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Der Beamte in uns allen

Beamter zu sein heißt, sich seinem Unglück mit Lust hinzugeben, sagt Heiko Michael Hartmann. Der Mann weiß, wovon er redet: Er arbeitet bei der Bankenaufsicht. Und hat über die Sehnsucht nach Ordnung einen traurig-komischen Roman geschrieben. Auch aus therapeutischen Gründen.




brandeins: Werden Sie seit Erscheinen des Buches von Ihren Kollegen gemobbt, Herr Hartmann?

Hartmann: Im Gegenteil. Man klopft mir auf die Schulter. Das hat mich selbst ein wenig erschreckt. Woanders würde ich jetzt als Nestbeschmutzer gelten. Aber im öffentlichen Dienst ist die Identifikation mit der Arbeit und dem Arbeitgeber sehr gering. Corporate Identity? Nicht beim Staat.

Wie im real existierenden Sozialismus?

Es gibt dieselben Sonnen- und Schattenseiten.

Welche?

Soziale Sicherheit und nahezu vollständige Berechenbarkeit des Lebens - die Beamtenlaufbahn erfüllt einen Urmenschlichen Traum. Merkwürdigerweise führt das risikolose Leben jedoch dazu, dass die Furcht vor der Unkontrollierbarkeit des Daseins noch zunimmt. Niemand ist ängstlicher als der Beamte. Wenn Sie in einer hierarchisch bestimmten Welt leben, in der alles geregelt ist, wird schon der bloße Gedanke an eine Ausnahme zum Alptraum. Überall Gefahren, überall Bedenken. Eigentlich müsste die soziale Sicherung glückliche Menschen produzieren. In Wirklichkeit gibt es nirgendwo mehr berufliche Frustration und Depression als im Staatsdienst.

In der freien Wirtschaft gibt es sie zuweilen auch.

Natürlich. Es wäre falsch, die private Wirtschaft als eine Gegenwelt zum öffentlichen Dienst misszuverstehen. Mangelnde Effizienz, fehlende Motivation - die Probleme sind in beiden Bereichen dieselben. Doch im öffentlichen Dienst, wo das Regulativ des Geldverdienenmüssens fehlt, können Sie die Phänomene des Scheiterns und Versagens ungestörter beobachten. Da herrscht noch die reine Lehre. Staatliche Verwaltung dient ausschließlich dazu, politische Vorgaben umzusetzen. Also: Hierarchie, Regeln, Kontrolle.

Wie halten Sie das aus?

Ich arbeite halbtags: Auf zweieinhalb Arbeitstage kommen viereinhalb freie. Genug Zeit, um glücklich zu sein.

Ist die Form der Bürokratie, die Sie beschreiben nicht dem Untergang geweiht - wie der reale Sozialismus?

Ja und nein. Karl Marx und Erich Honecker sind tot. Aber den menschlichen Urtraum von einer Ordnung, die man nach seinen Wünschen formen und steuern kann, haben sie nicht mit ins Grab genommen. Die Organisation des modernen Lebens beruht auf Planung und Gestaltung. Also wird auch das Bedürfnis nach Verwaltung nicht ab-, sondern zunehmen. Lassen Sie sich nicht vom Wandel äußerer Attribute täuschen. Der Mief der Amtsstuben verschwindet. Karteikästen, Schreibmaschine, Stempel - das ist vorbei. Aber glauben Sie, dass Sie in der scheinbar anonymen Welt der Computer in sicherere Hände gelangen? Was für neue Möglichkeiten behördlichen Irrwitzes.

Der Beamte wird also nicht aussterben?

Vielleicht dem Begriff nach. Möglicherweise wird man ihm eine englische Bezeichnung geben. Irgendwas mit Manager, klingt ja viel besser als Verwalter. Die ästhetische Erscheinungsform bewirkt Wunder. Selbst die Fußballer sehen heute anders aus als früher, ein bisschen wie Models oder Intellektuelle. Nur ihr Geschäft ist das gleiche geblieben: Rennen, schreien, schießen - Tor! Der Beamte ist unsterblich, denn er ist der von der Verwaltung geformte, sie repräsentierende Mensch, und die Organisation modernen Lebens ist ein gigantisches, endloses Projekt der Verwaltung.

Gibt es also einen Beamten in uns allen?

Davon bin ich überzeugt. Verwalten heißt Planen, Kontrollieren, Beherrschen. Das ist vielen Menschen keine Last, sondern eine Lust. Zahlreiche Hobbybeamte verwalten ihre Termine, Adressen, das Haushaltsgeld oder etwa ihren Weinkeller bereits mit dem Computer. Alles jederzeit im Griff - das wünscht sich nicht nur der Staatsmann, auch der Privatmensch. Und die menschliche Lust an der Ordnung scheint in Deutschland besonders ausgeprägt. Das Land verdankt dieser Lust seine Tugenden, etwa das Talent zur Organisation und die Fähigkeit zur Disziplin. Doch sollte man nicht vergessen, dass hinter der Entschlossenheit zur Ordnung oft nur die Ängstlichkeit gegenüber dem Unberechenbaren, Unkontrollierten steht, also etwas sehr Beamtenhaftes.

Wird die Liberalisierung und Privatisierung daran etwas ändern?

Nicht wirklich. Die menschliche Gesellschaft modernisiert und liberalisiert sich, seitdem es sie gibt. Zumindest macht sie sich das vor. Das Streben nach Ordnung, Sicherheit und Gewissheit bleibt jedoch immer dasselbe. Glauben Sie, Sie leben in der Anarchie, nur weil Sie die Anzahl der Telefonanbieter nicht mehr ganz überblicken? Unser Leben ist durchreguliert wie eh und je. Das scheint nur anders, weil sich der Staat im Kapitalismus immer mehr zurückzieht.

Der Unterschied zwischen staatlicher und privater Organisationsform ist aber viel geringer, als man glaubt. Beides, Staat und Aktiengesellschaft, sind ja keine vom Himmel gefallenen Substanzen, sondern juristische Konstruktionen. Das ganze 20. Jahrhundert über hat man sich gestritten, welcher der beiden Organisationsformen der Vorrang gebührt. Vermutlich wird man auf diesen oft blutig ausgetragenen Streit einmal zurückblicken wie auf die Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts. Das heißt, man wird sich fragen: Um was ging es eigentlich? Leider braucht man eben nach der Erfindung einer Ideologie immer sehr lange, bis man versteht, was sie ist: ein Gedankengebilde.

Könnten Sie auch einen bitterbösen Roman über die Deutsche Bank schreiben?

Wenn ich dort arbeiten würde. Allerdings wäre ich den Job nach so einem Buch schnell wieder los. Die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, gehört nicht zum Kernrepertoire von Bankmanagern.

Wie lange noch wollen Sie Vermerke schreiben, also verwalten, planen, kontrollieren?

Wohl nicht mehr allzu lange. Das Buch hat mir geholfen, mich von meiner eigenen, leider sehr ausgeprägten Beamtennatur ein wenig zu emanzipieren. Außerdem wird mein Amt von Berlin nach Bonn umziehen, dem Elysium des deutschen Bundesbeamtentums. Da komme ich lieber nicht mit.

Der Beamtenroman "Unterm Bett" (Carl Hanser Verlag, 2000; 222 Seiten; 34 Mark) ist Hartmanns zweites Buch. Sein Erstling heißt,MOI" (DTV, 1999; 189 Seiten; 16,90 Mark), eine rabenschwarze Geschichte über ein tödliches Virus, das durch Geldscheine übertragen wird.