Manchester, Ortsteil Ancoats

In Manchester entstand im 19. Jahrhundert der Kapitalismus. Und er rächte sich furchtbar an der Stadt, die Friedrich Engels zur „Lage der arbeitenden Klasse in England“ als Vorlage diente. 150 Jahre später soll das älteste Industrieviertel der Welt noch einmal zu einer Brutstätte für Pioniere werden.




„Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinem Namen genannt ist, für eine Räuberhöhle? Siehe, ich sehe es wohl, spricht der Herr“ (Jeremias 7,11)

"Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinem Namen genannt ist, für eine Räuberhöhle? Siehe, ich sehe es wohl, spricht der Herr" Jeremias 7,11 Aus dem Notizbuch. 1995, ein Tag im Juli. Der Herr ist vor vielen Jahren aus St. Peter's Church geflohen. Es war zu der Zeit, als auch die Menschen fortzogen aus Ancoats, als es still wurde in den großen Fabriken am Kanal, als die Kneipen dichtmachten und die Kirchenbänke am Sonntag leer blieben. Da gab der Herr sein Haus den Ratten preis. Wenn er käme, des Nachts, würde er Vandalen treffen und Junkies, die im Altarraum zwischen verwesten Taubenkadavern schlafen und ihre Spritzen liegen lassen. Manchmal lädt jemand Müll ab in der Dunkelheit. Müll, der den Kirchenboden bedeckt; Müll, in dem sich die Ratten vergnügen. Durch morsches Dachgebälk scheint die Sonne auf eine kleine Empore. Te Deum Laudamus prangt da in goldener Schrift mit großen Lettern. Wir loben Dich, oh Herr. "Selten eine so traurige Stätte gesehen", heißt es im Notizbuch. "Keine Hoffnung mehr für Ancoats." "In dem großen Bezirk, den man unter dem Namen Ancoats begreift, sind die meisten und größten Fabriken von Manchester an den Kanälen angelegt - kolossale sechs- bis siebenstöckige Gebäude, die mit ihren schlanken Rauchfängen hoch über die niedrigen Arbeiter-Cottages emporragen." Der junge Mann aus Deutschland, der dies geschrieben hat, war im Dezember 1842 nach Manchester gekommen, um in der Baumwollspinnerei des Vaters seine Kaufmannslehre zu beenden. Sein Name: Friedrich Engels. Er war damals 22 und blieb knapp zwei Jahre in der Stadt der tausend Schlote. Zurück in Deutschland, schrieb er ein Buch: "Die Lage der arbeitenden Klasse in England". Es war die erste dialektischmaterialistische Analyse des Kapitalismus, ein grandioses Pamphlet, beißend, parteiisch, eine bitterböse Abrechnung mit der verhassten liberalen Bourgeoisie. Keine Stadt der Welt passte darauf besser als Manchester, weil hier "die Erniedrigung, in welche der Arbeiter durch die Anwendung von Dampfkraft, Maschinerie und Arbeitsteilung versetzt wird, und die Versuche des Proletariats, sich aus dieser entwürdigenden Lage zu erheben, auf die höchste Spitze getrieben werden".

Ancoats, das war ganz großes Kino. Zwischen 1790 und 1820 hatten hier schottische Textilkapitalisten nur wenige hundert Meter vom Stadtzentrum entfernt die triumphalen Symbole der neuen Maschinenwelt aufs Ackerland gesetzt. Zwischen Oldham Road und Redhill Street schlug das Herz des neuen Industriekapitalismus, der New Economy des 19. Jahrhunderts, heiß und rasend schnell, hier rasselten die Spinnmaschinen, klapperten die Webstühle, pumpten pausenlos frisches Blut und Produkte durch die Fabriktore, über die Kanäle, später mit der Eisenbahn zum Hafen von Liverpool und von dort in die ganze Welt: Baumwolle, der Stoff, der England an die Spitze der Industrialisierung katapultierte. Der Stoff, aus dem der große Film gemacht wurde, so viel, als könnte er nie ausgehen.

Die Arbeit ist einfach weggegangen aus der Region. Weit weg An jenem Julitag vor fünf Jahren war der Stoff schon lange zu Ende gegangen. Über den Fabriken lastete bleierne Stille, wie vor einer Sprengung. Die Dynamitstangen lagen in den vorgebohrten Löchern im Mauerwerk.

