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Europa beginnt in Aachen

Dies ist keine Metapher, sondern Realität: Wenn sich die Welt verändert, kann sich ein Randgebiet plötzlich im Zentrum wiederfinden. Zum Beispiel Aachen. Mitten in Europa. Die Perle im goldenen Dreieck Niederlande, Belgien, Deutschland. Doch die Stadt hat nicht einfach nur geografisch Glück gehabt. Unbeachtet von der alten Mitte planen hier Unternehmer, Investoren und eine Hochschule die Zukunft.




Kennen Sie den Unterschied zwischen Dot.coms und Dipl.-Ing.s? Dot.coms sagen, was sie anpacken. Dipl.-Ing.s machen was zum Anpacken. Die einen sind hip, kreativ und mutig, die anderen fleißig, neugierig und forsch. Während die einen Wirbel machen, abheben und abstürzen, bleiben die Ingenieure auf dem Teppich und machen ihre Arbeit. Und wer echte Ingenieure von heute sehen will, so richtig viele, und sie auch verstehen möchte, der muss nach Aachen.

Aachen? Printen, Universitätsklinikum, Dreiländereck? Genau. 250000 Einwohner, Einzugsbereich der Region: knapp anderthalb Millionen Menschen. Vor 20 Jahren: Kohle, Stahl und Fahrzeugtechnik. Heute: Biotech, Kommunikationsund, na ja, Fahrzeugtechnik. Einer der besten Hightech-Standorte Europas. Fast jeder zweite Ingenieur hat hier studiert. Gemessen an der Bevölkerung besitzt die Stadt die höchste Dichte von Aktiengesellschaften am Neuen Markt. Parsytec, Arxes, Elsa, Aixtron, alle sind in Aachen. Vier Städte präsentierten auf der Expo ihre Zukunftsvision: Dakar, Sao Paulo, Schanghai - und das vergleichsweise kleine Aachen.

Seit die innereuropäischen Grenzen quasi aufgelöst sind, liegt Aachen nicht mehr am Rand, sondern mittendrin. Zusammen mit Maastricht/Niederlande und Lüttich/Belgien steht die Gegend für den größten EU-Freilufttest: Euregio. Ingenieure, Europa, Wirtschaftswunder. Aachen.

Die Unternehmensberatung Prognos hatte Ende der siebziger Jahre eine Studie zur bedrohten Region abgeliefert und einige potenzielle Faktoren des Wandels gefunden: etwa die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH), schon damals eine Top-Uni für Ingenieure, Fahrzeugtechnik und Medizintechnik, personifiziert im Forschungsriesen Universitätsklinikum. Aixtron, eine ihrer ersten Ausgründungen, fertigt Produktionssysteme für Verbindungshalbleiter. Die werden benötigt für Leucht- und Laserdioden, Solarzellen, Handys. Lauter Wachstumsmärkte, Kursanstieg seit dem Börsengang 1997 rund 1880 Prozent. Aixtron ist Weltmarktführer, entwickelt, forscht und sponsert an fast jedem technischen Institut der Region.

Kim Schindelhauer ist der zweite Mann im Vorstand von Aixtron, zuständig fürs Geld. Eigentlich galt der Besuch dem Gründer, Holger Jürgensen, doch der hatte keine Zeit. Jürgensen war dabei, als hier alles begann. Aixtron war 1984 einer der ersten Mieter im ersten Technologiezentrum Deutschlands. Kim Schindelhauer kam Anfang der Neunziger aus New York nach Aachen. Auf die Frage, wie er sich eingelebt habe, dreht er die Lamellen zu, wie immer wohl, wenn einer ankommt und sich über Gründerschmerz ("Aixtron hat vom ersten Tag an Geld verdient, wir waren nie ein Pflegefall") unterhalten will oder über Kultur: "Ich gehe irgendwohin, um zu arbeiten. Danach richte ich mich aus." Das kann ja heiter werden. Ich fahre durch die Innenstadt, ein chaotischer Altstadtkern, umgeben von Straßenringen. Gelegentlich tauchen Fassaden auf mit feudalen Stuckschnörkeln, dann sieht Aachen aus wie Leipzig. Der Rest: wie jede andere deutsche Stadt, deren Gesicht der Krieg zerbombte. Aachen war die erste befreite Stadt, aber zwei Drittel der Gebäude lagen in Schutt und Asche. Verschämt wieder aufgebaut, unprätentiöse Fassaden, gleichförmige Fußgängerzone.

