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Das langsame Mädchen

Warum können wir bloß nie Nie Geliebt werden? Das fragt Michel Houellebecq in seinem Gedichteband „Suche nach Glück“. Eine weitere Frage wäre: Warum wollen die, die wir lieben würden, nicht von uns geliebt werden?




Michel Houellebecq: Suche nach Glück ... Dumont 2000, 32 Mark In the Mood for Love ... Regie: Wong Kar-wai, Darsteller: Maggie Cheung, Tony Leung Stina Nordenstam: And She Closed Her Eyes ... Eastwest Stina Nordenstam: Dynamite ... Eastwest Stina Nordenstam: People are strange ... Eastwest Nick Drake: Bryter Layter ... Island Nick Drake: Five Leaves Left ... Island Nick Drake: Pink Moon ... Island Ich kenne mehrere Menschen, die im Einzelhandel arbeiten, sie erzählen alle dieselben Geschichten. Über Kunden, die ohne auch nur ein " Guten Tag" ihr Geschäft betreten, sich auführen wie ein Rittmeister gegenüber einem besonders bedeutungslosen Steigbügelhalter, alles zu teuer, jede Frage zu viel, dient sie auch dem Verständnis ihrer Wünsche. Andere tun andere Dinge, aber besser macht das nichts, wenn die Arbeit aus ist, müssen sie raus in die Welt. Eine Kollegin erzählte aus dem Supermarkt, aus dem Bus, von der Straße, Drängeleien, Blicke, sie sagte, sie spürt diese Wut in der Luft, es würde immer schlimmer, jeder ist so aggressiv, am liebsten würde sie allen eine reinhauen. Ich kenne dieses Gefühl, ich bekomme es schon, wenn ich solche Geschichten höre, ganz zu schweigen von dem, was ich persönlich erlebe, diese Ignoranz, Arroganz, Bosheit, Selbstverliebtheit, der Hass, der sich wie ein Virus fortpflanzt. Ich will das nicht mitmachen, ich will diesen irren Hass nicht, aber ich brauche nur an solchen Sachen zu denken, und in mir wächst der Wunsch nach hilfloser Vernichtung.

Einer der beliebtesten Allgemeinplätze der Zivilisationskritik erklärt die Stadt zum Ballungszentrum der Aggression, weil zu viele Menschen auf zu wenig Raum andauernd und gegenseitig in ihre Privatsphäre eindringen, ein fortwährender selbstverständlicher Akt des Angriffs. Wong Kar-wais neuer Film "In the Mood for Love" spielt in Hongkong, doch die Großstadt ist hier kein Problem. Vielleicht weil die Geschichte des Films im Jahre 1962 angesiedelt ist? Der Regisseur jedenfalls erklärte, es sei ihm wichtig, dass das Tempo des Films dem Tempo der Zeit entspräche, in dem er spiele. So bewegen sich die Frau, die von ihrem Ehemann betrogen wird, und der Mann, der mit der Geliebten eben dieses Ehemanns verheiratet ist, im Zeitlupenwalzer einer unentrinnbar heranwachsenden Liebe umeinander, ihre Blicke wie Begegnungen unter Wasser, die wenigen zarten Berührungen wie Steine unter erhöhter Schwerkraft. Die Stadt schafft hier Nähe statt Gewalt, die Menschen begegnen sich bei ihren alltäglichen Verrichtungen, sie lernen sich kennen, weil sie einen Raum teilen müssen. Allerdings haben sie dafür auch Zeit: Wenn die Bilder für Sekunden innehalten, sich die Köpfe in Slow Motion drehen, die Arme an die Brust gezogen, der Atem eingesogen wie ein letzter Tropfen Wasser, kann man sehen, wie Gefühle heranwachsen.

Gefühle brauchen Zeit. Schnelligkeit macht schneller Denken, aber es zerstört den langsamen Prozess des Mitfühlens, des Begreifen, des gemeinsamen Wachsens. Die Verwirrung entsteht nicht, weil wir nicht wissen, was passiert, sondern weil wir keine Zeit haben, dazu ein Gefühl 2x1 entwickeln. Zu den Dingen, zu den Menschen um uns herum. Die Verwirrung macht Angst, die Angst schafft Gewalt.

Einst traf ich ein langsames Mädchen, das gern Sana Nordenstam hörte. Die Schwedin singt mit einer hohen, dünnen Stimme betörend langsam enorm weiche Melodien, selbstversunken, sehr intim. Aber nicht in der geteilten Intimität der Liebenden, sondern in der stillen Intimität einer einzelnen Person, die mit sich selbst ist, nachts, vor riesigen Fenstern, auf die Stadt blickt, in der Feme zarte Keyboard-Spuren wie neonerleuchtete Schnellstraßen, verwehte Chöre durchziehen die kühle Luft, der Rhythmus eine vage Erinnerung an den Lärm des Tages. Wong Kar-wai irrt, wenn er die Langsamkeit als Teil einer unwiderruflich verlorenen Ära darstellt. Stina Nordenstam sieht die Schönheit im Innehalten, sie ist sehr modern.

Denn dies ist die Stadt in ihrer besten Form: ein Ort der Freiheit, an dem der Einzelne einzeln sein kann, weil er niemand anderen braucht, an dem er Zeit hat, zu sich, seinen Gedanken, seinem Wesen zu finden, in einem eigenen Raum" einer eigenen Zeit, in der sich Gefühle entfalten können. Und ein Ort der Ruhe, denn nachts ist die Stadt stiller als das Land, wo die Tiere und der Wind unermüdlich die Erde bearbeiten. Die Stadt als Verbündete des Menschen gibt Zeit, ganz praktisch, indem sie alles Lebensnotwendige bereitstellt, indirekt, indem sie uns die Wahl lässt, was auch heißt, dass wir uns gegen etwas entscheiden können, dass wir nicht alles mitmachen müssen. Das ist viel wert, denn die Art, in der aufgrund historischer Notwendigkeiten und schlechter Gewohnheiten unsere Gesellschaft, die Arbeit, Werte, Ordnung, das ganze Leben organisiert sind, stiehlt uns Zeit. Lebenszeit. Ich meine nicht nur Behörden.

Das langsame Mädchen liebte die Musik Stina Nordenstams. Sie war ein Echo ihres Wesens, ihrer Schönheit, dieser Langsamkeit, mit der sie sich um sich selbst drehte, auf der Suche nach Gleichgewicht, Harmonie, einer Erinnerung, eines Wunsches. Das langsame Mädchen lebte in einer Großstadt, aber die Stadt war ihr Möglichkeit nicht Pflicht. Ich schenkte ihr eine CD von Nick Drake, dem englischen Songwriter, der Anfang der siebziger Jahre unter nicht geklärten Umständen gestorben ist.

Nick Drake, könnte man sagen, war ein Vorfahre Stina Nordenstams. Auch seine Lieder waren still, langsam, leer, eine Musik des Abschieds, vielleicht auch des Abschieds vom Land, neu angekommen in der Stille der Stadt, eine einsame Gitarre und eine Stimme weich wie die Sehnsucht, sich um nichts drehend als sich selbst, vielleicht auch um ein langsames Mädchen vor dem langsamen Mädchen. Nick Drake ahnte, was heute in den stillen Momenten der Metropolen zur Gewissheit wird: Wären wir alle langsamer, hätten wir alle mehr Zeit. Um zu sein, wer wir sind.

Das langsame Mädchen wollte nicht, dass ich sie liebe. Ich habe es trotzdem getan.