Letzte Inspektion der Sprengzone. Henry Street, eine Fabrikwand, eine Inschrift: "Visited by the King & Queen, 19th November 1942". Noch eine Inschrift, in das rote Mauerwerk gemeißelt: " Erected 1797". Fabrikschlote, überflüssig seit langem, ragen wie dürre Zeigefinger in den Himmel über Ancoats. Ein hölzernes Schild in der Bengal Street: Fabrikant sucht Maschinennäherinnen, Büglerinnen und Aufseher. Wie alt mag der Anschlag am Fabriktor sein: 20 Jahre, 30, 50? Die Arbeit ist einfach weggegangen. Weg aus Manchester, weit weg, nach Indien, China, Südkorea und Pakistan. Der klägliche Rest der Arbeiterklasse fährt Kleinwagen, schaut nach Sonderangeboten und fliegt im Sommer nach Mallorca.

Hier enden die Aufzeichnungen im Notizbuch. Nein, es würde nichts übrig bleiben von dieser Stätte surrealer Traurigkeit.

Fünf Jahre später, zurück in der Sprengzone. Den alten Mann zieht es immer wieder an die schwarzen Wasser des Rochdale Canal, in dem er schwimmen lernte vor mehr als 60 Jahren. Ach, sie scherten sich nicht um die Ratten und auch nicht um die Prügel, die sie einfingen, wenn sie abends heimkamen und nach Kanal stanken. Wenn er die Augen schließt, sieht er alles vor sich: die Unterröcke der Mädchen, die natürlich nicht nackt ins Wasser gingen, die Boxkämpfe hinter der Kirche gegen die Jungs aus den anderen Banden. Und er denkt an die ersten Zigaretten; der Rauch musste ganz dünn wieder rauskommen, sonst war es ja kein Lungenzug.

Gerade in Ancoats angekommen, gehen wir die Murray Street entlang, da hält ein Wagen neben uns. Der Fahrer, ein Mann in den Siebzigern, kurbelt das Fenster herunter. "Kann ich euch helfen?", fragt er. "Wir suchen Seranno Di Felice." Man hatte uns gesagt, dass er zu denen gehört, die sich in den Kopf gesetzt haben, Ancoats zu retten. "Serafino Di Felice?", sagt er und fährt das Fenster ganz herunter: "Das bin ich." Serafino Di Felice, Enkel italienischer Einwanderer, die vor 130 Jahren auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben in Ancoats gestrandet waren, wurde 1929 hier geboren. 47 Jersey Street, in einem armseligen Weber-Cottage im Schatten der Baumwollfabrik Paragon Mill. Little Italy hieß das Viertel vor dem Krieg und kurz danach, als 2000 Anglo-Italiener hier lebten und ganz Manchester mit Eiskrem versorgten. Anfang der Sechziger rückten Bagger und Planierraupen an und rissen die armseligen Arbeiterhäuschen nieder, Straßenzug für Straßenzug. Little Italy ging in Staub und Trümmern unter. Auch Serafino Di Felice zog fort aus Ancoats. Von draußen wurde er trauriger Zeuge des stetigen Verfalls seiner kleinen Welt. Und jetzt steht er mitten auf der Straße, breitet die Arme weit aus und ruft: "Das ist mein Ancoats, meine Heimat. Und ich sage euch: Wir werden es retten." Die Straßen werden neu asphaltiert. Für wen? Für was?

Annäherung an die Sprengzone. Irgendjemand muss die Dynamitstangen herausgezogen haben, still und heimlich. Die Fabriken sind verbarrikadiert wie Festungen. Bautrupps haben schwere Stahlbleche vor Türen und Fenster gehängt und mit dicken Dübeln ins Mauerwerk verankert, damit die Vandalen nicht mehr hineinkommen. Hier und da regt sich tatsächlich etwas in den todkranken Fabriktieren. Wuchtige Gitarrenriffs dringen aus dem vierten Stock von Beehive Mill, einer Fabrik aus den 1820er Jahren, jagen durch die düsteren Straßenschluchten; ein pumpender Bass, schepperndes Schlagwerk. Bengal Street ist gesperrt. In der Mittagssonne sitzen Bauarbeiter vor einem Baggerchen, machen Pause, auf eine Zigarettenlänge. Die Straße wird neu asphaltiert. Für wen? Für was?

Dann stehen wir vor St. Peter's Church. Der Mensch hat die Kirche zurückerobert von den Ratten. Er hat den Müll weggeschafft und die Heroinspritzen, die faulen Holzdielen herausgerissen, das Dach geflickt und die völlig ausgebrannte Campanile wieder aufgebaut. Das muss Hunderttausende gekostet haben. Es scheint jemanden zu geben, der große Pläne hat mit Ancoats.

