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Schatt-Stoffe

Menschenliebe und gute Manieren – von einem oberbayerischen Mittelstands-Patriarchen und einer ostpreußischen Etikette-Trainerin können die Durchstarter aus der Cyberworld etwas lernen, das sie wirklich interessiert: eine Siegerstrategie.




Im Oktogon, dem achteckigen Flürchen vorm Chefzimmer, Steht eine Art Panzersperre. Zweieinhalb Meter hohe Blöcke aus Kupfer und Stahl. 200 Kilo schwer, finster, scharfkantig und mitten im Weg. "Milestone" heißt das Kunstwerk und ist der Offene Wirtschaftspreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Vielleicht ein wenig dominant ausgefallen dafür, dass er vorbildliche Menschenführung und Mitarbeiter-Förderung im Betrieb verkörpert.

Die starre Struktur überragt turmhoch ihren Besitzer, der nun immer links oder rechts um seinen Preis herumlaufen muss. In seinem Weltmarkt-Unternehmen, dessen Zentrale keinen Betriebsrat hat. So etwas braucht die Firma nicht, findet die Belegschaft der Schattdecor GmbH & Co. KG. Stattdessen sorgt der Chef bei Lebenskrisen seiner Angestellten schon mal für diskrete Schuldenberatung. Grüßt jeden, kümmert sich um alle. Lässt für die Femfahrer der Trucks hinter der Laderampe eine Dusche bauen. Seinen europaweit inzwischen fast 500 Leuten - Deutschen, Polen, Italienern - spendiert er in drei Werken Gälten mit Teichen und Biertischen. Und die dreisprachige Mitarbeiterzeitung "Dialog". Aus der Redaktion hält Walter Schatt, der Chef, sich heraus. Taugt der Mann zur Ikone?

Ein weißblaues Heiligenbildchen von Walter Schatt sähe etwa so aus: geboren 1941 als Bauernsohn in Niederbayern, jüngstes von sechs Geschwistern. Daher ohne Chance, einmal den Hof zu erben. Muss also in der Fremde sein Glück suchen. Nimmt als prägenden Eindruck mit, wie gut der strenge Vater immer zu den Tagelöhnern war. Wird erst mal geschliffen im Reserveoffizierslehrgang der Bundeswehr. Dann Ausland, verdient sein Geld als Kellner und Krankenpfleger, das wird die wichtigste Zeit in seinem Leben. Zurück in Deutschland heuert ihn eine Frankfurter Dekordruckerei an, wo es ihn fasziniert, wie man Farben mischt. Zeigt schnell soziale Führungskompetenz. Erhält durch Fleiß die Chance zur großen Karriere, doch das harte Geschäft hätte ihn kaputtgemacht und er das Geschäft. Flucht ins Unternehmertum, Aufbau einer eigenen Dekordruckerei mit fünf Partnern, aber ohne große finanzielle Mittel. Schneller Erfolg. Nach zehn Jahren dennoch Streit, Krise und Trennung. 1985 die Stunde Null: Gründung der Firma Schattdecor. Seitdem märchenhafter Aufstieg zum Weltmarkt-rührer. Zuletzt nun die Auszeichnung als guter Mensch von Thansau. Lang anhaltender, ergriffener Applaus.

"Bitte schreiben Sie nicht so was Kitschiges", sagt Walter Schatt und meint vor allem das mit dem Vater und den Tagelöhnern. Obwohl die Episode stimmt, passt die Kitsch-Komponente nicht zum Patriarchen und zur Produktion. Von der hat man vorab eher ein staubtrockenes Bild im Kopf; Dekordrucke für Möbel und Laminatfußböden? Ah so. Na ja. Wo ist da schon Raum für human touch, zwischen dröhnenden Tiefdruckstraßen und Hightech-Gravurmaschinen namens Helio-Klischograph. Wo soll es menscheln, wenn es um Künstliches geht. Um die "Echtheit des Imitats", wie es kryptisch das Firmenmotto unter der Hallendecke formuliert. Holz- oder Marmormuster werden hier kopiert und farbecht auf endlose Papierbahnen gedruckt. Die beharzen und verpressen dann andere Maschinen bei den Kunden mit Möbel- oder Fußbodenpaneelen, bis die Spanteile tritt- und kratzfest veredelt sind und von oben teuer aussehen, eben möglichst nach echtem Kirschbaum-Parkett oder massiver Granit-Arbeitsplatte. Irgendwo mahnt ein Schild die Mitarbeiter: "Schattdecor = Sauberkeit + Ordnung". Standort Deutschland, Region Oberbayern. Keine Chance für Staub in den hellen, gut belüfteten Hallen. Weswegen das mit dem staubtrockenen Klischee zum einen schon nicht stimmt. Zum zweiten, weil das Drucken enorme Mengen Flüssigfarbe verbraucht und mehr als 50 000 Tonnen jährlich an extrem nassfestem Spezialpapier. Und zum dritten, weil hier Walter Schatt regiert.

