Der Aufsichtsrat-Doktor

Kurzinterview mit Hans Ulrich Abshagen, Manager im Ruhestand, aktiver Berater und Aufsichtsrat, berät junge Unternehmen bei der Besetzung des Aufsichtsrats.




brand eins: Herr Abshagen, Sie waren lange Aufsichtsrat in unterschiedlichen Firmen. Nun sind Sie vor allem bei Jungunternehmen aktiv. Worin unterscheiden sich etablierte Unternehmen von Start-ups aus der Sicht eines Aufsichtsrats?

Hans Ulrich Abshagen: Als Aufsichtsrat eines jungen Unternehmens muss man zunächst einmal den richtigen Vorstand berufen. Und dann ist man natürlich sehr häufig mit Fragen der Finanzierung und der Organisation beschäftigt. Das sind Dinge, mit denen man bei älteren Unternehmen nicht mehr so viel zu tun hat. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt sowohl bei älteren als auch jüngeren Unternehmen bei den strategischen Entscheidungen. Über die müssen sich Vorstand und Aufsichtsrat einig sein.

Das heißt also, man braucht einen möglichst kompetenten Aufsichtsrat?

Sagen wir so: Fachkompetenz schadet nicht. Sinnkompetenz ist gefragt. Wichtig ist, dass mindestens eines der Aufsichtsratsmitglieder echte Management-Erfahrung hat. Gerade bei jungen Unternehmen gibt es oft genug brenzlige Situationen zu lösen. Da braucht man einen, der solche oder ähnliche Probleme aus der Praxis kennt und der die Nerven behält. Und natürlich ist es nicht schlecht, jemanden im Aufsichtsrat zu haben, der beispielsweise über Kontakte zu Banken verfügt, etwa wenn es darum geht, über Kredite zu verhandeln. Da kann es für einen jungen Unternehmer schon sehr hilfreich sein, jemanden an der Seite zu haben, der mit seiner Person und seiner Erfahrung als eine Art Garant taugt.

Viele Unternehmer sind mit ihren Aufsichtsräten befreundet. Ist das gut?

Na ja, das mag ja in manchen Fällen sehr gut laufen. Allerdings ist der Aufsichtsrat nicht das Gremium, in dem mit dem Vorstand gekungelt werden soll. Das lassen sich die anderen Aufsichtsratsmitglieder nicht gefallen. Zumal dann, wenn sie das Gefühl bekommen, das Gremium wird zu einer Alibiveranstaltung missbraucht.

Dennoch wählen viele Unternehmer Familienmitglieder und Freunde für den Job aus, weil sie glauben, mit den ihnen vertrauten Menschen gäbe es weniger Ärger.

Das ist ein Irrtum. Gerade unter Freunden und Familienmitgliedern kommt es oft genug in solchen Fällen zu besonders heftigen Auseinandersetzungen. Denn die meisten schaffen den Spagat zwischen dem Privaten und dem Geschäftlichen nicht. Da will der Freund dem Freund nicht sagen, dass er einen Fehler gemacht hat. Und der Unternehmer sieht sich ausgerechnet vor seinen Bekannten blamiert. Das stellt auch die private Beziehung in Frage.

Andererseits fürchtet so mancher sicherlich auch die Einmischung fremder Kontrolleure.

Da müssen sich die Gründer überwinden. Ein Kontrollgremium ist keine freiwillige Sache, sondern im Aktiengesetz vorgeschrieben. Zum anderen wäre es ganz falsch, den Aufsichtsrat als reines Kontrollgremium zu betrachten, das dem Vorstand auf die Finger guckt und ihn drangsaliert. Es geht am Ende schließlich um den Erfolg des Unternehmens. Der Aufsichtsrat kann dem Vorstand durchaus in schwierigen Situationen zur Seite stehen und ihm helfen. Das darf natürlich nicht so weit gehen, dass der Aufsichtsrat den Job des Vorstands macht. Denn nur der Vorstand führt das Unternehmen.