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Die Harry-Aktie

Alle reden über Humankapital und Ich-AG. Bei der RTL-Online-Börse ist das bereits Wirklichkeit. Die Bewohner des Big-Brother-Containers gibt es dort als Aktien.




Harry schnarcht. Erste Nacht im Jungenzimmer, Höllenlärm, Karim kann nicht schlafen. Im Infrarotbild sieht er aus wie ein frisch geborenes, gestresstes Säugetier im Tierfilm. Er tastet blind nach seinem Pulli, packt die Decke und haut sich auf die Wohnzimmercouch. Das ist schlecht. Harry ist mein Rennpferd, und Zwist im Haus verdirbt den Kurs. Bis zur Schnarchszene stand seine Aktie fast bei 800, innerhalb von Minuten sackt der Kurs auf 680.

Mein Depot ist mit Bedacht zusammengestellt. Ich habe Daniela verkauft, die Blonde im silbernen Discodress, das geht ja gar nicht. Das Großmaul Christian sowieso, Ebru auch. Von Alida, Marion und Stefanie halte ich die Hälfte. Marion und Hanka ordere ich deutlich unter Emissionswert. Ihre Kurse sinken, aber ich sehe Potenzial. Das freie Geld lege ich in den souveränen Harry und Frauenschwarm Walter an. Ihre Kurse zogen schon beim Einzug an. Karim, den sympathischen Ideenscout aus Frankfurt, werde ich aufmerksam beobachten.

2. Tag: Nicht Harry, sondern Jörg hat geschnarcht! Harry schnellt nach oben, Jörg fällt. Ich brauche Karim. Aber was verkaufe ich? Und vor allem: wann?

3. Tag: Harry ist die Volksaktie. Seit Tag eins hat er sich bei rund 700 BBM (Big-Brother-Mark) weit von den anderen abgesetzt. Seine 150 Kilo und seine Ledermontur sind keine Marktbarrieren, der Mann ist sein eigener Markt. Frank hingegen: Der leicht zurückhaltende, dabei aber auch etwas schleimige Hotelkaufmann ist ein menschlicher Mischkonzern. Er kann mit jedem und steht für nichts. Das Herumpartnern bringt ihm kurzfristig Punkte. Je besser sich jemand vernetzt, umso besser stehen seine Aktien. Zappen kurz vorm Einschlafen, ZDF, Johannes B. Kerner: "Dieser Harry hat viel mehr Star-Potenzial als alle Zlatkos und Axels zusammen." Ob ich alles in Harry anlege? Aber der ist schon so teuer.

4. Tag, morgens: Ich habe Steffi verkauft, zu viel Zickenpotenzial. Walter verkaufe ich auch, zu lieb. Kaufe dafür Karim und noch mehr Harry. Abends totale Langeweile. Die Fronten zwischen Steffi und Marion verhärten sich. Karim tritt einfach nicht in Erscheinung. Die liebe, junge Alida steigt um 23 Prozent. Ich könnte Karim verkaufen, Alida kaufen, später wieder verkaufen, bei Karim erneut einsteigen, und den Gewinn sicher in Harry anlegen: wie ein Kleinanleger und Zocker, deren nervöse Gier so manchem Unternehmen erhebliche Kursschwankungen zufügt. Steffi sinkt stetig auf hohem Niveau. Karim! Tu was.

5. Tag: Harry ist gefallen, um vier Prozent. Hat er geschnarcht? Nachts hat die Moderatorin i des Big-Brother-Quiz von Christians Monologen erzählt. Seine Aktie steigt von 230 auf 270. Medienpräsenz ist gut für den Kurs. Karim steigt auch. Na endlich.

6. Tag: Der Frauenheld Walter ist das Marketingpaket unter den Bewohnern. Schlankes Konzept, durchtrainierter Aufbau, mit einstudierten Bewegungen baggert er an der niedlichen Ebru herum. Aber seine platten Fusionsangebote dienen lediglich der Aufpolierung seines unreifen Portfolios. Die Börse durchschaut das, sein Kurs sinkt. Lustig: Sein Berufsziel ist Schönheitschirurg. Quotenproll Christian hat sich gestern mit Steffi angelegt. Die Börse belohnt seine Charakterstärke mit satten 30 Prozent Kursgewinn.

Da muss ich einsteigen, verkaufe Karim, verkaufe auch etwas von Harry und setze auf Christian. Sofort danach fallt sein Kurs. Werbepause, ich schalte um. Auf 3 Sat läuft "Hudsucker Proxy", eine Groteske über Ideen, Medien, Wirtschaft und die Innereien der Macht. Paul Newman, Vorstandschef mit Zigarre, zu Tim Robbins, dem Aufsteiger, der seine Seele verkauft: "Keine Sorge, es ist üblich, dass in einer Periode des Übergangs die etwas schüchternen Anleger den Schwanz einziehen." Na also! Ich schalte wieder um. Medientheoretisch war das jetzt der Hammer.

7. Tag, Nominierung: Christian wird mit Abstand vor Marion zum Auszug nominiert. Sein Kurs fällt ins Bodenlose. Verkaufe ich, verliere ich massiv. Ich halte und fühle mich dumm wie Brot. Erlege mir vier Tage Börsensperre auf.

11. Tag: Na also, Christian hat sich bei 370 stabilisiert. Harry hat leicht verloren, aber ich bin nicht ruiniert.

Ich wähle Christian an, klicke auf " glattstellen", mache sogar einen leichten Gewinn, kaufe Harry und habe meine Ruhe. Das war mir alles zu adrenalinmäßig. Ich lasse lieber mein Geld für mich arbeiten, als dass ich ihm über Berge und Täler hinterherrenne.

14. Tag, der erste Auszug: Marion muss gehen. Christian bleibt. Sein Kurs steigt steil nach oben. Egal. Ich bleibe bei der Harry-Aktie. So werde ich zwar nicht steinreich, aber dafür erlebe ich nicht bei jedem Streit im Haus persönliche Kursschwankungen in meinem Depot. Da könnte ich ja gleich einziehen.