Die Hoffnung. Die neue Wirtschaft soll das Lachen wiederbringen Wie viele Nächte haben sie hier an Resopaltischen Visionen geschmiedet, die Architekten des neuen Ancoats? Wie viele Gläser Boddingtons Bitter mussten gezapft werden, bis auch der letzte Zweifel ertränkt war? Vielleicht wird es später einmal heißen, dass die Rettung von Ancoats hier im "Edinburgh Castle" begann, jener nikotingelb gerauchten Eckkneipe mitten im Industrieabbruchgebiet. Mittags schweigen sich hier ein paar Rentner vor ihren Biergläsern an. Über den Köpfen der stumm Trinkenden lastet das untergegangene Ancoats, Dutzende vergilbter Fotografien, ein Bataillon von Schloten, das schwarze Ausscheidungen in den Himmel über Manchester stößt.

Gut sechs Jahre ist es her, da saßen der Architekturprofessor lan Finlay und ein paar Studenten hier zum ersten Mal vor durchgesuppten Bierfilzen. Ihr Ziel war klar, sie mussten ja nur die Tür aufstoßen und die Straße hinuntersehen: verhindern, dass Ancoats endgültig vor die Hunde geht.

Seitdem läuft die Operation Ancoats 2020. lan Finlay, ein Mann mit einer Passion für abrissreife Fabrikbauten aus dem Industriekapitalismus, •plant eine Organtransplantation am toten Körper. 200 Jahre nachdem hier in Ancoats das Herz der Industrialisierung zu schlagen begann, will er eine neue Kraftmaschine einpflanzen.

Jetzt will Finlay die alten Textilfabriken noch einmal Zur Brutstätte für Pioniere machen; "zu einem Ort, an dem es passiert". Webdesigner, Internetgründer, Medienfirmen und eCommerce-Unternehmer sollen kommen mit Mut und Ideen und vielleicht auch etwas Geld. So wie einst Murray, Kennedy und McConnel das " Cottonopolis" begründeten, sollen sie der Humus des neuen Manchester-Kapitalismus sein.

Ian Finlays kleine Heilsarmee, das sind "Ancoats people". All die Jahre haben sie darauf gewartet, dass endlich einer kommt und etwas macht mit Ancoats, damit die Hoffnung, das Leben, die Menschen und das Lachen zurückkehren. Auf ihren Enthusiasmus setzt Finlay, mit ihnen will er Ancoats zurückerobern, Haus für Haus, Straße für Straße, Fabrik für Fabrik. Doreen Edghell ist dabei, die Zweieinhalb-Zentner-Wirtin des " Edinburgh Castle", siebtes von 15 Geschwistern. Und die Little-Italy-Connection natürlich, mit Serafino Di Felice an der Spitze, der es gar nicht erwarten kann, dass es endlich losgeht, und John Granelli, schon 77 Jahre alt, aus der Eiskrem-Dynastie, die sein Vater hier aufgebaut hat. Wenn der alte Herr einen am Ärmel packt und mit dünner Stimme von Ancoats spricht, seinem Ancoats, das mit Kriegsausbruch unterging, ahnt man, dass so manche Hoffnung enttäuscht werden dürfte. Wird Ancoats auferstehen aus Ruinen, nur weil ein paar Dot.com-Überflieger die Fabriketagen renovieren und sich abends in ihren teuren, videoüberwachten Lofts langweilen? Was werden diese Leute mit den Sozialfällen aus der Wohnsiedlung nebenan zu scharfen haben? Wo sollen ihre Welten aufeinander treffen? Am Tresen des " Edinburgh Castle"? In einer Sushi-Bar?

Sechs Jahre nach dem Start von Finlays Kampagne hat sich der Ancoats-Virus ausgebreitet. Seit Prince Charles sich für die Sanierung des Ruinenfeldes einsetzt, ist Ancoats ein Projekt von nationaler Bedeutung. Ein paar Millionen Pfund aus den Etats für Denkmalschutz und Stadtsanierung sind in den vergangenen Jahren schon in das größte Industriemuseum Nordenglands geflossen, jetzt hofft man auf weitere fünf Millionen.

