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brand eins antwortet: "Jetzt"

Da wüsste man doch gern: Was liebt ihr denn? Und was stellt ihr euch vor? Ich stelle mir gern den Himmel vor, aber heute nicht, heute stelle ich mir zwei junge Männer vor. Der eine hat für das "Jetzt"-Magazin, die Teenie-Beilage der "Süddeutschen Zeitung", eine kleine Liste mit Minimalforderungen an das Arbeitsleben geschrieben. Es mag ihm gedräut haben, eines Tages könne das Leben eines Erwachsenen vor seiner Tür warten, und furchtbar wäre fortan alles Sein. Das ist ein bisschen tragisch, denn gerade diese Abwehrhaltung, dieses Erst-mal-dagegen-Sein, ist eine Eigenschaft dessen, was man nur erwachsen nennt, wenn man nicht erwachsen ist. Eine fatale Angelegenheit, man mag gar nicht hinsehen. Der junge Mann ist von Laub bedeckt, hoffentlich räumt ihn die Stadtreinigung nicht weg.




Der andere junge Mann arbeitet nicht beim >Jetzt< -Magazin, aber das ist Zufall, vielleicht liegt es auch daran, dass ich ihn mir gerade ausgedacht habe. Er sitzt auf einer Bank und sieht in den Himmel, den ich mir wie immer sehr gern vorstelle, und summt.

Dann sagt er: Früher wartete ich auf die Außerirdischen. Ich hatte natürlich nie wirklich an sie geglaubt, war aber stillschweigend von ihrer Existenz ausgegangen, hatte darauf gewartet, dass sie eines Tages landen würden, auf einem Stück Rasen, nicht unbedingt direkt vor mir, größenwahnsinnig war ich nicht, aber irgendwo anders war gut genug. Vielleicht in Amerika, wie es in Filmen geschieht, wo der Präsident kommt, um seine neuen Wähler zu begrüßen. Später kann man sie ansehen, sich möglicherweise mit ihnen unterhalten, das wäre mal interessant, sogar für länger als eine Woche.

Die anderen Hoffnungen waren noch unwahrscheinlicher: Ein erbärmlich gekleideter Erlöser mit Erbarmen in den Augen, der meine Hand nimmt, deine, jede, um uns zu heilen, den Weg zu weisen, so dass auch wir uns erbarmen - natürlich käme er aus New York. Oder ein Fernsehkommissar mit den entscheidenden Indizien für alle Fälle des Lebens, wasserdicht, stoßfest, in einem unerklärlich realistischen Schwarzweiß. Das waren die großen Lösungen, Die kleinen waren einfacher, traten aber ebenfalls nicht ein: eine Hand, die die zuschlagende Tür gerade noch hält, so dass sich der andere in letzter Sekunde umdreht. Ein leichter Wind, der die Haare zerwühlt und die Gedanken ordnet. Ein erklärendes Wort. Ein Moment der Wahrheit. Ein Sinn. Ein Ende. Ein Licht. Aber nichts passierte. Es gibt nur den Tod.

Ja, ja, banal, ich weiß, Sie kennen das. Ersparen Sie mir Ihren desinteressierten Protest. Vermutlich haben Sie schon lange nicht mehr im Kino gesessen und gehofft, dass alles wahr ist, die Liebe, der Kampf, das frohe Wiedersehen. Oder ein Buch gelesen und Ihre eigene Sehnsucht erkannt, ein Lied gesummt und damit die Welt geöffnet. Und kämpfen wollen Sie natürlich auch nicht, für einen Glauben an irgendetwas, wozu auch? Ich genauso. Ich habe schmierige Punks gesehen, fette Radikale, tranige Betroffene, bittere Bescheidwisser, blöde Frohlocker, mit schlampig bemalten Plakaten, zerfaselten Flugblättern, gegrölten Parolen. Und bin zu Hause geblieben, lieber dumm als einer von denen. Niemand glaubt mehr an etwas, also warum ich? Aber dann habe ich den Tod getroffen.

Er saß auf meinem Bett, ich schlief, neben mir der Tod, er lächelte. Da erinnerte ich mich. Der Tod ist ein Engel. Er empfing mich, als ich auf die Welt kam, er stand neben mir im Kreißsaal, ich habe geschrien, welch ein Schreck, doch er sagte: "Mal ruhig, Kleiner, keine Aufregung. Ich bin es nur, dein erster Freund", und dann erklärte er es mir. Er würde dem Leben, meinem Leben, einen Wert geben, es begrenzen, um so meine Zeit kostbar zu machen, dass ich lerne, sie zu nutzen. Ich sagte danke, ich schrie nicht, sondern lächelte, auch die nächsten Jahre, wenn der Tod neben mir saß, mit mir Bilderbücher ansah, Sandkuchen formte oder vom Mond und den Sternlein träumte.

Doch ich gewöhnte mich an ihn, an sein Grinsen, seine Sprüche, sein selbstbewusstes Auftreten, und habe es irgendwann nicht mehr geglaubt. Wie alle. Er sagte: " Hier, du weißt", aber ich nickte nur, "lass gut sein". Was für eine wüste Verirrung. Menschen, die ich liebte, starben, wie sie lebten, allein, nur der Tod war bei ihnen, der erste Engel, der sie in die Arme nahm, sie tröstete, ihnen einen letzten lächelnden Kuss gab, mit ihnen ein letztes Mal die verblichenen Erinnerungen teilte. Und ich, wo war ich? Auch heute sitzt der Tod wieder auf meinem Bett, er sagt: "Na ja, und jetzt?" Dann wache ich auf, draußen sprechen andere Tiere in anderen Sprachen über ihr Leben, und gehe hinaus. Mein lebenslanger Begleiter neben mir, betrachte ich die Straßen, die Bäume, das Gras, bis es nicht mehr weitergeht, bis ich mich umdrehe, irgendwo, wo ich niemals zuvor war. Ich sehe in ein Gesicht, ein fremdes, fernes Gesicht, das ich seit Tausenden von Jahren kenne, das sich nie geändert hat, wie die Sonne, die uns beschien in unzähligen Häfen, wie die langsame Sprache der Bäume, in der wir begrüßt wurden auf unzähligen Wegen. So sage ich, was ich immer sage: " Schön, dich zu sehen." Du tust, was du immer tust, du lächelst und schweigst. Das ist die Stille, das ist der Moment des Todes, da hat er Spaß, da lacht der Tod. Und wir, die wir uns endlich erkannt haben, sehen ihn an, sehen uns an. Dann müssen wir auch lachen.