Ein ausländischer Arbeitnehmer ist im Krankenhaus - Schatt sorgt für Besuch In einem Multi-Kulti-Reich, in dem der König keine Krone hat, sondern - man wagt es kaum zu sagen - ein Herz. Wo Italiener, Polen, Deutsche tatsächlich und jenseits aller abgedroschenen Phrasen Freunde sind, dicke Freunde, auch Lebenspartner. Wo merkwürdige Karrieren gefördert werden, gern etwa die des "Generalisten": An einer Druckmaschine steht im Blaumann Thomas Geiger, ein Volljurist, der keine Lust mehr auf Paragraphen hatte - und lernt Maschinenführer. Betriebliches Studium generale. Mal sehen, was aus dem noch wird, sagt Ober-Generalist Schatt. Eine andere Werkbank: Der Brasilianer Eduardo Germer, 28, ist hier als Trainee, zum Intensivsprachkurs auf Firmenkosten und zur Orientierung über das Land seines Arbeitgebers. In Brasilien hat Schatt den studierten Entwicklungsingenieur angeworben, weil er ihn dort für das bald zu bauende Werk brauchen wird. Als der Chef nicht dabei ist, erzählt Germer, wie er in Deutschland am Blinddarm operiert werden musste. Schatt habe ihm einen Arzt ins Hotel geschickt und einen Betreuer aus der Firma abgestellt, der ihn jeden Tag im Rosenheimer Krankenhaus besuchte: "Er spricht immer mit allen. Es ist eine andere Art von Management." Strahlendes Lachen.

Die Einkäuferin der Schattdecor-Gruppe -und damit Leiterin einer internationalen Schaltstelle - ist 28 Jahre alt. Eva Molter hat lange blonde Haare und große Augen, doch niemand reißt hier doppelbödige Blondinenwitze über die Frau, die bei Schatt vor sieben Jahren als Empfangs-Sekretärin angefangen hat. Als Molter für einige Monate zur Tochterfirma nach Italien geschickt wurde, hat sie sich "einen Italiener gleich persönlich geschnappt". Wunderschön sei das doch, dass hier Leute verschiedenster Nationalitäten auch privat befreundet seien, fast schon beunruhigend: "Wir wissen manchmal selbst nicht, ob das noch normal ist." Mit Eduardo Germer und vielen anderen wird sie am Abend noch durch Rosenheimer Bierzelte ziehen - die Brasilianer alle in Lederhosen.