Kaum war das Geld da, entbrannte der Streit um die richtige Strategie. Eine halbe Million Pfund hat die Sanierung von St. Peter's Church bis heute verschlungen. Innen ist sie immer noch eine Ruine. Die Kirche, eines der Symbole von Little Italy, lag Ian Finlay und seiner Crew besonders am Herzen. Andere halten das Gebäude für verzichtbar. "St. Peter's hat keine Funktion, sie wurde nur gerettet, weil das Geld da war", sagt Lyn Fenton, Entwicklungschefin von Ancoats Urban Village Company, dem Non-Profit-Unternehmen, das Sanierung und Vermarktung in Ancoats koordiniert.

Die Pragmatikerin hätte St. Peter's Church am liebsten bis auf den Turm abgerissen. Auch die denkmalgeschützten Fabriken, für Finlay und viele Raison d'etre von Ancoats, könnten "ruhig noch ein paar Jahre so stehen bleiben. Wenn ich mit Investoren um die alten Dinger rumgehe und sage, das sind die ältesten Baumwollfabriken der Welt, dann interessiert die das überhaupt nicht." Arbeitslosigkeit von 60 Prozent. Jugendbanden. Drogen. Suff Ein kleiner Rundgang sei den Ancoats-Besuchern empfohlen, vorzugsweise gegen Einbruch der Dunkelheit. Er dauert nur knapp eine Stunde. Die finsteren Durchgänge unter den Brücken am Rochdale Canal sollte man meiden. Der Boden ist gepflastert mit weggeworfenen Einwegspritzen, es riecht nach Erbrochenem. Ein paar Schritte weiter am Kanal entlang haust die Unterklasse. Eine Wohnsiedlung, einst gebaut für Arbeiterfamilien, kleine Häuschen mit Bad, Kinderzimmer, Zentralheizung und kleinen Gärtchen. Heute eine Wohn-Enklave für die Überflüssigen. Arbeitslosigkeit bis zu 60 Prozent, Jugendbanden, Drogen, Suff. Eine No-go-area, wie wir am nächsten Morgen erfahren. Überfälle am helllichten Tag seien hier nichts Besonderes. Etwa jede dritte Wohnung steht leer. Viele hier, erzählt man uns, können sich ja nicht mal erinnern, dass ihre Väter oder Mütter irgendwann einmal gearbeitet haben. Trotzdem war immer genug Bier im Kühlschrank. Werden diese Leute sich bewerben, wenn die neuen Manchester-Kapitalisten in Ancoats Wachleute und Fahrer suchen, Serviererinnen und Putzfrauen? Und wird es jemanden geben, der sie einstellt?

Tage ohne Anfang und Ende. Dafür verstopfte Klos und Rechnungsstapel Sehr junge, sehr dicke Mütter, mit Plastiktüten bepackt, schieben ihre Kinderwagen vom nahe gelegenen Einkaufspark nach Hause. Für die meisten Mädchen aus der Siedlung gibt es keine Fabrik und kein Büro, wo sie morgens um acht antreten müssen. Sie lassen den Tag einfach zerlaufen, er besteht nur aus einer Menge Zeit, hat keinen Anfang, kein Ende und keinen Höhepunkt. Irgendwann schaffen sie es nicht mehr, den Müll herauszustellen, sie schaffen es nicht, für die Kinder einmal am Tag zu kochen, sie schaffen es nicht, den Mann von der Wohnungsbehörde anzurufen, damit endlich jemand das Klo repariert, und die Briefe mit den Mahnungen machen sie schon lange nicht mehr auf.

Zurück Richtung St. Peter's Church, vorbei am " Green Dragon", einer Kneipe, deren Wirt sehr geschickt mit dem Baseballschläger sein soll. Ein paar Firmen aus der Musikbranche sind mit ihren Aufnahmestudios und Proberäumen in Beehive Mill eingezogen, außerdem eine Casting-Agentur, Werbegrafiker, eine Webdesignerin. Sicher nicht die Pioniere der neuen Ancoats Economy, von denen lan Finlay träumt. Sie sind hier, weil die Miete günstig ist und laute Musik nicht stört. In Kürze eröffnet "Sankey's Soap", ein Nachtclub. James Cassidy, der Manager, der aussieht wie einer seiner Rausschmeißer, will seinen Laden sauber halten, 17 Security-Gorillas durchsuchen jeden Gast nach Drogen und Warfen. Schließlich wurde der Club schon einmal geschlossen. Wegen Drogen, erzählen die einen. Weil es eine Schießerei gab, sagen die anderen.

