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THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY

Was das Neue an der New Economy sein soll, ist auch heute noch ein beliebtes Objekt der Spekulation. Als sicher darf allerdings eines gelten: In der Old Economy gibt es keine Stelle, an der so viele Funktionen zusammenkommen wie im Web-Design. Im User-Interface kommen Grafik-Design, Markenführung, Geschäftsprozesse, Strategie und oft auch Logistik zusammen. Konkurrenz und Reibung sind demnach vorprogrammiert, und das Gewicht von Kreativität und Ästhetik scheint in diesem Spiel immer geringer zu werden.




Mit dem Erwachsenwerden des Internets haben sich die Kriterien für das Web-Design nachhalte verschoben. Der Medientheoretiker Geert Lovink von der Amsterdamer " Society for Old and New Media" hat wohl Recht mit seiner Diagnose, dass wir mittlerweile die dritte Generation von Beurteilungsmaßstäben erreicht haben. Während es Lovink zufolge zu Beginn der Netzkultur um die avantgardistische Kraft der weltweiten Vernetzung ging, wurde ab Mitte der; neunziger Jahre Coolness zum wichtigsten Gradmesser von gutem Design im Web. Was diese Coolness letztlich zu bedeuten hat, darüber geben zahlreiche opulente Bildbände in Design- und Kunstbuchhandlungen Auskunft.

Und jetzt, wo Otto Normalverbraucher zu surfen beginnt - computer-illiterat, hardwaremäßig unterversorgt und von Boris Beckers Plug-an-Play-Versprechungen verblendet -, jetzt wo ungeduldige Investoren von ihren Schützlingen in endlicher Zeit schwarze Zahlen sehen wollen, kommt im eCommerce ein neuer Maßstab zum Zug: Usability. Brauchbarkeit also, durchaus im wörtlichen Sinn zu verstehen.

Als Marktführer in Sachen Usability gelten die Massen-Sites wie Yahoo oder Amazon. Sie sind deshalb erfolgreich, weil sie, so Fiona Buffini im " Australian Financial Review", bis ins letzte Pixel zweckorientiert durchgestaltet seien. Nichts ist dem Zufall überlassen, alles ist narren- und absturzsicher und baut sich auf jeder Maschine schnell auf. Hinzu kommt ein Maximum an Information und Links auf engem Raum - und im Ergebnis sieht es dann auch so aus, als hätte jemand versucht, ein Verschnittproblem zu optimieren. Indes, konservative Architekturen sind empfehlenswert, wie das Negativ-Beispiel boo.com drastisch vor Augen gefuhrt hat. Wer wartet, kauft nicht. Wer erst lange irgendwelche Plug-ins laden muss, um sich davon schließlich das Betriebssystem abschießen zu lassen, verzichtet im Zweifelsfall gern auf die; Leistungen eines Anbieters. Und Firmen, die im Kleingedruckten ihrer Homepage stolz verkündigen, dass diese für die neueste Browser-Version optimiert sei, ignorieren fahrlässig die oft ruinösen Folgekosten eines Gratis-Downloads.

Denn der neue Browser fordert zuweilen auch eine Betriebssystemversion, die wiederum nur auf neuer Hardware läuft, welche dann nicht mehr zur vorhandenen Peripherie passt. Mit anderen Worten: Technologisch und gestalterisch unambitionierte Lösungen, die vor allem Risiken vermeiden, werden als Schlüssel zur Erfolgssicherung angesehen. Dagegen droht der Einsatz von avancierter Web-Technologie unweigerlich die Kundschaft zu spalten.

Die häufig geäußerte Hoffnung der Web-Designer, über Nutzerbefragungen und Fokusgruppen-Tests eine Vorstellung von ihren Möglichkeiten an kreativer Freiheit zu erhalten, erweist sich indes als trügerisch. De facto existieren sie nämlich nicht. Denn selbst wenn man wüsste, wie sich die Anteile von Anfängern und Fortgeschrittenen verhielten, dürfte für Massen-Sites ohnehin klar sein, dass das schwächste Segment die Richtschnur vorgibt.

Und je mehr die Zahl der Neu-User wächst, desto breiter wird die Kompetenzpyramide nach unten. Insofern gilt für das Interface-Design im Web das gleiche Gesetz wie vormals bei der Anwendungsprogrammierung für Unternehmens -interne Zwecke: die Orientierung am DAU (Dümmster Anzunehmender User) - mit der kleinen, aber entscheidenden Verschärfung, dass man den Surf-Kunden keine Schulungen aufdeckeln kann. Die Diskussion um Usability steckt bei uns erst in den Anfängen. Auf der New-Economy-Messe Berlin Beta 3.0 wurde von den Web-Designern im Publikum die Entwicklung mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen. Die zu Beginn eines Web-Design-Workshops gezeigte Homepage von Usability-Papst Jakob Nielsen - mit klarem, aber ultra-bravem Erscheinungsbild - wurde zunächst mit süffisantem Grinsen quittiert. Doch die anschließenden Beispiele von diversen Web-Shops ließen im Betrachter immer mehr die Sehnsucht nach Nielsens Designer-Hausmannskost aufkommen. Gerade die Anonymisierung der Beispiele verstärkte den Effekt beträchtlich. Befreit vom Zauber der Markennamen wurden grafischer Einheitsbrei und Design-Bugs erst so richtig deutlich. Mit anderen Worten, viele Sites sind zwar so unansehnlich wie die mit der größten Usability, können ihnen in Sachen Nutzwert trotzdem nicht das Wasser reichen. Es hat den Anschein, als wäre der Kern der Usability von vielen noch nicht voll verstanden; lediglich verbreiten sich bestimmte oberflächliche Gestaltungselemente über die allgegenwärtigen Vergleiche. Das bedeutet Standardbildung durch Einfallslosigkeit.

Ist die Allergie gegenüber Usability-Nielsen wirklich berechtigt? Was wir augenscheinlich brauchen, ist nicht weniger Usability, sondern noch mehr.

Die womöglich deprimierendste Perspektive für die Web-Designer hat man in Berlin wohlweislich erst gar nicht angesprochen: WAP und mCommerce. Bei WAP ist jede Site ausschließlich von ihrem Geschäftsmodell dominiert. Coolness-Romantik ist daher nicht angesagt; Design-Nischen, die für Abwechslung sorgen, werden gar nicht erst entstehen. Geert Lovink meint hierzu, dass offensichtlich die Begeisterung der Investoren im umgekehrten Verhältnis zu den Freiheitsgraden der Designer stehe. Der bevorstehende mCommerce werde wohl farblos und winzig im Format - eine designfreie Zone.

Literatur: Nielsen, Jakob: Designing Web Usability; New Riders Press: Indianapolis, IN 2000 - form.diskurs, #8, Themenheft: "Vom Design zum Business-Design"; erscheint im Februar 2001 - Buffini, Fiona: The Higher Plain of Simplicity; in: "Australian Financial Review", 8. April, 2000 - Klaus C. Hofer und die Argonauten: Good Webrations 2.0; Proteus Verlag: München 2000 - Helfand, Jessica: Six (+2) Essays on Design and New Media, William Drenttel: New York 1997