Von rasierten Blutkörperchen und unappetitlichen Bratwurstdetails Aachen ist voller Aix. " Aix-la-Chapelle", "Kirchquell", daher der Name. Heute halten Unternehmen die Tradition hoch: Aixtron, Aixergy, Aixo, Aixcom, Aix Scientifics. Ein Tauch-Shop, an dem ich vorbeifahre: " Tauchaixperte". Auffällig viele Männer mit Oberlippenbärten, die ihnen wie Minibesen quer durchs Gesicht laufen. Köln ist nah, Frankreich auch: Vor den Cafes Baststühle unter ausladenden Sonnenschirmen. Man spricht international. Die Hymne von Alemania Aachen: "You never walk alleng". Treffen sich Aachener in der Fremde (Autokennzeichen AC), heben sie die Hand und spreizen den kleinen Finger zum Gruß.

Karnevalistische Geste? Erinnerung an feudale Zeiten, als noch ein Siegel am Finger hing? Tatsächlich ist der gestreckte kleine Finger ein Überbleibsel aus den Aachener Nadelfabriken, heute als "Öcher Klenkes" zu einer Art Wahrzeichen stilisiert. Genauso gespreizt wie der Aachen-Gruß, unpassend, aber irgendwie auch lässig, sitzt das Wahrzeichen des modernen Aachens, das Klinikum, auf einem Hügel vor der Stadt. Eine breite Burg, um die sich ein Kuddelmuddel aus roten Feuertreppen, Glasflächen und gelb-silbern geringelten Röhren wickelt.

Direkt gegenüber geht es nicht weniger bunt zu: Das Medizintechnische Zentrum (MTZ) ist ein aufgeräumter, voll verglaster Bürokomplex. Im dritten Stock sitzt Roland Horres, klein, braune Haare, ein wenig nervös, um Worte ringend, ihm gegenüber Michael Hoffmann, rothaarig, blasse Haut, norddeutscher Typ, das Gegenteil seines Partners. Ihre Firma heißt Hemoteq. Fragt man die beiden Chemiker, was sie treiben, sagt Hoffmann: "Wir rasieren rote Blutkörperchen." Das tun sie nicht, damit Blut glatter wird - sie sind hinter der haarigen Außenhaut her. Damit verkleiden sie Implantate und medizinische Geräte, die mit Blut in Berührung kommen. Denn Blut gerinnt, sobald es an die Luft tritt oder auf fremde Oberflächen trifft. Um das zu verhindern, wird das Blut von Dialyse- und Transplantatpatienten mit chemischen Cocktails künstlich verdünnt, eine Methode, die voller unerwünschter Nebenwirkungen steckt. Ihre Idee entstammt dem "Arbeitskreis für hämokompatible Biomembranen" am Institut für Technische Chemie und Makromolekulare Chemie der RWTH. Das Schlimmste, was ihnen passieren kann, ist, "dass die Preise für Blutwurst und Bratwurst hoch gehen", denn die sind zum Teil aus Plasma, billiges Abfallprodukt jedes Schlachthofes. Die Idee war so simpel wie genial. Mit ihr gewannen die beiden den Businessplan-Wettbewerb des Verbandes Neues Unternehmertum Köln-Bonn-Aachen (NUK).

Den Gang hinunter, drei Türen weiter sitzt jemand, der die Entwicklung der beiden Chemiker zu schätzen weiß. Andreas Lendlein entwickelt "Kunststoffe mit Formgedächtnis". Kunststoff, der durch Wärmezufuhr eine programmierte Form annimmt. Mögliche Anwendungen: Implantate, die sich erst im Körper zu ihrer eigentlichen Form ausfalten, Kotflügel, die nach einem Unfall in die alte Form zurückschnappen, oder Folien, die sich in einer verletzten Leber zu einem stützenden Schwamm entfalten, auf dem neue Leberzellen nachwachsen können. Die Idee dazu hatte der 31 -jährige Lendlein am Massachusetts Institute of Technology (MIT), dem auch das Patent gehört. Seine Firma Mnemo Science aber sitzt in Aachen, Nordrhein-Westfalen. Das erste Mal, dass ein MIT-Patent die USA verlässt.

Von Zürich über das MIT nach Aachen - eine Erfolgsgeschichte Seinen Doktor hat Lendlein in Zürich, an der ETH, gemacht, mit der Entwicklung eines resorbierbaren, das heißt im menschlichen Körper abbaubaren Kunststoffes. Der wird mittlerweile bei 25 Operationen etwa zum Vernähen innerer Narben eingesetzt. Im Herbst 1998 hielt Lendleins Idol an der ETH einen Vortrag: Professor Robert Langer, Pionier des Tissue Engineering (Gewebekonstruktion), ein über 300 Patente schwerer Star vom MIT in Boston.