"Wir wollen Ancoats wieder zu einem pulsierenden Stadtteil machen", sagt lan Finlay, der Chef der Visionäre. Man braucht viel Phantasie, um sich das vorzustellen. Bisher wurde das Geld hauptsächlich für Natodraht und Bretterverhaue ausgegeben. Aus der Straßeneinmündung ragt die Schnauze eines Polizeiwagens hervor, ein Lieferwagen von Manchester Glass, 24-Stunden-Service, biegt um die Ecke. "Vor St. Peter's Church wird es eine kleine Piazza geben mit Restaurants und Geschäften." Der Wachmann vom Parkplatz kommt dazu und erzählt, dass schon wieder ein Auto aufgebrochen wurde, gerade, als er im Imbiss gegenüber einen Kaffee trank. "Wir glauben, dass hier in 15 Jahren wieder 5000 Menschen wohnen werden" , sagt Finlay. Der Parkwächter winkt ab. "Da musst du aber erst das ganze Pack rausschmeißen, sonst zieht hier doch keiner hin." "Wie viele wohnen denn jetzt hier?" Wieder biegt ein Lieferwagen um die Ecke, diesmal von Northern Glass, 24-Stunden-Service. Die Glaser haben hier gut zu tun. "Etwa 400." Aus offenen Fenstern dröhnt das Nachmittags-Fernsehprogramm über Anita Street. Demnächst sollen auch hier Videokameras installiert werden, wie schon in der Parallelstraße. Eine fette Frau in Badeanzug, Lockenwicklern und Schlappen schlurft aus ihrer Wohnung, Zigarette im Mundwinkel, und hängt Wäsche ab. Durch das Fenster sieht man einen fleischigen Nacken und ein Stück Unterhemd über die Sesselkante ragen. Wer möchte solche Nachbarn haben? Warum in aller Welt soll jemand hier hinziehen? Oder eine Firma aufmachen?

Ein paar Jungs spielen auf der Straße mit einer Bulldogge. Einer von ihnen, acht Jahre alt mag er sein, kann nur ganz langsam sprechen, seltsam schleppend. Ach, erzählt Doreen später, als er ganz klein war und sein Vater mit ihm allein zu Haus war, hat der Alte eine Flasche Wodka fast leer getrunken, die Flasche angezündet und als er dann selbst in Brand geriet, den Jungen aus dem Fenster geschmissen. Er hat nie normal sprechen gelernt, der Junge. Doreen lacht. Das ist Ancoats.

"Wollt ihr das Ding kaufen?" Der Mann, der da in seinen Lieferwagen steigt, meint das Gebäude, aus dem er gerade gekommen ist. Offensichtlich gehört er zu den wenigen, die hier noch arbeiten. "Ich hab was für alte Gebäude übrig, wirklich", ruft er über die Straße. "Das hier ist Murray's Mill, die älteste Baumwollfabrik in Manchester. Es kostet drei verdammte Millionen, nur um Fenster und Böden zu erneuern. Wisst ihr, was ich mit dem Ding machen würde?" "Was denn?" "Abreißen. Und die anderen verdammten alten Fabriken hier auch, weg damit!" " Warum?" Der Mann grunzt nur, winkt ab und fährt los.

Murray's Mill abreißen? Hier, in diesem siebenstöckigen Backsteinkoloss, gebaut 1798 von Adam und George Murray, hatte der alte Manchester-Kapitalismus sein Meisterstück vollbracht. Es war eine der ersten Textilfabriken, wenn nicht die erste überhaupt, in der die Spinnmaschinen direkt mit Dampfkraft in Bewegung gesetzt wurden statt von Menschenhand. Ein beispielloser Produktivitätsschub, ein Quantensprung für die Fabrikherren - und ein Desaster für die Spinner, weil die Maschine ihre Arbeit übernahm. "Jede Verbesserung der Maschinerie bringt Arbeiter außer Brot", schrieb Friedrich Engels, "und je bedeutender die Verbesserung, desto zahlreicher die arbeitslos gewordene Klasse." Vor dem Eingang zur Fabrik, einer schäbigen Stahltür, wartet ein zierlicher alter Mann mit Aktentasche. Graukariertes Jackett, Krawatte, Brille mit Goldrand. Cecil U. Black, 82 Jahre alt, Eigentümer der langsam verrottenden Fabrik, ist vielleicht der letzte Nachfolger der Gebrüder Murray, Herr über Produktionsmittel, die nichts mehr produzieren. 1974 hat er Murray's Mill für 30000 Pfund gekauft, weil er Lagerräume für die Papiervorräte seiner Druckerei benötigte.

