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Birger Priddat über das neue Buch des Trendforschers Jeremy Rifkin.




Die New Economy ist für Jeremy Rifkin lediglich eine Einstiegsdroge in eine stille Revolution des Kapitalismus, der seine materialistische Phase aufgibt und in eine virtuelle Form mutiert: Er wird eigentumsloser als bisher.

New Economy: Das sind nicht ein paar innovative Ideen, die schnell und von Venture Capital getrieben umgesetzt werden, das sind nicht die üblichen Überdrehungen langer spekulativer Phasen, es ist ein Strukturwandel der Wirtschaft, der unsere Denkschemata herausfordert. Rifkin radikalisiert in seinem neuen Buch "Access - das Verschwinden des Eigentums" die Nutzenorientierung der Wirtschaft, indem er ihre Eigentumsorientierung aufgibt. Eigentum verpflichtet auf einseitigen Gebrauch; Access, so Rifkin, öffnet multiple, abwechslungsreichere Nutzungswelten.

Es geht um eine bewusste Wende der Ökonomie: Weshalb soll man einen Kühlschrank kaufen, warum nicht die Kühlleistung? Warum soll man ein Automobil kaufen, warum nicht lediglich den Transport? Warum soll man eine Firma besitzen, wenn man andere nutzen kann? Warum soll man Leute zur Arbeit anstellen, wenn man sie projektweise mieten kann?

Wenn man die Wirtschaft radikal darauf orientiert, was sie leisten soll, wird die Bindung dieser Leistung an Eigentum unwichtiger. Rational betrachtet, interessiert sich niemand für das Eigentum an Leistungsressourcen, sondern für die effektiven Leistungen. Rifkin entwirft das Bild eines Homo utilis, der die Welt nutzt, statt sie zu besitzen. Er entwirft damit die universale Perspektive, jede wirtschaftliche Transaktion in eine neue Geschäftsidee zu verwandeln: transformatio, - das ist die neue Religion: Viel- statt Eingötterei.

Güter als Güter sind zunehmend uninteressant. Das Angebot, von A nach B zu kommen, ist ein höherer Nutzen als der Besitz eines Autos, das auch noch selbst gefahren werden muss und damit andere Nutzungspotenziale extrem einschränkt. Fahrdienstleistungen sind in dieser Welt interessantere Angebote als der Besitz toten Kapitals in der Garage. 1,5 Tonnen Stahl 22 Stunden herumstehen zu lassen, bei zwei Stunden Bewegungszeit am Tag: Wo ist da der Nutzen? Eigentum ist hier ein Zeichen für ungenutzte Ressourcen.

Rifkin spricht, obwohl er so davon nicht spricht, von einer hypermodernen Metaphysik des Wandels. Ich kaufe mir, was mir passt, und entkaufe, wenn es mir nicht passt. Da das jederzeit möglich ist, darf die Bindung nicht stark sein. Eigentum hindert Beweglichkeit. Rifkins Buch ist ein Traktat über die Kosten zu enger und einseitiger Bindungen.

Wer Eigentum hat, muss es nutzen, es war ja auch teuer genug. Wer sich hingegen über Nutzungszugriffe - access - in der Welt bewegt - nennen wir ihn, des amerikanischen Titels des Buches eingedenk, einen "accessor" -, hat einen hoch diversifizierten, abwechslungsreichen Zugriff. Er öffnet seinen Handlungs- und Erfahrungsspielraum. In den Schlussteilen des Buches entwickelt Rifkin eine Theorie des Kapitalismus als Kultur. Es geht nicht darum, dass das Eigentum entwertet wird - wir haben es nicht mit einer sozialistischen, sondern mit einer kapitalistischen Form der Enteignung zu tun - sondern darum, dass eine neue Dimension in die Wirtschaft einzieht, die das Verhältnis von Arbeit und Leben, Wirtschaft und Gesellschaft transformiert. Die Wirtschaft, so Rifkins implizite These, ist ein Kulturtreiber. Natürlich sieht er das auch kritisch. Wenn Kultur ins Spiel kommt, kommen Beschützerinstinkte auf. Die Ausführungen sind zum Teil langweilig: der alte kulturkritische Quark - der Mensch zur Ware und so weiter.

Wer nicht ein paar Ideen bekommt bei der Lektüre, was man alles vom Eigentum in Nutzung transformieren könnte, gehört nicht zur New Economy. Es ist ein Testbuch: Wie viel Modem Economy vertragen Sie? Proof your Weltbild, um es auf New Yorkerisch zu sagen. Was will man mehr fürs Geld?

Jeremy Rifkin: Access - Das Verschwinden des Eigentums, Campus Verlag 2000; 424 Seiten; 49,80 Mark.