Lendlein sprach ihn an. Und Langer interessierte sich tatsächlich für den jungen Mann aus Montabaur, holte ihn ans MIT. Langer hatte bereits Formgedächtnismetalle entwickelt, Lendlein wollte dasselbe mit abbaubaren Kunststorren versuchen. Vier Monate lang recherchierte, schrieb und rechnete er, dann legt er sein Proposal vor. Businessplan und Habilitationsantrag in einem. In Deutschland, erzählt Lendlein, hätte jeder Professor gesagt: "Junge, geh in die Bibliothek, such dir was Gescheites." Langer las den Antrag und sagte: " Great, go ahead." Drei Monate später hielt Lendlein den ersten Prototypen in der Hand. Zufällig habe mal alles gestimmt, was er sich auf dem Papier ausgerechnet hat, "eine Seltenheit in der Wissenschaft".

Der Jahrtausendwechsel nahte. Im "Life Magazine" erschien ein Artikel über die wichtigsten Zukunftstechnologien. Nummer eins: Tissue Engineering. Nummer zwei: selbstreparierende Materialien. Langer las den Artikel. Nummer eins hatte er selbst geprägt, an Nummer zwei bastelte gerade sein deutscher Doktor. Am selben Abend rief er einen Freund an, Terry McGuire, Mitbegründer der Risikokapitalfirma Polaris. McGuire hatte nur einen Termin frei, morgens um 4.30 Uhr.

Die Kapitalgeber bei Mnemo Science: Polaris aus Boston; Delta Partners, Dublin; Sofinnova Partners, San Francisco/Paris; und 3i aus London "Die größten Investoren der internationalen Biotechszene für ein Projekt vereint", sagt Lendleins kaufmännischer Leiter Bernd Schmitz. Ähnlich wie Schindelhauer, der Zahlenmann von Aixtron verteidigt er die lässige Genialität des Erfinders Lendlein sitzt daneben. Alles an ihm ist wie transparent, hell und leuchtend die Haut, Zähne, Augen, und betont, wie zufällig, wunderbar, ungeplant alles passiert sei. Mnemo Science ist heiß Aber wieso Aachen?

Kurz vor Weihnachten saß Lendlein im Flugzeug und las im Bordmagazin über die gründerfreundliche Stadt. Er erinnerte sich an ein altes Angebot des Aachener Wollforschungsinstituts dort könnte er seine Habilitation machen. Und an Bemd Thomas, den Leiter der Agit, der Betreiber-GmbH eines Technologiezentrums und des MTZ, von dem er am MIT eine Rede gehört hatte. Lendlein buchte seinen Flug um, rief Thomas an. Der führte ihn durch die Region, zwei Tage vor Weihnachten.

Jetzt sitzt Mnemo Science in Aachen, mitten "In Europe", wie die deutsch-niederländisch-belgische Partnerschart für Life Science des Dreiländerecks heißt, rekrutiert seine Mitarbeiter von der RWTH und den Life-Science-Hochburgen Maastricht und Lüttich, kauft seine Rohstoffe billig in Holland. Ein Labor fand sich auf einem ehemaligen Zechengelände bezugsfertig eingerichtet.

Lendlein leitet zudem in der Grundlagenforschung am Deutschen Wollforschungsinstitut eine 16-köpfige Abteilung. Bis zu sechs Mitarbeiter finanziert Mnemo Science, Patente und Erfindungen gehen an die Firma. Ein Plus: Alle Entwicklungen aus Instituten der Hochschulen gehen direkt an Unternehmen. In Form von Forschungsaufträgen fließt Geld zurück in die Institute, die von den angesiedelten Firmen für ihre langfristige Forschung genutzt werden. Traumhafte Bedingungen, besser als in Massachusetts.

Sonnige Aussichten für die Wirtschaft. Für das Wetter gilt leider das Gegenteil Im Block nebenan sitzt Frank Menzler. Im Gegensatz zum Gründer-Ei Hemoteq und dem Edel-Küken Mnemo Science ist seine Impella Cardiotechnik kurz davor, die ersten Eier zu legen. Vier Etagen nimmt der älteste Mieter des MTZ mittlerweise in Beschlag. Das Produkt: Miniaturpumpen, die Operationen am offenen Herzen ohne aufwendige und teure Herz-Lungen-Maschinen ermöglichen.