Ein dünnes, silbrig eingefasstes Heftchen trägt neben anderen auch Eva Molters Handschrift. Es ist in einem Workshop von Schatt-Mitarbeitem entstanden und hat einen schlichten Titel auf Deutsch, Englisch, Italienisch, Polnisch: "Leitbild - Philosophy - Principi - Filozofia". Die Broschüre hat Walter Schatt nicht mit verfasst. Er strich nach eigener Auskunft "am Schluss nur fünfmal das Wort ,Erfolg' heraus - es soll ja auch für schlechte Zeiten gelten." Viele Unternehmen, Global Players zumal, lassen heutzutage Corporate-Identity-Experten derlei zurechttexten und -filmen. Da beteuern Energiekonzerne, wie arg besorgt sie um Kultur und Ökologie der Länder seien, deren Rohstoffe sie ausbeuten und Wälder sie roden. Versicherer verklären den Menschen, den Kunden-Menschen und den Mitarbeiter-Menschen, zum "höchsten Gut" - und verraten sich gerade dadurch. Bei Schattdecor stehen andere Sätze: "Mitarbeiter haben das Anrecht auf angemessenen Lohn". Von Konflikten, die offen ausgetragen werden müssen, ist die Rede. Vom "Auftrag, die Kollegen im Ausland für unsere Grundüberzeugungen zu begeistern, ohne ihnen die kulturelle Identität und das Selbstbewusstsein zu nehmen". Und als Schlusssatz, um Himmels willen, sogar ein "Auftrag an uns selbst und die Bitte an alle unsere Geschäftspartner, es immer offen zu sagen, wenn wir unseren Grundüberzeugungen untreu werden sollten". Glockenläuten im Hintergrund? Nein, nur die Maschinen dröhnen gleichmäßig. Bei Schatt wird zurzeit im Vierschicht-Betrieb gearbeitet, die Auftragsbücher sind übervoll.

Schatt ist ein klassischer Patriarch -und einer, der auf Benehmen Wert legt.

Ohne Weltoffenheit würde das nicht lange so bleiben. Walter Schatt bestellt seine Führungskräfte ein, auch die aus Polen und Italien, und steckt sie in ein Seminar. Versüßt durch ein Sieben-Gänge-Menü in einem Tagungsrestaurant am Chiemsee mit Stern im Michelin. Aber der Titel! "Umgangsformen im Business und internationale Etikette". Bei einer Ostpreußin, Jahrgang 1935. Rosemarie Wrede-Grischkat. Autorin von "Manieren und Karriere". Und Schatt, der Reserveoffizier, mittendrin. Wrede-Grischkat über Schatt: "Er ist ein klassischer Patriarch." Schatt über seinen Führungsnachwuchs: "Die jungen Menschen, die wir von den Universitäten holen, sind Rohdiamanten, die geschliffen werden müssen." Die Stimmung im Raum: nicht ganz frei von banger Erwartung.

Rosemarie Wrede-Grischkat lässt erst gar keinen Benimmtanten-Muff aufkommen. Sonst wäre sie ja damals auch nicht eine der ersten Stewardessen der Deutschen Lufthansa geworden. "Höflichkeit und Souveränität, gepaart mit etwas Schalkhaftigkeit" war schon da das Geheimnis ihres Erfolgs. Das hat sie nicht nur zu einer charmanten Konversations-partnerin, sondern in ihrer zweiten Karriere auch zu einer dauerhaft ausgebuchten Etikette-Trainerin gemacht. Wobei sie kaum trainiert, denn wie Schatt neigt Wrede-Grischkat nicht dazu, Menschen vorzuführen: "Ich mache selten Rollenspiele. Erwachsene sollen sich nicht wie Kasperl vorkommen." Lebhaft diskutiert wird dagegen viel: Was man wissen muss über Sitten und Kulturen des jeweils anderen Landes. Wie man höflich ist, ohne unterwürfig zu sein - gerade auch als Deutscher im Ausland. Wie viel es bringt, bitte und danke zu sagen und sich zu entschuldigen, wenn man jemandes Komfortzone verletzt hat, die Armeslänge, die jeder gern an freiem Platz um sich hat. Und weil das Seminar so entspannt verläuft, bringt es dann auch noch tiefe Einblicke: Ein Chinese, der schon lange für Schaft arbeitet und wie der Gründer einmal in der Landwirtschaft tätig war, wird gefragt, wie er denn mit ihm zu Rande gekommen sei. Problemlos, antwortet der Mann aus dem Reich des Konfuzius: Er sei ja nicht evangelisch.

