich Gelegenheit, zu erfahren, dass Klonen nicht so einfach ist, wie weithin gedacht wird. Die wissenschaftlichen Väter von Dolly benötigten 276 Versuche, um Dolly hervorzubringen. Dennoch wurde Dollys Klon-Herkunft in der Wissenschaftswelt immer wieder bezweifelt. lan Wilmut, der daran maßgeblich beteiligt war, hat übrigens dem britischen Parlament empfohlen, das Klonen beim Menschen unter Strafe zu stellen.

Keine Rede sei mehr an diesem Platz von Bill Joy, dem angst und bange vor jener Zukunft ist, die gerade eben in ein paar Köpfen existiert, und der sich von seinem Freund Nathan Myhrvold (in der "FAZ") vorhalten lassen muss, dass er das Feuer der Dummheit schüre. Auch andere Mitdiskutanten halten einer Glaubwürdigkeitsüberprüfung kaum stand: Erinnert sei hier an die starre Fundamental-Opposition von Vatikan und katholischer Bischofskonferenz, die bereits in der Debatte um die Schwangerschaftsberatungsstellen einen an Unwürdigkeit kaum zu überbietenden Eiertanz vorgeführt haben. Und Berufsempörer gegen die Verwendung embryonaler Stammzellen unterschlagen gern Informationen, um ihre eigene Sache größer herauszustellen.

Etwa Informationen darüber, was im Klinikalltag in den vielen Krankenhäusern der Republik mit therapeutisch wertvollen Zellen geschieht: Embryonenabfall aus Krankenhäusern wird hierzulande sogar beim Straßenbau "entsorgt". Ganz zu schweigen davon, was hormonbehandelte Mütter in Kliniken erleiden, wo nach Mehrlingsschwangerschaften viele Embryos abgestoßen werden und als "Bioschrott" enden. Auch diese Zellen sind in Deutschland für therapeutische Zwecke tabu - das fällt in diesem Land nach geltendem Recht unter die Rubrik Embryonenschutz. Und anderswo? Zwar verboten, aber in der Schweiz mehrfach passiert: Embryonale Zellen geraten ganz einfach ins Tierfutter.

Ganz auf den Stil der siebziger Jahre setzt die Umweltorganisation Greenpeace, die sich in ihrem Protest insbesondere auf die grüne Gentechnik und die Praxis der Patenterteilung konzentriert. Der Protest von Greenpeace gegen die Gentechnik wird unterschwellig von einem wirtschaftsfeindlichen Unterton getragen und liebt sehr die Vereinfachung: "Die Manipulation von Mensch und Tier darf nicht Geschäft werden." Nun, Tiere sind schon vor der Gentechnik Geschäft gewesen und werden es wohl auch bleiben. Und die Medizin, also die Manipulation des Menschen, war es schon immer, ein Geschäft im Dienste am Menschen. Gläubige, die sich durch die Möglichkeit der Gentechnik in ihren religiösen Gefühlen verletzt sehen, finden in der Debatte kaum Gehör.

Doch noch einer anderen Gruppe Beteiligter wird zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt: den Eltern oder verhinderten Eltern, denen die Biomedizin mehr oder weniger eilfertig zu Diensten ist. Ein nicht erfüllter Kinderwunsch verleitet zu vielem. Zu Recht konstatiert "Die Welt", dass die Eltern mehr und mehr zum Einfallstor der Biomedizin in die Gesellschaft werden.

Wo es um den elterlichen Kinderwunsch geht, sind Technologiefolgen-Abschätzung und Ethik abgemeldet. Längst herrscht hier das Wettbewerbsprinzip - was deutsche Ärzte nicht bereit sind zu tun, leisten belgische Ärzte beispielsweise in der Präimplantations-Diagnostik, die hierzulande verboten ist.

Wie konfus die Debatte um embryonale Stammzellennutzung ist, zeigt Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer. Sie ist dagegen und erzählt in demselben Interview (in der "Zeit"), dass sie auf ihrer USA-Reise den US-Forscher Craig Venter als bedächtigen und nachdenklichen Mann erlebt hat. Zur Erinnerung: Venter ist Hauptantreiber der Stammzellennutzung für therapeutisches Klonen, und sein Unternehmen Celera ging erst kürzlich eine Kooperation mit dem führenden Stammzellenklon-Unternehmen Geron ein.

Da staunt die Fachwelt, und gleich rückt das nächste Kapitel der - so Andrea Fischer im 0-Ton - " Geschichte der permanent verschobenen Grenzen" nahe. Und in diesem Punkt haben die Skeptiker der Gentechnik wirklich Recht: Immer wieder werden die Grenzen verschoben - unter Berufung auf angebliche Sachzwänge. "Wir werden abgehängt." Möglicherweise ist es wirklich so weit. Die Bundesregierung - in der Stammzellenforschung sehr nah am Puls der Zeit - hat eine scheinbar schlaue Kompromisslösung vorangetrieben, die sich zum Verhängnis entwickeln könnte. Statt embryonaler Stammzellen können auch im Gewebe von Erwachsenen gefundene Stammzellen Einsatz finden, deren vielfältige interessante Eigenschaften erst vor einigen Monaten am Karolinska Institut in Schweden entdeckt wurden.

Das Problem: Hier ist die Forschung noch nicht so weit gediehen. Und während die Vereinigten Staaten und jetzt auch Großbritannien bei den embryonalen Stammzellen voranpreschen, bringt sich Deutschland mit seiner ebenso konfusen wie scheinheiligen Debatte um alle Chancen.