Impella ist ein Spin-Off des Helmholtz-Instituts für Biomedizinische Technik, weltweit führend im Bereich mechanischer Herzunterstützung. Die drei Gründer sind Maschinenbauer. Ich stutze. Frank Menzler erklärt: " Ob Sie Gas, Wasser oder Scheiße pumpen, ist eigentlich egal." Ingenieurshumor, man ahnt, wie Gynäkologenwitze entstehen, lacht aber mit. Ist ja auch lustig. Irgendwie. Menzlers Job aktuell: die Leitwölfe der internationalen Herzchirurgie überzeugen, die Pumpe ein- zusetzen. Ende 2001 ist der Börsengang geplant. Aktuell: eine Party. Er telefoniert mit dem Caterer, spricht die Speisekarte durch, drückt die Preise. Ach ja, ganz wichtig: die Rede. Ernst Schwanhold, Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, braucht Stichpunkte. Damit er Bescheid weiß, an wen er in einer Woche den Innovationspreis der Stadt Aachen überreicht: Impella.

Zwischendurch platzen Mitarbeiter ins Büro. Menzler spielt mit allen ein Quiz. Was ihnen zu 25 Aachen einfalle, fragt er jeden. Einer meint, sein Segelboot. Das liegt auf der niederländischen Seenplatte. Ein anderer grinst: "Der Regen, keine Frage." Rolf Sammler kommt herein. Früher war er Geschäftsführer beim Venture Capitalist Guidant, jetzt ist er Vorstand bei Impella. Sein Hemd schlabbert über dem fülligen Bauch, als hätte er fünf Stunden auf einer Hochzeit getanzt. Genauso guckt er auch, groggy und happy, an ihn dieselbe Frage. Er holt Luft: "Die Euregio natürlich, die Offenheit, Internationalität." Nein, unterbricht ihn Menzler, mehr so privat. "Ach so. Ja dieses Wetter, oder?", und verabschiedet sich: "Meeting." In Aachen endet nicht Deutschland, hier beginnt Europa - die Zukunft Auch über die Vorteile der Region sind sich alle einig: Nähe. Zwischen Forschung und Ausbeutung, Wissenschaft und Wirtschaft. Und Wirtschart und Wirtschaft: Allein zwischen den drei MTZ-Mietern fließen bereits jetzt Forschung, Know-how und Aufträge. Eine Folge der engen Anbindung an die Institute: Je stärker deren Forschung, je pointierter die Fragestellungen, desto intensiver rotieren die unternehmerischen Spin-Offs in ihren Nischen, ohne den Drall durch lästige Seitenkämpfe zu verlieren. Wer so behütet aufwächst, hat später mehr Freunde als Feinde.

Und natürlich die Nähe der drei Länder. Das feine, etwas behäbige Belgien. "Fahren Sie mal nach Lüttich", rief gestern der Europabeauftragte der Stadt und breitete die Arme aus, "dieser morbide Charme! Sie haben das Gefühl, Sie seien ganz weit weg von zu Hause." Und das niederländische Maastricht mit seiner mittelalterlich kuscheligen Altstadt, den breiten Strichen auf den schmalen Straßen und den schwarz-weiß geringelten Ampelmasten. "20 Minuten mit dem Auto, und Sie sind im Urlaub", sagt Frank Menzler.

Hier sitzen ernsthafte, beherzte, europäisierte Deutsche. Sogar der Lokalsender gibt das miese Wetter nicht mehr für die Region Aachen durch. Das heißt jetzt " Euregio-Wetter". Deutschland pumpt zwar am meisten Leidenschaft in das Europa-Ding, aber alle machen mit. Die Belgier kritisch, die Niederländer pragmatisch, die Deutschen eben euphorisch. Studenten hüben wie drüben machen ihre Scheine in Maastricht, Lüttich oder Aachen, die Arbeitsämter schreiben offene Stellen grenzüberschreitend aus, Feuerwehr, Polizei, Zoll laufen seit Jahren synchron. Jetzt sind die Verwaltungen dran, ein Mitarbeiteraustausch läuft.