Vergebliche Spurensuche im Inneren der Fabrik. Die Zeitmaschine streikt. Die Jahre haben alles weggefräst. Cecil U. Black hat uns Einlass gewährt, aber da ist nichts als Ödnis, Leere, Stille. Lieferscheine liegen auf dem Boden, an einer Wand hängen die Verhaltensmaßregeln bei Bränden in der Fassung von 1968. Die Maschinen stehen lange schon in Indien, Pakistan oder Malaysia.

Eine Firma namens Zomo's Hangers hat sich in der Ecke einer Etage eingenistet. "Sie kaufen Restposten Kleiderbügel auf und verkaufen sie dann wieder", erzählt der alte Fabrikherr, "offenbar mit Profit." In Murray's Mill ist die Ökonomie wieder auf ihrer niedrigsten Stufe angelangt.

Der Markt für Fabrikruinen ist eng. Die Gebäude sind schön - aber wertlos Nächste Etage. Welche Firma mag hier pleite gegangen sein? Am Fenster stehen große Bügelplatten, Stoffreste liegen herum, hier haben Frauen gearbeitet, gebügelt, genäht. In einer kaputten Spüle an der gegenüberliegenden Wand liegt ein Tamponautomat, drei Tampax Super für 20 Pence. Cecil U. Black drängt zum Aufbruch. Wir haben genug gesehen.

Was macht jemand mit so einem Industriedenkmal? Blacks Söhne, die in London wohnen, wollen endlich Geld sehen, heißt es. Ja, es gab schon Leute, die ihm Murray's Mill abkaufen wollten, sagt er. Black pokert, womöglich zu lange. Der Markt für einsturzgefährdete dampfbetriebene Baumwollfabriken aus den Zeiten von König George III. ist eher unergiebig.

Natürlich verhandelt Black auch mit Lyn Fenton. Sie könnte Murray's Mill kaufen, sanieren. Retten. Doch Black will 350000 Pfund haben, sagt man. Für eine Ruine. "So, wie sie da steht, ist die Fabrik nichts wert. Der Wert ist Null", sagt Lyn Fenton. "Wenn wir neun Millionen Pfund reinstecken, damit sie nicht zusammenfällt, können wir sie vielleicht für vier Millionen verkaufen. Finden Sie, dass das eine gute Idee ist?" Cecil U. Black bleibt nicht viel Zeit. Er hofft, dass der Goldrausch in Ancoats bald losbricht. Dann werden sie kommen, gierige Baulöwen und geldstrotzende Projektentwickler, sie werden sich um Murray's Mill reißen, seine Fabrik, und sie zu Büros oder Luxuslofts umwandeln. Und er, Cecil U. Black, wird ein gutes Geschäft machen.

Nein, Carol Ainscow wird nicht diejenige sein, die Cecil U. Black auf seine alten Tage zu einem Batzen Geld verhilft. Die Frontfrau der jungen, hungrigen Projektentwickler-Garde aus Manchester verfolgt ganz andere Pläne.

Ainscow, die in ausgewaschenen Jeans und Sandalen empfängt und in ihrem Büro unter einem überlebensgroßen Greta-Garbo-Porträt sitzt, kann sich über das ganze Ancoats-Gerede nur wundem: "Das ist ja, als ob alle mit ihrem Geld auf einem Zaun um Ancoats herumsitzen und darauf warten, dass einer mit dem Finger schnippt und ruft: Jetzt geht's los!" Ihre grünen Augen blitzen. "Aber ich", sagt sie, "ich bin schon drin." Ainscow ist drin. Sie hat als Erste einen Pfahl in das wunde Fleisch von Ancoats gerammt. Für eine Million Pfund sicherte sie sich das ehemalige Gebäude des Daily Express, ein denkmalgeschützter Art-deco-Bau, am Rande von Ancoats zur Innenstadt gelegen. Während die anderen noch überlegten, setzte Ainscow schon ihre Bautrupps in Marsch. Im März nächsten Jahres soll ihr schneller Brüter für Ideen namens Express Networks fertig sein. Die frühere Boulevardblatt-Druckerei verwandelt sie in eine total vernetzte Hightech-Zelle für bis zu 130 Medien-, Internet- und Softwarefirmen, ein Kreativitäts-Cluster für jene, die bisher nach London flüchteten, weil sie in Manchester keine Business Community fanden. In Ancoats sitzen Start-up-Unternehmer und Venture Capitalists nun mal nicht in Straßencafes herum wie in San José.

