Herzflimmern

Fernsehsender lieben uns. Sie sagen: „Ich drück’ dich.“ Und: „Viva liebt dich“. Doch die angebliche Liebe ist nur eine Angst vor dem Alleinsein: Bitte geh’ nicht fort.




Mal ehrlich: Wer die Hosen runterlässt, braucht erst mal Nähe. Je größer die Lücke zwischen Schein und Sein, desto größer ist die Angst, verstoßen zu werden. Vor dem Geständnis kommt der Augenaufschlag, vor dem Dolchstoß der Bruderkuss, vor der Werbung kommt der Sender-Trailer. Die Seele des Privatfernsehens ist nun mal die Werbung, und immer wenn die kommt, sollen wir "dranbleiben". Kurz vorher kommt ein kleines Filmchen, das sagt tschüs und geht noch kurz auf Kuschelkurs. Kein Wunder: "Wer hat die Macht?" ist noch immer die Frage nach der Fernbedienung.

Wenn sich Sender an ihre Zuschauer ranschmeißen, tun sie das im Stil der Zeit: intim und selbstbewusst. Bestes Beispiel RTL 2: Zu Ostern steckte der Sender seine Praktikanten und Marketingassistenten in Riesenkostüme (Eier, Hasen, und ähnlich erniedrigende Schaumstoffware) und ließ sie vor der Werbepause beknackte Texte aufsagen. Das war billig und halb doof, halb lustig. Aha, so sehen die aus, dachte man und guckte wie bei "Big Brother" erst mal weiter.

Danach drehte RTL 2 die Perspektive um. Es kam "Ich glaub', ich bin im Trend", und aktuell heißt es: "Ich glaub', hier bin ich richtig". Mit " hier" oder "Trend" ist der Sender gemeint. "Ich" steht für den Zuschauer, den Nichtzapper. Das ist der "Ich-bin-drin"-Effekt und seitdem holt RTL 2 sie alle rein. Der Zuschauer stromert durch alle Formate, egal, ob Talk, Party oder Sex, und guckt nicht rein, sondern raus. Der Sender sagt nicht: " Hier sind Sie richtig" und "Hereinspaziert", das wäre ja wie Kirmes. Er sagt: Ich bin wie du. Du bist wie ich. Wir sind wir.

So funktioniert Boulevard und jeder gute Popsong. Das Produkt ist wie der Kunde, nur größer. Wenn der Sender zur Marke wird, dann wird er zum Spiegel. Die Botschaft ist der Zuschauer, er sieht sich selbst. Und RTL 2 ist Mitgrölen zum Gucken, Skiurlaub-TV.

Beziehungsmarketing nennt man das im Fachjargon, doch wie im echten Leben kann das auch in die Hose gehen. Je stärker die Umarmung, umso schlechter kommt er weg, der Zapper. Das muss sich jemand bei Sat 1 gedacht haben und presste das berühmte "Sat 1 - Ich drück' dich" raus. Doch was kletten soll, kann auch trennen. Heute ist nur noch ein "Ja!" als Sender-Claim übrig, und das kann auch die Antwort auf folgende Frage sein: "Drückst (also liebst) du mich?" Scheint, als wollte jemand fortgehen.

Erzkonkurrent RTL breitet die Arme aus und empfängt den beziehungsgestressten Zuschauer mit dem Satz, den jeder sagt, wenn er sich auf die Socken macht: "Ich will mehr." Das ist mal souverän. Aber nicht lange, hier gehen die Bilder auf Vollkontakt. Menschen in der U-Bahn, ein Polizist mit seiner Stulle, eine Fleisch- und Wurstwarenfachverkäuferin hinter der Theke, zwei Kinder beim Spiel. Sie merken, dass sie gefilmt werden, und drehen sich zur Kamera. Der Polizist ist baff, die Verkäuferin wie frisch entdeckt, die Kinder frech. Wir alle bald ein Star? Wäre das "mehr"? Die RTL-Trailer-Menschen halten wie elektrisiert den Atem an und sind plötzlich so nah, als könnten sie den Bildschirm von innen anfassen. Atmen sie aus, würde er beschlagen. Fast scheint es, als sähen sie einen. Würden sie nun sagen, man solle doch bitte schön mal das Zimmer aufräumen - welcher Zuseher wäre da noch überrascht? Der Fernseher wird zum Teil der Handycam, der Bildschirm ist nur Monitor.

Wer wissen will, wie es weitergeht, wirft einen Blick auf die Zuschauer von morgen: Der knubbelige Sohn unseres Grafikers lernt derzeit sprechen und geradeaus laufen. Dabei wird er natürlich gefilmt. Das Lustige: Der Kleine lässt sich nur aufzeichnen, wenn der Monitor der Digitalkamera zu ihm gedreht ist. Sieht er sich beim Gefilmtwerden nicht selbst, ist das Geschrei groß. Die Aufnahme ist Nebeneffekt, der Zuschauerstar der Zukunft rennt seinem eigenen Bild hinterher, das macht ihm richtig Spaß, und er kreischt: ,Ja!" Hat Sat 1 doch etwas verstanden?

Und was machen die Öffentlich-Rechtlichen? Sie pubertieren. Halten sich immer irgendetwas zu und gucken einen nicht richtig an, weil sie selbst am wenigsten wissen, wohin die Reise geht. "Mit dem Zweiten sieht man mehr", sagen sie im ZDF und drücken sich zwei Finger aufs rechte Auge. Das "man" sagt: Die Distanz bleibt gewahrt, ein Überrest des Bildungsauftrags. Gerüchten zufolge wollen die dritten Programme diese Werbelogik abkupfern und Testimonials mit Altstars bringen, die ihre Gebisse hochhalten: " Nachrichten mit den Dritten: Wir kauen, Sie verdauen." Wie aber würde das Zweite auf Tuchfühlung gehen? Wie spiegeln sie den Zuschauer? "Auf einem Auge blind?" Und die Dritten? "Happy, auch ohne Biss?" Schauen wir mal. Die Privaten werden dann wieder eine Runde weiter sein und Handycams an die Zuschauer verteilt haben. Einer muss ja das Programm machen.