Das Dreiländereck-Know-how ist ein gefragter Exportartikel. Aktuell im Dreieck Tschechien, Sachsen, Polen, wo die Agit berät. Wer Europa lernen will, der macht das Aachen-Diplom. Die Länder gehen derart vehement auf Kuschelkurs, dass auch die EG-Verwaltung in Brüssel nicht mehr nachkommt. In Kerkrade und Herzogenrath, eigentlich eine Stadt, aber seit dem Ersten Weltkrieg läuft die Grenze quer hindurch, bauen sie ein Technologiezentrum. Mitten in die Stadt, auf die Grenze. "Das ist Hardware, die sieht jeder", meint Bernd Thomas, Chef der Agit, des deutschen Partners. Die Folge: doppelte Bauabnahmen, doppelte Feuerbestimmungen, sogar doppelte Förderanträge. Doch so etwas ist in Brüssel nicht vorgesehen. Der nächste Streitpunkt wird "das Wasserhahn-Prinzip". Jeder Mieter soll aussuchen, welche Energiequellen aus welchem Land, ja sogar welche Gesellschaftsform ihm lieber ist: GmbH oder niederländische BV? "Benachteiligung für Nicht-Grenzer", moniert Brüssel und kauft Zeit. Ein Test für Wirtschaftsprüfer, Bauunternehmer, ja für alle, schreit die Euregio und mahnt Synergieverluste an. Fördergelder gibt es dennoch: Die Euregio ist Testregion für das lebendige Europa.

Die Politik ist wie immer etwas langsam, aber das weiß man ja Bietet die Euregio der Stadt Aachen eine neue Heimat? Aachen, das schon immer am Rande der Republik lag? Die Frage geht an Jürgen Linden, SPD, seit 1989 Oberbürgermeister von Aachen, im vergangenen Jahr von einer CDU-Mehrheit wieder gewählt. Der kleine, schlanke Mann sitzt in einem 650 Jahre alten Raum - sein gotisches Rathaus wird von vielen Besuchern mit dem Dom verwechselt. Die Möbel: moderne beigefarbene USM-Haller-Konstruktionen. An den Wänden links, wo er empfängt, hängen alte Gemälde. Rechts, wo Linden arbeitet, moderne Kunst, direkt vor seinem Schreibtisch blickt eine Holzskulptur des Berliner Künstlers Detlef Waschkau auf die Aktenhaufen. Linden richtet sich auf. Nicht der mit Leder bespannte Rohrsessel ist unbequem, sondern die Frage. Wie viele Politiker beantwortet er die Heimatfrage mit "Bruttosozialprodukt" und " wirtschaftlichem Druck".

Aber ist die Euregio nicht die einzigartige Möglichkeit für ein entspanntes Heimatgefühl? Es sei schon ein emotionaler Vorteil, bejaht Linden die Nachfrage, " wenn 300 Aachener Feuerwehrleute den Maastrichtem nach einer Überschwemmung die Keller leer pumpen". Oder wenn in der Merksteiner Fußballmannschaft sieben Holländer spielen. Da fällt ihm ein, in Aachen spielen nur zwei. Kurzer Blick auf die Uhr, die Zeit ist knapp. Deutscher Historikertag in Aachen, gleich hält er dort einen Vortrag gegen Ausländerfeindlichkeit.

Das nächste Aachener Projekt: ein Zentrum für europäische Geschichte. Und im Mai nächsten Jahres wird es lustig. Dann halten Aachen, Heerlen, Maastricht, Lüttich und Hasselt eine gemeinsame Ratssitzung ab, mitten in Brüssel, im Europarat. Sicher tragen sie da Eulen nach Athen, aber "die Chance, die sich in dieser Region für Europa bietet, ist in Brüssel noch überhaupt nicht angekommen. Wir wollen Werbung für Europa machen", warum nicht auch in Brüssel? So. Die Pflicht ruft, Linden muss sich vorbereiten. "Ich hoffe, dass die EU noch viel von uns lernt", sagt der Oberbürgermeister zum Abschied.

Im Rathaus liegen Unterschriftenlisten aus für den " Aachener Appell", ein gemeinsamer Aufruf des Oberbürgermeisters und des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, vom August dieses Jahres. Die ersten Sätze: "Aachen ist eine weltoffene und tolerante Stadt. Von altersher werden hier Fremde als Freunde gesehen. Wir wollen, dass dies so bleibt." Klare Worte. Im Krönungssaal über dem Büro des Oberbürgermeisters geht gerade die Ausstellung "Krönungen" zu Ende. An den Wänden des Treppenhauses auf dem Weg nach oben hängen Schwarzweißaufnahmen mit historischen Köpfen: Konrad Adenauer, Vaclav Havel, Tony Blair, Bill Clinton. Preisträger des Internationalen Karlspreises, verliehen an Persönlichkeiten, die sich um die Einigung Europas verdient gemacht haben.