Wie sich ein Hallimasch-Pilz langsam ins Holz frisst, über die Jahre, so soll Express Networks nach Ancoats ausstrahlen. In Gedanken sieht Carol Ainscow schon " eine riesige Flutwelle der Kreativität", eine Woge, die Geld und Jobs und Menschen nach Ancoats spült. Für das, was aus diesem Fabrikenfriedhof einmal werden könnte, hat sie schon einen Namen: "Digital district".

Der Geruch des Geldes lockt eine Menge Leute aus dem Busch Es ist aus. Es wird kein neues Little Italy geben. Keine Piazza. Stattdessen ebenerdige Garagen und dicht gedrängte Apartment-Wohnblocks von der Stange. lan Finlay sitzt im "Edinburgh Castle" vor den Scherben seiner Vision und kratzt sich seinen Hautausschlag blutig vor lauter Frust und Nervosität. Sechs Jahre zähe Arbeit, Kampf, Hoffnung, all die Zeichnungen auf Bierfilzen und Papiertischdecken - vergebens. Er hatte geglaubt, dass es ausreicht, ein gutes Konzept zu haben. Doch wie hatte Lyn Fenton gesagt: "Der Geruch des Geldes lockt eine Menge Leute aus dem Busch." Finlay hätte es wissen müssen. Vielleicht war er sich zu sicher.

Ian Finlay und Lyn Fenton, die beiden so verschiedenen Baumeister des neuen Ancoats, befinden sich im Kriegszustand. Es geht um alte Seilschaften und neue Feindschaften, um gestohlene Träume und möglicherweise um Betrug. Vor allem aber um Bauaufträge von 20 Millionen Pfund.

Finlay und seine Mitstreiter wollten endlich loslegen, die Operation am Herzen von Ancoats einleiten. Doch als sie ihre Pläne bei Ancoats Urban Village Company einreichten, beschied Lyn Fenton, die Chefin: "So geht das nicht." Und ließ einen Architektenwettbewerb ausschreiben.

Dann geschah Seltsames. Zu den Firmen, die ausdrücklich kein Interesse bekundeten, einen Entwurf einzureichen, gehörte der Baugigant Amac Developments aus London. Warum Lyn Fenton dann ausgerechnet dieses Unternehmen beharrlich zur Teilnahme aufforderte, verstand kaum jemand. Ob es damit zu tun hatte, dass sie selbst früher bei Amac beschäftigt war?

Schließlich reichte Amac doch ein - und gewann. Mit einem 08/15-Entwurf aus der Schublade, wie ihn Großentwickler meist favorisieren, alles aus einem Guss, ein B-Movie, Drehbuch vom Serienschreiber. Das Modell passt auf jede Industriebrache des Landes, mit Ancoats hat es nichts zu tun.

Lyn Fenton hatte Finlay ausgebootet. Der Ideengeber wurde zur Seite gedrängt. Man hat ihm sein Ancoats entrissen. "Sag es doch, wie es ist, lan!", ruft einer der Alliierten beim Mittagessen, "sie haben uns die Idee geraubt!" Doch Finlay sagt nicht, was er denkt. Betrug? Nein, das würde er nie öffentlich behaupten. In Manchester ist man vorsichtig mit dem, was man sagt. Er stellt nur Fragen: Ist das Fairplay? Hat der bessere Entwurf gewonnen? Was hat Lyn Fenton in Ancoats bisher tatsächlich bewegt?

Ancoats ist zu einer Brutstätte der Verdächtigungen geworden. Von mächtigen Fenton-Verbündeten in der Stadtverwaltung ist die Rede; Menschen, mit denen man sich besser nicht anlegt. Auch lan Finlay nicht. Vielleicht soll Fenton mit einem schlechten Konzept sogar verhindern, dass etwas aus Ancoats wird, raunt es, zugunsten großer Sanierungsprojekte in anderen Stadtteilen, die Konkurrenz fürchten. Gerüchte kursieren, dass Finlay zurückschlagen könnte. Seiner Fraktion gehört ein Grundstück in Little Italy, genau dort, wo Fenton bauen will. Finlay könnte das Amac-Projekt verzögern, vielleicht sogar kippen. " Passt auf, was ihr schreibt", warnt einer am Telefon, "es geht um viel Geld." Und er fügt hinzu: "Das sind gemeine, fiese Leute." Tom Bloxham hat eine Viertelstunde Zeit. Ziemlich wenig für ein Interview, aber ziemlich viel für jemanden, dem die "Financial Times" bescheinigt, er habe " genug Energie, um ganz Manchester zum Leuchten zu bringen".