Besonders deutlich wird das bei einer Bestimmung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. In der Richtlinie zur Förderaktivität Tissue Engineering - einem Bestandteil des Förderprogrammes Biotechnologie 2000 - ist Folgendes festgelegt worden: Vorhaben, die sich embryonalen Stammzellmaterials bedienen, werden nicht gefördert. Und das, obschon genau hier die Zukunft des Bereichs der Gewebe- und Organerzeugung zu suchen sein dürfte.

Was wäre ehrlicher, als sich einzugestehen, was die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" schrieb: dass nämlich in Kliniken "weit entwickelte Ungeborene einfach im blauen Plastiksack verschwinden". Ethik ist keine Frage der biologischen Disziplin. Doch im Verwirrspiel um den Sinn eines effizienten Gentechnologiegesetzes spielen solche Ungeheuerlichkeiten für die handelnden Parteien keine Rolle mehr.

Kontrollierte Versuchsanordnungen: - der genetische Test Die Debattenlage ist wahrlich konfus. Das beweist auch ein genauer Blick auf ein akutes Problem der neuen Techniken: Was geschieht bei der Verwendung der Ergebnisse genetischer Tests?

Zunehmend mehr von diesen Tests werden in naher Zukunft nicht nur zur Verfügung stehen, sie werden auch praktischen Einsatz finden. Die Verbreitung dieser Tests wächst mit ungefähr 30 Prozent pro Jahr. Die Ängste der von genetischen Defekten Betroffenen - und das kann jeder von uns sein, da fast jeder Mensch genetische Krankheitsdispositionen in sich trägt - sind keine Hirngespinste, sondern gesellschaftlich ein unerträglicher Zustand. In den Vereinigten Staaten sind inzwischen zahlreiche Fälle bekannt geworden, wo Gentest-Ergebnisse zu Diskriminierungen führten, zum Verlust des Arbeitsplatzes oder der Krankenversicherung.

Und ausgerechnet im äußerst kritischen und debattenfreudigen Deutschland passiert nichts, um die Betroffenen vor dem Missbrauch mit ihren genetischen Daten zu schützen. Eine restriktive gesetzliche Regelung für den Umgang mit den sensiblen genetischen Daten würde sicherlich einen Beitrag zum Abbau von Ängsten gegenüber den neuen Technologien leisten - selbst in den auf Deregulierung setzenden USA wird dieses Problem inzwischen wahrgenommen.

Doch auch in den Vereinigten Staaten ist die Praxis ernüchternd: Zwar sind die Gentests in 39 Bundesstaaten verboten. Doch die US-Wirtschaft scheint, was die Anwendung dieser jedenfalls interessanten und wirtschaftlich verwertbaren Daten anbelangt, außer Rand und Band zu sein. Angestellte werden reihenweise gescreent - und wer sich dagegen wendet, riskiert seinen Job, den er allerdings auch aufgrund des genetischen Krankheitsbefundes verlieren kann. Dabei muss eine solche Diagnose noch lange nicht bedeuten, dass die angezeigte Krankheit in jedem Fall zum Ausbruch kommen wird. Den Betroffenen nützt das allerdings wenig.

Inzwischen bemühen sich auch hierzulande Versicherungsverbände eifrig um die sensiblen Gendaten: Nach ihren Vorstellungen soll es nicht möglich sein, dass von genetischen "Strukturrisiken" Betroffene diese vor ihrer Versicherungsgesellschaft verbergen dürfen.

Sollte den Versicherungen dieser Coup tatsächlich gelingen, dann wäre dies das Aus für die Gen-Diagnostik und Präventivmedizin. Wir alle wären mehr oder weniger gezwungen, unser Heil im Nichtwissen zu suchen. Uns bliebe nur noch die Wahl, entweder zum Lügner oder zum Ignoranten zu werden.

Agent Green im Einsatz - biologische Waffen vor dem Comeba US-Präsident Bill Clinton hat den ersten Monat im Jahr 2000 zum Monat der Biotechnologie erklärt. In den Vereinigten Staaten wird die Gentechnik zur Schicksalsfrage der Nation hochstilisiert. Die Beherrschung dieser Technologie soll die amerikanische Vormachtstellung der Welt zementieren. Koste es, was es wolle. Das gilt auch für die Waffenproduktion.

Biologen weisen immer wieder gern darauf hin, dass sie selbst ethische Standards sehr ernst nehmen, mehr noch: von Anbeginn an auf deren Umsetzung hingearbeitet hatten. Sie sind auf eines besonders stolz: Bevor sie in die Weiterentwicklung der Gentechnik eingestiegen sind, haben sie sich Gedanken gemacht. Über Ethik. Über das, was getan werden darf und was nicht. Zu Letzterem zählen vor allem Biowaffen.

Bereits im Jahr 1975 konnte deshalb eine Konferenz zum Thema Sicherheit in der Genforschung stattfinden. Die Konvention zur Verhinderung biologischer Kriegswaffen aus dem Jahr 1972 kam letztlich auf Drängen der Biologen zustande. Sie setzt Geheimforschung an biologischen Waffen der Kontrolle und Ächtung der Völkergemeinschaft aus.

Genau diese Konvention unterlaufen jedoch die USA mit ihrem Agent-Green-Projekt, das bakterielle Killer und Viren entwickelt, die die in Kolumbien im Drogenanbau verwendeten Pflanzen wie Coca und Marihuana auslöschen sollen.

Es ist ein Ziel mit gefährlichen Nebeneffekten. Denn das Know-how lässt sich natürlich auch auf " Bio-agents" zur Zerstörung anderer Nutzpflanzen übertragen. Die Vereinigten Staaten hielten damit eine Waffe in der Hand, die anderen Ländern auf biologischem Wege die Ernährungsgrundlage entziehen könnte. Solche Möglichkeiten sind es, die schlimme Ahnungen nähren. Und manchmal zu Recht.