Karl der Große wird sesshaft, 1000 Jahre später auch Avantis?

32 Könige wurden in Aachen zwischen 936 und 1531 gekrönt. Karl, ältester Sohn des Karolingerkönigs Pippin, war der erste. Französische wie deutsche Nationalisten sahen in Karl den Begründer ihrer Reiche. "Charlemagne" war er für die einen, "Karl der Große" für die anderen. Tatsächlich war er keiner von beiden. Zu Lebzeiten hieß er einfach " Karl" und konnte weder deutsch noch französisch denken. Sein Reich umspannte das heutige Festland-Europa mit Ausnahme von Spanien, das in der Hand der Araber war. In der Ausstellung: Kronen und Gewänder aus allen Epochen, mittelalterliche Abbildungen von Krönungszeremonien, Gemälde Kaiser Wilhelms, des eigentlichen Begründers des Jean-Pütz-Bartes. In einer Ecke hockt ein schmaler Bronzefalke auf einem goldenen Sockel, populärer Jagdgefährte der europäischen Herrscher, und betrachtet, Schnabel spitz gebogen, Kopf zur Seite, das Gewusel der Besucher, die sich interessiert über die Glaskästen mit dem alten Europa beugen.

Mit Karl kam Frieden, eine Rechtschreibreform, einheitliche Verwaltungsformen und eine Revolution nach Europa: der ständige Regierungssitz. Bis dahin sind alle Kaiser Wanderherrscher gewesen. Nur die Winter verbrachten sie an einem Ort, in der Pfalz eines befreundeten Herzogs zum Beispiel. Der Rest des Jahres war eine mühselige Reiseveranstaltung kreuz und quer durch das eigene Reich. Mit der Aachener Pfalz baute Karl den ersten Vierjahreszeiten-Regierungssitz. Mit dem Kaiser kamen Gelehrte, Händler und Künstler aus Italien, Spanien, Irland und England nach Aachen. Karl schickt Gesandte zu den Herrschern der beiden anderen Weltmächte, zu Kaiserin Irene von Byzanz und Harun AI Raschid, dem Kalifen von Bagdad. Der Kalif bedankt sich mit dem Elefanten "Abulabaz", den er nach Aachen sendet, gemeinsam mit einer Schutzzusage für die Christen in Jerusalem.

Weiter geht es, auf ein Feld, zehn Autominuten von Aachen. Gegenüber der Einfahrt stehen neben einem Maisfeld zwei Briefkästen, einer gelb, der andere rot, von der deutschen und der belgischen Post. Bis vor kurzem hatte Han Hardy hier noch Probleme mit Feldhamstern, einer vom Aussterben bedrohten Art, die hier angeblich siedelte. Neueste Untersuchungen widerlegen das. Han Hardys aktuelles Problem: die Termine mit den Mietern zu koordinieren, die auf dem 100 Hektar großen Gelände exakt auf der Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland bauen wollen. Hardy ist Geschäftsführer von Avantis, dem größten grenzübergreifenden Technologiezentrum.

Die Telekommunikation steht schon. Im Businesspark selbst wird gebührenfrei telefoniert, Gespräche nach Aachen wie nach Heerlen, der niederländischen Nachbargemeinde, laufen zum Ortstarif. Hundert Hektar, mitten auf der Grenze, in 10 bis 15 Jahren soll alles stehen: Hotels, Kongresszentren, Unternehmenspavillons, die sich zu einem Gelände zusammenfügen, das sich wie ein Pantoffeltierchen auf die Grenze legt und sie wertschöpfend in seine Zellstruktur einbaut. Han Hardy visioniert Ableger solcher Zentren, die sich vielleicht bis nach Spanien runterziehen oder überall auf die Grenzen legen, wo es ansiedelnden Unternehmen echte Vorteile bringt. Der erste Avantis-Mieter hat am 23. Oktober den ersten Spatenstich getan: das schwedische Unternehmen Ericsson und die niederländische Libertel, die hier ein gemeinsames Testzentrum für mobile Kommunikation aufbauen.

Spricht man den Holländer auf die Knackpunkte an, wie zum Beispiel die in Brüssel umstrittene freie Wahl der Körperschaften und das "Wasserhahn-Prinzip", sagt er Sätze wie: "Man muss den Politikern Pfeffer bringen." Soll heißen: Beine machen.