Carol Ainscow mag die Erste sein in Ancoats, die Spürhündin, aber Tom Bloxham ist schlicht der Größte, einer der wirklichen "movers and shakers" im Lande. In den vergangenen zehn Jahren hat der heute 36-jährige Chef der Entwicklungsgesellschaft Urban Splash Licht in die finstersten Winkel Nordenglands gebracht. In verkommenen Abbruchvierteln, wo noch vor Jahren die Dealer mit ihren Pittbulls patrouillierten, residieren heute die Vertreter der Lifestyle-Fraktion in großzügigen hellen Lofts und haben die Wahl zwischen 15 Sorten Olivenöl. Bloxham hat einen Riecher für das Potenzial, das sich in leer stehenden Gebäuden verbirgt, abrissreifen Fabriken in Liverpool, grottigen Lagerhäusern in Manchester. Er kauft sie billig, steckt sein Geld hinein und macht daraus, wie er sagt, " Wohnraum für Entscheider". Keine Frage, Bloxham kann Geld wittern.

"Was würden Sie tun, wenn Sie König von Ancoats wären?" Bloxham grinst. Der Gedanke gefällt ihm. "Ich würde das Gleiche machen wie in den anderen abgewrackten Stadtvierteln, die wir saniert haben, mit 50 Prozent Gewinnspanne. Wissen Sie, die Leute kümmern sich nicht so sehr darum, ob ihre Wohnung in einer heruntergekommenen Gegend liegt - solange sie das Gefühl haben, dass sich dort etwas bewegt." Im Northern Quarter, einen Steinwurf von Ancoats entfernt, hat er vor vier Jahren 44 Pfund pro Quadratmeter bezahlt - und zwei Jahre später, nach der Sanierung, für 1500 Pfund wieder verkauft.

Das Beste zum Schluss: Es gibt endlich einen Großinvestor. Und wo der ist, kommen auch andere hin "Gilt das auch für Ancoats?" "Ja. Die Leute werden da hinziehen, wenn sie sehen, dass es aufwärts geht." Zu Teenagerzeiten war er mal Chef der Jungen Sozialisten in Sutton, Grafschaft Surrey. Eine Jugendsünde, an die er nicht so gern erinnert werden möchte. "Wie lange wird das dauern?" "20, 30 Jahre, dann hat Ancoats es geschafft." Auch Bloxham trägt Sandalen, aber teure. "Und die Menschen, die heute da wohnen?" Was soll werden aus den Leuten in Anita Street, aus der fetten Frau mit den Lockenwicklern, dem Stiernacken, den Rotznasen, den Müttern auf Wohlfahrt aus der Sozialsiedlung? Bloxham rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Solche Fragen mag er nicht. "Na ja, die müssen ja nicht alle dort wohnen bleiben. Woanders in Manchester stehen ja genug Wohnungen leer." Bloxham gehört zu den Gallionsfiguren, mit denen Blairs New Labour sich gern schmückt: erfolgreich, smart, unideologisch. "Noch Fragen?" "Nein, das heißt eigentlich doch. Mr. Bloxham, wenn Sie das so optimistisch sehen, warum investieren Sie dann nicht selbst in Ancoats?" " Dazu kann ich zurzeit noch keinen Kommentar abgeben." "Sie werden es morgen nicht in den "Manchester Evening News" lesen." "Also gut. Ich werde einsteigen. Ancoats ist mein großes Projekt für die nächsten zehn Jahre. Ich habe schon ein paar Grundstücke gekauft." "Wie viel wollen Sie investieren?" "Ein paar hundert Millionen Pfund, vielleicht. Aber jetzt habe ich wirklich keine Zeit mehr." Bloxham steigt ein. Ganz groß. Tom Bloxham, Unternehmer des Jahres 1999, hat sich ausgerechnet für Ancoats entschieden. Die Meute wird ihm folgen wie die Lemminge, so wie immer. Denn sie wissen: Wo Tom Bloxham baut, da wird ordentlich Geld verdient. Ein paar hundert Millionen Pfund, es geht los, Doreen, die Sushi-Bars kommen, Serafino.

Bloxham begleitet uns nach draußen. "Haben Sie eigentlich mal Friedrich Engels gelesen?", fragen wir den Mann, der Ancoats umpflügen wird, "was er über diese Gegend hier geschrieben hat?" " Engels? Nein. Ist es interessant?" "Ja, schon." "Schicken Sie's mir zu."