Die Schatt-Leute seien als echtes internationales Team aufgetreten, erinnert sich Rosemarie Wrede-Grischkat wohlgefällig. Wenn man sie dagegen auf das Sozialverhalten einer anderen Klientel anspricht, kommen der Dame Heiterkeit und Contenance ein wenig abhanden: bei den "jungen Wilden" aus den Telekom-, Internet- und Computerfirmen. "Es gibt nichts Menschenverachtenderes als die IT-Branche", sagt sie. "Denn da werden mit einer ungeheuren Arroganz alle Standards von Rücksicht und Respekt mit Füßen getreten." Auf ihren Seminaren mit solchen Kunden erschienen schon mal 20 Leute nicht zum Dinner, ohne abzusagen - das Essen bezahlt sie: "Die werden hofiert, laufen in den besten Hotels ohne Jackett rum, missachten die Leistungen der Gastronomie. Ich hoffe, dass solche Leute in den nächsten zehn Jahren frontal vor die Wand fahren." Walter Schatt, der Patriarch, bringt die ganze komplexe Business-Etikette auf eine bayerische Bauern-Formel: "Man muss die Menschen mögen." Das ist sein Gegenentwurf zur reinen Professionalität. "Eine Mitarbeiterin haben wir deshalb verloren", spricht er über die Kündigung der hoch qualifizierten Mitarbeiterin wie über einen Todesfall. Zu kopfgesteuert sei sie gewesen, nicht warm geworden mit den Kollegen. "Zuletzt habe ich ihr regelrecht verboten, überall ihr Profitum vor sich her zu tragen." Im "Leitbild" heißt es: " Ist eine Zusammenarbeit trotz intensiver Bemühungen unsererseits nicht möglich, so können wir auch nein sagen." Andererseits: Niemand kann Schatt vorwerfen, keine anderen neben sich zu dulden. Der Firmengründer arbeitet konsequent daran, sich überflüssig zu machen. Der Ruhestand lockt. Bis es so weit ist, verantwortet der 59-Jährige nur noch das Ressort "Zukunft" - und baut auf Nachrücker aus gemeinsamen Anfängen, von denen er drei zu Mit-Geschäftsführern gemacht hat. Auf die werden möglicherweise einmal ganz andere Erfahrungen zukommen, denn bislang hat das Unternehmen in 15 Jahren nur Erfolg, Aufstieg und Expansion gekannt. "Wenn man von 1994 bis heute den Umsatz verzehnfacht", sagt Schatt, "unterliegt man gewaltigen Veränderungen. Und man kann nicht mit den Strukturen der ersten Jahre, als wir 30 Leute und alle ,friends' waren, die Probleme des Weltmarktführers im Jahr 2000 lösen." Die alten Regeln gelten immer noch: auch bei 500 Mann. Bauern-Sturheit.

Von den Principi/der Filozofia/dem Leitbild soll dabei aber nichts auf der Strecke bleiben. Schatts "Nummer zwei" ist Reiner Schulz, einer aus dem Kreis der Mitbegründer. Der 43-Jährige sieht seinen Job als Nachfolger darin, Belegschaft, Lieferanten und Kunden Kontinuität zu vermitteln. An die Börse gehen wird Schattdecor nicht: "Wir haben das erwogen, aber es passt nicht zu uns. Wir können uns aus eigener Kraft finanzieren und wollen lieber arbeiten, während andere in Meetings hocken." Und wenn die Zeiten härter werden? Schulz, in Jeans und Polohemd, zögert keine Sekunde: "Dann müssen wir erst recht beweisen, dass unser Konzept besser ist." Noch kann Walter Schatt in seinem Büro, mit Blick auf den japanischen Meditations-Garten, stets Fühlung mit der Außenwelt halten: Die Schatten der Steinskulptur des Bildhauers Matthias Hietz ragt symbolhaft in den Raum hinein. Auch den Kontakt zur Basis lässt der Mann nicht abreißen: "Wir haben bewiesen, dass man auch mit 500 Leuten noch vernünftig miteinander umgehen kann - wenn man das Essenzielle des 30-Mann-Betriebs sozusagen klont. Da darf dann nicht nur der Schatt und der Schulz aufpassen, wo sich was zusammenbraut. Dafür müssen sich alle Führungskräfte Netzwerke schaffen." Und man müsse sich immer wieder selbst überprüfen, ohne dabei seine Grundsätze zu verraten. "Mir wurde oft gesagt: Warten Sie, bis Sie 50 oder 100 Leute haben. Dann gelten Ihre Prinzipien nicht mehr." Die Regeln gelten immer noch. Bauern-Sturheit. Man muss die Menschen mögen.